KassiererTourdaten, Infos, Interviews, Reviews

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06.05.2016
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Genre

Shows

195 Shows in 84 Städten / 3 Ländern

Zeitraum

25.06.2004 - 16.12.2016

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16.04.2016 - DE-Neunkirchen, Antattack Festival

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Interviews

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KASSIERER - Kunst und Kultur

Es soll ja Menschen ausserhalb des Ruhrgebietes geben, die nicht so ganz nachvollziehen können bzw. wollen, was zwischen Duisburg und Dortmund so abgeht und wie sonst ganz normale, vernünftige und friedliche Liebhaber guter Musik eine Band wie die KASSIERER abfeiern können - von den LOKALMATADOREN und EISENPIMMEL ganz zu schweigen ... "Musik für beide Ohren" heisst das neue Album des Quartetts aus Wölfi, Volker Kampfgarten, Mitch Maestro und Nicolai Sonnenscheisse, und Wölfi sowie Nico standen mir unlängst in der heimlichen KASSIERER-Zentrale, dem Plattenladen "Dirty Faces" unweit des Bochumer Hauptbahnhofes, Rede und AntwortSonst geht´s euch gut?Nico: "Bestens!"Wölfi: "Bestens!"Was für Probleme muss man haben, um bei den KASSIERERN tätig zu werden?Wölfi: "Ich denke, dass eigentlich das Losgelöstsein von allem Irdischen die Voraussetzung dafür ist, um derartige künstlerische Grosstaten zu vollbringen wie für die KASSIERER zu spielen. Das bedeutet, dass insbesondere finanzielle Unabhängigkeit, Gesundheit und geistiges Wohlbefinden unmittelbare Voraussetzungen sind, um diesen gelebten oder gesungenen gotischen Dom entstehen zu lassen. Insofern ist die Voraussetzung zum Musizieren, dass wir keine Probleme haben."Kann ich dem entnehmen, dass viele der Themen, die ihr in euren Texten behandelt, gar nicht aus dem realen Leben der Akteure gegriffen sind?Wölfi: "Richtig, das haben wir zum Grossteil von den normalen Menschen über das Hörensagen oder Sagenhören adaptiert."Nico: "Wir sind derzeit auch noch dabei, das alles noch weiter zu vereinfachen. Wolfgang arbeitet an einem Computerprogramm, das nach dem Eingeben einfacher Begriffe vollständige KASSIERER-Texte ausgibt."Wölfi: "In seiner endgültigen Ausbaustufe soll die Software sogar in der Lage sein, sich die Begriffe selbst aus dem Internet zu laden und wir wären dann auch noch von unserer grössten Last befreit, nämlich der, Texte zu schreiben."Wenn ich nun auf die textlichen Schwerpunkte eingehen darf, so ist zu konstatieren, dass sich da so manches auf orale, anale und vaginale Themen konzentriert.Wölfi: "Findest du? Ich denke gar nicht, dass wir bestimmten Schwerpunkten nachgehen, sondern vielmehr, dass wir eben das Leben so vertonen, wie wir es vom Hörensagen oder Sagenhören kennen. Klar, es gibt auch ein paar Ficktexte, aber die haben wir nur, um die Platte auch zu verkaufen. Unser "wahrer" Inhalt liegt in den anderen Texten, und wenn man es mal statistisch erfasst, wird der Anteil der Ficktexte bei uns 95% bei einer LP respektive CD nie überschreiten."Ich denke, mit den 5% "anderen" Texten ist der kulturelle Wert dann auch gesichert.Wölfi: "Natürlich, die klassische 5%-Hürde eben."Gab es denn schon Reaktionen zum neuen Album? Ich denke da besonders an einen Herren namens Thomas Wenner, bei dem es sich wohl um den Bochumer Polizeipräsidenten handelt.Wölfi: "Richtig, das ist der Bochumer Polizeipräsident. Und der wird in diesem Lied ausgiebig gelobt. Ich denke, dass gerade diese lobende Auseinandersetzung mit der Staatsmacht ein Zeichen setzen kann."Nico: "Wir wollten mit dieser Platte einfach mal konstruktiv unsere Stimme erheben."Wölfi: "Ich möchte bei dieser Gelegenheit nochmal zum Anfang unserer Interviews zurückkehren: Das künstlerische Schaffen bedingt, dass man von allen irdischen Dingen losgelöst lebt. Und dazu wiederum trägt Thomas Wenner einen grossen Teil bei. Man muss nämlich in Bochum keine Angst haben auf die Strasse zu gehen, man muss keine Angst haben vor Schlägereien, Überfällen etc., denn Thomas Wenner sorgt mit seinen grün gekleideten Staffeln dafür, dass in Bochum wieder Freiheit herrscht. Freiheit, das bedeutet ja nicht nur Freiheit zu, sondern auch Freiheit von, von Dieben, Rowdys und sonstigem Gesindel. Das ist ja gerade dieser Freiheitsansatz, der von vielen falsch verstanden wird: da ist schnell die Rede davon, dass man sich vom Staat überwacht fühlt und so, aber das ist ja völliger Quatsch. Der Staat, der für die Sicherheit des Bürgers sorgt, sorgt damit auch für die Freiheit des Bürgers. Und somit mussten wir einfach dieses Loblied auf unseren Polizeipräsidenten Thomas Wenner anstimmen."Mit einem rechtspopulistischen Ansinnen eurerseits hat man es also keinesfalls zu tun?Wölfi: "Nein, ich bitte dich! Das wäre ja schon Protest!"Nico: "Darüberhinaus wollten wir ja auch auf das aussergewöhnlich gute Aussehen von Herrn Wenner hinweisen."Wölfi: "Richtig, denn bei einem Polizeipräsidenten ist ja nicht nur wichtig, dass es für Sicherheit sorgt, sondern auch, dass er schön aussieht und Ausstrahlung und Charisma hat."Wolfgang, dich verbindet mit diesem Herren ja schon seit langem eine innige Beziehung. So weit ich weiss, gibt es hier in Bochum öffentliche Plätze, auf denen Angehörige gewisser sozialer Gruppen nicht so gerne gesehen sind.Wölfi: "Sagen wir es so: ich hatte in der Vergangenheit einen Briefwechsel mit Herrn Wenner, um den mich sicher einige beneiden werden. Es gab da dieses Vorkommnis, dass ich hier in Bochum anlässlich eines so genannten "Punktreffens" einen Platzverweis bekam, der dann aber im Rahmen eines verwaltungsgerichtlichen Verfahrens zurückgenommen wurde, ja es wurde sogar festgestellt, dass ich mich bei allen zukünftigen "Punktreffen" - die seitdem in Bochum nicht mehr stattgefunden haben - aufhalten darf, es sei denn, dass ich "besoffen herumsitze und herumliege sowie gröle"."Ach was! Hast du das denn jemals gemacht?Wölfi: "Nein, aber das hat die Polizei von mir behauptet. Das heisst, natürlich sitze und liege ich oft besoffen herum und gröle, aber eben an diesem speziellen Tag nicht, an dem dieses "Punktreffen" war und mir dieser Platzverweis erteilt wurde, da war ich nüchtern. Der Verwaltungsrichter meinte, bevor die Polizei und ich für unsere Position jeweils Unmengen Zeugen beibringen und wir ein langes Verfahren führen, sollten wir lieber einen Vergleich schliessen. Und der sagt eben aus, dass ich mich auf Punktreffen aufhalten darf, so lange ich nicht besoffen herumsitze oder -liege und gröle."Damit ist sicherlich kein Konzert von euch gemeint, oder? Denn ein derartiges Verhalten kenne ich von dir eigentlich nur im Rahmen eurer Performance, die man auch als "Konzert" bezeichnen könnte.Wölfi: "Ja, aber das ist ja laut Gesetz keine öffentliche Versammlung, denn sowas findet unter freiem Himmel statt. Bei einem bedachten Konzert, bedacht natürlich nicht im Sinne von überlegt, sondern in dem Sinn, dass da ein Dach drüber ist, kann ich dann schon besoffen herumsitzen und -liegen sowie grölen - ein Privileg, von dem ich immer wieder gerne und ausführlich Gebrauch mache."Was für Worte reimen sich eigentlich auf Wenner? Mir fallen da gar keine ein.Nico: "Beispielsweise Penner."Wölfi: "Aber dieses Wort kommt in unserem Text ja gar nicht vor. Wir haben in diesem Lied den neumodischen Ansatz des Selbstreims angewandt, dass sich also Wenner auf Wenner reimt. Ich singe ja "Thomas Wenner Wenner Wenner Wenner Wenner". Musiktheoretisch kann ich das aber nicht erklären, denn wenn ich von Musik Ahnung hätte, wäre ich nicht in dieser Band. Aber damit sind wir schon bei einer Grundüberlegung, die ich seit langem verfolge. Ich meine, dass jeder das tun muss, wovon er Ahnung hat, ein ganz konservatives "Schuster bleib bei deinem Leisten" also. Ich finde, dass man die Musik den Musikern überlassen sollte, und so kann ich als Sänger auch nicht sagen, dass das, was die KASSIERER machen, Musik ist."Nico, was sagst du dazu?Nico: "Tut mir leid, dazu kann ich auch nichts sagen. Dazu ist nur Volker befugt, unser grosser Musiktheoretiker."Ich sehe hier gerade einen SPD-Kugelschreiber liegen...Wölfi: "Der gehört nicht mir, sondern Jeschke von Dirty Faces!"Ach so, aber trotzdem ist das eine gute Überleitung zur Frage nach dem Hintergrund des Liedes "Das Skelett von Willy Brantt". Äh, seid ihr zu feige, den Namen korrekt zu schreiben?Wölfi: "Sagen wir so: Bei Frau Seebacher-Brandt, der Witwe des ehemaligen Bundeskanzlers, der eine zufällige Namensgleichheit mit dem von uns besungenen Herrn Brantt aufweist, soll es sich um eine der prozessfreudigsten Frauen der Welt handeln..."Es gibt Stimmen, die behaupten, mit dem neuen Album würden sich die KASSIERER wiederholen.Wölfi: "Anfangs habe ich die Musiker ja gewarnt, wieder ´ne CD zu machen, denn die werde wieder rund, komme wieder in ´ne eckige Packung, aber die haben meine Einwände abgeschmettert."Du willst also sagen, der Vorwurf sei ungerechtfertigt.Wölfi: "Ja, denn der wirkliche Streit in der Punkmusik geht ja nicht darum, neue Themen zu finden, sondern die immer gleichen Themen in immer einfacherer, schlichterer Form auszudrücken. Nehmen wir einfach mal dieses gute, aber komplizierte Lied "Kein Geld für Bier", das wir früher immer gecovert haben: das ist alles noch viel zu kompliziert. Nein, da sind wir mit der neuen Platte ein gutes Stück weiter und "Besoffen sein" stellt da doch einen erheblichen Fortschritt bei der Simplifizierung dar. Mich stört eigentlich nur noch dieses Wort "Warzenschwein" im Refrain, aber sonst ist die Simplifizierung doch sehr geglückt. Ich denke, der wahre Wettstreit in der Punkszene besteht in der immer weiteren Simplifizierung der immer gleichen Themen - wie Ficken und Besoffensein."Und wie würdest du eure Leistung in dieser Hinsicht auf einer Skala von eins bis zehn bewerten?Wölfi: "Ich würde sagen, sie lässt sich, ähnlich wie bei der Richter-Skala, nur auf einer nach oben hin offenen Skala bewerten. Wobei ich dazu anmerken muss, dass mir aufgefallen ist, dass bis vor ein paar Jahren in den Nachrichten bei jedem Erdbeben die Standardfloskel lautete "Dieses Erdbeben erreichte die Stärke soundso auf der nach oben offenen Richterskala". Vor drei Jahren haben sie dann diesen Zusatz "nach oben offen" weggelassen. Da musst du mal drauf achten, und bei diesen Erdbeben neulich konnte man das noch kontrollieren. Ich war weniger erschrocken über die vielen Toten als darüber, dass dieses "nach oben offen" abhanden gekommen ist."Tja, da sollte man mal die Fachleute dazu befragen.Wölfi: "Oder den Herrn Richter. Aber ich glaube, ich habe jetzt ganz gut von einer Antwort auf deine Frage abgelenkt."Äh, stimmt.Nico: "Dann mache ich das jetzt. Ich finde, die neue Platte ist wirklich hervorragend gelungen. Wir haben in einer eindrucksvollen Weise unsere bisherigen Werke übertroffen."Ah ja. Dann werden ja wohl auch die Reaktionen auf eure bisherigen Platten diesmal noch übertroffen werden. Und dazu fällt mir vor allem die Reaktion der BJP, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ein, die ja versucht hatte, euer letztes Album zu indizieren.Wölfi: "Ich denke, die sollen ruhig mal machen. Die ganzen Aktionen gingen ja nicht von denen aus, sondern von diversen Jugendämtern. Ich sehe der Entwicklung diesmal gelassen entgegen, weil eine Indizierung zu einem Zeitpunkt, da drei Sachen nicht indiziert worden sind, sich überwiegend verkaufsfördernd auswirken dürfte."Kannst du kurz mal zusammenfassen, was genau bei der letzten Platte vorgefallen ist?Wölfi: "Es gab einen Antrag des Jugendamts Leipzig, die Platte "Habe Brille" zu indizieren. Dies sollte bei der BJP erst vor einem Gremium von drei Leuten behandelt werden, das für die "schnellen" Sachen zuständig ist, aber das wurde von uns abgewehrt, und so gab es eine Verhandlung vor dem zwölfköpfigen Gremium - bzw. dreizehnköpfig, wenn man die Vorsitzenden dazurechnet - und dort überraschten wir mit einem umfangreichen Gutachten eines Germanisten, was so überraschend kam, dass die BJP ihrerseits beschloss, ein Gutachten in Auftrag zu geben. Dabei handelte es sich um ein psychologisches Gutachten von einem Herrn Poppelreuter aus Bonn..."Nico: "...eine sehr blasse Erscheinung..."Wölfi: "...der zur Bewertung der Platte diese einer Ansammlung von drei Schülerinnen eines Mädchengymnasiums oder sowas vorgelegt hatte. Der kam zum Schluss, die Platte müsse indiziert werden. Von uns gab´s dazu dann ein Gegen-Gegengutachten, und danach löste sich die Sache in Wohlgefallen auf."Nico: "Das Erstaunliche war, dass die BPJS bei der ersten Sitzung gesagt hatte, sie könne die Sache nicht beurteilen, da unser Gutachten sehr fundiert sei. Nach der Indizierungsempfehlung des Herrn Poppelreuter hat dann aber unser Gutachter dessen Gutachten völlig auseinandergenommen, da es wohl auch formale Mängel aufwies."Wölfi: "Schon zuvor, in der Verhandlung, hatte der Poppelreuter seine Argumente aufgegeben, und als wir dann vor der BPJS unser Siegerfoto gemacht haben, schlich er sich mit eingekniffenem Schwanz zur Tür hinaus. Das war ein Bild für die Götter."Wie kommt man an so ein Gutachten?Wölfi: "Sagen wir mal so: Man kennt einen, der kennt jemand, der sowas macht."Nico: "Der Herr heisst Dr. Thomas Hecken, der ist an der Ruhruni hier in Bochum und beschäftigt sich schwerpunktmässig mit dem Thema Zensur. Es war ein glücklicher Zufall, dass wir den kennengelernt haben. Er war auch bei der Sitzung in Bonn anwesend, hat da sein Gutachten vorgestellt, eine halbe Stunde ganz komplizierte Sachen erzählt, die ich überhaupt nicht verstanden habe, und das war´s dann."Wölfi: "Äh, ich hab´ da mal eine ganz andere Frage: Kannst du das Band mal anhalten, damit ich mir noch ein Bier holen kann?Danke."Kein Thema.  So, aufgetankt?Wölfi: "Ja, danke."Nehmt ihr diese BJP-Sache ernst, oder war das für euch eher ein Spielchen à la "KASSIERER vs. Staatsmacht"?Nico: "Sagen wir so: Es ist gar nicht so schlimm indiziert zu werden. Man ist damit ja nicht verboten, sondern es bedeutet, dass die Platten Leuten unter 18 nicht zugänglich gemacht werden dürfen, und es ist durchaus nicht schlecht für den Verkauf."Wie ist es denn mit dem Gefühl für die Wirkung der eigenen Texte? Ich denke, unter Punkern mögen eure Texte zwar deutlich sein, aber wenn man die Leuten vortragen soll, die die eigene Mutter sein könnten, wird das vielleicht etwas komisch.Wölfi: "Wir haben in der Tat vor der Verhandlung bei der BPJS mit unseren Onkeln und Tanten, Omas und Opas geübt. Wie dort üblich haben wir die gesamte Platte bei normaler Lautstärke abgespielt, über die Texte diskutiert, und nur dadurch kam unser Erfolg zustande. Nein, diese Geschichte war frei erfunden."Nico: "Es stimmt aber, dass die Texte in diesem formalen Rahmen doppelt so hart wirken."Wölfi: "Man kann so eine Aktion aber auch zum Anlass nehmen, um sich Anregungen für neue Lieder zu holen. Wenn unser Anwalt nämlich in der Verhandlung sagt, es gebe kein mehr tabuisiertes Thema als Sex im Alter, dann kann dabei eben ein Lied wie "Rudelfick im Altersheim" entstehen."Sehr schön sind ja auch eure instrumentalen Nummern.Wölfi: "Oh ja! Es macht unglaublichen Spass, wenn ein Lied mit provokantem Titel dann gar keinen Text hat. Etwa "Die Scheide von Kristiane Backer": da kramen dann zwölf Rentner fieberhaft in ihren Unterlagen und suchen den Text, um ihn mitlesen zu können, aber finden natürlich nichts. Das bringt eine gewisse Heiterkeit in die Runde. Und das unterscheidet eine Verhandlung dort von einer vor Gericht: es kommt darauf an, die Leute zum Lachen zu bringen, und schon hat man 65 Pluspunkte, und ab 75 hat man gewonnen."Nico: "Genau, denn dieses Zwölfergremium muss mit einer Zweidrittel-Mehrheit beschliessen, dass indiziert wird. Wenn du vier Leute auf deiner Seite hast, können sie nichts mehr machen."Wenn auf euren Konzerten 17jährige picklige Lehrlinge eure Texte inbrünstig mitgrölen und eventuell den satirischen Charakter, in dem sie verfasst wurden, gar nicht so ganz erfassen, wie fühlt man sich da?Wölfi: "Das ist ja eine ganz grundsätzliche Frage: Ist ein Künstler für seine Rezeptionsgeschichte verantwortlich? War Wagner verantwortlich für Hitler?"Äh...Wölfi: "Ich meine jedenfalls, dass unsere Platten als Ganzes gesehen auch für Fünfzehnjährige so viele Botschaften enthalten, dass dieses oder jenes nicht so ganz ernst gemeint ist. Da wird ja viel mit Übertreibung gearbeitet. So bringe ich in einem Text jemanden nicht um, sondern reisse ihm den Arm ab und haue ihm damit vor die Schnauze. Das ist ja rein technisch nicht möglich, und man muss nicht Metzgerlehrling sein, um einschätzen zu können, dass man Arme nicht so einfach abreissen kann. Ich denke also, dass selbst für unser junges Publikum auf niedrigem geistigem Niveau dürften doch Teile unserer Lieder nur ihre lustige Seite haben oder unverständlich und verschlossen bleiben."Nico: "Ich denke, selbst der pickligste, dümmste sechzehnjährige Fleischerlehrling..."Soso...Nico: "...merkt, dass bei den KASSIERERN doch noch ein bisschen was anderes dahintersteckt. Selbst wenn er es nicht versteht, so spürt er es doch irgendwie."Wölfi: "Zumindest haben wir die Hoffnung. Andererseits, und das wurde uns auch bei der BPJS immer wieder gesagt: "Sie wissen gar nicht, wie dumm die Menschen sein können". Ich habe da auch ein Beispiel parat: Als in Bochum vor Jahren das Musical "Starlight Express" anlief, da war es unendlich schlecht besucht und ich hatte doch noch ein so optimistisches Menschenbild, dass ich dachte, das rechnet sich nie. Anfangs kam man da für 12,50 DM rein, weil´s keiner sehen wollte. Doch wenn ich sehe, wie die Leute da mittlerweile reinrennen, bin ich doch erschrocken, wie dumm die Menschen sind. Andererseits laufe ich manchmal da vor dem Theater rum um zu kontrollieren, ob die Leute, die dort hingehen, nicht zu unseren Konzerten kommen, was sich bislang auch bestätigt hat, und insofern habe ich dann durchaus noch Hoffnung."Nico: "Im Falle unseres neuen Stücks "Besoffen sein" finde ich es aber auch durchaus gut, dass man eigentlich nicht weiss, wie´s gemeint ist. Einerseits..."Wölfi: "Jetzt verrätst du es doch!"Nico: "...gibt es bestimmt Leute, die es halbwegs ernst nehmen, wenn sie das mitgrölen, andererseits ist es aber auch die Parodie eines Saufliedes. Und so sprechen wir dann sowohl das simple wie das anspruchsvolle Publikum an."Wölfi: "Ausserdem: Stell dir mal vor, jede künstlerische Darbietung würde sich an der dümmstvorstellbaren Person orientieren, das wäre ja der Niedergang von Kunst und Kultur schlechthin. Ist es nicht eher so, wie mal jemand gesagt hat, dessen Namen ich vergessen habe, dass es Aufgabe der Kultur ist... Also da stecken ja zwei Worte drin, nämlich Kult und Ur, und man muss eben den Menschen für den Kult urbar machen. Da steckt also der Begriff Urbarmachung drin, und wir sind vielleicht insofern auf einem ganz niedrigen Niveau mit unserem Schaffen, als wir eine Urbarmachung für die Kultur an sich betreiben. Und wenn irgend wer später mal meint, uns als Fan aufgeben zu müssen, wird er danach sicher Kant, Goethe und ähnliches lesen."Zwischen "Habe Brille" und "Musik für beide Ohren" habt ihr diese Platte mit Interpretation von Liedern des Wiener Liedermachers Georg Kreisler gemacht. Was gab´s denn da für Reaktionen?Nico: "Überwiegend positive."Wölfi: "Die Platte war ja mehr für die Presse gemacht... Wenn man die positiven Kritiken in Relation zur Verkaufszahl setzt, mus man das einfach so sagen. Aber wir haben die Platte auch mehr für uns selbst gemacht."Nico: "Aber auch, um das Publikum zu überraschen."Wölfi: "Mich wunderte ja sowieso, dass es nicht mehr Platten zu Kreislers 75. Geburtstag gab. Ausser uns war da nur noch die von Mario Adorf, die Kreisler aber selbst Scheisse fand."Ich glaube, ich habe auf meine Frage von vorhin immer noch keine Antwort erhalten. Also: Es gibt Stimmen, die behaupten, mit dem neuen Album würden sich die KASSIERER wiederholen.Wölfi: "Das ist so, als würde man einem Architekten folgende Vorhaltung machen: "Was soll das sein? Ihr neues Haus? Es ist doch wieder aus Stein und Beton"."Nico: "Ausserdem hat die neue Platte so verschiedene Höhepunkte, etwa unser Hörspiel. Ich denke, wir sind einerseits unserem Stil treu geblieben, haben andererseits aber auch neue Akzente gesetzt. Was die Texte anbelangt, so war es schwer, "Habe Brille" noch zu toppen, klar."Wölfi: "Anfangs hatte ich auch die Befürchtung, das neue Album könnte ein Selbstplagiat werden, aber ich denke, das ist sie meines Erachtens nicht geworden. Und ich habe auch den Eindruck, dass die Platte auch musikalisch sehr ausgereift ist, obwohl ich als Nichtmusiker davon zugegebenermassen keine Ahnung habe."Wölfi, für das Cover bist wahrscheinlich du als am Computer versierter ausgebildeter Druckvorlagenhersteller verantwortlich.Wölfi: "Ja, richtig. Schau dir mal diese Verwirbelungen im Himmel über Berlin an auf dem Titelbild, das sieht schon sehr nach Van Gogh aus, und das passt ja wieder zum Titel."Genau wie die nette Bildergeschichte im Booklet, in der es ums Ohrenabschneiden geht.Wölfi: "Genau. Und dann nimm dir mal ein Buch über Van Gogh und vergleiche die Bilder darin mit dem von mir auf der Rückseite der Platte..."Wenn ich mich nicht irre, handelt es sich dabei um "Selbstbildnis mit verbundenem Ohr", entstanden im Januar 1889 in Arles.Wölfi: "Genau."Apropos, warum hast du eigentlich diesen seltsamen Verband um den Kopf...?
 
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KASSIERER - Anal, oral, egal ...

Es gibt mindestens noch einen Grund mehr, Bochum zu lieben, als die, welche Grönemeyer in seinem Song aufzählt: DIE KASSIERER. Vor über 15 Jahren gegründet, ist die Band um Sänger Wolfgang „Wölfi“ Wendland, Schlagzeuger Volker Wendland, Gitarrist Niko und Bassist Mitch auch heute noch eine der extremsten Erscheinungen in der deutschen Punkszene. Ihre Texte sind sonderbar und derb zugleich, aber nur für den verstockten KASSIERER-Hasser pubertärer Müll – man schwankt, und da machen die lyrischen Ergüsse des neuen Albums „Männer, Bomben, Satelliten“ auch keinen Unterschied, zwischen Erstaunen und Erschrecken. Weniger zwiespältig sind die Reaktionen auf die Musik, denn mit dem Uffta-Uffta des plumpen Deutschpunk-Packs hatten die KASSIERER noch nie was am Hut, sondern verblüffen den, der sich darauf einlässt, durch ein geradezu geniales Songwriting und erstaunliche Instrumentierung. Die KASSIERER, das ist gerade auch live ein in jeder Hinsicht überwältigendes Erlebnis zwischen Extremsuff und Faustfick, das einen krassen Gegensatz darstellt zur Interviewsituation an einem regnerischen Septemberabend in einer Wattenscheider Kneipe namens „Hannes“. Anwesend waren Wolfgang, Volker und Nico sowie der Interviewer.Ich erinnere mich an ein Konzert in Essen, als Volker sich nach dem Konzert beklagte, Nico habe sich nicht wie vereinbart vor dem Konzert mit Live-Fisten gebadet ...Volker: Oh ja! Meine Hand hat noch sehr lange nach Arsch gestunken. Ich hatte da leider meine Handschuhe vergessen.Nico: Äh, ich war an diesem Tag bei der Körperpflege etwas leger gewesen, das stimmt ... Mir war das ja auch unangenehm.“Wolfgang: „Darf ich anmerken, dass wir hier über Musik reden wollten?Darfst du. Eure Definition?Volker: Musik ist ein Ausdruck des gesteigerten Affektes.“Wolfgang: „Ich kann da nicht mitreden, ich bin ja nur der Sänger, so eine Art singender Hausmeister der Band.Volker: Wobei dein Gesang aber Stil bildend ist. So viele Bands haben Sänger, die so klingen wollen wie du, aber keinem gelingt es.Wolfgang: Na ja, aber ich singe ja nicht immer. Bei unserer ersten Single konnte ich die schnellen Teile von ‚Hugo‘ nicht singen, und da hast du mich dann gedoublet. Hat aber nie jemand gemerkt. Aber das Ziel heiligt eben die Mittel.Ich lernte euch 1989 mit „Sanfte Strukturen“ kennen, und jeder, dem ich speziell „Tot tot tot“ vorspielte, reagierte ziemlich, äh, erstaunt. Damals war Funpunk noch angesagt, irgendwie schienen die KASSIERER in diese Schublade zu gehören, aber bei genauerer Betrachtung doch nicht.Volker: Das liegt an unserer philosophischen Tiefenschärfe.Wolfgang: Ich denke, die erste Platte hat den Hörer auch ziemlich alleine gelassen. Da stand kaum was drauf, nicht mal die Namen der Musiker stimmten, hahaha. Und im Presseinfo wurde behauptet, die Lieder seien in Zusammenarbeit von Volker und einem afrikanischen Musiker entstanden und all solcher Quatsch.Volker: Das war so hirnverbrannt wie alles, was wir machen.Machen wir den Sprung von 1989 nach 2003. Ich denke, man kann sagen, dass damals doch auch etwas jugendlicher Leichtsinn im Spiel war. Heute seid ihr gereifte Männer um die 40 und macht den Scheiß immer noch. Warum?Wolfgang: Ich würde sagen, wir reden von Kunst, aber wir meinen das Geld. Und da kommen wir dem wieder nahe, was unser Bandname aussagt. Nein, Quatsch. Bestenfalls können wir uns von unseren Auftritten mal ein Bier leisten – eines, für das man nach Berlin fliegt und es im ‚Adlon‘ zu sich nimmt, hehe. Auch Quatsch, wir machen das rein aus Spaß – aus Spaß am Geld!Volker: Es gibt einfach kein schöneres Forum, um seinen Neurosen freien Lauf zu lassen. Wo kann man das denn im normalen Alltags- und Berufsleben?Wolfgang: Wenn ich mir anschaue, wie unsere neue Platte entstanden ist, habe ich den Eindruck, dass es eher früher so war, dass man doch ein bisschen gedacht hat, ein gigantisches Publikum habe auf diese Veröffentlichung gewartet. Im gereifteren Alter macht man sich darüber keine Gedanken mehr, auch darüber nicht, ob man sich das überhaupt noch anhören kann. Man könnte natürlich auch hingehen und erfolgreiche Platten analysieren – so von wegen der Fickliedanteil muss so groß sein und der an Absurdem so groß –, aber eigentlich beschäftigen wir uns mit so was nicht. Und so haben wir auch auf der neuen Platte wie immer die Dinge gemacht, die gemacht werden mussten.Ich stelle mir ja immer die Frage, was wohl eure Mütter dazu sagen, wenn sie eure Platten in die Finger bekommen.Wolfgang: Bedingt dadurch, dass wir Brüder sind, haben Volker und ich die gleiche Mutter, und die sagt dann ‚Ja, ist ja ganz schön, aber jetzt hört euch mal ein Gedicht von mir an‘. Und dann liest sie uns ihre Gedichte vor. Die schaut sich regelmäßig unsere Website an und liest auch die Gästebucheinträge, die sagt dann höchstens mal, dass da ja schon ein paar komische Sachen dabei seien.Es gibt aber nun mal nicht wenige Frauen, die etwa auf die Verwendung des Wortes „Fotze“ so reagieren, dass sie einfach keine Lust haben, sich das anzuhören.Wolfgang: Uns ist schon klar, dass es Worte gibt, mit denen man andere Leute zur Explosion bringt. Man kann sich zum Beispiel mal den James Dean-Film ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘ anschauen. Da wird er beleidigt, was das Zeug hält, mit dem Messer bedroht, aber er bleibt ganz cool. Doch wenn jemand ‚Hahnenfuß‘ sagt, regt er sich furchtbar auf. Und ein Wort wie ‚Fotze‘ scheint bei manchen Menschen genauso zu wirken.Wie muss man sich euren, äh, kreativen Prozess vorstellen? Ist so eine Platte für euch harte, ernste Arbeit, oder lacht ihr euch dabei selbst schief und kringelig?Wolfgang: Wir haben uns vorgenommen, während der Arbeit an einer Platte grundsätzlich nicht zu lachen. Und wir lachen ja auch sonst nicht. Wir schauen im Studio auf den Tontechniker, und wenn der lacht, ist es in Ordnung.Nico: Aber unser Tontechniker lacht nie ...Wolfgang: Das irritiert uns ehrlich gesagt schon etwas. Und wären wir eine kommerziell denkende Band, würde man wohl einen Techniker bevorzugen, der so ein Gag-Indikator ist. Unserer hat dagegen ein richtig ansteckendes Nicht-Lachen. Und der spricht auch nie. Der hat während der gesamten Aufnahmen nur einen Satz gesagt: ‚Was ist das Schlimmste?‘. Den haben wir aufgenommen, und der ist auch auf der Platte drauf, bei ‚Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist’.Volker: Ansonsten müssen die Lieder natürlich gewissen Humorkriterien entsprechen, da wird schon ernsthaft diskutiert, ob dies oder das lustig ist. Das muss unserem Sinn für Humor entsprechen, erst dann kann das ein Stück werden.Wolfgang: Wir haben uns ja von Anfang an geschworen, keine Grenzen nach unten zu setzen, und doch sind uns auch schon Sachen eingefallen, die waren so dämlich, dass wir sie nie aufgenommen haben.Sprechen wir über eure Konzerte. Da kommt es nicht selten vor, dass Wolfgang bedingt durch Alkoholgenuss gewisse Ausfallerscheinungen zeigt ...Nico: Das täuscht, das ist alles nur professionelle Show.Wolfgang: Ich kann das selbst immer gar nicht so einschätzen, aber ich gebe schon zu, dass ich manchmal ein paar Bierchen trinke. Bei anderen Gelegenheiten bin ich völlig nüchtern, und Leute behaupten trotzdem, ich sei besoffen gewesen. Von daher ...Welche Rolle spielt Alkohol, wenn ihr unterwegs seid?Nico: Eine sehr wichtige!Wolfgang: Sonst wäre das ja auch nicht zu ertragen. Man kann doch nicht 18 Jahre lang mit diesem Blödsinn durch die Gegend fahren und nüchtern bleiben. Oder? Und wenn ich mir die neue Platte anhöre, muss ich sagen, dass ich den Eindruck habe, dass Alkohol – auch in den Texten – eine zunehmend wichtigere Rolle spielt.Volker: Ich sage nur: ‚Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist‘.Wolfgang: Ich hatte bis vor kurzem noch die Hoffnung, Nachfolger von George W. Bush werden zu können, denn der hat mit 40 aufgehört zu saufen. Dann musste ich feststellen, dass man in den USA geboren worden sein muss, um Präsident zu werden, und so saufe ich jetzt einfach weiter.Wolfgang, was macht deine Privatfehde mit dem Bochumer Polizeipräsidenten Wenner?Wolfgang: Och, ich würde das nicht Fehde nennen. Aber bei der Gelegenheit mal eine kleine Geschichte: Neulich wollte ich im Zuge von Dreharbeiten mal ins geschlossene Bochumer Nordbad eindringen. Der Film heißt ‚Bochum – der Film‘, und ich muss da jetzt schon um Geduld bitten, das wird noch einige Zeit dauern. Wir fuhren dann mit einer Leiter vor, um über die Mauer zu klettern. Ein vorbeikommender Mitbürger wies uns daraufhin, dass im Hochhaus gegenüber jede Menge Leute wohnen, die nichts Besseres zu tun hätten, als sofort die Polizei zu rufen, und so war es dann auch. Die nahmen unsere Ausweise mit zum Auto zwecks Überprüfung, aber wir hatten ja nichts gemacht, und so verabschiedete ich mich mit den Worten ‚Grüßen Sie Herrn Wenner von mir‘, worauf nur die Antwort kam ‚Ach ... die KASSIERER!‘. Offensichtlich kennt man mich da gut.Es hat also auch gewisse Vorteile polizeibekannt zu sein.Wolfgang: Nicht unbedingt. Letztens bin ich noch in der Ausnüchterungszelle gelandet, mit unter 0,7 Promille, hopsgenommen von Harry und Toto, diesen Polizisten aus der SAT 1-Dokuserie. Und das passiert mir, nach zig Chaostagen ohne Verhaftung. Das war bei so einer Art Punkertreffen, bei dem eine Litfass-Säule, auf der groß das Wort Toleranz stand, irgendwann umgekippt war. Und dann kam die Polizei, nämlich die beiden beliebten TV-Polizisten Harry und Toto, die von mir natürlich etwas verarscht wurden, woraufhin ich im Polizeigewahrsam endete.Volker: Und mein Erstaunen, auf der Handy-Mailbox die Nachricht zu haben ‚Hier ist die Polizei Bochum, wir haben ihren Bruder im Gewahrsam‘.Wolfgang: Letztlich war das nur eine Stunde, aber ich habe die trotzdem wegen Freiheitsberaubung im Amt angezeigt. Das war völlig grandios, die hatten auf der Wache noch versucht, ein Protokoll in den Computer zu tippen, aber waren völlig unfähig, den Computer zu bedienen. Und ich saß dabei und gab blöde Kommentare ab, wie ‚Ich finde es lustig, Leute zu beobachten, die einen Computer nicht von einem Nudelbrett unterscheiden können. Aber ich meine damit natürlich nicht sie, das war nur ganz allgemein gemeint.‘ Leider wurde meine Anzeige gegen die beiden eingestellt, ich habe aber auch keine bekommen. Danach habe ich mir die Serie auf SAT 1 immer angeschaut und fleißig Beschwerdebriefe ans Innenministerium geschrieben. Denn wenn Harry und Toto bei einer völlig durchgeknallten Frau, die sich die Pulsadern aufschneiden will, die Wohnungstür auftreten, und dabei die Kameras live dabei sind, dann würde mich interessieren, wer da dem Kamerateam das Recht gegeben hat, die Wohnung zu betreten und zu filmen. Im Grundgesetz wird schließlich die Unverletzlichkeit der Wohnung gewährleistet, und die Frau müsste das Kamerateam ja explizit eingeladen haben. Anfangs kam auf meine Briefe immer noch schnell eine Antwort, dass das geprüft werde, aber jetzt habe ich seit fünf Monaten nichts von denen gehört. Die halten mich wohl für einen Querulanten, haha.Volker: Joachim, darf ich dir auch mal eine Frage stellen?Gerne!Volker: Soll ein Mensch einen Außerirdischen als Symbiont in seinem Gehirn haben?Äääääääääääh .....!!!!!
 
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KASSIERER - Wundervolle Wattenscheider

Ich gebe eigentlich nichts auf Vorurteile über die Bewohner einer bestimmten Region, von wegen fröhliche Rheinländer, sture Schwaben, mufflige Berliner oder schweigsame Westfalen. Doch dass sowohl die LOKALMATADORE wie die KASSIERER als Vertreter einer sehr spaßorientierten und die Körperlichkeit betonenden Fraktion des Punkrocks aus dem Ruhrgebiet kommen, ist vielleicht kein Zufall, wird den Menschen dort doch gemeinhin eine offene, direkte Art des Ausdrucks nachgesagt – und euphemistischer kann man die Texte beider Bands wohl nicht beschreiben. 1985 gegründet, ist die Band aus dem Bochumer Vorort Wattenscheid bis heute aktiv, wobei die Albumveröffentlichungsfrequenz in den letzten Jahren stark abgenommen hat. Doch regelmäßige Konzerte beruhigten die Fans, mit einem Dahinscheiden der für ihre expressive Lyrik berüchtigten Band um den einstigen APPD-Kanzlerkandidaten Wolfgang Wendland war und ist nicht zu rechnen, und ein neues Album gibt es anlässlich des 25. Geburtstages auch noch. „Physik“ heißt das, und ist da erschienen, wo die anderen Platten auch rausgekommen sind, auf Teenage Rebel Records aus Düsseldorf.Ich hatte jahrelang eine Physiklehrerin, die sah aus wie Miss Krabappel von den „Simpsons“, war Kettenraucherin und extrem dürr. An was von eurem Physikunterricht könnt ihr euch noch erinnern?Volker: An Stöchiometrie. Ach nein, das war Chemie.Wölfi: Der ph-Wert ist der negative Exponent zu Basis 10 der Wasserstoffionenkonzentration in Gramm pro Liter. Ach nein, das war Chemie.Mitch: Ich hatte einen Physiklehrer namens Herrscher und dieser Name war Programm. Sein Lebensmotto lautete: „Ich habe keine Bonbons zu verteilen.“ Seitdem läuft mir beim Wort Physik ein sanfter Schauder den Rücken runter.Die Physik ist die grundlegende Naturwissenschaft in dem Sinne, dass die Gesetze der Physik alle Systeme der Natur beschreiben. Was will uns das sagen in Bezug auf euer neues Album?Volker: Warum nicht mal physikalische Themen? Warum immer Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Physik ist interessant.Wölfi: Es gibt keine grundlegende Naturwissenschaft, da erstens die grundlegende Wissenschaft die Philosophie ist, zweitens Naturwissenschaften immer einer Grundlegung bedürfen, der so genannten Axiomatik, die aber als nicht beweisbar außerhalb der jeweiligen Wissenschaft liegt. Im Falle der Physik ist es sogar so, dass das alles Quatsch ist, da der Begriff der Masse von den Physikern erfunden wurde, um die Welt berechenbar zu machen.Ich weiß, Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, aber die Atombombe beispielsweise hatte auch viel mit Physik zu tun und war schon nach drei Jahren ein echter Kracher. Euer neues Album ist zwar auch bombig, aber sieben Jahre?! Was habt ihr so lange gemacht?Volker: Die sieben Jahre sind so schnell ins Land gegangen, das habe ich gar nicht gemerkt. Aber im Ernst, ich glaube, wir sind faul.Wölfi: Die Zeit ist nicht linear, sondern steht im logarithmischen Verhältnis zum Alter des erlebenden Menschen. Aus unserer Sicht sind die Abstände zwischen den Platten gleich geblieben.Und in welchem „The nutty professor“-Labor habt ihr die Fotos gemacht?Niko: Bei einem Freund, der alte Röhrengeräte sammelt und repariert.Volker, der Wikipedia-Eintrag der KASSIERER definiert explizit, dass du Schlagzeug und „Jazzgitarre“ spielst. Ein wichtiger Unterschied für die KASSIERER und die Welt?Volker: Da gibt es nichts Hervorhebenswertes. Ich interessiere ich mich nun mal fürs Schlagzeug und für die Jazzgitarre, insbesondere für die Musik von Django Reinhardt, dem legendären Gitarrenvirtuosen, dem zwei Finger der linken Hand fehlten. Hin und wieder kann ich auch bei KASSIERER-Musik diese Vorliebe unterbringen. Umgekehrt geht es nicht: Bei den Jazz-CDs, die ich schon gemacht habe, konnte ich nie ein Punk-Stück unterbringen, was im Grunde für die ideologische Verblendung der Jazz-Szene spricht und für die Offenheit der Punk-Szene. Hier kann man auch mit Kotze werfen und anschließend eine mixolydische Tonleiter mit erhöhter Quarte spielen.Punkrock wird völlig überbewertet, weshalb auch auf eurem Album viel andere Musik zu hören ist. Was ist wichtiger als Punk?Wölfi: Wenn man von religiöser Musik absieht, gibt es nur die drei Musikrichtungen Mainstream, Klassik und Punk. Ich habe den Eindruck, dass Mainstream in den Medien überbewertet wird und die Klassik bei öffentlichen Förderungen. Wieso Punk überbewertet wird, ist mir nicht klar.Ihr habt eine famose Website, in deren Gästebuch sich eine Menge sehr wahrer Aussagen und wichtiger Fragen finden. Ich möchte euch bitten, diese zu kommentieren respektive zu beantworten, wobei ich Fehler im Original nicht korrigiert habe. „ich find eure lieder ganz witzig doch eins würd mich intressieren: weshalb ihr nur so widerliche sachen singt?“Volker: Wir sind widerlich„Also dankeschön und das Ihr noch lange durchhaltet und nich schon zwischen 50 und 60 den Löffel abgebt.“ Genau, ihr macht das ja schon seit 25 Jahren. Wie hält man die KASSIERER durch und aus?Volker: Mit viel Alkohol.„FISTEN FISTEN IMMER NUR FISTEN“; „Ich würde so gerne mal Euer Urin und eure Kacke probieren. Die reicht und schmeckt bestimmt nach Vanille!“; „Ich bin hackebreit und zieh mir immer wieder eure Scheißevideos rein! Könnt ihr bitte auch mal bei mir auf die Türschwelle scheißen? Ich würde euch echt gern dabei zusehen! Und am liebsten wüde ich eure Kacke danach auf meinem Bauch spüren und darin baden!“ Wie steht ihr zu Koprophilie, Urophilie und Koprolalie?Volker: Ein entfernter Verwandter von mir war Koprophage. Das wurde in unserer Familie als heißes Thema behandelt. Niemand wollte sich offen zu diesem Problem äußern, dass ein Verwandter von uns Kot ... äh ... isst. Möglicherweise ist unsere Musik Ergebnis dieser Verdrängung.„Euer Konzert in der Essigfabrik hat mir gut gefallen. Wölfis respektvoller Umgang mit seinem Publikum sollte uns allen Vorbild sein.“ In der Tat, ihr seid immer sehr zuvorkommend zu euren Konzertbesuchern, wie auch diese nett zu euch sind. Love, Peace and Understanding als KASSIERER-Grundkonzept, kann man das so sagen?Volker: Die Freundlichkeit ist nur Getue. Wir sind hinterhältig, abgefeimt und versaut. Aber auch religiös.„Eure Musik regt mich immer zum Saufen und Ausziehen an“; „DAS SCHLIMMSTE IST WENN DASS BIER ALLE IST!!!!“ Ja, der Alkohol. Schmeckt es euch immer noch so gut?Volker: Ja„Man war das ein geiles Konzert!!!!! Entlich mal wieder Party ohne Regeln!!! Furzen bis die Hose platzt wo kann man(n) das noch!!!“ Ich frage euch: Wo kann man das noch?Volker: Stimmt. Deutschland wird immer lebensfeindlicher. Zum Beispiel diese ganze Raucher-Hatz. Wir sollen nicht leben, wir sollen funktionieren! Erbärmlich ist das.„Also so langsam könnten sie ja schon ein neues Album auspacken. Ich mein so nach gut sechs Jahren mit dem gleichen Album auf Tour ist schon übel. Wobei das letzte Album auch Scheisse war.“ Genau. Sieben Jahre mittlerweile, aber endlich. Eure Erwiderung auf den letzten Satz dieses Herrn?Volker: Eine KASSIERER-CD ist wie ein Spiegel. Schaut ein Affe herein, kann kein Apostel herausschauen.Wölfi: Ich lese keine Gästebucheinträge.Zum Schluss noch ein Satz aus einem der neuen Songs, der mir irgendwie autobiografisch vorkommt und für die Zukunft eurer Band etwas Angst macht: „Ich war ein Spinner, doch jetzt bin ich seriös“. Wirklich?Volker: Wir waren schon immer seriös.Wölfi: Einstein galt auch als verrückt, zumindest hätte man ihn für verrückt gehalten, wenn er sich so wie wir benommen hätte.
 
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KASSIERER - Arbeit ist immer noch Scheiße!

Ein Grippeschub hätte beinahe mein geplantes Interview mit DIE KASSIERER verhagelt und es nur noch telefonisch stattfinden lassen. Irgendwie war ich nah dran, den Termin vom Freitag bereits am Mittwoch zuvor zu schmeißen. Der hilfsbereite Gitarrist Nico verstand dies offenbar falsch und hatte einen Vorschlag: „Du, der Wolfgang ist schon jetzt in Berlin, trefft euch doch morgen.“ Gut, manchmal muss man auch zu seinem Glück gedrängt werden und so saß ich mit Sänger Wolfgang beim Kaffee in einer Pizzeria in Kreuzberg. Auf dem Diktiergerät hört es sich an, als würden die Kellner pausenlos mit Porzellan werfen, aber das war zu verkraften. Wenigstens hatten sie uns zuliebe vorher die romantische Dudelmusik abgestellt und Wölfi entpuppte sich bald als ein wirklich netter Plauderer, dem zuzuhören einfach Spaß macht.Wolfgang, ich bin ja VfL Bochum-Fan und wollte dich mal fragen, ob das immer noch so happig ist mit der Geschichte „Freiheit für Wattenscheid“? Wattenscheid wurde 1975 von Bochum eingemeindet.Der Oberbegriff „Freiheit für Wattenscheid“ wurde von einer eher rechtslastigen, frei verteilten Zeitung genutzt. Es gab also in Wattenscheid Rechtsradikale, die diese Frage nutzten, um damit rechtsradikale Propaganda zu machen ...Das ist interessant, ich kenne das eher von den Wattenscheid 09-Fans, die das im Stadion riefen ...Ja, daher kam das wohl. Die haben 10.000 Zeitungen gedruckt und haben die dann in die Hausflure geschmissen. Hinterher betrieben sie auch eine Website, und als ich dann erfolglos ein Kulturzentrum in Wattenscheid gefordert habe, um etwas für nachwachsende Generationen auch in Bezug auf Konzerte zu schaffen, wurde ich von denen immer beschimpft, ich wolle wohl Demonstrationen mit Asozialen machen.Abgesehen von den Rechtsradikalen, warum war die Eingemeindung für die Wattenscheider Bürger so ein Problem?Man muss sich vorstellen, dass Wattenscheid eine Stadt mit 70.000 Einwohnern war, die 1975 von Bochum eingemeindet wurde. Früher konnten sie eben selbst Entscheidungen treffen und das wurde dann nach Bochum verlagert. Und Wattenscheid wurde auch von der Bochumer Politik relativ stiefmütterlich behandelt. Aktuell muss man sich vorstellen, dass die Stadt Bochum einen Etat von 70.000 Euro einspart, die dann bei der Notschlafstelle für Obdachlose fehlen. Andererseits haben sie in Bochum aber genug Geld, um ein Konzerthaus zu bauen, wofür eine Million im Jahr an Zuschüssen drauf geht, abgesehen von den reinen Baukosten. Früher, bis 1991, gab es ein Jugendzentrum in Wattenscheid, das wurde dann auch im Zuge einer Sparwelle geschlossen.Und inwieweit ist die Stadt Bochum noch Punkrock? Es gibt da immerhin bekannte Auftrittsmöglichkeiten.Es ist so, dass es in Bochum einige größere Läden gibt, wo du Konzerte machen kannst, aber es gibt eigentlich nichts mit einer Raumgröße, wo maximal 250 Leute reinpassen, wo die Produktionskosten so niedrig sind, dass Anfänger mal irgendwo beginnen können. Es gab zwar noch eine ehemalige Bahnhofskneipe, wo wir Punk-Konzerte veranstaltet haben, aber auch die gibt es jetzt nicht mehr. Selbst Comedy-Größen wie Hennes Bender haben früher ihre Auftritte in kleinen Kneipen bei uns gemacht. Oder Karsten Riedel, der bei FRITZ spielte und bei ALPHA BOY SCHOOL, der hat auch im ehemaligen Jugendzentrum in Wattenscheid angefangen und das fehlt jetzt vollkommen. Ich bin ja einer von 19 Wattenscheidern, die acht bis zehn Mal im Jahr ins Bochumer Rathaus kommen, wo dann eigentlich über Belanglosigkeiten abgestimmt wird.Über Fahrradständer?Fahrradständer oder Verkehrsinseln, die „Querungshilfen“ heißen. Also ist es ein bisschen grotesk und das wirkt dann bisweilen wie ein gelebter Loriot-Film,wo man dann echt mit mehreren älteren Herren in einem Bus in Wattenscheid unterwegs ist, um zu gucken, an welchen Stellen man vielleicht jetzt noch Verkehrsinseln hinmachen könnte, das hat schon was ziemlich Absurdes und es ist auch teilweise frustrierend. Angefangen habe ich 2009, da wollten sie 10.000 Euro für die Notschlafstelle für Obdachlose streichen, das wurde dann so eher heimlich gemacht und dann habe ich da angerufen, ob die das überhaupt wissen, dass bei ihnen gekürzt wird, was sie natürlich gar nicht wussten.Was war für dich die Hauptmotivation, politisch zu agieren?Durch meine Forderung für ein Kulturzentrum begann ich mich für die Kommunalpolitik zu interessieren und ein Bekannter sagte mir dann, dass die Linke durchaus auch parteilose Kandidaten aufstellt, und so wurde ich zum Spitzenkandidaten für Wattenscheid.Auf eurer zweiten LP hieß es ja noch: „Die Kassierer, was ist das eigentlich?“. Würdest du mit meinem Begriff „Musik-Kabarett im Punk-Gewand“ leben können?Nein! Das klingt zu artifiziell. Eigentlich sind Punkbands so wie wir, es ist das, woran man Spaß hat.Aber die anderen haben nicht Georg Kreisler dabei ...Aber irgendwas anderes. Punk hat mit Harmonien und musikalischer Qualifikation nicht direkt etwas zu tun, sondern damit, dass man mit Musik etwas unmittelbar macht. Normale Rockmusik ist gefangen in Eitelkeiten. Das sieht man deutlich an diesen Gitarristen, die in jedem Lied ein Gitarrensolo unterbringen müssen und dabei charakteristisch ihr Gesicht verziehen, und genau das ist Punk nicht! Aber gut, man könnte sagen, wir machen Comedy-Oi!. Die absurdeste Vorstellung war zu Beginn von unserer Gruppe, dass einer wie ich in einer Band singen könnte. Und das ist auch immer noch das Selbstbild von mir.Aber einen Begriff kann man bei euch doch gelten lassen, nämlich Treue. Ihr spielt immer mit denselben Leuten und seid immer beim selben Label geblieben. Zufall?Anfangs hatten wir unsere Platten ja selbst gemacht und Teenage Rebel macht die seit 1992. Das Label macht aber keinen großen Unterschied aus. Es gibt ja Bands, die von sich überzeugt sind, dass sie super Musik machen, und am mäßigen Erfolg ist dann die Booking-Firma oder das Label schuld. Und ich finde, wenn die Zusammenarbeit funktioniert, macht es keinen großen Sinn, das Label zu wechseln. Wenn jetzt natürlich so ein Major wie Universal käme, wären wir von uns überzeugt, gefestigt genug zu sein, mit denen zu verhandeln. Aber ich glaube, die wollen uns nicht.Gut, kommen wir auf religiöse Milieus. Ihr habt ja nun einige Körpersaft-Kompositionen in euren Songs, funktionieren die auch in Franken oder generell im katholischen Süden?Nun ja, die Anträge auf Indizierung kamen aus Leipzig und Herne. Das sind ja nicht besonders katholische Gegenden.Ihr habt auf eurer letzten LP „Physik“ auch ein Lied aus den 1920er Jahren aufgearbeitet, nämlich „Nieder mit die Arbeit“, nach einem Text von Paul Strich. Suhlt ihr euch in so was? Denn wenn man dem Deutschen wehtun will, dann nimmt man ihm einfach sein Fleißmärkchen ab ...Das geht ja musikalisch auf ein russisches Volkslied zurück und der Text ging exakt in diese APPD-Richtung. Ich fand das klasse, dass es so was auch schon in den Zwanziger Jahren gab. Ich denke, wenn man das mit ein bisschen Humor nimmt – und dazu ist ja der eine oder andere Deutsche auch in der Lage –, dann wollen ja gerade die Leute, die arbeiten wollen, gar nicht arbeiten. Wir haben 1998 diese „Arbeit ist Scheiße!“-Plakate gemacht und als ich die damals aus der Druckerei abholte, hatten die Mitarbeiter die dort schon aufgehängt. Also, um wirklich zu wissen, wie scheiße Arbeit ist, muss man sie haben. Ich glaube, man findet Arbeit immer nur dann gut, wenn man sie sucht. Was aber meistens nicht an der Arbeit selbst liegt, sondern am Mangel an Geld.Bildungstechnisch seid ihr ja sehr bewandert, du hast zum Beispiel in fünf Fächern studiert ...... aber ohne Abschluss. Für das Arbeitsamt bin ich sozusagen Hilfsarbeiter.Das ist ja bescheuert.Haha, das ist schon in Ordnung. Ich hatte wegen der Inhalte studiert und nicht, um einen Abschluss zu machen. Nachdem ich dann 40 Semester studiert hatte, war mir auch klar, dass mich da auch mit Abschluss nach so vielen Semestern niemand mehr einstellt.Aber ihr seid ja nicht unbedingt leicht angreifbar mit euren Texten, weil ihr nun mal gebildet seid und eben auch anders könnt. Pimmel- und Mösentexte hin oder her ...Gut, man wird aber schnell darauf reduziert. Bei unseren Platten machen diese Ficklieder vielleicht 20% aus und trotzdem stehen die bei der Kritik immer im Vordergrund, die anderen wichtigen Themen wie das Absurde oder die Gewalt kommen ja meistens in den Plattenbesprechungen gar nicht vor, so was wie „Der Mann, der rückwärts spricht“.Und das ärgert euch?Nein, ich finde es eher unverständlich. Bei einem „James Bond“-Film wird ja auch nicht nur darauf hingewiesen, dass da einer reihenweise Frauen aufreißt, das gilt ja weitestgehend als Actionfilm. Und warum das bei unseren CDs immer so darauf reduziert wird, ist irritierend. Woran das liegt, da bin ich noch nicht ganz dahintergestiegen.Wie bildet man nach 27 Jahren immer noch so eine Einheit, so ein Team, dass die Party rüberbringt, was ist das Erfolgsgeheimnis?Wir gehen uns vor allem nicht auf die Nerven, weil wir uns abseits der Konzerte fast nie sehen. Wir freuen uns einfach, wenn etwas funktioniert. Der Streitfaktor ist in Bands, die mit großen Zielen ausgestattet gestartet sind sicher höher. Manchmal finde ich es eigentlich schade, dass die Konzerte so groß geworden sind, dass die Leute einfach zu Namenlosen werden. Ich habe vor zwei Tagen am Curry 36-Stand in Berlin einen Menschen getroffen, der mich fragte, ob ich ihn noch kenne, da er 1990 auf einem unserer Gigs war. Und ungefähr eine halbe Stunde später fiel mir dann doch ein, dass der Mensch Simon hieß. Bei den großen Konzerten finde ich es heute deshalb etwas traurig, dass es entpersonalisiert wird. Es ist nicht mehr die kleine Party und man säuft dann hinterher nicht mehr mit den Fans. Durch diese Gesamtsituation wird man quasi zum Star gemacht.
 
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KASSIERER - Sie waren Spinner, jetzt sind sie seriös

Am 24.01. hat am Theater Dortmund das Stück „Häuptling Abendwind“ Premiere, bis Ende Mai stehen neun weitere Aufführungen auf dem Programm. Für die Musik verantwortlich: DIE KASSIERER. Klar, dass ich dazu ein paar Fragen an Sänger Wolfgang „Wölfi“ Wendland hatte.Wann warst du zuletzt im Theater?Ich habe mir „Das goldene Zeitalter“ und „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“ angesehen. Im ersten Stück geht es überwiegend um Wiederholungen, unglaublich, was die aus diesem Thema gemacht haben. Das war das erste Mal, dass ich in einem Theater ständig lachen musste. Das andere ist ein Stück, das im Wesentlichen die Arbeitsbedingungen bei Apple-Zulieferern thematisiert. Hier sieht man Andreas Beck, der bei „Häuptling Abendwind“ Regie führen wird, als Hauptdarsteller. Selbst wenn die Hintergründe bei der Produktion zum Beispiel des iPhones schon bekannt sind, ein wirklich lohnender Abend. Davor kann ich mich nur an einen Theaterbesuch im Jahre 2005 erinnern – „Peer Gynt“ in einer Inszenierung von Peter Zadek, dem kulturellen Helden meiner Kindheit.Dass DIE KASSIERER Kunst sind, weiß man spätestens seit einem Gutachten für die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Jetzt macht ihr noch mehr Kunst, wie also sieht eure Beteiligung an „Häuptling Abendwind“ aus?Ob wir Kunst sind, weiß ich nicht, ich finde es auch eher suspekt, wenn Leute ihren eigenen kulturellen Wert behaupten. Meistens wollen die dann auch direkt Geld vom Staat. Nachdem wir schon auf unserer letzten Platte musikalisch behaupteten: „Ich war ein Spinner, doch jetzt bin ich seriös“, freue ich mich, dass nun auch öffentlich unter Beweis stellen zu dürfen. Am Anfang stand die Idee des Intendanten Kay Voges, etwas mit uns am Theater Dortmund zu machen und zwar eine Operette. Dann haben wir uns mit Andreas und dem Dramaturgen auf das Stück geeinigt. Wir machen nicht nur die Musik, sondern stehen auch bei jeder Aufführung live auf der Bühne.Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Theater Dortmund und Regisseur Andreas Beck zustande?Der Kontakt kam über den Bochumer Musiker Tommy Finke zustande, der derzeit viel am Theater in Dortmund macht. Das hat aber weniger damit zu tun, dass es dort KASSIERER-Fans gibt, als damit, dass sich die kreativen Köpfe in der Kulturmetropolregion Ruhrgebiet irgendwann einmal finden.Das Theater Dortmund hat sich in der letzten Zeit ja wiederholt „Subkultur-affin“ gezeigt, etwa mit Paul Wallfisch von BOTANICA als musikalischem Leiter oder eben durch Stücke von Jörg Buttgereit und Wenzel Storch. Tut sich da was, weg von betulicher Bildungsbürgerlichkeit, hin zu einem Theater, das auch wieder theaterferne Menschen, etwa aus der Punk-Szene, anzieht?Ach, das Bildungsbürgertum, so mit Zigarre und lateinischen Sinnsprüchen, kommt in einer Zeit, in der mit 68 schon fast alle in Rente gegangen sind, nicht mehr wirklich vor. Ich würde auch den Begriff Subkultur heute anders sehen. Unterhalb des Begriffs Kultur gibt es verschiedene Subkulturen, die aber gleichwertig existieren, wie die einzelnen Kapitel eines Buchs. Meistens sind die aus der Mitte noch am überflüssigsten.Das Stück hat den Untertitel „Eine Punk-Operette“. Da muss ich an Marika Rökk denken. Wirst du also im schicken Kleidchen, lustige Liedchen trällernd, über die Bühne hüpfen?Also ich muss bei Marika Rökk eher an dümmliche Schlager denken wie „So tanz ich die Samba, ganz ohne Carràmba, selbst in Riobamba schreit man nur Juhu.“ Aber du hast ja auch nicht die Schellack-Schallplatten-Sammlung von meinem Opa. Punk bringt zwangsläufig eine Operette hervor, weil die Oper schon von eitlen Rockmusikern besetzt ist, die spätestens seit den Siebzigern des letzten Jahrhunderts davon träumen, eine Rock-Oper aufzuführen. Und seit „Hair“ ist das Musical in den Händen der Hippies.Für die Menschen ohne Internet und Wikipedia: Wer sind Johann Nestroy und Jacques Offenbach? Und kommen die auch zur Premiere? Das sind gute Kumpel von Mozart und Goethe und soweit ich weiß, kommen alle vier. Und wer kein Internet hat, sollte es mal mit dem Lexikon-Content versuchen.In der Vorschau ist von einer „indianischen Faschingsburleske“ die Rede. Es geht um eingeborene Kannibalen, die dicke weiße Männer essen wollen. Darf man sich als Veganer und Anti-Rassist das Stück trotzdem anschauen?Ich denke mal, deine Frage zielt eher auf Political Correctness ab, als dass du wirklich befürchtest, dass es im Stadttheater Dortmund rassistisch zugehen könnte oder Rassismus propagiert werden könnte. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Stück korrekter sein wird, als die Neufassung irgendwelcher Pippi Langstrumpf-Bücher. Ob es sich aber für Menschen eignet, die aus gesundheitlichen oder ideologischen Gründen eine Diät halten, kann ich jetzt noch nicht beurteilen.„Musikalische Leitung: Die Kassierer“ steht auf der Website. Was macht man da so?Unsere musikalischen Arbeiten werden erwartungsgemäß vielseitig sein. Ich vermute mal, die haben „Musikalische Leitung: Die Kassierer“ geschrieben, weil die Wahrheit zu kompliziert gewesen wäre, denn dann hätte da ja stehen müssen: „Die Musik kommt von den Kassierern, aufgrund ihrer monadisch/anarchistischen Arbeitsweise gibt es keine Leitung.“Nacktheit und Alkohol sind ein elementarer Teil eurer Live-Shows. Wissen die am Theater das? Und ... müsst oder werdet ihr euch zurückhalten oder ist da die Schlagzeile der Bild-Zeitung schon vorprogrammiert: „Das soll Kunst sein? Warum müssen wir so was mit unseren Steuergeldern bezahlen!“ Der Intendant war bei unserem Konzert in Essen. Man erzählt sich seitdem die Geschichte von dem Punk, der auf ihn zukam und behauptete, er würde aussehen wie Kai Voges, der Intendant aus Dortmund. Auch die anderen Beteiligten wissen spätestens seit unserem Konzert in Dortmund im Oktober Bescheid. Leider ist die Bild-Zeitung auch nicht mehr das, was sie einmal war – spätestens seit im gleichen Verlag der Metal Hammer erscheint. Und wem es nicht passt, dass wir aus Steuergeldern bezahlt werden, der braucht sich nur vorzustellen, dass wir aus den Karteneinnahmen unsere Gage bekommen und der Rest durch Steuergelder finanziert wird. Ich persönlich zahle meine Steuern ja auch nur für Hartz IV empfangende Punx und nicht etwa für die Bundeswehr.
 
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KASSIERER - Jetzt sind sie seriös

Ein Mittwochabend Ende Oktober in Bochum-Wattenscheid. In einem Stadtteil, in dem man Zweizimmerwohnungen für 10.000 Euro kaufen kann, sitzen Volker, Niko, Wolfgang und ich um jenen Küchentisch, an dem der Bochumer Oberbürgermeisterkandidat vor kurzem noch Fernsehinterviews gegeben hat. Wir reden über Herrn Wendland (8%), DIE KASSIERER (dreißig Jahre) und das Theaterstück („Häuptling Abendwind“), an dem die beste Band der Welt 2015 am Dortmunder Theater mitgewirkt hat. Grund für das Interview: das neue KASSIERER-Album „Haptisch“, das im Grunde eine klassische Best-Of-Platte ist.Sprechen wir doch erst über Lokalpolitik. Als ich eben kam, sah ich überall Autonummern mit WAT wie Wattenscheid. Die Eingemeindung Wattenscheids nach Bochum würden hier viele gerne wieder rückgängig machen, auch nach über vierzig Jahren.Wölfi: Ich wohne hier, ja. Mit Wattenscheid passierte damals das, was mit Bundesrepublik und DDR bei der Wiedervereinigung hätte passieren müssen: zwei Städte wurden auf Augenhöhe zu einer neuen Stadt zusammengelegt, wobei die neue Stadt eben auch den Namen Bochum bekommen hat. Im Januar wurde diese Stadt vierzig Jahre alt, aber das Jubiläum von Bochum hat niemand gefeiert. Festgelegt ist das alles übrigens im Ruhrgebietsgesetz, Paragraf 3. Damals fand ja im ganzen Land eine kommunale Neugliederung statt – nur aus Glabottki wurde nichts, die gemeinsame Stadt aus Gladbeck, Bottrop und Kirchhellen. Das wäre aber noch besser gewesen, als Herne, Wanne-Eickel und Wattenscheid zu Herwawa zu machen.Was hättest du als Oberbürgermeister dafür getan, um die immer noch bestehenden Gräben zwischen Bochum und Wattenscheid zuzuschütten?Wölfi: So eine Gemüseschlacht zwischen Bochum und Wattenscheid wäre eine Idee gewesen, um spielerisch die noch bestehenden Aggressionen abzubauen.Bist du mit deinem Wahlergebnis von knapp 8% zufrieden?Wölfi: Es war mehr, als ich erwartet habe. Okay, im Wahlkampf sagte ich mal, ich ginge davon aus, dass ich mehr als 50% bekomme, sonst würde ich es nicht machen, aber so was muss man ja sagen. Man kann ja nicht sagen, ich beteilige mich an der Wahl nur so aus Spaß. Ich hatte mir das schon richtig ausgemalt, wie ich durch das Rathaus ziehen kann, irgendeine Tür aufmache, zum Mitarbeiter gehe und sage: „Und was haben Sie hier? Zeigen Sie mal die Akte!“ Also dass es zum Job gehört, überall mal zu gucken. Die andere Vorstellung war, wie man mir mein neues Büro zeigt und ich dann sagen kann: „Und da kommt der Tresen hin!“ Also nicht, dass ich da wirklich einen Tresen hätte haben wollen, mich hätte nur das verwirrte Gesicht interessiert der mich begleitenden Person. Das war mir nicht vergönnt. Dafür wohne ich jetzt in einer Stadt, in der ich den Oberbürgermeister duzen darf.Du warst schon vor deiner jetzigen Kandidatur recht bekannt in der Stadt. Da muss man sich doch in der Öffentlichkeit halbwegs benehmen, oder?Wölfi: Ja, ein bisschen.Volker: Man erwartet von dir doch ein Fehlverhalten.Wölfi: Also die Fußgängerampel hier vorne ist so dämlich, da gehe ich immer bei Rot rüber. Und das habe ich auch schon getan, als ich hier noch Bezirksvertreter war.Niko: Wolfgang hatte versprochen, sich während des Wahlkampfs bei unseren Konzerten nicht auf der Bühne auszuziehen. Und das hat er tatsächlich eingehalten: beim Konzert in Essen kam er nackt auf die Bühne und zog sich an ...Wie weit trägt einen so eine Anti-Nummer wie diese Kandidatur in der Art von APPD und Die PARTEI – und wo muss man erkennen, dass Menschen in einer Stadt ernsthafte Probleme haben, um die man sich kümmern muss?Wölfi: Die Kandidatur war eine völlig ernsthafte Nummer! Ich war ja fünf Jahre lang für Die Linke als Bezirksvertreter aktiv und habe viel davon mitbekommen, wie es in dieser Stadt läuft. Meine Bewerbung war also schon ernsthaft, zum einen, um meine politischen Themen loszuwerden, zum anderen, weil ich der Meinung war, dass der SPD-Kandidat nicht unbedingt der ideale ist. Mir ging es also um ernsthafte Themen, die man durchaus auch jetzt noch weiterverfolgen kann. Ich bekam durchaus Hilfe von Menschen aus dem Umfeld von Die Partei, etwa das Video von K.I.Z., aber das entwickelte sich dann zu einer ernsthaften Angelegenheit. Ich hatte zunächst mit der Kandidatur gezögert wegen des lästigen Unterschriftensammelns, aber als dann völlig bürgerlich aussehende Menschen an meiner Wohnungstür klingelten und mir ausgefüllte Unterschriftenlisten in die Hand drückten, änderte ich meine Meinung. Ich spürte also das Mandat, diesen Wahlkampf ernsthaft zu führen. Ich glaube, in diesem Moment war es, als mir der SPD-Kandidat aus purer Verzweiflung das Du anbot.Wie privat sind solche Entscheidungen von Wolfgang, wie sehr sind die ein Band-Thema? Mischt ihr euch da ein?Volker: Der Wolfgang war schon immer so verrückt. Das mit der Kandidatur war schon lustig, wir haben stellenweise auch mal mitgeholfen am Wahlkampfstand, ein paar Kugelschreiber verteilt.Wölfi: Nein, Quatsch, es gab keine Kugelschreiber. Aber bei unserer Demo gegen die Bochumer Gebührenpflicht für Straßenmusik hat Volker Musik gemacht.Volker: Das hatte alles hohen Unterhaltungswert, und man wird ja auch selbst anders wahrgenommen. Zeitweise wurde ich für den Bruder des Bürgermeisterkandidaten gehalten. Plötzlich nahmen mich Frauen wahr, die mich früher keines Blickes gewürdigt hätten!Niko: Ich habe auch mal an einem Stand ausgeholfen, aber ich wohne ja in Köln, da ist der Weg weit.Wölfi: Das wurde irgendwann zum Selbstläufer, und die Medien wollten auch ständig was. Die Zeitung, die WAZ, wollte jede Woche einen Text zu einem bestimmten Thema, etwa zum Thema Gleichstellung oder Lärmstellung, und so schrieb ich denen was. Und beim Bochum-Quiz, bei dem die Kandidaten zehn Fragen beantworten mussten, hatte ich die meisten Punkte!Wurdest du als Klamauk-Kandidat behandelt oder nahm man dich ernst?Wölfi: Klar, so lief das, aber da wurde eben übersehen, dass ich mich seit Jahren in der Kommunalpolitik betätige und davor auch schon lange im Arbeitskreis Kultur engagiert war. Die Kommunalpolitik war mir schon vorher nicht fremd, und tatsächlich wirkten andere Kandidaten viel klamaukiger, da war teilweise nicht viel mit Inhalten.Volker: Gerade dann, wenn die Presse mal Details wissen wollte, überraschte Wolfgang sogar mich durch höchst profunde Kenntnisse – das hatte so gar nichts von Klamauk. Wölfi: Da wird man schnell vor konkrete Probleme gestellt: Eine Bäckerei will sich vergrößern, die Anwohner fürchten den Lärm, der Bäcker droht mit Abwanderung in eine andere Stadt, da hängen 250 Arbeitsplätze dran. Da fragt man sich schon, ob man noch im Ruhrgebiet ist, wo früher direkt neben Zechen und Kokereien gewohnt wurde – und heute geht man wegen des kleinsten Geräusches auf die Barrikaden. Mit solchen Themen kann man nicht punkten. Ich glaube, auf lokaler Ebene hätte man mit „Die Anwohnerpartei“ schnell große Erfolge: für Flüsterasphalt, für die Todesstrafe.Dreißig Jahre DIE KASSIERER wird mit der neuen Platte gefeiert. Woran merkt ihr, dass ihr das schon so lange macht?Wölfi: Die Auftritte fallen einem immer schwerer. Früher habe ich mich auf der Bühne mehr bewegt.Volker: Je mehr Jahre man auf dem Buckel hat, desto leichter macht man mit der größten Nonchalance Sachen, die für andere unglaublich sind. Man zieht sich aus, man steckt dem anderen seinen Kopf in den Arsch. Wenn das Zwanzigjährige machen, ist das eben was anderes, als wenn das gesetzte ältere Herren machen. Früher hatte ich noch Herzklopfen, heute denkt man beim Blankziehen nicht mehr nach. Die unglaublichsten Ferkeleien macht man mal eben so. Herrlich ist das!Niko: Es wird immer absurder!Wölfi: Ich finde gut, dass man heute sagen kann: „Ich würd’s ja machen, aber bitte habt Verständnis, ich bin keine fünfzig mehr!“ Interessant ist aber, dass auch die heutige Generation noch dem Punk-Kult huldigt.Niko: Wir haben Generationen begleitet, Fans von damals kommen heute mit ihren erwachsenen Kindern zu den Konzerten. Das Publikum ist einerseits mit uns gealtert, andererseits sind neue Leute dazugekommen, teils unter zwanzig.Wölfi: Nach der Wahl grüßte mich in der Wattenscheider Innenstadt ein Polizist mit den Worten: „Gutes Ergebnis, aber wenn Sie gewonnen hätten, hätte ich im Rathaus ja ein ,Fickpunker‘-T-Shirt anziehen müssen.“ Manchmal ist das schon irreal, da kommt es mir so vor, als ob wir mit unserem Ding in der Mitte der Gesellschaft angekommen wären.Niko: Vor einer Weile mussten wir in Karlsruhe mal mit dem Bandbus vor dem Bahnhof in der zweiten Reihe warten, und dann sah ich das Unheil schon nahen: zwei Polizisten. Ein alter und ein junger, und der Ältere wollte dem Jungen mal zeigen, wie man eine ordentliche Personenkontrolle macht. Und so ging das dann auch los: „Alle mal die Ausweise bitte!“ Und dann: „Nee! Nee! Das glaub ich ja jetzt nicht!“ Der gab uns dann die Ausweise zurück und wollte Autogramme haben.Reden wir über euer Theaterstück. Nach den Auftritten im Frühjahr gab es Anfang November noch mal eine Vorstellung. Wie lautet euer Resümee?Wölfi: Die Band macht deshalb seit dreißig Jahren Spaß, weil sich immer wieder was ändert und es Situationen gibt, wo man noch mal nervös wird, wo es einem was bedeutet, was man da so macht. Theater ist eben was anderes als ein Konzert. Konzerte sind immer lustig, die Leute haben immer Spaß. Ich könnte auf der Bühne sterben und die würden das für einen Gag halten. Beim Theater sind so viele andere Menschen involviert, es gibt eine vorgegebene Handlung, da muss man ein ganzes Stück weit einfach funktionieren. Es war unglaublich interessant mitzubekommen, wie ein Theaterstück entsteht, das ist eine völlig andere Erfahrung als das, was man kennt, wenn man vielleicht mal bei einer Schülertheatergruppe mitgemacht hat. So ein Stück wird nach und nach entwickelt. Das, was man da zunächst liest, ist ganz etwas anderes als das, was bei den Proben herauskommt. Die Selbstverständlichkeit ist vor allem, dass die Schauspieler dort wirklich spielen können, das ist ganz was anderes als Amateurtheater. Letzteres kenne ich aus meiner Kindheit, da musste ich immer meine Mutter abhören, wenn sie Texte lernte.Als Band seid ihr selbst mittlerweile Profis und keine Amateure mehr.Wölfi: Bei Bands ist der Unterschied nicht so groß wie am Theater. Wir haben ja auch als Amateure angefangen, und daran ist nichts Schlechtes, denn Amateur kommt vom Lateinischen amare, lieben. Es sind also Menschen, die das lieben, was sie machen, wohingegen der Profi eine Nutte ist – nicht umsonst bezeichnet man die als „Professionelle“. Letztlich sind wir also Amateure geblieben, denn wir lieben, was wir tun.Volker: Und wir proben nie. Vor zwei Jahren allerdings war ich doch mal wieder länger im Proberaum, aber auch nur, weil mein Schlagzeug Schimmelbefall hatte und dagegen musste ich was tun. Wir gehen einfach immer so auf die Bühne und dann schauen wir halt mal.Was hat diese Theatererfahrung mit euch gemacht?Niko: Das hat uns schon inspiriert, das war mal was ganz anderes.Volker: Trotz aller Ironie hatten wir ja immer schon auch einen Anspruch. Was wir machen, war nie einfach nur Abbruchscheiße. Wir haben uns schon immer lange und viele Gedanken über Texte und Musik gemacht – das war nie Willkür und Schrott. Trotzdem hatten wir immer den Ruf, Asis und Volltrunkene zu sein. Mit der Arbeit am Theater Dortmund war das dann ein kleiner Ritterschlag, wir spielten plötzlich an einer städtischen Bühne Theater – das hat ein bisschen unseren Ruf repariert. Das hat mir gefallen.Niko: Allerdings hatte aber auch jemand bei der Premiere auf die Toilettenwand mit Edding den Satz „Keine öffentlichen Gelder für so eine Scheiße!“ gekritzelt.Wölfi: Das stand da sicher schon vorher und wir waren gar nicht gemeint, glaube ich.Niko: Für mich war das alles sehr aufregend, weil eine so neue Erfahrung. Und vielleicht deshalb hatte ich vor der Premiere einen Traum, in dem mein Onkel auftauchte, der Schauspieler war am Bochumer Schauspielhaus, unter Zadek. Der ist lange schon tot, aber ich träumte dann von der Premiere. Und in diesem Traum ging ich vor der Aufführung durch den Saal, und da saß dann mein verstorbener Onkel, mit einem Zylinder auf dem Kopf, so einem gezwirbelten Schnauzbart und einem Stock in der Hand, und der winkte mir freundlich zu.Gab es wenigstens von irgendeiner medialen Seite jene Reaktion, die man sich vielleicht ein bisschen erhofft hat, also von wegen Untergang des Abendlandes, wenn so was auf der Bühne stehen darf?Wölfi: Nein. Und ich denke, das liegt daran, dass die Theaterleute mehr gewohnt sind. Worüber sich Menschen im Autonomen Jugendzentrum aufregen, etwa Nackte auf der Bühne, das ist im Theater kein Zucken mit der Augenbraue wert: „Nackte? Hatten wir hier schon öfter.“ Ich glaube, im Theater kann man nichts mehr machen, worüber sich noch irgendwer aufregt.Wölfi: Das Stück „Häuptling Abendwind“ wendet sich ja auch gegen Political Correctness. Und über Nackte auf der Bühne hat man sich vielleicht 1972 noch aufgeregt, als Zadek am Bochumer Theater anfing. Und bis heute war das ja eine kontinuierliche Entwicklung am Theater. Sowieso waren die am Theater mehr Punk als wir. Hätten wir das selbst inszeniert, wäre das sicher konservativer, zahmer geworden. Andreas, der Regisseur, aber auch die Schauspieler haben Vorschläge gemacht, die wir nie jemandem zugemutet hätten – schon aus der Vorstellung heraus, wir machen jetzt „Hochkultur“.Das neue Album ist „nur“ eine Best-Of-Platte geworden, neu sind nur drei Stücke aus dem Theater. Warum?Wölfi: Mit dem ganzen Aufwand, den wir da getrieben haben, hätten wir natürlich auch ein neues Album mit neuen Lieder machen können, aber mir war das Theater wichtiger. Ich finde es gut, dass wir auch nach dreißig Jahren nicht auf das Publikum schielen, sondern machen, was wir lustig finden. So wie uns vor fünf Jahren bei „Physik“ keine Fick-Lieder eingefallen sind, und dann waren da eben keine drauf. Mit mehr Ballermann-tauglichem Schwachsinn hätte man sicher ein paar mehr Platten verkaufen können. Aber das war noch nie unser Anliegen, also haben wir das nicht gemacht. Nein, Theater war wichtiger – ich hatte ja schon mit zwölf ein Autogramm von Zadek. Mit Peter Zadek und Claus Peymann bin ich aufgewachsen.Kommst du aus einer kulturell interessierten Familie?Wölfi: Ich komme aus einer Bergbaufamilie, mein Vater war noch unter Tage, der starb früh. Meine Mutti ging immer viel ins Theater, und ich dann auch. Das Theater öffnete sich damals, es war egal, in welcher Kleidung man da ankam, man ging da wegen des Stückes hin. Es war schon beinahe Pflicht, nicht im Anzug zu erscheinen. Als in den frühen Achtzigern im Ruhrgebiet dann die ersten alten Fabriken besetzt wurden, um Kulturzentren daraus zu machen, stellte sich der Theaterintendant klar auf die Seite der Hausbesetzer. Und eine Versammlung der Hausbesetzer fand auch mal in den Kammerspielen statt. Das war die Zeit, in der ich groß wurde.Wodurch zeichnet sich eure Best-Of-Platte aus?Wölfi: Dadurch, dass sie ehrlich ist. Und dadurch, dass sie im Gegensatz zum Anhören der Lieder bei YouTube haptisch ist: man kann sie anfassen.Niko: Drei der Lieder sind aus dem Theaterstück: „Punk-Intro“, „Menschenfresser“ und „Da isst man mal einen Fuß“. Wir hatten einfach keine Zeit, zum Jubiläum ein komplettes neues Album zu machen.Wölfi: Ich finde das Album echt gut, und man hat es jetzt am Merchandise-Stand leichter, wenn die Leute einen fragen, welche Platte sie denn nehmen sollen. Die neue kann ich da jetzt ruhigen Gewissens verkaufen.Niko: Ich finde ja, die wirkt ganz anders, als wenn man so ein einzelnes Album hört. Die neue Platte enthält die Essenz unseres Schaffens.Gibt es irgendwas, was euch heute noch wirklich peinlich ist, das man beispielsweise beim Besuch eines befreundeten Paares, das bislang nicht vertraut ist mit etwa deinen musikalischen Aktivitäten, Niko, denen nicht unbedingt vorspielen würde? Ich denke da etwa an die Textzeile „Ich bin Frauenarzt, weil ich Fotzenfan bin“.Niko: Ja, also das Lied kennen meine Kinder nicht und das würde ich denen auch nicht vorspielen. Aber irgendwann werden die das bestimmt hören, denn es ist eben so, dass ich in so einer komischen Band spiele. Und dann sollen sie ruhig Fragen stellen.Wölfi: Ich bin ein Fettsack, der von sich selbst Nacktplakate verkauft, mir ist nichts mehr peinlich.Wie ist dieses Coverfoto entstanden? Ich wusste gar nicht, dass ihr reitet.Wölfi: Wir wollten uns deutlich als Tierquäler präsentieren, deshalb haben wir das gemacht. Eigentlich wollten wir während des Reitens noch Bockwurst essen. Nein, also das kam so, dass wir als in der Mitte der Gesellschaft Angekommene Kontakt zum örtlichen Reitclub haben, und die kommen auch zu unseren Konzerten. Da lag es nahe, die mal zu fragen, ob wir nicht Fotos machen können bei denen. Als Kind saß ich zwar mal auf einem Pony, aber auf einem Pferd bis dahin nicht. Ich kam da mit so einer speziellen Leiter hoch. Ich habe dann ganz lieb mit dem Pferd geredet und dann ging das.Niko: Es war echt nicht einfach, dieses Foto zu machen, die Pferde bewegen sich ja ständig.Wölfi: Mir kam nur das Wilhelm Hauff-Zitat in den Sinn „Gestern noch auf stolzen Rossen / Heute durch die Brust geschossen / Morgen in das kühle Grab!“Niko: Außerdem: Welche Band kommt sonst auf so eine Idee? Nur Putin lässt sich sonst noch hoch zu Ross fotografieren.
 

Reviews

KASSIERER

© Ox Fanzine #20 / Joachim Hiller

Golden Hits teilweise in Englisch CS

Ganz klar: An den KASSIERERN aus Bochum-Wattenscheid scheiden sich die Geister. Entweder man findet sie genial oder beschissen. Dazwischen gibt es nichts. Wie auch immer, nach dem grandiosen Werk Der Heilige Geist greift an haben sich die Geistesproleten (so nannte uns immer unser Religionslehrer, als wir seinen theologischen Ausführungen nicht folgen bereit waren) daran gemacht, ihre besten (ähem...) Songs neu einzuspielen, teilweise mit englischem Text zu versehen (Sex with the social-worker und Big prick).Auch Anus apertus (hey, ich habe auch das große Latinum), Schiffchen oder Außenbordmotor wirken in knackiger Produktion gleich viel frischer, wenn auch der gnadenlos gnadenlose Humor dieser Herren nur in persona so richtig wirken kann.Muß man haben.

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #24 / Joachim Hiller

Habe Brille LP/CD

Nachdem das sexistische Patientenkollektiv aus Bochum von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften das goldene Achtung! Ironie!-Siegel verliehen bekommen hat, treiben es die KASSIERER umso doller und begeben sich textlich in Abgründe, in denen wirklich kein Tabu unberührt bleibt.Und wenn man glaubt, es ginge nicht mehr peinlicher, dann kann man sich auf die KASSIERER verlassen, die einen Song wie Frauenarzt verfassen. Nennt es infantil, nennt es genial, scheißegal, die KASSIERER kümmern sich einen Dreck drum - Hauptsache, es wird reagiert.Darüber ließe sich natürlich eine Doktorarbeit schreiben, aber damit würden sich die im Alltagsleben eigentlich ganz normalen Leute vermutlich den Arsch abwischen. Musikalisch sind die KASSIERER hier unbestritten in Höchstform: von Swing über Volksmusik bis hin zu ihrem altgewohnten Primitiv-Punk ist alles dabei.Warten wir mal ab, wann die Reichskulturkammer den nächsten Angriff startet - oder kommt vielleicht stattdessen das Angebot, im Ausland im Auftrag der Goethe-Institute aufzuspielen?

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #123 / Joachim Hiller

Haptisch

Dreißig Jahre DIE MÄCHTIGEN KASSIERER – das muss(te) gefeiert werden. Ein neues Album wäre angemessen gewesen, aber dann kam das Theaterstück in Bochum dazwischen mit zeitaufwändigen Proben ... und es fiel die Entscheidung, sich angesichts von drei Dekaden groben Unfugs mit einer Best-Of-Zusammenstellung selbst zu huldigen.Überdies hat man so etwas zur Hand, was man aufdringlichen Merch-Interessenten bei Konzerten empfehlen kann, wenn die Frage kommt: „Welche von den Platten ist denn die Beste?“ Und so finden sich hier 28 alte, neu gemasterte Hits , zwei neue („Menschenfresser“ und „Da isst man mal einen Fuß“ aus dem Theaterstück) und ein Intro, macht zumindest mathematisch ein Lied pro Jahr der Bandexistenz.„Großes Glied“ ist dabei, „Außenbordmotor“, „U.F.O.“, „Anus apertus“, „Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche“, „Gott hat einen IQ von 5 Milliarden“, „Vegane Pampe“, „Sex mit dem Sozialarbeiter“, „Meine Freiheit, deine Freiheit“, „Mach die Titten frei, ich will wichsen“, „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“, „Blumenkohl am Pillemann“, „Stinkmösenpolka“, „Mein schöner Hodensack“ und „Anarchie und Alkohol“ – und noch ein paar mehr.Schon bei der Aufzählung der Lieder erkennt der passionierte KASSIERER-Fan, dass eigentlich das Rundum-sorglos-Programm geboten wird, also musikalische und textliche Höchstleistungen aus dreißig Jahren versammelt sind.Mag sein, dass es Menschen gibt, welche den Genialismus der Bochumer Band bislang nicht erfassen konnten, ja sich möglicherweise aufgrund von Vorurteilen oder vorgeblich peinlicher Berührtheit angesichts der direkt aus dem Leben gegriffenen Texte und Themen einer genaueren Beschäftigung mit der Band verweigert haben, aber ich behaupte, das gibt sich.DIE KASSIERER sind Kunst, Kultur und Punk alles in einem, und wer nicht zum Lachen in den Keller geht, der hat hieran seinen Spaß. Auch ganz haptisch. Etwas mehr Booklet wäre allerdings schön gewesen, Bandgeschichte und so weiter.Andererseits ... da kann man ja ein Buch daraus machen.

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #37 / Joachim Hiller

Jetzt und in Zukunft öfter... Pic-LP

Relativ unbemerkt und unbeworben erschien diesen Sommer, also kurz vor dem neuen Album, dieses Live-Album der KASSIERER, das Aufnahmen enthält, die im Bochumer Kultur(!)zentrum Bahnhof Langendreer aufgenommen wurden, der sowas wie die Heimatbasis der Wattenscheider ist - merke: niemals Wattenscheid und Bochum in einen Topf werfen..."Jetzt und in Zukunft öfter" ist, modernster Aufnahmetechnologie sei's gedankt, mit seiner vorzüglichen Tonqualität und der Songauswahl - unter den 21 "Liedern" sind u.a. "Sex mit dem Sozialarbeiter", "Sing, sing, UFO", "Ich töte meinen Nachbarn", "Dr.Martens", "Schiffchen" und "Mein Glied ist zu gross" - beinahe sowas wie ein Best of-Album, obwohl die KASSIERER ja andererseits sowieso nur Hits geschrieben haben. Im Vergleich zu den Studioalben gewinnt diese Scheibe, die zudem durch ihr Picture-LP-Format gewinnt, ausserdem noch durch die perfekt eingefangene Live-Atmosphäre inklusive Wölfis immer wieder wunderbarer Ansagen.Ist 'n absoluter Hit, und wer die KASSIERER nicht mag oder zu blöd ist sie zu verstehen... ach, leckt mich doch. Kommt mit 'nem sehr schönen Fan-Heft, das nicht nur sensationelles Fotomaterial enthält, sondern auch die offizielle Bandgeschichte.

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #37 / Marc Schellenberg

Musik für beide Ohren CD

1. Mediatives Intro2. Vati ist tot3. Besoffen sein4. Thomas Werner5. Blumenkohl am Pillemann6. Das Skelett von Willy Brantt7. Du willst mich küssen (Spezialversion)8. Rudelfick in Altersheim9. Sauerlandlied10. Es ist nie zu spät11. Arm ab12. Zu voll zum Verkehr13. Vegane Pampe14. Wolfgang Glück15. Mongo mit der Bongo16. Gleich reiß ich dir den Sack ab!17. Morgen weide ich deinen Vater aus!18. Das Leben ist ein Handschuh19. Konsequenzen20. Der Sackabreißer von WattenscheidTracklisten sagen mehr als tausend Worte. Manchmal. Und Werbebeilagen sowieso. Deshalb also bitteschön kaufen, hören, kopfschütteln. Bevor es die entsprechende Bundesprüfstelle tut.

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #53 / Thomas Hähnel

Männer, Bomben, Satelliten CD

Insbesondere nach ihrer letzten Platte "Musik für beide Ohren" hatte ich DIE KASSIERER schon mehr oder weniger abgeschrieben, denn spätestens dort wurde es offensichtlich, dass den charmanten Proktologen aus Wattenscheid so langsam die zündenden Ideen ausgehen. Die jugendliche Unbekümmertheit der ersten beiden Scheiben war nun gänzlich weg, wohingegen ein überdurchschnittlicher Anstieg des Fäkalien-Faktors im Vokabular zu beobachten war. Auf Dauer jedenfalls nicht wirklich lustig. Mit "Männer, Bomben, Satelliten" gelingt es ihnen jedoch wieder an das fulminante Werk "Der Heilige Geist greift an" anzuknüpfen, auch wenn ein paar der darauf enthaltenen Gags fast vollständig adaptiert werden. Trotzdem: Keine andere Band beherrscht die hohe Kunst des Ficklieds so überzeugend wie DIE KASSIERER, und genau das macht sie so einzigartig. Dabei zeigen die Jungs diesmal aber auch, dass sie feinsinnige Beobachter und durchaus befähigt sind, ein differenziertes Statement zur politischen Situation in diesem Lande abzugeben ("Das politische Lied"), entwickeln Konzepte zur Entlastung der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt ("Schnaps und Bier") oder geben fundiertes Hintergrundwissen und konkrete Handlungsanweisungen zu Fragestellungen, welche die Menschheit wirklich bewegen ("Partylöwe", "Meine Interessen", "Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist"). Somit holen DIE KASSIERER den Punk endlich wieder von der Straße zurück und hinein ins Feuilleton. Und da gehört er schließlich hin. (43:32) (8)

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #92 / Carsten Vollmer

Physik

2010 scheint das Jahr der alten „Ruhrpottrecken“ zu sein: LOKALMATADORE, EISENPIMMEL und nun die mächtigen KASSIERER veröffentlichen zu ihren Jubiläen jeweils ein schickes neues Album. Das Dreigestirn der Punkrock-Fäkal-Lyrik ist somit komplett.Da es im wirklichen Leben immer um den ersten Platz auf dem Treppchen geht, will ich meine persönlichen Favoriten nennen: EISENPIMMEL befinden sich dieses Jahr auf ihrem Zenit und sind in Sachen Kreativität und Radikalität nicht zu toppen, obwohl der aufgesetzte Ruhrpottslang manchmal nervt.Dafür nervt bei den KASSIERERN ihr Wiederholungsspagat zwischen Punkrock-Anspruch, Satire und Kleinkunst. Sicher, von den Texten und auch vom Intellekt sind hier sehr weltoffene Geister und Denker unterwegs, nur manchmal klingt das einfach zu bemüht (aber gewollt!) auf die liebe Deppenszene heruntergebrochen.Lustig auf Knopfdruck funktioniert nicht immer, und wenn sie klauen, klauen sie bei sich selbst. Natürlich gibt es einige Songs, die einfach nur Kopfschütteln verursachen und ihre einmalige Klasse erstrahlen lassen.Was einfach fehlt, ist ein richtiger „Hit“, der ohne Kommentar wie eine Bombe wirkt, obwohl es einige Kandidaten gibt, die nahe heranreichen. Dass sie selbst bei Stagnation alle normalen und Genregrenzen sowieso sprengen, dürfte klar sein, und was machen die ganzen Punker nur, wenn es sie nicht mehr geben wird, denn Nachwuchs ist auch in millionenfacher Entfernung nicht in Sicht.Sie gehen ihren sehr individuellen Weg, haben sich per Gerichtsbeschluss selbst unantastbar gemacht, und als Gesamtkunstwerk sind sie einfach phänomenal. Ehre, wem Ehre gebührt!

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #20 / Joachim Hiller

Sanfte Strukturen LP

Darauf haben wir lange warten müssen, aber jetzt, jetzt ist Weihnachten, Geburtstag und Ostern auf einmal angesagt: Hurra, die legendäre erste LP der Verrückten aus Wattenscheid wurde wiederveröffentlicht.Mit dabei alle Hits, die man von ihren Konzerten so kennt: Tod, Tod, Tod, Downtown, Schiffchen, Anarchie und Alkohol, Hugo, Proll und noch ein paar andere. Übrigens: Damals konnten die alle noch ihre Instrumente spielen.Das sollte uns zu denken geben, oder?

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #33 / Joachim Hiller

Sanfte Strukturen

Ich weiss noch genau, wie ich in den Anfangstagen des Ox eines schwarzen Tages plötzlich eine Platte mit dem Titel „Sanfte Strukturen“ von einer Band namens DIE KASSIERER im Briefkasten hatte. Tja, und dann legte ich die Platte auf - und war schockiert! Tabubruch! Schmutz! Perversion! Zynismus! Ferkeleien! Ich spielte die Platte in meinem Freundeskreis vor, erntete komische Blicke dafür, und erst als ich später der Schwäbischen Alb den Rücken zukehrte und gen Ruhrpott zog, sollte ich mit den KASSIERERN, die schliesslich aus Bochum kommen, in Kontakt geraten: erst musste ich ihre Konzerte sehen/hören/ertragen, dann auch noch die Bekanntschaft der Bandbelegschaft machen und erkennen, was es mit dieser Band so auf sich hat...Nein, an dieser Stelle schweigt des Sängers Höflichkeit, ich nehme mein Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch. Aber um auf den Punkt zu kommen: wie bei EISENPIMMEL, übrigens gute Bekannte der Bochumer, gibt es im Falle der KASSIERER ausserhalb des Ruhrgebiets nicht selten gewisse Rezeptionsschwierigkeiten, was eigentlich kaum erklärlich ist, ist die Band doch auch nach Ansicht der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften Kunst, und die darf ja wohl alles.Jetzt hat Teenage Rebel Records die grosse, wunderbare Tat vollbracht, das erste Album von ´89 im CD-Format wiederzuveröffentlichen und noch ein Stück der ´87er-7“ sowie Liveaufnahmen von ´85 dazuzupacken, und ich muss sagen, die KASSIERER waren eben schon immer ganz, ganz gross.Sofort kaufen und Hits wie „Tot, tot, tot“, „Downtown“, „Anarchie und Alkohol“ und „Schiffchen“ mehrmals am Tag hören, unbedingt.

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #81 / Joachim Hiller

Sanfte Strukturen

Sicher, die KASSIERER (aus Wattenscheid) haben so einige gute Platten veröffentlicht in den letzten 20 Jahren, aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in den Ox-Anfangstagen das „Sanfte Strukturen“-Album in der Post fand, die LP auflegte und völlig verwirrt war: Was sollte DAS denn sein? Punk? Ja, irgendwie.Funpunk? War damals groß, aber die KASSIERER waren anders. Kabarett oder Satire? Ich wusste es nicht, hörte mir ein ums andere Mal das Quasi-TRIO-Cover „Tod, Tod, Tod“ an, die seltsame Version von Petula Clarks „Downtown“, „Anarchie und Alkohol“, „Hugo“, „Stiefgroßmutter“ und natürlich „Proll“.Erstaunlich wortgewandt kamen die mir vor, mit einem messerscharfen Humor, musikalisch auch versierter als vieles, was ich sonst so an deutschem Punk kannte – und so ein seltsamer Künstler-Touch umgab sie.Jahre später fand ich dann mehr über die KASSIERER heraus, so manches Rätsel fand eine Erklärung, doch geblieben ist die Erkenntnis, dass Wolfgang und Co. wie so viele andere Bands auch ihr bestes Album ganz zu Beginn ihrer Karriere gemacht hatten.Nun ist „Sanfte Strukturen“ als Picture-LP neu aufgelegt worden – Pflichtmaterial.

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #28 / Joachim Hiller

Taubenvergiften CD

Erstmal eine gar nicht so kleine Korrektur: Der offizielle Titel des neuen KASSIERER-Albums lautet Prolegomena zu einem jeden Taubenvergiften, das als Wissenschaft wird auftreten können. Hatten die Bochumer mit ihrer letzten CD einmal mehr die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks weit überschritten, so war klar, dass es kaum noch möglich war, die Provokation sinnvoll weiterzutreiben.Also Kehrtwende und all den Leuten den Arsch entgegengestreckt, die bisher tatsächlich glaubten, die KASSIERER seien widerwärtige dauerbesoffene Schmutzfinken, die halt gerne den Affen machen.Und so gibt es für alle - die, die's verstehen, und die, die's nicht verstehen - ein Georg Kreisler-Tribut-Album. Georg wer? Georg Kreisler! Wer der Mann genau war, lässt sich ausführlich im Booklet nachlesen, nur soviel: Der Mann ist heute 75, Wiener und seit den Fünfzigern einer der besten Kabarettisten, der den bekannt bösen Wiener Humor auf die Spitze getrieben hat.Als bekennender Kommunist wettert er bis heute gegen Spiesser, Rassisten, Bürokraten und anderes Geschmeisse, wobei seinen Top-Hit Taubenvergiften im Park eigentlich jeder kennen sollte. Die KASSIERER haben nun einen bunten Strauss von zehn Kreisler-Songs in bekannt eigenwilliger Manier interpretiert und damit vielleicht geholfen, einen Mann vor dem Vergessen zu bewahren, der bis heute in Österreich als Staatsfeind und Schmierfink gilt.Wer über die KASSIERER bisher lachte, so wie man hinter vorgehaltener Band mal über einen Behindertenwitz lacht, dem wird sein böses Lachen angesichts der eigenen Dummheit endlich im Halse stecken bleiben.Und sollte es jemand geben, der diese Platte nicht versteht, muss ich ganz offen abgrundtiefe Dummheit attestieren.

 

KASSIERER

© Ox Fanzine #33 / Elmar Salmutter

The Gentlemen Of Shit CD

Es ist mal wieder so weit: DIE KASSIERER lassen uns erneut an ihrem geistig-moralischen Reifeprozess teilnehmen!!! Nachdem bereits "Habe Brille" alle deutschsprachigen Sittenwächter auf die Palme (der Humorlosigkeit) bringen konnte, ist nun auch der (noch) unwissende und nicht verdorbene Rest der Welt an der Reihe, da die vier Bochumer ihre größten Hits (hauptsächlich vom "Habe Brille"-Album) ins Englische übersetzt haben.Nun heißen Songs beispielsweise halt nicht mehr "Ich töte meinen Nachbarn und verprügle seine Leiche" sondern eben "I Kill My Neighbour And Beat Up His Body". Einmal mehr gelingt es den Kassieren dabei, ihre geistige, ethische und geschmackliche Führungsposition zu untermauern, wie Textzeilen wie "I'm always verkrampft, I never get locker, I take everything serious, especially soccer" eindrucksvoll belegen.Einfach köstlich - gehört in jeden Haushalt!

 

Konzert

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01.05.2016Berlin, SO 36
Mai.
1
2016