AGAINST ME!Tourdaten, Infos, Interviews, Reviews

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Genre

Punkrock/Hardcore

Shows

110 Shows in 51 Städten / 6 Ländern

Zeitraum

19.05.2004 - 19.08.2015

Letzte Show

19.08.2015 - DE-Karlsruhe, Die Stadtmitte

Nächste Show

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Tourdaten (Archiv)

Archiv
 
 
Mai.
20
2004
Donnerstag
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Mai.
21
2004
Freitag
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Jun.
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2004
Dienstag
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Jun.
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2004
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Jun.
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123
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Jun.
19
2004

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Cover

AGAINST ME! - 23 LIVE SEX ACTS | 3 LPD

Farbiges Vinyl inkl. Downloadcode! Erstes Live-Album der amerikanischen Punkrock-Band um Laura Jane Grace. 18 Monate nach ihrem von der Kritik und vom Publikum gefeierten Album "Transgender Dysphoria Blues" (schaffte es 2014 in fast allen Jahrespolls ganz nach oben) legen Against Me! mit ihrem ersten Live-Album nach. Die Aufnahmen entstanden während einer Show in Kiev, Indiana, im Gritty Clit am 29. Februar 2014; im Album-Artwork tauchen Abbildungen des Tickets, des Flyers und des Tour-T-Shirts auf. Die Dreier-LP erscheint auf farbigem Vinyl mit Downloadcode. Für Fans von The Gaslight Anthem, Hot Water Music, Descendents, Alkaline Trio, Joan Jett, Frank Turner.
 
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AGAINST ME! - AMERICANS ABROAD! AGAINST ME!LIVE I | 2 LP

 
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AGAINST ME! - AS THE ETERNAL COWBOY | LP

 
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AGAINST ME! - REINVENTING AXL ROSE (PICTURE-LP) | LP

 
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AGAINST ME! - THE ORIGINAL COWBOY | LP

 
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AGAINST ME! - TOTAL CLARITY | 2 LP

 
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AGAINST ME! - UNCONDITIONAL LOVE | 7"

Limitierte 7-Inch-Picture-Disc der US-Punkband. Mit dem Album "Transgender Dysphoria Blues" meldete sich Against Me! im Januar 2014 spektakulär zurück. Die Punkrock-Band um Laura Jane Grace (ehemals Tom Gabel) legt nun eine limitierte 7-Inch-Picture-Disc mit dem Albumtrack "Unconditional Love" nach. Auf der B-Seite der auf 1000 Stück weltweit limitierten Single findet sich der bis dato unveröffentlichte, live und akustisch aufgenommene Track "500 Years".
 

Interviews

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AGAINST ME! - Anger management in fourteen songs

Gainesville im Bundesstaat Florida hat, angeschoben durch HOT WATER MUSIC und ortsansässige Labels wie No Idea, Fueled By Ramen oder Sabot Productions, eine Vielzahl einzigartiger Punkacts hervorgebracht. An deren Spitze steht eine Band, die mittlerweile Zweidrittel des Jahres gar nicht mehr vor Ort ist, da sie sich seit Jahren konstant auf Tour befindet: AGAINST ME!. Deren Mitglieder Tom, Andrew, James und Warren sind seit jeher politisch engagiert und scheuen sich nicht, Konzerte für eine gute Sache und gegen die jetzige US-Regierung zu spielen. Kurz vor Erscheinen ihres dritten Albums und einer sich anschließenden Tournee durch alle (!) fünfzig US-Staaten, machten AGAINST ME! im Juli einen kurzen Abstecher nach Europa. Auf dem Fredericia-Hardcore-Festival hundert Kilometer nördlich von Flensburg traf ich mit Sänger und Gitarrist Tom Gabel, Drummer Warren Oakes und Bassist Andrew Seward fast gleich die ganze Band zum Gespräch.Die Show heute in Dänemark ist die letzte eures Europabesuchs. Wie war die Tour, und warum habt ihr nur drei Shows in Deutschland gespielt?Tom: „Die Idee dieses Besuchs war, Städte zu bereisen, in denen wir vorher noch nicht gespielt hatten. Dazu gehörten vornehmlich Städte in Osteuropa und Skandinavien, die wir die letzten Wochen alle abgeklappert haben. Was soll ich sagen, die Shows waren allesamt klasse. Aber die Distanz zwischen Ländern wie Deutschland, Slowenien und Norwegen ist dann doch etwas groß, so dass wir ziemlich viel unterwegs waren.“Andrew: „Zum Glück ist dieses Jahr nicht wieder unser Bus, ein alter Fiat, kaputt gegangen wie letztes Jahr in Hamburg. Die Erinnerungen an den fensterlosen Transporter, mit dem wir dann zum Flughafen nach Frankfurt fahren mussten, sind nicht die besten. In Deutschland haben wir zum dritten Mal in München gespielt, was klasse war, da man alte Gesichter wiedersehen kann. Dazu noch Regensburg und, na ja, dann eben noch dieses Punk-Festival, wo wir irgendwie nicht so reingepasst haben.“Merkt ihr als nordamerikanische Band einen Unterschied, wo man in Europa auftritt, oder sind die Kids alle gleich? Tom: „Die Leute sind definitiv verschieden, obwohl die Distanz zwischen den einzelnen Staaten nicht so groß ist.“Warren: „Aber es ist schon komisch festzustellen, dass auch in der so genannten Independent-Szene vieles gleich ist, ganz egal aus welchem Land jemand kommt. Wir haben alle dieselben Poster an der Wand, tragen die gleichen Klamotten und meinen trotzdem, irgendwie unabhängig zu sein.“Ich das nicht auch ganz schön beängstigend, dass auf einem Festival wie diesem ganze Heerscharen dasselbe Band-T-Shirt tragen und man buchstäblich ahnen kann, wie viele Stunden sie zum Stylen vorm Spiegel verbracht haben müssen? Tom: „Absolut, ja. Mit Hilfe des Merchandise kann man sehen, welche Band in einer Region im Moment angesagt zu sein scheint. Das fiel vor allem in Skandinavien auf. Egal, wo wir spielten, es gab immer Kids mit diesen TRAGEDY-Shirts.“Warren: „Unter anthropologischen Gesichtspunkten ist das aber wiederum normal. Selbst subversive Gruppierungen haben eben ihre Dresscodes und Rituale. Punks bilden da keine Ausnahme.“Leider habe ich noch keinen einzigen Song des neuen Albums hören können. Sagt doch mal selber was dazu und zu der Zeit im Studio. Tom: „Wir haben zum ersten Mal mit J Robbins, früher Mitglied bei JAWBOX, gearbeitet. Er hat ein nagelneues Studio in Baltimore, Magpie Cage genannt, eingerichtet. Wir durften es quasi einweihen. Das Ganze hat ungefähr einen Monat von Mitte April bis Mitte Mai gedauert. Mit J zu arbeiten, war die richtige Entscheidung, er hat tolle Arbeit geleistet und half bei einigen Songs sogar selber mit Gesang und Tamburin aus. Auf dem Album befinden sich insgesamt vierzehn Songs bei einer Spielzeit von mehr als 45 Minuten.“Auf dem letzten Album waren für – viele überraschend – auch Klavierläufe zu hören. Womit ist neben dem Tamburin von Jay denn noch zu rechnen? Andrew: „Das mit dem Klavier auf der letzten Platte hat sich damals im Studio so ergeben und war eigentlich nicht geplant. Auch auf ‚Searching For A Former Clarity‘ haben wir uns von der Zeit im Studio inspirieren lassen, mehr möchte ich aber nicht verraten. Hör dir die Songs an und lass uns dann noch mal drüber reden.“Eure Musik wird von den meisten Musikkritikern als Mischung aus Folk und Punk beschrieben. Der Vergleich mit Billy Bragg wird da meiner Meinung nach aber komplett überstrapaziert. Tom: „Die meisten Vergleiche mit Bands oder Musikern halte ich persönlich für völlig aus der Luft gegriffen. Aber da ich Teil von AGAINST ME! bin, sehe ich das wahrscheinlich auch anders als ein Außenstehender. Der Ursprung dieses Billy Bragg-Vergleiches ist, dass wir von Beginn an schwer einzuordnen waren. Jemand fing dann mal damit an und alle anderen übernahmen es einfach.“Die erste Band, die mir spontan einfiel, als ich euch zum ersten Mal hörte, war VIOLENT FEMMES. Tom : „Das habe ich bisher noch nie gehört, kann mich aber ohne Probleme damit anfreunden! Billy Bragg-Elemente suche ich bis heute jedoch vergeblich.“Tom, du hast AGAINST ME! Ende der 90er als Soloprojekt mit deiner Akustikgitarre ins Leben gerufen und schreibst bis heute alle Texte. In einem Artikel wirst du wohl deswegen auch als „Bob Dylan des Punkrock“ bezeichnet. Hast du jemals wieder daran gedacht, alleine etwas auf die Beine zu stellen? Tom: „Nicht wirklich. Wir konzentrieren uns alle auf die Band. Zu etwas anderem fehlen im Moment einfach die Zeit und Energie. Manche Journalisten meinen es wirklich zu gut mit mir. Ich sehe mich jedenfalls nicht als unfreiwilliges Sprachrohr einer ganzen Generation. Das ist lächerlich.“Muss Punk zwangsläufig eine Bedrohung darstellen? Tom: „Absolut nicht. Ich persönlich bin zwar gerade aus dem Gefühl der Wut und Entfremdung gegenüber der Gesellschaft zum Punkrock gekommen, aber das als einzigen Grund für den künstlerischen Ansporn zu sehen, kann ich nicht behaupten. Wir sind alle ein wenig älter geworden. Sich den ganzen Tag über alles und jeden aufzuregen, ist auf Dauer einfach zu anstrengend. Diese Welt bietet mehr als nur eine Lösung, daher muss Kunst auch niemals etwas. Ich habe mit der Zeit die unterschiedlichsten Arten kennen gelernt, wie ich meine Energie sinnvoll nutzen kann.“Haben Musik oder Kunst eurer Meinung nach die Kraft, das politische Bewusstsein ihres Publikums zu beeinflussen? Tom: „Musik ist auf jeden Fall ein Instrument, um politische Meinungen zu verbreiten. Darüber hinaus gibt sie mir persönlich im besten Falle die Möglichkeit mit Leuten, die dieselben Vorstellungen wie ich verfolgen, in Kontakt zu treten und ihnen das Gefühl zu vermitteln, nicht allein zu sein mit sich und ihren Ideen. Das Leben ist zu kompliziert, um allein damit fertig zu werden.“Viele Amerikaner pochen auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit. Sobald Wahlen anstehen, geht aber keiner hin. Woran liegt das? Andrew : „Diese geringe Wahlbeteiligung in den USA ist schon komisch. Obwohl die mehr als dreißig Prozent bei dieser Wahl schon über dem Durchschnitt lagen. Die meisten sind vielleicht einfach zu faul. Für uns und all unsere Freunde war es selbstverständlich, zu wählen.“Warren: „Politik und Wahlen sind abstrakt und liegen weit außerhalb des privaten Lebensbereiches. Es betrifft die Menschen nicht unmittelbar, oder vielmehr meinen das viele. Mittelpunkt des Interesses ist und bleibt der Arbeitsplatz. Denn auch nach der Wahl ist dein Chef immer noch derselbe, egal wen du gewählt hast.“Tom: „Dazu kommt noch das amerikanische Zweiparteiensystem, das über die Jahre die Menschen völlig abgestumpft hat und das Gefühl verstärkt, mit seiner Stimme nichts ändern zu können.“Nachdem 2003 bekannt wurde, dass ihr das Label wechselt und von No Idea zu Fat Wreck Chords geht, gab es einigen Aufruhr in der amerikanischen Szene. Ist das heute noch ein Thema? Tom: „Ja, definitiv. Im Vergleich zu anderen Themen ist das auch heute noch im Gespräch. Mir ist das mittlerweile relativ egal, weil es uns gut geht.“Andrew: „Die Leute, denen unsere Entscheidung damals missfiel, haben bis heute kein zählbares Argument vorgebracht, das hätte dagegen sprechen können. Es ging ihnen stets immer nur um das Prinzip, einen neuen Feind zu finden.“Tom: „Solange man Musik macht, die man selber liebt, sind jegliche Sellout-Vorwürfe sowieso hinfällig. Du bist nur das, an was du wirklich glaubst. Ich will in einer Band sein, ich will Musiker sein, ich will auf Tour sein und ich will Shows spielen. Jeden Tag. Sobald du darüber nachdenkst und Zweifel an dem hast, was du tust, und es trotzdem tust, dann bist du in meinen Augen ein Sellout-Act.“Wie viele Majorlabels haben nach dem Erscheinen eurer DVD „We’re Never Going Home“, auf der ihr ein Majorlabel nach dem anderen abblitzen lasst und ausnehmt, noch ernsthaftes Interesse an AGAINST ME! gezeigt? Tom: „Ich habe nach dem Erscheinen der DVD mit einigen Labelscouts gesprochen und komischerweise fanden sie unsere Aktionen alle ziemlich witzig. Trotz unser Streiche bekommen wir auch jetzt noch ernst gemeinte Angebote. Entweder haben sie das Ganze nicht verstanden oder sie finden uns eben einfach gut.“Ich danke euch für das Gespräch.
 
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AGAINST ME! - Amerikaner auf Abwegen

Und sie haben es doch getan! Trotz aller Abneigung gegen die um die Bands buhlenden Majors wechselte das immer populärer werdende Punk-Quartett aus Gainsville, Florida Anfang des Jahres zu Sire, einem Subunternehmen des Warner Music-Konzerns. Gerade die Hardliner, und das sind in Bezug auf AGAINST ME! nicht gerade wenige, wie ein kurzer Blick auf das bandeigene Sire-Messageboard zeigt, sahen in dieser Entscheidung die endgültige Bestätigung eines bereits lange bevorstehenden Verrats der Bandideale. Doch hat man als Fan das Recht, "seiner" Band den Wechsel zu einem anderen Label vorzuwerfen? Und was ändert sich eigentlich für eine Band, die bei einem "multinationalen Monster" anheuert? Fragen, die es zu beantworten galt. Ein blendend aufgelegter Tom Gabel, Sänger, Songwriter und Gitarrist von AGAINST ME!, beantwortete diese und natürlich auch andere Fragen vor dem ausverkauften Konzert im Hamburger Hafenklang gewohnt offen und ehrlich.Ihr seid letztes Jahr drei Monate am Stück durch alle 50 US-Bundesstaaten getourt. Wie steht man das durch?Das war echt brutal! Wir waren insgesamt mit vier Bands unterwegs. THE EPOXIES und THE SOVIETTES haben am Ende schlapp gemacht, nur wir und SMOKE OR FIRE kamen noch am Ziel an. Irgendwann hatten wir den Punkt erreicht, wo es nicht mehr nur um die Shows ging. Wir wollten das Ganze nur noch durchziehen, mussten es einfach schaffen.Wie lässt sich das Touren mit dem Privatleben vereinbaren?Andrew, unser Bassist, hat gerade geheiratet und auch Adam, der zweite Gitarrist neben mir, ist in festen Händen. Ich habe sehr früh geheiratet, mit 20 Jahren, und bin seit dem letztem Jahr geschieden. Das hat grundsätzlich nichts zu bedeuten. Ich denke, wenn vorher schon etwas da war, dann ist alles möglich. Jetzt eine feste Beziehung zu beginnen, ist dagegen schier unmöglich. Wer kann schon akzeptieren, dass man mal eben drei Monate auf Tour geht und sich danach irgendwann wieder sieht?Inwiefern unterscheiden sich Shows in Nebraska, dem "middle of nowhere", von Shows in Städten wie New York?Auf dieser Tour war einfach alles dabei. In Wyoming spielten wir in einem Jugendzentrum vor knapp sechzig Leuten. Ein Tag später waren wir Vorband von GREEN DAY und spielten in einem riesigen Stadion vor sage und schreibe dreißigtausend Menschen, die natürlich alle nur GREEN DAY sehen sollten, aber egal. Tags darauf in Denver waren es dann sechshundert.In New York habt ihr eine Benefizshow im CBGB's gespielt. Ein Traum, der in Erfüllung ging?Das ist schon ein historischer Laden und wir als Band waren alle froh, dort mal gespielt zu haben. Im Nachhinein sehe ich diese ganze Geschichte um das CBGB's aber als riesige Farce. Wie viele andere Bands wollten auch wir den Club mit unserem Auftritt unterstützen. Aber glaubst du, Hilly Kristal, der Typ, dem der Laden gehört, begrüßt uns oder bedankt sich dafür? Gar nichts, kein Wort. Stattdessen heuert er irgendwelche fiesen Rausschmeißer an, die die Kids während der Show absichtlich schlecht behandeln. Nach der Show unterhielten wir uns mit einigen der Gäste. Dabei kam raus, dass der Besitzer mit seinem Merchandise mittlerweile Millionen verdient, aber nicht einsieht, einen müden Penny in seinen Club zu investieren. Tut mir Leid, damit kann ich nichts anfangen. Vielleicht muss eben alles mal zu Ende gehen.Als wir uns letztes Jahr trafen, war euer Album "Searching For A Former Clarity" noch nicht erschienen. Damals hast du angedeutet, dass es einige Überraschungen beinhalten würde, die sich meiner Meinung nach aber in Grenzen halten. Ein offensichtlicher Unterschied zu den vorherigen zwei Alben ist die Spielzeit von knapp fünfzig Minuten.Nach "Reinventing Axl Rose" und "Eternal Cowboy" sprachen alle von uns als die Band mit den eingängigen Melodien, zu denen man automatisch zum Takt klatschen muss. Das sollte auf "Searching ..." anders werden. Wir nahmen uns vorher und während der Aufnahmen ganz bewusst mehr Zeit für die Songs, die dann teilweise etwas länger ausgefallen sind.Würdest du "Searching ..." als Konzeptalbum bezeichnen?Alles, was mit dieser Platte zu tun hat, ist absichtlich so. Es ist keine bloße Aneinanderreihung verschiedener Songs. Artwork und Vinyl sind bewusst schlicht schwarz/schweiß gestaltet. Es geht also in diese Richtung, ja. Ob die Mehrheit der Leute das versteht, wage ich aber zu bezweifeln.Neben politischen Aspekten sind Entfremdung und persönliche Beziehungen jeglicher Art die drei großen Themen der Platte. Inwieweit stellt sie einen Prozess der Vergangenheitsbewältigung dar?Es ist genau das, darauf soll ja schon der Titel des Albums anspielen. In der Retrospektive scheint früher vieles einfacher gewesen zu sein als heute und da wollten wir einfach wieder hin. Nur wie? Je älter man wird, desto komplizierter erscheint einem alles. Es ist zwar nicht so, dass ich nach diesem Album wieder alles klar strukturiert sehe, aber einiges sehen wir mittlerweile definitiv klarer.In dem Song "Loosing touch" sprichst du den Hörer direkt an, indem du ihm sagst, dass er vieles einfach falsch versteht. Was genau ist dein Vorwurf?Was ich damit meine, ist, dass die Probleme, die es im Musikbereich gibt, nicht nur durch die Musiker oder Bands selbst, sondern eben auch durch die Rezipienten, die Fans, entstehen. Ich denke da an ein verstärkt konsumorientiertes Verhalten. Musik wird vielerorts nur noch als reines Produkt, als Ware angesehen. Bands, die eben noch groß waren, sind im nächsten Augenblick wieder out of vogue, da man schon wieder ein ganz neues großes Ding erwartet."Justin" erzählt die Geschichte eines amerikanischen Soldaten, der im Irak-Krieg gefallen ist. Basiert der Song auf einer wahren Geschichte?Ich war über Weihnachten bei meiner Mutter und im Fernsehen lief ein Bericht über die Familie des getöteten Soldaten, die sich im Rechtsstreit mit Yahoo! befanden. Den Eltern wurde das Recht auf Zugriff zu dem eMail-Account ihres Sohnes abgesprochen, da es sich um eine Verletzung der Privatsphäre handele, was natürlich lächerlich ist, da die Eltern einfach nur die letzten Worte und Gedanken ihres toten Sohnes lesen wollten. Der Vater war am Boden zerstört. Ich schrieb daraufhin den Song "Justin". Kurz nachdem das Album erschienen war, bekamen wir eine eMail der betroffenen Familie, die dann einen Tag später komplett zu unserer Show nach Detroit kam. Ich war supernervös, da ich nicht wusste, wie sie auf den Song reagieren würden. Es wurde schnell klar, dass sie einfach nur dankbar für meine Worte waren. Während der Show sind sie dann komplett abgegangen und haben richtig gefeiert. Wir schreiben uns immer noch gelegentlich. Eine verrückte Geschichte ...Neben der Platte gibt es mittlerweile auch Remixversionen von zwei Songs. Wie kam der Kontakt mit den Berlinern MOUSE ON MARS und Ad Rock von den BEASTIE BOYS zustande?Warren, unser Drummer, ist ein großer MOUSE ON MARS-Fan und brachte sie ins Spiel, als wir überlegten, Remixe einiger Songs zu veröffentlichen. Wir riefen sie an, sie sagten spontan zu und schickten uns die Mastertapes zu. Der Kontakt zu Ad Rock kam über unseren Manager zustande. Er kümmert sich auch um die amerikanische Elektropunk-Band LE TIGRE und deren Sängerin, Kathleen Hanna, ist mit Ad-Rock verheiratet. Der suchte gerade Bands, deren Songs er remixen könnte, und so bekam er unser Tape. Für uns war das etwas ganz Neues. Vorgaben gab es keine. Ich habe auch immer noch Schwierigkeiten, meine Stimme zu den darunter gemischten Elektro-Beats zu hören und erwarte auch nicht wirklich, dass Leute zu den Songs abgehen. Obwohl die Vorstellung, dass Techno-Kids zu politisch kritischen Texten abtanzen, schon amüsant ist.Zu dem Song "From her lips to god's ears" habt ihr ein Video gedreht. Worum geht es dabei und wie steht ihr zum Thema Videos?Den Clip hat eine kleine spanische Filmgruppe gemacht, die sich AAB nennt. Wie bei den Remixen gab es auch hier keine Direktiven unsererseits, wie das Video auszusehen hat. Herausgekommen ist eine Art Animationsvideo, das grob an den Film "Wizzard Of Oz" angelehnt ist und natürlich US-Außenministerin Condoleezza Rice als mächtigsten Mensch der Welt entlarven soll. Videos als solche halte ich grundsätzlich für ein weiteres Medium des künstlerischen Ausdrucks, obwohl die Musik natürlich immer Vordergrund bleiben sollte. Für uns ebenfalls ein völlig neues Terrain. Ich fühle mich immer noch blöd bei Drehterminen vor der Kamera, aber wir lernen eben noch dazu.Im August erscheint via Fat Wreck das Livealbum "Americans Abroad". Warum habt ihr euch London als Location ausgesucht?Wir wollten eigentlich in Dublin aufnehmen, was aber soundtechnisch nicht hingehauen hätte. J. Robbins hat das Album wie auch schon den Vorgänger abgemischt. Überraschungen gibt es auf dem Album eigentlich keine, außer vielleicht, dass ein neuer Song, eben "Americans abroad", darauf zu finden sein wird.Das Album ist euer Abschied vom Indie-Krösus Fat Wreck. Welche Forderungen habt ihr gestellt, bevor ihr den Vertrag mit dem neuen Label Sire unterzeichnet habt?Zunächst wollten wir natürlich alle einen Privatjet haben ... Nein, uns war der Aspekt der kreativen Freiheit natürlich am wichtigsten. Wir brauchen niemanden, der uns sagt, wie und wonach wir uns anhören sollen, das schaffen wir schon selber. So viel ändert sich insgesamt auch gar nicht, außer dass unsere Platten jetzt großräumiger vertrieben werden und dagegen ist ja nichts einzuwenden. Über wie viele Jahre beziehungsweise Alben der Vertrag geht, verrate ich dir aber nicht. Warten wir ab, ob sie nach dem einen überhaupt noch ein weiteres Album mit uns machen wollen, hehe!Die Nachricht des Labelwechsels erschien auf der bandeigenen Homepage unter dem Motto "submitted for your message board disapproval". Glaubst du, dass viele Fans euch wegen der Entscheidung den Rücken kehren werden?Das ist leider anzunehmen, ja. Es zeigt, dass die Kids uns, unsere Musik und das, wofür wir stehen, sehr ernst nehmen. Dafür bin ich zunächst einmal sehr dankbar. Ich sehe aber einfach nicht, in welchem Punkt wir uns widersprechen. Wir geben keines unserer Ideale auf und wollen einfach nur unser Ding durchziehen. Ich finde es okay, wenn Leute eMails schicken und nach Gründen fragen, auch das zeigt ihr Interesse und wir können gerne darüber sprechen. Manche schreiben jedoch einfach nur "I hope you die!" und auf dieser Basis ist eben kein ernsthafter Austausch möglich. Nur weil wir in einer Band spielen, die jemand gut findet und mit der sich jemand identifizieren kann, gibt ihm das noch lange nicht das Recht, uns wegen unserer Entscheidungen zu beschimpfen, oder?Das sehe ich genauso, Tom. Vielen Dank für das Gespräch!
 
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AGAINST ME! - Reinventing Welle machen

Knapp eineinhalb Jahre nach der Bekanntgabe des Wechsels zu einem Majorlabel erscheint Ende August nach langem Warten endlich das vierte Studioalbum von AGAINST ME!, der zur Zeit vielleicht beliebtesten Band unter dem Punkrock-Himmel. Ein Status, den sich die Band aus Gainesville, Florida auf ganz althergebrachte Weise durch unzählige Auftritte erspielt hat. Kamen auf ihrer ersten Europatour gerade mal knapp vierzig Leute zu ihrer Show ins Hamburger Störtebecker, war das Konzert im Molotow fast fünf Jahre später innerhalb weniger Tage restlos ausverkauft. Und das alles ganz ohne den üblichen Presseschmu, den sich die großen Labels normalerweise bei aufstrebenden Bands aus den Fingern saugen müssen. Denn AGAINST ME! hat dies mitnichten nötig und ist auch weiterhin keineswegs gewillt, den seit der Gründung 1997 eingeschlagenen Weg aus Punk, Politik und Persönlichem zu verlassen, wie auch das neue Album, ein Plädoyer für künstlerische Eigenständigkeit, beweist. Über die Entstehung und den Hintergrund von "New Wave" sprach ich mit Sänger/Gitarrist Tom Gabel und Bassist Andrew Seward vor ihrem Auftritt auf der Reeperbahn.Innerhalb der letzten Jahre hat sich viel verändert für euch. Wie geht ihr mit der steigenden Popularität um?Andrew: Wir versuchen, uns nicht sonderlich darum zu kümmern.Das dürfte mit dem neuen Album "New Wave", das beim Major Sire erscheint, aber äußerst schwer werden.Tom: Auf den ersten Blick scheint es wahrscheinlich so, ja. Eigentlich ändert sich aber nicht viel, bis auf die Tatsache, dass wir einen besseren Vertrieb für unsere Musik erreicht haben. Wir spielen mittlerweile vielleicht in größeren Hallen, aber wie du hoffentlich merkst, sind wir immer noch dieselben Menschen wie immer.Und warum ausgerechnet Sire?Tom: Es gab eine Vielzahl von Labels, die uns unbedingt unter Vertrag nehmen wollten, was ja schon 2005 die DVD "We're Never Going Home" dokumentierte. Damals sprachen wir mit einigen Label-Vertretern und es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass viele der Majors alles dafür tun würden, um ihr Ziel zu erreichen und uns unter Vertrag zu nehmen. Einigen Musikscouts haben wir als Zeichen unseres Unwillens während der für die DVD aufgezeichneten Gespräche übel mitgespielt. Damit sie uns deswegen später nicht verklagen konnten, ließen wir sie vor den Aufnahmen eine offizielle Verzichtserklärung unterschreiben, was alle anstandslos taten. Alle, bis auf Sire. Die meinten, dass die Zeit anscheinend noch nicht reif wäre für eine Zusammenarbeit, sie aber gerne mit uns in Kontakt blieben, was sie dann auch wirklich ernsthaft taten. Als wir dann soweit waren, fiel die Wahl nicht mehr schwer, vor allem, weil wir bei ihnen jegliche künstlerische Freiheit haben.Viele gestandene Musiker bezeichnen das Musikbusiness als härteste Branche überhaupt ...Tom: Na ja, Krabbenfischer in der Nordsee haben es bestimmt auch nicht leicht! Aber Scherz beiseite, wir sind uns der Vorteile und Gefahren durchaus bewusst.Butch Vig hat das Album produziert. Wie kam es dazu?Tom: Wir hatten eine ganze Reihe an Produzenten, die in Frage kamen und einer war eben Butch. Er war der Erste, dem wir die Demos der neuen Songs schickten und es war ziemlich schnell klar, dass er ebenso Interesse an einer Zusammenarbeit hatte. Das erste direkte Gespräch fand am Telefon statt, im Verlauf dessen wir ihn zu einer Show einluden. Alles lief ganz easy ab und war für uns letztlich eine wirklich gute Entscheidung.Inwiefern?Tom: Butch ist ein ruhiger Zeitgenosse, der sich für alles und jeden sehr viel Zeit nimmt. Er ist ein absoluter Perfektionist und kann auf eine große Erfahrung zurückgreifen, da er bereits mit den unterschiedlichsten Künstlern gearbeitet hat. Leider wird er oftmals auf die Produktion von NIRVANAs "Nevermind" reduziert, was seiner Arbeit nicht ganz gerecht wird, denn neben NIRVANA hat er auch Alben von SAMSHING PUMPKINS, SONIC YOUTH oder Sub Pop-Bands wie THE FLUID produziert. Darüber hinaus hat er sich einen Namen als Remixer gemacht, weshalb er sich auch an unserer ersten Single "White People For Peace" versuchte, wozu es neben der normalen Version mittlerweile auch ein extra Remix-Video gibt. Andrew: Wenn ich die Arbeit mit Butch mit der Arbeit mit J. Robbins, dem Produzenten von "Searching For A Former Clarity" vergleiche, fällt zunächst auf, dass wir für die Aufnahmen von "New Wave" viel mehr Zeit und Ruhe hatten. Wir wollten 2005 unbedingt J. Robbins als Produzenten, weil er einfach einen guten Sound hinbekommt. Butch hat darüber hinaus aber den Drang, das Beste aus einem Song herauszuholen. Er macht Vorschläge, mischt sich ein. Die Arbeit mit ihm war wirklich eine Herausforderung, vor allem für Warren, unseren Drummer. Butch spielt selbst Schlagzeug, bei GARBAGE. Er ließ Warren einen ganzen Monat Drumtakes einspielen!Tom: Dafür durfte er aber auch auf der Snare spielen, mit der GUNS N' ROSES "November Rain" und SAMSHING PUMPKINS das Album "Gish" aufnahmen. Zumindest hat das Mike Fasana, der Drum-Tech, erzählt.Wie sah ein normaler Studiotag aus?Tom: Jeder Tag hatte einen festen Ablauf, so dass sich die Bandmitglieder teilweise gar nicht sahen, da meist immer nur ein Instrument berücksichtigt werden konnte. Insgesamt hat das Ganze ungefähr drei Monate gedauert. Die ersten beiden Oktoberwochen waren Vorproduktion und mein letzter Tag im Studio war der 22. Dezember. Das weiß ich noch so genau, weil der Gesang erst ganz zum Schluss aufgenommen wurde.Die Spielzeit von "New Wave" beträgt knapp dreißig Minuten. Wolltet ihr nach "Searching For A Former Clarity", das fast doppelt so lang ist, wieder an alte Zeiten anknüpfen?Tom: Der Gedanke war zunächst einmal, ein in sich geschlossenes, kürzeres Album aufzunehmen, auf dem unsere zurzeit besten Songs zu finden sind. Wir hatten insgesamt fünfundzwanzig zur Auswahl, von denen wir siebzehn auch aufnahmen. Von einigen gibt es zudem verschiedene Versionen.Du bist diesmal für alle Songs verantwortlich. Warum?Tom: Das hat damit zu tun, dass wir bis kurz vor den Aufnahmen nonstop auf Tour waren, also blieb eigentlich nur währenddessen Zeit, Songs zu komponieren und die Texte dazu zu schreiben. Ich habe auf Tour immer eine Akustikgitarre dabei, auf der alle meine Songs entstehen. Wenn dann mal Gelegenheit zum Jammen ist, stelle ich den anderen die neuen Ideen vor. So bekomme ich kurzfristig Feedback zu dem geschriebenen Material und kann im Anschluss weiterarbeiten.Der erste Gedanke, den ich hatte, als ich "New Wave" zum ersten Mal hörte, war, dass du eine ganze Menge Fragen stellst. Die sind allesamt rhetorischer Natur und klingen irgendwie nach Verzweiflung. Hast du die Nase voll davon, dich erklären zu müssen?Tom: Eine wirklich gute Frage, da ich das so noch nie gesehen habe. Bisher hat mich auch niemand darauf aufmerksam gemacht, aber du hast vollkommen Recht, ich frage ganz schön viel auf diesem Album!. Antworten erwarte ich auf rhetorische Fragen natürlich keine. Ich glaube aber, dass ich wahrscheinlich lieber Fragen stelle, als so zu tun, als ob ich die richtigen Antworten hätte.Du als Songschreiber und AGAINST ME! als Band, ihr tretet immer wieder in Kontakt mit euren Fans, sei es durch Songs oder auf Konzerten. Wie wichtig ist Kommunikation für euch?Tom: Ich bin der festen Überzeugung, dass für eine gute Beziehung, egal mit wem, eine gesunde Kommunikationsstruktur unabdingbar ist.Vielleicht deswegen auch die vielen Fragen in dem Song "New Wave"?Tom: Bestimmt, ja. Mir ging es aber zunächst darum zu sagen, dass wir wie jeder andere auf dieser Welt auch die Chance haben, aus unserem Leben das zu machen, was wir wirklich daraus machen wollen. Und das ist die Herausforderung, der man sich stellen sollte und die ich im Song versuche klarzumachen. Wir als Musiker berufen uns zwar dabei auf das, was bereits an Musik in der Welt vor uns passiert ist, wollen aber trotzdem, soweit es eben möglich ist, versuchen, dem Ganzen unseren eigenen Stempel aufzudrücken. Wenn du so willst, ist das auch als eine Art Aufruf zu sehen. Wir als Künstler können dafür den Anstoß geben, die Entscheidung liegt aber bei jedem selber.In die gleiche Richtung geht schon das Cover, das einen Tiger zeigt. Ein Tier, das symbolisch für Stärke, Mut und Freiheit steht.Tom: Ja, sicher. Man muss ab und an auch mal sein Maul aufmachen, vor allem, wenn man eigene Pfade einschlagen will. Genau genommen ist das übrigens ein in den USA beheimateter Florida-Panther, der zu der Familie der Tiger gehört. Das Bild habe ich in einer Ausgabe des National Geographic gefunden.Die erste Single "White People For Peace" ist ein Plädoyer gegen den Krieg. Wie kam's?Tom: Der Song entstand an einem freien Tag während des Pukkelpop-Festivals in Belgien. Das war ziemlich am Ende des Entstehungsprozesses der Songs für das Album. Ich wollte unbedingt noch einen Song haben, der sich mit dem aktuellen Thema Krieg beschäftigt. Als Künstler ist das eben die klassische Waffe, die man einsetzen kann. Und auch wenn jetzt viele bezweifeln, dass ein Song etwas ändern kann, so kann er wenigstens darauf aufmerksam machen, dass in unserer Welt zurzeit etwas nicht in Ordnung ist. Genau das ist ja die Funktion eines Protestsongs. Er fasst das in Worte, was vielleicht Tausende von Menschen denken, aber nicht zu äußern wagen und schafft ein Bewusstsein in Bezug auf einen aktuellen Missstand. Das Thema wird noch deutlicher durch das Video zu dem Song, das der Comiczeichner und Videokünstler Adam Egypt Mortimer gedreht hat.Du bist als Sohn eines Soldaten auf verschiedenen Army Bases groß geworden. Inwieweit hat das dich und deine Denkweise beeinflusst?Tom: Ich habe einen Großteil meiner Kindheit auf Armeestützpunkten verbracht. Alle paar Jahre sind wir umgezogen, teilweise sogar in andere Länder. Das hat schon früh meine Sinne geschärft, den Beruf meines Vaters kritisch zu betrachten.Sind AGAINST ME! eine politische Band?Tom: Nein. Das ist genau der Kurzschlussgedanke, den ich befürchte.Würdest du denn dich persönlich als politischen Menschen bezeichnen?Tom: Ich weiß nicht, ich habe damit so meine Probleme und würde mich und uns lieber als "politisch bewusst" bezeichnen. Eine Band politisch zu nennen ist eine Gleichung, die zu einfach ist. Und was heißt in diesem Zusammenhang eigentlich politisch? Heißt das, dass sie für gute oder schlechte Politik einsteht, oder ist das unwichtig?Ich verstehe, was du sagen willst. Die Hardrock-Band TWISTED SISTER, die mit ihren Songs den letzten Wahlkampf der Republikaner unterstützte, wäre demnach natürlich ebenso als politisch einzustufen.Tom: Exakt, denn mit ihrer Musik steht sie ja für eine bestimmte politische Haltung ein und bekennt sich offen zu ihr. Genauso wie die britische Band CRASS oder der amerikanische Countrysänger Toby Keith, der mit seinem "Taliban song" aus dem Album "Shock'n Y'all" ganz klar Stellung bezogen hat: Seiner Aussage nach schrieb er ein patriotisches Liebeslied, in dem die USA nach der Jagd auf die Taliban die Welt wieder glücklich und sicher gemacht haben. Grauenhaft!Welcher Künstler hatte den größten Einfluss auf euch persönlich?Andrew: So genau weiß ich das gar nicht zu beantworten. Die Szene an sich, in der wir groß geworden sind, würde ich als wichtigsten Einfluss nennen wollen, da sie uns die Werte mitgegeben hat, die bis heute ausmachen, wie und wer wir sind. Als Band fällt mir in diesem Zusammenhang sofort FUGAZI ein, die einfach das Maß aller Dinge sind, wenn es darum geht, etwas unabhängig und selbstverantwortlich auf die Beine zu stellen.Tom: Ich kann das ganz gut nach Lebensjahren klassifizieren: Zwischen meinem achten und zehnten Lebensjahr waren es GUNS N' ROSES, zwischen dem zehnten und zwölften NIRVANA und PEARL JAM, zwischen dem zwölften und vierzehnten THE DOORS und zwischen dem vierzehnten und achtzehnten CRASS und Punk an sich.In dem Song "Americans abroad" setzt du dich kritisch mit der amerikanischen Außenpolitik und dem Verhalten von Amerikanern im Ausland allgemein auseinander. Im Chorus heißt es "I hope I'm not like them / But I'm not so sure". Woher kommen deine Zweifel, Tom?Tom: Wir haben während der letzten Jahre die Erfahrung gemacht, dass es überall auf der Welt Amerikaner gibt, egal wie abgelegen der Ort oder die Bar auch sein mag, wo du gerade bist. Als Amerikaner meinen wir, mit der Zeit einen besonderen Blick dafür entwickelt zu haben, wer US-Staatsbürger ist und wer nicht. Viele unserer Landsleute verhalten sich einfach unmöglich, wenn sie verreisen. Meist reicht ihnen eine Woche, um ganz Europa gesehen zu haben, was natürlich totaler Quatsch ist und wofür wir uns dann irgendwie schämen, schließlich sind das Landsleute. Und gleichzeitig werden diese Amerikaner wahrscheinlich etwas Ähnliches von uns denken und sagen: "Mann, was sind das für Penner, sind die peinlich!"Der Song, der mir von dem Album am besten gefällt, ist "The Ocean".Tom: Vielen Dank, das weiß ich zu schätzen. Schließlich ist der Song im Vergleich zu all unseren anderen Liedern auch etwas anders ausgefallen. Basis ist eine Struktur, die dem Calypso/Reggae nicht ganz unähnlich ist und sich stetig wiederholt, dabei aber an Intensität zunimmt. Der Song entstand kurzfristig während einer Session. Die Texte sind ganz persönliche Bilder und Erinnerungen an meine Kindheit, die ich versucht habe, aneinanderzureihen. Wir lebten eine Zeitlang in der Nähe des Meeres und viele Dinge, die mir damals wie Kleinigkeiten vorkamen, wie der Wind, der Strand oder die Tatsache, dass wir als einzige Familie keine Air Condition hatten, habe ich nie vergessen und bisher stets für mich behalten.Einer Band, der du letztens im Studio unter die Arme gegriffen hast, waren die NEW YORK DOLLS. Eine besondere Ehre?Tom: Der A&R-Mann der Band ist ein Bekannter von mir. Er wollte eigentlich, dass ich einen Song für das neue NEW YORK DOLLS-Album schreibe. Von keinem der Versuche, die ich unternahm, wollte ich mich aber nachher trenne n und behielt sie dann doch lieber alle für mich und AGAINST ME!. Ich sagte ihm also ab mit der Bemerkung, gerne auf dem Album singen zu wollen, wozu es dann auch kam. Am Anfang war es schon komisch, da sich herausstellte, dass es eher seine Idee gewesen ist, mit mir etwas zu machen, als die der Band. Ich war schon immer ein großer Fan von Sänger David Johansen, aber der Musik seiner Band konnte ich auch nach der Kollaboration nicht wirklich etwas abgewinnen. Es hat aber trotzdem viel Spaß gemacht, die Vocals für "Punishing world" mit einzusingen.Euer letztes Album hat es bis in die US-Billboard Charts geschafft. Was erwartet ihr von "New Wave"?Tom: Bis in die Top 100 kamen wir aber nicht, was jetzt nicht bedeutet, dass ich darüber enttäuscht bin. Ich erwarte ehrlich gesagt nicht viel. Ich hoffe lediglich, dass den Leuten das Album gefällt, mehr nicht. Im Fat Wreck-Büro hat Fat Mike übrigens nicht ohne Stolz ein offizielles Billboard-Poster aufgehängt, auf dem NOFX nach dem Erscheinen von "The Decline" den glorreichen Platz 200, also den letzten, einnehmen. Mal sehen, vielleicht können wir die wenigstens um einen Platz schlagen.
 
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AGAINST ME! - No kind of monster

Neuer Drummer, neue Platte, neuer Lebensabschnitt. Seit dem Erscheinen von „New Wave“ vor drei Jahren ist allerhand passiert im Hause AGAINST ME!, und nachdem es lange Zeit schien, als ob jeder Hansel meinte seinen Senf zu jedem noch so kleinen Schritt des Quartetts aus Gainesville, Florida abgeben zu müssen, macht es wohl am meisten Sinn, die Band selbst zu den Ereignissen der letzten Zeit zu Wort kommen zu lassen. Im Rahmen eines Hamburger Pressetermins zur Veröffentlichung des neuen Albums „White Crosses“, einschließlich Akustik-Show der ganzen Band, nahm sich ein entspannter Tom Gabel, Sänger, Gitarrist und Songwriter, Zeit für ein Gespräch.Tom, ganz hier in der Nähe befindet sich ein kleiner Club, der Störtebeker heißt. Dort habt ihr während der ersten Europatour eure erste Hamburger Show gespielt. Damals waren etwas weniger Leute als heute nachmittag bei der Show. Ich schätze so um die 50. Ich erinnere mich noch gut daran, da ich während der Show Probleme mit meiner Gitarre hatte. So etwas vergisst man als Musiker nicht. Vor allem, wenn man keine Ersatzgitarre hatte! Das ist heute zum Glück etwas anders und würde demnach auch so nicht mehr vorkommen. Es bleibt eine Tour-Anekdote und eine schöne Erinnerung. Die Erlebnisse der ersten Tour in einem fremden Land sind immer die, die am nachhaltigsten in Erinnerung bleiben. So etwas wie diese Akustik-Show heute ist aber immer noch etwas ganz Besonderes, da vieles spontan geschieht. Ich habe eben schon zu den anderen Bandmitgliedern gesagt, dass wir so was viel öfter machen müssten. Die ganzen alten Songs des allerersten Demos zum Beispiel hatten wir seit Jahren nicht gespielt und siehe da, wir kriegten vorhin auch die hin!Morgen fahrt ihr weiter nach Berlin. Dort gibt es eine Gedenkstätte für die an der Mauer gefallenen Flüchtlinge, die „White Crosses“ heißt. Das ist Zufall, das wusste ich nicht! Der Titel „White Crosses“ des neuen Albums hat damit jedenfalls nichts zu tun. Es bezieht sich auf einen Friedhof in St. Augustine, Florida, wo ich während der Vorproduktion zu dem Album mit meiner Frau Heather lebte. Der Ort liegt 75 Meilen entfernt von unserem Heimatort Gainesville. Meine Frau war damals schwanger und wir wollten am Ende dieser Studiotage einfach unsere Ruhe haben, weswegen wir uns diese Kleinstadt als vorübergehende Behausung suchten. Auf der Fahrt nach Hause kam ich jeden Tag an einem Friedhof vorbei, dem „Cemetery of the Innocents“, mit unzähligen weißen Kreuzen. Als ich sie mir eines Tages genauer ansah, stellte ich fest, dass es symbolische Kreuze für abgetriebene Kinder waren, die die Kirche als eine Art Protest hatte aufstellen lassen. Heißt das, der Song ist als eine Art Pro-Choice-Song zu verstehen?Genau. Bei der Entscheidung, ob und wann jemand ein Kind auf diese Welt bringt, sollte keine Religion der Welt mitbestimmen dürfen. Es gibt unzählige Länder, in denen Abtreibung immer noch verboten ist oder gar ein Verbrechen darstellt. Viele junge Frauen fahren dann über die nächsten Grenze, um den Eingriff unter schlechten medizinischen Bedingungen vornehmen zu lassen, wobei sie sich womöglich selbst in Gefahr bringen. Vor allem, wenn sie kein Geld haben und ihre Familie von dem Ganzen nichts wissen darf. In den USA ist Abtreibung an sich nicht strafbar, jeder Staat hat jedoch seine eigenen Bestimmungen und somit herrscht ein heilloses Durcheinander hinsichtlich der rechtlichen Fragen. Als ich den Song schrieb, wusste ich übrigens noch nicht, dass ich selber Vater werden sollte. Mit der Geburt meiner Tochter Evelyn hat „White Crosses“ demnach nicht direkt etwas zu tun.War die Geburt dieser magische Moment, von dem Eltern gerne berichten?Ich kann alle Klischees, die man sich so über das Kinderkriegen erzählt, nur bestätigen. Während der Studiozeit in Los Angeles mieteten meine Frau Heather und ich uns extra ein Haus. Wir wollten nicht die Musikereltern sein, die es womöglich nicht mehr bis zum Krankenhaus schaffen und ihr Kind in der Hotellobby zur Welt bringen müssen! Die Geburt an sich war, ehrlich gesagt, beängstigend. Es dauerte Stunden, bis es los ging; dann noch mal genau so lange, bis das Baby schließlich da war, und während der ganzen Zeit liegt da der Mensch, der dir am liebsten ist auf dieser Welt und quält sich. Es ging aber alles gut und alle sind wohlauf.Welche Folgen hat das jetzt für dich als Musiker?Auf der einen Seite macht es dir sehr deutlich bewusst, auf was du deinen Fokus die nächste Zeit richten musst und was unwichtig ist. Andrew, unser Bassist, und seine Frau erwarten übrigens ebenso ein Kind. Keine Angst, das heißt jetzt nicht, dass wir weniger unterwegs sein werden und weniger Shows spielen werden. Ich bin Musiker und das mit vollem Herzen. Mit Konzerten verdiene ich meine Brötchen, das kann ich jetzt nicht einfach so sein lassen. Ich kann es im Gegenteil kaum erwarten, meiner Tochter dieses Leben näher zu bringen, um ihr zeigen zu können, was es mir bedeutet. Das Ganze muss natürlich ganz behutsam erfolgen.Seid ihr eigentlich mittlerweile ein Trio? Nach dem Ausstieg von Drummer Warren Oaks bin ich mir da gar nicht so sicher.Ein Trio? Nein, wir sind wieder beziehungsweise immer noch zu viert unterwegs. George Rebelo von HOT WATER MUSIC hat Warrens Platz übernommen.Aber HWM spielt diesen Sommer Shows in Europa. Wie passt das zusammen?George ist mittlerweile volles Mitglied bei AGAINST ME! und Drummer von HWM, die es ja offiziell eigentlich nicht mehr gibt. Hier und da treten sie noch zusammen auf. Während der HWM-Europatour diesen Sommer sitzt aber definitiv jemand anderes an ihrem Schlagzeug.Wie seid ihr auf George gekommen?Wir kennen uns seit Jahren, waren sowohl mit HWM als auch mit THE DRAFT gemeinsam auf Tour. Seitdem stehen wir uns persönlich sehr nah und kennen uns einfach gut genug, um zu wissen, dass wir zusammenpassen und einen ähnlichen Arbeitsethos haben. Dazu kommt, dass George ohne Zweifel Gainesvilles bester Drummer ist, ja vielleicht sogar der beste Drummer von ganz Florida.Wie kam es zu dem Bruch mit Warren?Richtig zum Thema wurden seine Ambitionen letztes Jahr auf Tour im April. Es wurde deutlich, dass Warren ein anderes Leben führen wollte. Er wollte nicht mehr ständig unterwegs sein, er wollte etwas ganz Normales machen. Mittlerweile weiß wahrscheinlich jeder, dass er in Gainesville mit ein paar Freunden ein mexikanisches Restaurant mit dem Namen „Boca Fiesta“ aufgemacht hat. Und so wie es aussieht, ist das für ihn genau die richtige Entscheidung gewesen. George hingegen hat sein Leben voll und ganz der Musik verschrieben und plant kein weiteres Standbein neben der Musik. Für uns war es sehr wichtig, dass er diese Einstellung zur Musik und zum Touren hat, da wir ganz genauso denken. Egal, was kommt, wir werden immer irgendwie Musik machen. Mit einer Band ist es ein bisschen wie mit einer Beziehung: es geht mal auf und mal ab. Und manchmal ist es eben das Beste, wenn man getrennte Wege geht.Vor eineinhalb Jahren wäret ihr als Band beinahe getrennte Wege gegangen. Was war da los?Das Tourleben ist zum Teil sehr intensiv und bringt dich eben manchmal auch an deine Grenzen. In gewisser Hinsicht ist es wahrscheinlich mit dem Leben auf einem U-Boot vergleichbar. Viele Menschen leben auf sehr engem Raum konstant zusammen und können sich dabei nicht unbedingt kreativ ausleben, weil dazu meist einfach keine Zeit bleibt. Da ist es nicht verwunderlich, dass man nach einer langen gemeinsamen Phase ausbrennt, so wie es uns am Ende der „New Wave“-Tour ergangen ist. Man ist wegen jeder Kleinigkeit gereizt oder reagiert über, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt. Eines abends eskalierte es dann zwischen uns. Ich sagte zu einigen Bandmitgliedern im Affekt Dinge, die ich kurz darauf von ganzem Herzen bereute. Und ja, wenn ich damals nicht wieder in unser Hotel zurückgekehrt wäre und die Sache richtig gestellt hätte, wäre es wohl das Ende der Band gewesen. Als wir im Anschluss noch einen Unfall mit dem Tourbus hatten, war das Maß voll. Wir brauchten eine Auszeit und cancelten die bereits geplanten Frankreich-Shows. Jeder ging seines Weges, um Abstand zu gewinnen und einen klaren Kopf zu bekommen. Das war die Zeit, als ich anfing, meine Sologeschichte zu verfolgen und ab und an für ein Magazin Plattenreviews zu schreiben. Beides habe ich sehr gern gemacht. Leider waren die meisten Reviews viel zu lang und erschienen nie. Meine Besprechung des letzten GUNS N’ROSES-Albums „Chinese Democracy“ landete zum Beispiel auf meiner eigener Homepage, weil sie sie nicht drucken wollten. Aber auch die anderen Jungs waren irgendwie kreativ. James Bowman, unser Gitarrist, knüpfte zum Beispiel Kontakt zu Rocky Votolato. Ein Treffen, das mit einem gemeinsamen Song für Rockys neues Album „True Devotion“ endete. Erst Ende des Jahres sahen wir uns als Band wieder und machten uns sofort daran, Ideen für ein neues Album zusammenzustellen. Wir wussten sofort, dass es das ist, was wir machen wollen, auch wenn man sich eben manchmal auf die Nerven geht. Die Sache mit Warren tut dem Spaß, den wir haben, keinen Abbruch.Den Spaß scheint ihr wirklich gehabt zu haben, wenn man mal von den Bildern und Videos ausgeht, die ihr in den letzten Monaten teilweise täglich aus dem Studio gepostet habt.Nachdem wir uns als Band erneut fanden, wollten wir den Leuten unser wiedergewonnenes Lebensgefühl auch irgendwie vermitteln und hielten alles irgendwie fest. Gleich neben dem Studio war zum Beispiel ein Basketballfeld, auf dem wir täglich ein paar Körbe warfen und natürlich kläglich versagten. Plötzlich hatten wir die skurrilsten Ideen und wollten sie auch umsetzen. Mit Wade MacNeil, Sänger und Gitarrist bei ALEXISONFIRE, haben James, Andrew und ich zum Beispiel gerade die MISFITS-Coverband HORROR BUSINESS gegründet. Die Idee ist, an den wenigen freien Tagen während der anstehenden gemeinsamen Kanadatour mit BILLY TALENT als ALEXISONFIREs Vorband aufzutreten. Wir können zwar erst eine Handvoll Songs, ein paar Tage haben wir aber noch Zeit. Bei allem, was passiert ist, hätte es, wie gesagt, wesentlich schlimmer für uns ausgehen können. Ihr habt wieder mit Butch Vig aufgenommen.Ja, er ist schon fast das fünfte Mitglied von AGAINST ME! und im Studio der Typ, der dir an der richtigen Stelle die richtigen Fragen stellt und dich und den Song damit weiterbringt, ohne dir zu sagen, wie du es genau zu machen hast. Das Ganze beruht auf einer guten Portion an Vertrauen, ohne das man in so einer Situation nicht weiterkommen würde. Vor „New Wave“ hatten wir eine ganze Liste mit Produzenten, auf der auch sein Name stand. Wir trafen uns zum Essen und mittlerweile würde ich so weit gehen zu sagen, dass ich ihm blind vertraue. Dazu kommt seine große Erfahrung. Was kann man als Band mehr von einem Produzenten wollen?„White Crosses“ ist abwechslungsreich ausgefallen, bietet neben typischen AGAINST ME!-Smashern auch Indierock und sogar Streetpunk-angehauchte Stücke.Wenn man als Band ins Studio geht, weiß man eigentlich nie, was am Ende dabei rauskommt. Wir hatten ungefähr 25 Songs, die stilistisch alle irgendwie in die eine oder andere Richtung gingen. Welcher Track es dann auf die Platte schafft, stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus, indem man sich die vermeintlich Besten eben herauspickt. Wir wollten aber nicht nur einen Typ Song auf dem Album haben, sondern, wenn möglich, verschiedene. Bei „Ache with me“ wird es eher melancholisch, bei „Rapid decompression“ dann eben eher aggressiv, um so einen gewissen Kontrast zu schaffen.Letztes Jahr im Juli erschien über Fat Wreck „The Original Cowboy“ mit den ersten Aufnahmen der Songs, die ihr später für „As The Eternal Cowboy“ erneut eingespielt habt. Wie wichtig war euch dieses Release?Die Aufnahmen waren damals so eine Art Versuch, um zu sehen, wie die Songs wirklich wirkten. Das Einspielen und Mixen hat nicht mehr als ein paar Stunden gedauert, was man den Aufnahmen natürlich auch anhört. Ich wollte erst nicht, dass sie erscheinen. Mit etwas Abstand finde ich sie aber heute so, wie wir sie damals haben wollten: rauh und ungestüm. Nur wenige wussten überhaupt, dass sie existierten. Aber die, die sie kannten, sprachen uns immer wieder darauf an, sie doch endlich zu veröffentlichen. Vor allem Fat Mike. Ich habe mich mittlerweile schon so manches Mal gefragt, warum wir überhaupt noch einmal ins Studio gegangen sind, um die Songs neu einzuspielen. Aber klar, die späteren Aufnahmen, aus denen dann „As The Eternal Cowboy“ wurde, sind auch nicht schlecht geworden. Die Veröffentlichung dieser Tapes ist nur ein Projekt von vielen, das irgendwo in der Pipeline steckte, aus Mangel an Zeit, aber immer hintenan gestellt wurde. Seit Jahren wollen wir zum Beispiel schon die Aufnahmen des ersten AGAINST ME!-Demotapes neu auflegen. Kurz vor dieser Reise nach Europa waren wir noch im Studio, um die ersten Demos von „Searching For A Former Clarity“ zu remixen. Uns allen ist wichtig, die Songs, auf denen Warren seinen Teil beiträgt, auch in irgendeiner Form zur Verfügung zu stellen, um zu zeigen, dass er stets großen Anteil an der Band hatte. Das sind wir ihm alle schuldig. Außer mir wohnen alle noch in Gainesville, demnach sehen sich die Jungs regelmäßig, wenn sie vor Ort sind. Und mal schauen, wenn wir uns das nächste Mal sehen, hat es eventuell schon mit einem weiteren Release geklappt.
 
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AGAINST ME! - Wieder Herr im eigenen Hause

Im Winter 2010 wurde die Europatour zum Album „White Crosses“ zusammen mit CRAZY ARM und FUCKED UP komplett gecancelt. Kurze Zeit später war es dann klar: AGAINST ME! und ihr Label Sire aus der Warner Group gehen nach zwei Alben wieder getrennte Wege. Obendrein kündigte auch noch ihr gerade erst angeheuerter Drummer George Rebelo an, sich wieder voll und ganz HOT WATER MUSIC widmen zu wollen. Es war demnach spannend, was Sänger und Gitarrist Tom Gabel im Rahmen der nachgeholten Tourtermine zu den aktuellen Entwicklungen seiner Band zu sagen hatte.Tom, warum der Labelwechsel?Warner/Sire ist international aufgestellt, hat also in jedem Land andere Leute, die für dich als Künstler verantwortlich sind. Vor gut einem Jahr stellte sich heraus, dass in den USA all diejenigen, die sich um uns gekümmert hatten, von heute auf morgen gefeuert worden waren. Alles Leute, mit denen wir jahrelang eng zusammengearbeitet hatten und die somit nicht mehr für uns als Ansprechpartner zur Verfügung standen. Wir wussten nicht mehr, woran wir waren, wie es weitergehen sollte, und baten demnach ganz offiziell darum, den Vertrag aufzulösen – gerade sechs Monate nach der Veröffentlichung von „White Crosses“.Das Album ist gerade erneut erschienen. War es schwierig, die Rechte dafür mitzunehmen?Erfreulicherweise überhaupt nicht, wir waren selbst total überrascht, wie einfach das über die Bühne ging. Gleich beim ersten Gespräch sagten wir, dass wir das Album samt aller Songs am liebsten mitnehmen würden. Wir hatten keine Ahnung, wie Warner reagieren würde und rechneten schon damit, „White Crosses“ komplett abschreiben zu müssen. Aber siehe da, sie überließen es uns ohne jeglichen Widerstand! Ich kann es eigentlich immer noch nicht glauben, da so ein Bruch oft mit jahrelangen Rechtsstreits verbunden ist.Ihr seid demnach wieder euer eigener Herr?Genau genommen sind wir es zum ersten Mal, da wir vorher ja immer mit anderen Labels gearbeitet haben. Vor kurzem haben wir dann unser eigenes Label gegründet: Total Treble. Zumindest in den USA haben wir damit jetzt alles selbst in der Hand. In Europa arbeiten wir mit Xtra Mile zusammen, einem kleineren englischen Label, das bisher Musik von CRAZY ARM oder dem ehemaligen FAR-Sänger Jonah Matranga veröffentlich hat, und das uns von Frank Turner empfohlen wurde, der ebenfalls dort zu Hause ist.Was ist an der Neuauflage des Albums anders?Nun, das Album ist jetzt endlich so erschienen, wie wir es eigentlich geplant hatten, inklusive aller Songs und dem kompletten Artwork des Künstlers Steak MTN. Das war dem Label damals zu teuer in der Produktion, so dass sie lediglich die Texte abdruckten. Warum sie die CD trotzdem für mehr Geld verkauften als wir jetzt die zweite Version, bleibt ihr Geheimnis. Genauso wie der Grund, warum sie damals das Artwork ohne Blumen abdruckten – schaut euch die beiden Cover bitte genau an: Nicht etwa die überdimensionalen Brüste der Dame in der Bildmitte, sondern die Blumen rechts von ihr passten ihnen nicht! Musikalisch haben wir nie Kompromisse machen müssen. Wie das fertige Produkt dann aussieht, wenn es in den Laden kommt, darauf hatten wir leider nur bedingt Einfluss. Die neue Version von „White Crosses“ ist eine Doppel-CD mit insgesamt 28 statt der ursprünglich zehn Songs. Neben vier weiteren Stücken, die wir in der gleichen Zeiten aufnahmen, sind auf der zweiten „Black Crosses“-CD akustische Versionen und Outtakes von der Pre-Recording-Session im Goldentone Studio in Gainesville zu hören. Dort hatten wir schon „Reinventing Axl Rose“ aufgenommen und es dient seither immer als erste Anlaufstelle, bevor es an die eigentlichen Aufnehmen geht.Neben dem Labelwechsel musstet ihr auch den Abgang von Schlagzeuger George Rebelo verkraften. Der neue ist Jay Weinberg, der Sohn des Drummers von Bruce Springsteens E STREET BAND. Woher kennt ihr ihn?Wir kennen Jay seit seinem 13. Lebensjahr, also einer halben Ewigkeit. Er kam damals zu einer Show, die wir in New Jersey mit BOUNCING SOULS spielten. Seitdem tauchte er immer wieder mal auf, wenn wir in der Gegend waren. Wir verstanden uns damals auf Anhieb und wussten, dass er ziemlich gut Schlagzeug spielt. So kam es, dass er öfter mal beim letzten Song des Konzerts für Warren die Drums übernahm. Im Dezember letzten Jahres wurde es dann akut, denn HWM hatten eine Australientour gebucht und wir brauchten kurzfristig für drei Shows eine Vertretung für George, der ja zu der Zeit auch bei uns aktiv war. Wir gaben Jay also eine Liste mit 20 Liedern, für die er 14 Tage Zeit hatte. Nach zwei Wochen kam der Kerl dann und hatte mehr als 50 im Repertoire! Er bringt die richtige Einstellung mit und ist ein exzellenter Drummer, sonst hätte Bruce Springsteen ihn nicht 2009 als Ersatz für seinen Vater während seiner US-Tour angeheuert.Ihr wart auch schon zusammen im Studio, oder?Im Februar letzten Jahres hatten wir zwischen zwei Touren ein kurzes Zeitfenster von einer Woche, in dem wir die Single „Russian Spies“ aufnahmen, die bei Sabot Productions erschienen ist. Da wir wenig Zeit hatten, wurden nur zwei Songs eingespielt, neben „Russian spies“ noch „Occult enemies“. Wir wollten nach einer Durststrecke endlich wieder kreativ sein und uns austoben, und ich glaube, dass man den Aufnahmen diese frische Note auch anhört, was nicht zuletzt auch an Jays Unbekümmertheit liegt, der Junge ist schließlich erst 22 Jahre alt.Ein ganz neues Kapitel hast du soeben als Produzent mit eigenem Studio begonnen.Ich habe mir in Bezug auf unsere Aufnahmen unter den Bandmitgliedern in den letzten Jahren den Status als totaler Kontrollfreak erarbeitet, habe also demnach einige Erfahrung, die ich gerne auch an andere Künstler weitergeben möchte. Im Februar 2011 waren wir auf Tour mit CHEAP GIRLS, einer jungen Band, die bisher eine Handvoll Singles und zwei Alben herausgebracht hat. Wir verstanden uns sofort gut und im Laufe der Tour fragten sie mich, ob ich nicht ihre nächste Platte produzieren wollte, was dann im Oktober auch passiert ist. Das Studio, ein altes Posthäuschen in Florida, habe ich im September mit meinem Vater und meinem Bruder zwischen zwei AM!-Touren zusammengebaut. Wir hatten genau vier Wochen dafür Zeit, den Boden zu legen, die Wände hochzuziehen und das Equipment aufzubauen. Mike Zirkel, der Toningenieur, hat mir bisher drei verschiedene Versionen geschickt und alle hörten sich fantastisch an. Die Platte erscheint nächstes Jahr bei Rise Records, einem Label aus Portland, Oregon, das unter anderem auch die neuen Alben von HOT WATER MUSIC, SHARKS und MAKE DO AND MEND herausbringt.Anlässlich unserer 100. Ausgabe: Was denkst du über Fanzines im Allgemeinen?Fanzines spielten eine bedeutende Rolle für mich, als ich in die Punk Szene kam. Ich bin in Südflorida aufgewachsen, wo es nicht wirklich bereits eine bestehende Punk-Szene gab, an der man sich hätte orientieren können, also waren Fanzines meine Verbindung zur Außenwelt.Hast du selbst schon bei einem Fanzine oder einem Magazin gearbeitet?Mit 15 hatte ich ein Cut&Paste-Fanzine, das hieß Misantrophe. Ich war auch eine Weile bei einer anarchistischen Zeitung namens Onward, da war ich ungefähr 19.Warum denkst du, ist die Fanzine-Kultur wichtig?Es geht nicht nur um die Kommunikation, sondern auch die D.I.Y.-Ästhetik. Eine Aussage wie „anyone can do it“ wird erst dann wahr, wenn es wirklich darum geht, ein Fanzine zu machen. Du brauchst ja bloß paar gute Ideen, die du zu Papier bringst, und einen Ort, wo du alles umsonst kopieren kannst.
 
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AGAINST ME! - Gegen Stereotype und Geschlechtsnormen

Keine Frage, ihre Alben waren schon immer verdammt gut. Völlig zu Recht haben sich AGAINST ME! aus Gainesville in Florida seit ihrem Debüt im Jahre 2002 zu einer fest im Punk verwurzelten Band entwickelt, die weit über die Szene hinaus Beachtung findet. Und doch haben sie in den vergangenen zwei Jahren weniger wegen ihrer Musik von sich reden gemacht, als vielmehr ob der Geschlechtsumwandlung ihres Frontmannes zur Frontfrau – Tom Gabel ist jetzt Laura Jane Grace. Mehr noch, das gesamte neue Album mit dem Namen „Transgender Dysphoria Blues“ dreht sich um dieses Thema und wirft neben Fragen nach Produktion und zuletzt stetig wechselnder Bandbesetzung vor allem diese Fragen auf: Ist Laura Jane Grace tatsächlich so wütend, wie sie sich in den Songs gibt? Nerven sie die zwangsläufig oft gestellten Fragen nach ihrer Geschlechtsumwandlung? Und wie sieht er ihrer Ansicht nach aus, der Status quo des angeblich so toleranten Punk in Sachen Männlichkeit und Weiblichkeit? Übers Telefon sprach die Sängerin mit uns – und klang dabei zeitweise tatsächlich so, als sei sie ein wenig „durch“.Laura, in deiner Band gab es in den vergangenen Monaten zahlreiche Umbesetzungen. Seid ihr jetzt endlich komplett?Auf jeden Fall! Wir hatten zuletzt ja schon einige Konzerte in den USA mit der neuen Besetzung. Da hat alles gepasst. Es läuft wunderbar für uns.Das neue Album, „Transgender Dysphoria Blues“, hört sich meines Erachtens noch etwas punkiger und rauher an als die Alben davor. Was ist der Grund?Also für mich haben sich schon die beiden letzten Alben, „New Wave“ von 2007 und „White Crosses“ 2010, so angehört. Etwas war bei „Transgender Dysphoria Blues“ allerdings anders, wir haben es nicht bei einem Majorlabel rausgebracht. Wir haben da viel Arbeit reingesteckt und es in Eigenregie auf die Beine gestellt. Ich bin die Produzentin, somit war es für mich eine wunderbare Gelegenheit, die Dinge, die ich über die Jahre hinweg über die Aufnahme und Produktion von Platten gelernt habe, einmal auszuprobieren und umzusetzen. Die Songs und all die Emotionen, die dahinter stecken, sollten von Anfang an deutlich und klar herausgestellt werden. Die einzige Vorgabe, die es soundtechnisch gab, war die an unseren Mixer. Ihm habe ich gesagt, dass das Album wie „Never Mind The Bollocks“ von den SEX PISTOLS sowie nach den NEW YORK DOLLS klingen soll. Aber das war es dann auch. Letztlich hat ja jedes Album etwas Spezielles an sich und eine eigene Entstehungsgeschichte. Und in diesem Fall ist es eben der Umstand, dass es eine komplett selbstproduzierte Platte ist.Warum hat sich nicht mehr so wie beim Vorgänger „White Crosses“ Starproduzent Butch Vig an die Regler gesetzt?Das war einfach dem Umstand geschuldet, dass wir nicht mehr mit einem Majorlabel zusammenarbeiten. Entsprechend kleiner war das Budget.War der Druck vor den Aufnahmen dieses Mal besonders hoch, weil ihr quasi zum D.I.Y.-Stil zurückgekehrt seid?Nein. Druck ist ja immer da, wenn du ein Album machst. Es ist doch so, ich will Platten aufnehmen und produzieren. Das ist alles, was ich als Musikerin will. Seit jeher. Und da geht es mir nicht in erster Linie um D.I.Y. oder um das „Wie“. Da geht es mir darum, dass ich überhaupt ein Album aufnehmen kann. Aber immerhin, „Against Me! Is Reinventing Axl Rose“, unsere erste Platte, war damals, 2002, auf jeden Fall und zu 100% D.I.Y.! „Transgender Dysphoria Blues“ dreht sich nicht nur dem Namen nach, sondern auch in fast allen Songs um deine Geschlechtsumwandlung. Normalerweise, so könnte man meinen, müsstest du doch jetzt glücklich sein, diese Umwandlung abgeschlossen zu haben und endlich die zu sein, die du gefühlsmäßig schon immer warst. Die Songs aber klingen durchweg wütend. So wie ein Mittelfinger an alle, die diesen Schritt vielleicht nicht verstehen.Nein. Das war gar nicht die Art und Weise, wie ich über die Songs nachgedacht habe. Beim Schreiben geht es für mich natürlich immer darum, was ich gerade durchmache und was ich fühle. Aber ich habe im Fall von „Transgender Dysphoria Blues“ nicht im Sinn gehabt, etwas Wütendes zu schreiben.Anders gefragt, ist dieses Album eine Art Katharsis für dich gewesen – eine Gelegenheit, dir alles in der Vergangenheit Erlebte von der Seele zu schreiben?Ja. Auf jeden Fall.Du bist fest verwurzelt im Punk und kannst dieses Genre entsprechend gut beurteilen. Inwiefern ist die überbetonte Männlichkeit ein Problem innerhalb der Szene?Sie ist manchmal schon ein Problem. Ich habe mich von Anfang an dieser Szene zugewendet und fühlte mich von ihr angezogen – eben weil sie als besonders tolerant und allen Menschen gegenüber offen gilt. Und das ist sie ja auch. Dennoch, manchmal ist sie schon sehr männlich dominiert. Da fühle ich mich ab und zu eher in Highschool-Zeiten zurückversetzt, haha. Aber ich versuche dagegen anzukämpfen. Gegen Stereotype und Geschlechtsnormen. Gegen all diesen Mist.Als Frontfrau einer erfolgreichen Band stehst du natürlich im Fokus der Öffentlichkeit. Wie groß ist die Angst davor, nach deiner Geschlechtsumwandlung zu einer viel, vielleicht zuviel beachteten Ikone der Transgender-Bewegung zu werden?Daran verschwende ich keinen Gedanken. Ich denke nicht darüber nach, wie die Öffentlichkeit eventuell über mein Privatleben denken könnte. Wenn ich das tun würde, müsste ich mich ja umbringen, haha.Was hat sich für dich in Sachen Songwriting geändert?Überhaupt nichts. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich über Dinge, die mich berühren und anrühren. Das war schon immer so.Gab es innerhalb der Band Diskussionen darüber, dass sich „Transgender Dysphoria Blues“ explizit mit deiner Geschlechtsumwandlung befasst?Nein, nicht wirklich. Über dieses Thema haben wir eher geredet, nachdem ich mein Coming-out hatte. Die anderen Bandmitglieder haben mir immer alle Freiheiten gelassen, über das zu schreiben, worüber ich schreiben will, und all das in den Songs zu sagen, was ich sagen will. Da war es immer schon vollkommen egal, um was es letztlich ging.Nervt es dich, immer wieder und wieder auf deine Geschlechtsumwandlung angesprochen zu werden?Na ja, natürlich komme ich nicht um dieses Thema herum, wenn ich Interviews zum Album gebe. Aber ja, manchmal nervt das schon.Auf dem vorigen Album „White Crosses“ singst du „I was a teenage anarchist“. In der Vergangenheitsform. Was macht Punk dann heutzutage aus, wenn nicht der Glaube an Revolution und Anarchie?Oh, das weiß ich nicht. Die Frage, was Punk ist oder ausmacht, spielt für mich keine Rolle. Ich bin einfach glücklich, mein Leben so führen zu können, wie ich es tue. Natürlich, Punk hat mein Leben verändert. Für immer. Von daher ist er für mich sehr, sehr wichtig. Aber für mich wäre es kein Punk, in einem Interview zu erklären, was Punk für mich bedeutet oder wie er heutzutage aussieht.
 

Reviews

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #121 / Frank Weiffen

23 Live Sex Acts

Über Sinn und Unsinn von Live-Alben lässt sich – „It’s Alive“ von den RAMONES natürlich ausgenommen! – trefflich streiten. Eigentlich braucht sie kein Mensch. Denn wenn eine Band gute Songs hat, dann weiß man das auch so.Und wenn man diese Band dann live erleben will, geht man zum Konzert. Punkt. Ein Konzert auf Platte ist dagegen nichts anderes als eine Ansammlung von im besten Falle geliebten Songs, die von einer Band schlechter als im perfekt-sterilen Studiorahmen gespielt werden.Beim Konzert interessiert der Qualitätsverlust natürlich keinen. Denn da zählt die Konsequenz, die Begeisterung, mit der sich die Band durch das Set wühlt – ein Drumherum, das auf Platte verloren geht.Konzerte sind eben nicht reproduzierbar. Insofern müssen Live-Alben mit anderen Maßstäben gemessen werden. Man muss auf Details achten, die sie hörenswert machen. Und immerhin: Bei AGAINST ME! sind diese Details vorhanden.Da ist das wundervoll verlängerte, grandiose Eröffnungsriff von „I was a teenage anarchist“. Oder die hörbare Wut, die Laura Jane Grace in den Song ihres eigenen Lebens legt, „True trans soul rebel“.Insofern: Diese Platte braucht kein Mensch. Zumal sie ein wenig wie dahingerotzt aufgenommen klingt mit ihrem gar nicht mal so guten Sound. Aber sie vermittelt zumindest stellenweise eine Ahnung, was für eine grandiose Live-Combo AGAINST ME! sind.Und jetzt: Konzertkarte kaufen!

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #68 / Bodo Unbroken

Americans Abroad!!! Against Me!!! Live in London!!! CD

Wie wir bereits aus dem letzten Heft wissen, ist dieses AGAINST ME!-Album das vorerst letzte für ein Indielabel. Und wie bei Abschieden von Fat üblich, dürfen auch AM! sich noch mal dort beweisen, wo sie sich am wohlsten fühlen: Auf der Bühne. Über Sinn und Unsinn eines Livealbums kann man sicher streiten. Ich persönlich bin eigentlich kein Fan von davon und empfehle jedem, lieber selbst zu einer AM!-Show zu gehen. Trotz guter Tonqualität verliert ein Livemitschnitt nämlich jegliche Art von Intensität, die so typisch ist für die Band aus Gainsville, Florida und man kann anhand der vielen schönen Live-Bilder im Booklet nur erahnen, welche Kraft und Energie bei diesem Londoner Konzert freigesetzt wurden. Von allen ihren drei Alben spielt die Band ein Potpourri an Songs. Was ich vermisse, sind allein die großartigen Akustikstücke, die Sänger Tom Gabel sonst gerne mal zum Besten gibt. Aber man kann nicht alles haben. Der brandneue Titelsong, mit dem schönen Refrain "Americans abraod / I hope I'm not like them" sollte als Vorgeschmack für das im nächsten Jahr bevorstehende Majordebüt genügen.

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #53 / Joachim Hiller

As The Eternal Cowboy LP/CD

Die aus Florida stammenden und bislang via No Idea veröffentlichenden AGAINST ME waren ja schon in der Vergangenheit ausgesprochen positiv aufgefallen, doch mit ihrem Fat Wreck-Debüt "As The Eternal Cowboy" hat sich die schon 1997 in Gainesville gegründete Band selbst übertroffen.Ihr neuer Longplayer ist eine mitreißende Mixtur aus Punk (CLASH und STIFF LITTLE FINGERS lassen grüßen, aber auch ihre Kollegen HOT WATER MUSIC), klassischen Stilen wie Folk und Blues sowie Singer/Songwriter à la Billy Bragg - und nicht vergessen werden darf auch der Einfluss der REPLACEMENTS, weshalb die Band in Memphis, TN im Ardent-Studio aufnahm, wo die Gitarrenrocklegende aus Minneapolis einst "Pleased To Meet Me" einspielte.Zusammen genommen ergibt das ein sehr warmes, mitreißendes, stellenweise sogar hymnisches Album mit vielen akustischen Passagen (sprich: Gitarre und Gesang), und zusammen mit den ARRIVALS sind AGAINST ME für mich derzeit eine der besten Bands dieses Kalibers.Ein wirklich herausragendes, wenn auch etwas kurzes Album. (25:02) (8)

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #73 / Bodo Unbroken

New Wave CD

Verdenken kann man es AGAINST ME! nicht, dass sich die Band nach zehn Jahren im Untergrund letztlich doch dazu entschlossen hat, labeltechnisch auch mal andere Gefilde zu betreten. Trotzdem birgt der Entschluss, sich als Künstler unter die Fittiche eines Majors zu begeben, immer auch Gefahren, entspricht er doch in den Augen einiger Hartgesottener nicht im Ansatz dem stets propagierten anarchistischen Band-Ideal. Und in der Tat kann man sich die sympathischen Normalos, die die vier nun mal alle sind, einfach schlecht dabei vorstellen, wie sie sich mit der A&R-Abteilung eines Multis über ihr eigenes Musik- und Ästhetikniveau austauschen. Aber, das vorweg, künstlerisch behält das Quartett aus Gainesville die gleich hohen Ansprüche, die sie von jeher nicht nur an sich, sondern auch an seine Zuhörer stellt. Was an "New Wave" zunächst auffällt, ist die klar kürzere Spielzeit von knapp über dreißig Minuten. Und ja, die Songs klingen glatter und eingängiger als alles, was AGAINST ME! bisher veröffentlicht hat - der Einsatz von Butch Vig hat da zu einer leichten Überproduktion geführt. War das, wenn überhaupt irgendetwas, aber nicht zu erwarten gewesen? Und war im Grunde genommen nicht jedes AM!-Album eine Ansammlung einfacher, mitreißender Hits? Was wirklich zählt, ist, dass die Band sich auf diesem Majordebüt nicht hat verbiegen lassen. Nein, sie geht - frei nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" - sowohl textlich als auch musikalisch in die Offensive. So plädiert man auf dem Titeltrack, der ganz symbolisch mit einem Glockenschlag beginnt, um wirklich jedem klar zu machen, dass jetzt die Ohren für eine wichtige Ansage aufzusperren sind, dafür, wachsam einzutreten für das, was einem wirklich am Herzen liegt. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Zeichen, dass sich AM! durchaus darüber im Klaren ist, dass das Unternehmen Majordeal und alles, was damit zusammenhängt, auch gehörig nach hinten losgehen kann. Die drei folgenden Tracks, "Up the cuts", "Thrash unreal" und "White people for peace" bieten jedenfalls keinerlei Verschnaufpause und bilden, ähnlich einem AM!-Live-Set, eine kompakte, stimmungsvolle Einheit. Sie sind allesamt eingängige Rockstomper, denen es an spielerischem Punk-Verve nicht mangelt. Den Aufhänger von "White people for peace", einem klassischen Protestsong gegen den aktuellen US-Kriegswahn, bildet ein SOCIAL DISTORTION nicht unähnliches Gitarrenriff. Ein Vergleich, den sich die Band, wie sie auf Nachfrage bestätigt, schon öfter anhören musste, was die Qualität dieser ersten Singleauskopplung aber nicht schmälert. In der Uptempo-Nummer "Stop" diskutiert Sänger Tom Gabel im Selbstgespräch die eigene Position als Künstler und verheimlicht nicht, dass ihn manchmal das Gefühl überkommt, nur noch Konsumgutlieferant für Kaufwütige zu sein. Der Refrain "Stop, take some time to think / Figure out what it's important to you" ist jedenfalls bewusst doppeldeutig, auch als Aufforderung in Richtung ihrer Fans zu verstehen. Das folgende "Borne on the FM waves" ist ein emotionales Duett mit Tegan Quin, deren Duo TEGAN AND SARAH - welch Wunder - mittlerweile übrigens auch bei Warner/Sire unter Vertrag steht. Der Song ist einer der ruhigsten, zumindest zu Beginn, denn so wie die Lyrics von der schwindenden Euphorie einer Fernbeziehung erzählen, nimmt die musikalische Intensität des Songs diametral zu. Nach dem ebenfalls gradlinigen "Piss and vinegar" und dem schon vom Farewell-Album von Fat bekannten "Americans abroad", schließt "New Wave" mit zwei Songs, die so rein gar nicht zu dem kratzigen Melody-Punk mit VIOLENT FEMMES-Note der ersten acht Lieder zu passen scheint, womit wir wieder bei der eingangs erwähnten musikalischen Offensive wären. "New Wave" ist, wie der Titel andeutet, nämlich auch auf dieser Ebene eine Herausforderung und die Songs "Animal" und "The ocean" sind beides langsame, schwere Stücke, die im Falle von "The ocean" durch den kalten, repetitiven Charakter sogar auch leichte Industrial-Züge aufweisen. Und genau dieser mutige Vorstoß macht diese Songs neben ihrer musikalischen Klasse so hörenswert. Auch wenn viele mit den beiden eher untypischen Strukturen wenig anfangen werden können, stellen die Songs doch das Herzstück dieses Albums dar, da sie eines unmissverständlich zu verstehen geben: Auf das "Wie" kommt es an, nicht auf das "Wo". Und wie immer sich AGAINST ME! künstlerisch in Zukunft auch entwickelt, die Band wird es in der Art und Weise tun, wie sie es für richtig hält. Und gerade wegen dieser klaren, seit Jahren beibehaltenen Linie ist "New Wave" genauso, wie jedes andere ihrer Alben davor auch, verdammt gut.

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #48 / Florian Vogel

Reinventing Axl Rose CD

Ganz großes Cover!!! Dem Titel entsprechend gibt es einen gezeichneten Axl Rose inklusive ekligem Kopftuch und langer Matte zu sehen, bei dem man sich ein Schmunzeln schwer verkneifen kann, was bei No Idea ja allerdings nichts Neues ist. Aber nicht nur die künstlerische Gestaltung ist super, auch der Sound der vier Herren aus Gainesville (wie sollte es bei No Idea auch anders sein) kann voll überzeugen. Das hier klingt alles so wunderbar rauh, natürlich und ehrlich, dass man das einfach mögen muss. Und auch der Vergleich zu HOT WATER MUSIC passt hier wieder, nicht zuletzt wegen der geographischen Nähe. Dem ganzen wird dann noch eine Prise Folk beigemischt - das Info führt hier Billy Bragg, THE CLASH und die STIFF LITTLE FINGERS als Referenzen an - was den Sound schön auflockert und nicht nur in eine Richtung laufen lässt. Auch textlich sehr gelungen, denn neben dem einen oder anderen Augenzwinkern lässt sich auch beispielsweise Kritik an den USA finden, so etwa bei "The Politics Of Starving". Alles in allem also eine sehr gelungene Scheibe, die auf ihre eigene Weise frisch und unverbraucht klingt, dabei aber nie ihre Vorbilder leugnet. Wie (fast) alles auf No Idea sind auch diese 11 Songs ihr Geld wert. Unbedingt mal anhören! (31:03) (8/10)

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #62 / Bodo Unbroken

Searching For A Former Clarity CD

Was hat es für einen Aufschrei in der US-Untergrund-Szene gegeben, als AGAINST ME! 2003 vom Indielabel No Idea zum bei Hardlinern verhassten Punk-Krösus Fat Wreck wechselten. Verrat war der Vorwurf, wüste Hetztiraden und zerstochene Tourbusreifen nur einige der Folgen. An einer Band wie AGAINST ME!, die ihre Protestphilosophie lebt wie kaum eine andere, konnte das nicht spurlos vorbeigehen, wie nicht zuletzt die DVD "We're never going home" 2004 bewies. Böse Zungen legten die dokumentierte Ablehnung der um die Band buhlenden Multis zwar böswillig als Beschwichtigung der alten Basis aus, doch vielmehr wurde deutlich, dass sich die Band, abgenabelt und entfremdet, neu finden musste. Was hat das jetzt mit der neuen Platte zu tun? Nun, sie ist das, was eben diesen Findungsprozess ausmacht beziehungsweise stellt diesen vielmehr dar. Dass AGAINST ME! mehr zu sagen haben als andere Bands, war bekannt. Reichten bisher aber knapp zwanzig Minuten für treibenden Protest mit angepunkter VIOLENT FEMMES-Note aus, sind es auf "Searching For A Former Clarity" fast fünfzig. Und das aus gutem Grund: War der Vorgänger neben politischen noch stark von privaten Problemen geprägt, besteht das neue Album aus einem Potpourri an Themen, von denen sich die Band durch eben ihre musikalische Auseinandersetzung freizumachen versucht. Schwerpunkte bleiben Politik ("From her lips to god's ears", "Justin") und Entfremdung jeglicher Art ("Mediocrity gets you pears", "How low", "Don't lose touch") und werden genau mit der Schwarz-weiß-Polemik vorgetragen, mit der die Band selber die letzten Jahre unfreiwillig konfrontiert wurde. Den Auftakt dazu macht ein ungewohnt sperriger Einstieg ("Miami"), der die Hardcore-Hardliner durch den Einsatz von Saxophon und Trompete gleich zu Beginn auf die auf dem Cover abgebildete Palme bringen wird. Die Message ist klar: Abschalten oder Augen zu und durch. Und siehe da, ab dem zweiten Song, dem, wie auch drei weiteren, nach epischem Vorbild in Klammern eine genaue Bezeichnung (in diesem Fall "The shaker") beigefügt wurde, um vorab zu verdeutlichen um welche Art Lied es sich hier genau handelt, ist klar, dass AGAINST ME! ihren von den bis dato bekannten Veröffentlichungen eingeschlagen künstlerischen Weg nicht nur verfolgen, sondern erweitern. Einfache Songs, die mit hoher Singer/Songwriter-Qualität perfekt inszeniert und mit viel Herz in gewohnter Stakkato-Manier glaubhaft auf den Punkt gebracht werden, sind das eine. Sich langsam entwickelnde Songs, die die gewohnte Zwei-Minuten-Grenze überschreiten, bleiben dem gegenüber gewagte Ausnahmen, wirken aber nie aufgesetzt. Der Höhepunkt befindet sich in nahezu der Mitte des Albums. "Joy" heißt der bereits von der DVD bekannte Song, der zwischen all den großen Themen, mit einem Wort das beschreibt, worum es dieser Band im Grunde genommen ganz simpel und trotz widrigster Umstände immer geht: um Spaß. Kein Wunder, dass Sänger Tom Gabel den Song allein mit der Akustikgitarre vorträgt. Nach vierzehn Songs, die wie jegliches Vorgängermaterial mit einfachsten Melodien und Doppelgesang begeistern sowie gewohnt zum Mitklatschen animieren, löst sich der konzeptuelle Knoten nahezu kathartisch. Die im Titel beschworene Suche nach Klarheit war angeblich nur von Außen in den Mund gelegt. Die im Song "How low" ausgesprochene Aussage, niemanden zu haben, dem man vertrauen könnte, sollten AGAINST ME! mit diesem Album aber selber revidieren können. Sie haben zumindest sich selbst. (47:06)

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #51 / Joachim Hiller

The Disco Before The Breakdown MCD

Drei neue Songs der Band aus Gainesville, FL, die nicht nur aus geographischen Gründen wohl damit leben muss, den HOT WATER MUSIC-Vergleich angedreht zu bekommen. Rauher, aber auch folkig angehauchter Punkrock der guten Sorte mit einem Sänger, der eine schön kehlig-derbe Stimme hat.Die ersten beiden Songs sind auf jeden Fall ihr Geld wert, der dritte ist nur Gitarre und Gesang und muss echt nicht sein. Eher was für uns, dem Rest sei erstmal das Album ans Herz gelegt.(8:56) (7/10)

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #85 / Joachim Hiller

The Original Cowboy

2003 machte sich AGAINST ME!, jene von manchen Fans schon beinahe manisch verehrte Band aus Florida, erstmals unbeliebt, als sie beim von engstirnigen Menschen als „Kommerzlabel" verschrieenen Indie Fat Wreck unterschrieben.Verwunderlich eigentlich, dass keine Selbstmordwelle folgte, als Tom Gabel & Co. Jahre später die wirkliche Todsünde begingen: den Majordeal. „As The Eternal Cowboy" war der Titel des Fat Wreck-Debüts, und „The Original Cowboy" ist nun der Titel der neun Songs umfassenden Aufnahmesession vom 15.Juli 2003, als AGAINST ME! mit Rob McGregor im Goldentone-Studio in Vorbereitung der eigentlichen Albumaufnahmen die Songs in einem Rutsch runterspielten. Das Ergebnis klingt rauher als die spätere Album-Produktion und eher nach einer sehr guten Live-Aufnahme, gibt die Band aber unmittelbarer wieder, und so ist „The Original Cowboy" für jeden Fan definitiv die Investition wert.

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #112 / Frank Weiffen

Transgender Dysphoria Blues

Einem Album wie „Transgender Dysphoria Blues“ kann man sich nicht primär aus der musikalischen Perspektive nähern. Einschätzungen wie „gute Musik“ oder „tolle Songs“ reichen nicht aus, um den Nachfolger von „White Crosses“ (2010) zu bewerten.Dazu ist „Transgender Dysphoria Blues“ einfach zu persönlich und eng verknüpft mit dem, was Laura Jane Grace in den vergangenen Jahren erlebte, als sie von Frontmann Tom Gabel zu Frontfrau Laura Jane Grace wurde.Beinahe jeder Song erzählt diese Geschichte. Und kein einziger hört sich auch nur ansatzweise versöhnlich an – was gut für den Hörer ist und schrecklich für Gabel/Grace gewesen sein dürfte.„Transgender Dysphoria Blues“ ist Wut. Reine Verzweiflung. Es ist die schonungslose Abrechnung mit einem Leben, das es nicht mehr gibt und das Laura Jane Grace so unfassbar tief gehasst haben muss, dass man sich fragt, wie sie es damals geschafft hat zu überleben.Wie sie es geschafft hat, sich nicht umzubringen. „Transgender Dysphoria Blues“ ist das Dokument eines Martyriums in mehreren Kapiteln. Im Titelstück stellt sich die Protagonistin im falschen, im männlichen Körper die Frage, warum denn verdammt nochmal niemand erkennt, was und wer sie eigentlich ist.„You want them to notice the ragged ends of your summer dress. You want them to see you like they see any other girl“, singt Laura zum trotzigen Stakkato-Marsch des Schlagzeugs. In „True trans soul rebel“, der ersten Single, läuft sie – verzweifelt nach Gleichgesinnten und Akzeptanz suchend – durch die Nacht.Dabei fragt sie sich ebenso flehend wie religiöse Dogmen bitter verlachend, ob Gott sich wohl ihrer erbarmen könnte, obwohl sie doch mit der Transsexualität die pure Sünde verkörpert. Noch erschreckender ist „Drinking with the jocks“: Es gewährt einen Blick in die Gedanken einer Frau, die im Körper eines Mannes steckt und sich aus Angst und Scham an den derben Witzen ihrer „Kumpels“ über Schwule und Transsexuelle beteiligt.Sie verachtet sich dafür selbst. In „Paralytic state of dependency“ wiederum ritzt sich ein junges Mädchen die Arme auf, schaut dabei in den Spiegel – und sieht bis zum letzten Atemzug doch nichts anderes als „her mother’s son“.Und ganz am Ende dann, in „Black me out“, wünscht sich Laura nichts mehr, als all jenen, die sie verlachen, die Pest an den Hals. Auch wenn sich einige Songs mit der nach wie vor aktuellen Flüchtlings- und Kriegsproblematik („Osama bin Laden as the crucified christ“) oder der Trauer um verstorbene Freunde beschäftigen („Dead friend“) – was am Ende bleibt, ist doch nichts anderes als Bestürzung über diesen „Transgender Dysphoria Blues“, den es übrigens als pathologischen Befund in der Psychologie tatsächlich gibt.Genau diese Bestürzung macht das Album zu einer großartigen, und nicht nur zu einer guten Platte. Der Punkrock allein, der von solide („Black me out“, „Unconditional love“) bis hervorragend klingt („True trans soul rebel“, „Drinking with the jocks“) schafft das nicht.Der kann nur stellenweise mithalten mit dem, was das Album über Riffs hinaus zu einem intensiven Erlebnis werden lässt. Ergo: Musik (6) plus Konzept (10) geteilt durch zwei ergibt: (8)

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #58 / Joachim Hiller

We're Never Going Home DVD

Einmal die Eastcoast rauf und runter, rüber nach Detroit und wieder zurück, ein Freund mit Kamera immer mit dabei, vor dem Konzert, beim Konzert, danach und die restliche Zeit auch noch: AGAINST ME haben hiermit ihre Version von "Another State Of Mind" gedreht, einen sympathischen Roadmovie von der Tour, die letztes im April 2004 stattfand.Spaßige Auftritte, lange Autofahrten, Tattoo-Termine, Saufszenen, die Band im Hotelpool und vor allem viele Interview-Parts - so macht das Spaß, so macht eine DVD Sinn. Erhellend und weniger sympathisch, wenn man mitbekommt, wie auf dieser Tour Vertreter aller drei Majorlabels die Band umgarnten und diese sich nicht zu schade ist, sich schon mal präventiv die üblichen Ausflüchte zurechtzulegen, die Bands anbringen, wenn sie dann doch ihre Seele verkaufen ...Aber, wie Fat Wreck im Info schreibt, hat sich die Band mittlerweile entschieden, Fat Mike treu zu bleiben.

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #90 / Bodo Unbroken

White Crosses

„Früher war alles anders“, hört man den gemeinen AM!-Aficcionado sich gerne mal ob der musikalischen Entwicklung seiner Lieblingsband beklagen. Damit liegt man dann auch nicht ganz daneben. Denn der Sound, den die Band seit geraumer Zeit pflegt, hat so gut wie nichts mehr mit dem einst so typischen musikalischen Schliff zu tun.Dass bei der oft sehr emotional geführten Fan-Auseinandersetzung die Betrachtung des künstlerischen Werkes an sich ins Hintertreffen gerät, fiel vielen schon beim letzten Album erst in der Retrospektive auf.Die Musik ist nämlich, Majordeal hin oder her, nach wie vor qualitativ über jegliche Kritik erhaben. Und nein, von dem auf „New Wave“ eingeschlagenen Weg gibt es kein Zurück. Aber hat das wirklich jemand erwartet?! „White Crosses“ bietet demnach angepunkten Rock in all seinen Facetten.Als da wären Songs, die auch auf „New Wave“ hätten erscheinen können, wie das hymnische (unschwer zu deutende) „I was a teenage anarchist“ oder der nicht minder eingängige Titelsong. Daneben gibt es Songs, die in Richtung Indierock gehen, wie das eher sentimentale „Ache with me“ oder das an THE SMITHS erinnernde „High pressure low“.Ja, und eben der Rest, der sich – und jetzt bitte alle unter Bluthochdruck leidenden hinsetzen – an Streetpunk à la ANTI FLAG orientiert (zum Beispiel „Rapid decompression“) und dementsprechend etwas gewöhnungsbedürftig ist.Aber, Entwarnung: Alles halb so schlimm. Nach ein paar Durchläufen ist auch dieser Drops gelutscht. Was bleibt, ist ein etwas zu glatt gebügeltes aber erfrischendes Album mit zehn abwechslungsreichen Songs und die Erkenntnis, dass es auch die Mischung mitunter machen kann.Wer jetzt wieder mit „aber früher...“ ankommt, der soll die letzten Sommer über Fat Wreck erschienenen Demoaufnahmen „The Original Cowboy“ einwerfen oder sich auf die nächste AM!-Show freuen.Oder einfach ins Kissen weinen.

 

AGAINST ME!

© Ox Fanzine #99 / Joachim Hiller

White Crosses/Black Crosses

Irgendwie hatte man immer ein ungutes Gefühl beim Majordeal von AGAINST ME!, die im Vorfeld von „New Wave“ (2007) ja massiv von Labels umworben wurden und sich schließlich auf einen Deal mit Sire/Warner einließen.Jenseits aller Missbilligung dessen durch alte Fans scheint irgendwas im Verhältnis zum Label faul gewesen zu sein, so dass Tom Gabel & Co. im Herbst 2010 die Notbremse zogen und man das Vertragsverhältnis beendete.Letztlich muss das im wie auch immer gearteten „gegenseitigen Einverständnis“ erfolgt sein, denn sonst wäre es kaum möglich gewesen, nur wenig mehr als ein Jahr später das Album auf einem neuen Label aufzulegen, wie es nun mit „White Crosses/Black Crosses“ auf Xtra Mile aus England der Fall ist.Andere Bands hatten nach solchen Konflikten weniger Glück, man denke nur an SAMIAM, deren Atlantic-Album „Clumsy“ in den USA bis heute nicht wieder erhältlich ist. Wie dem auch sei, mit dieser Doppel-CD und Dreifach-LP werden all jene bestraft, die das Album damals nach Erscheinen kauften, gibt es hier doch auf der ersten CD neben den zehn regulären Tracks noch vier weitere aus der Aufnahmesession mit Butch Vig, und auf der zweiten CD („Black Crosses“) gibt es noch 14 (!) Bonus-Nummern, beispielsweise eine Akustikversion von „I was a teenage anarchist“.Genau genommen muss man all diese Extras nicht besitzen, es sei denn man ist fanatischer Fan, aber schaden tut es auch nichts. Wer hat das fünfte AM!-Album also bislang nicht besaß, ist hiermit bestens bedient.

 

Konzert

Event Foto

UNDERTONES

Jun.
9
2016