NAPALM DEATHTourdaten, Infos, Interviews, Reviews

Nächster Termin:

16.06.2016
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Genre

Metal

Shows

583 Shows in 376 Städten / 42 Ländern

Zeitraum

12.06.2003 - 20.08.2016

Letzte Show

26.11.2015 - ES-Madrid, La Riviera

Nächste Show

16.06.2016 - DE-Gardelegen, Metal Frenzy Open Air

Tonträger bei finestvinyl

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NAPALM DEATH - ENEMY OF THE MUSIC BUSINESS | LP

 
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NAPALM DEATH - LEADERS NOT FOLLOWERS (RED VINYL) | EP

Limitierte Wiederveröffentlichung des originalen Napalm Death-Mini Albums von 1999 als rote 10" Vinyl. Die EP enthält insgesamt sechs Titel, bei denen es sich um Coverversionen von anderen Punk- und Metal-Bands handelt. Napalm Death bestehen aus Mark "Barney" Greenway - Vocals, Shane Embury - Bass, Mitch Harris - Guitar, Backing vocals, Jesse Pintado - Guitar, Danny Herrera - Drums.
 
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NAPALM DEATH - LIVE CORRUPTION | LP

Jetzt erstmalig auf Vinyl erhältlich! Dieser Live-Mitschnitt aus der Frühphase der legendären Grindcore-Band im Jahr 1990 wurde bisher nur als CD in einem limitierten Box Set 1992 veröffentlicht und war nicht als LP lieferbar. Auf "Live Corruption" spielen Napalm Death noch in ihrem klassischen Original Line Up mit Mark "Barney" Greenway, Jesse Pintado, Mitch Harris, Shane Embury und Mick Harris.
 
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NAPALM DEATH - ORDER OF THE LEECH (LIMITED EDITION | LP

 
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NAPALM DEATH - SMEAR CAMPAIGN (CLEAR) | LP

 
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NAPALM DEATH - THE EARACHE PEEL SESSIONS | LP

Eine Vinyl-Only Veröffentlichung der legendären Peel-Sessions, die die Band zwischen 1987 und 1990 aufgenommen hat! 34 ultimative Grindcore-Tracks! Die deutsche Exklusive Version kommt im Green-White-Splatter-Look! Beide Versionen sind streng limitiert!
 
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NAPALM DEATH - TIME WAITS FOR NO SLAVE (CLEAR) | LP

 
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NAPALM DEATH - TIME WAITS FOR NO SLAVE (RSD VERSIO | LP

 
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NAPALM DEATH - TIME WAITS FOR NO SLAVE (SPLATTER) | LP

 
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NAPALM DEATH - UTILITARIAN (2X10" + 7") | 2 EP

Limitierte Edition von 300 Kopien als schwarze Doppel-10"+7". Das Album "Utilitarian" (2012) der legendären englischen Grind-Rocker jetzt wiederveröffentlicht auf Doppel-10" mit Bonus-7" auf Power It Up kommt in einem dicken Karton-Klappcover mit leicht geändertem Artwork. Die EP erscheint auch mit regulärem Cover. Auf der Bonus-7" sind die Songs ,Aim Without An Aim", ,Everything In Mono", "Standardization" und ,Youth Offender" enthalten.
 

Interviews

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NAPALM DEATH - Motivation, die aus dem Herzen kommt

Seit den frühen Achtzigern treiben die Engländer nun schon ihr Unwesen und haben uns damals mit offenen Mündern und Fragezeichen auf der Stirn stehen lassen, als 1987 das Debüt-Album „Scum“ erschien und innerhalb weniger Wochen auf Platz 3 der UK Indie-Charts kletterte. Das ist lange her, und bis heute haben NAPALM DEATH ihre Nische in der extremen Musik nicht verlassen. Viel gefestigter und autarker scheint die Band momentan zu agieren. Sie haben ihr eigenes Label Feto Records gegründet, und selbst als Quartett ziehen sie auf die Bühnen, um in den Köpfen der Leute etwas zu bewegen. Von festgefahren und fehlender Innovation kann hier also keine Rede sein. Ich sprach mit Sänger Barney Greenway.Was ist passiert, seit wir uns beim letzten „With Full Force“ 2003 getroffen haben? „Eigentlich gar nicht so viel. Wir haben eine kleine Pause eingelegt, und diese Tour ist mal wieder etwas Nennenswertes. Einige von uns hat es in die Staaten gezogen, und dort haben sie Sachen gemacht, wie die Familie besuchen und so was.“ Auf dieser Tour fehlt Jesse immer noch. Was ist mit ihm? Wird er denn bei der nächsten Tour wieder fit sein? „Ja, das wird er. Er hat momentan ein paar gesundheitliche Probleme und muss sich erholen.“ Wie ist denn das Bandgefühl, wenn ein Teil von euch fehlt? „Nun, als Band haben wir so etwas wie einen Überlebensinstinkt, und wir können uns den gegebenen Umständen anpassen. Es gibt sicher genügend andere Bands, die würden sofort sagen: ‚Oh nein, zu viert spielen wir keine Show‘, aber wir spielen trotzdem. Es war schon so, als unser Bassist krank war, und wir spielten sogar, als ich mal krank war. Selbst das hat funktioniert.“ Und ihr habt auch gespielt, als Mitch sein Bein in Gips hatte. Da saß er mit einem Stuhl auf der Bühne und hat gespielt. „Ja genau. NAPALM DEATH im Sitzen. Das war schon lustig anzusehen, aber wir spielen solche Shows.“ Habt ihr immer noch den gleichen Ansporn weiterzumachen, oder ist es eher zur Pflicht geworden? „Oh nein, wenn es reine Pflicht wäre, würde ich das Ganze sicher nicht machen. Ich muss schon Spaß an der Sache haben und es wirklich wollen, sonst würde ich es nicht tun. Weißt du, immer auf Tour zu sein, Platten zu machen und so. Der Reiz ist immer noch da, und von daher machen wir es. Es kommt sicher einmal die Zeit, in der ich es oder andere von uns nicht mehr wollen oder können, aber momentan sind wir alle voll bei der Sache und haben Spaß daran. Deshalb gibt es NAPALM DEATH auch noch 2004. Und um ehrlich zu sein, nach NAPALM DEATH würde es für mich auch keine weitere Band mehr geben, denn wenn man in so einer Band war, was soll man danach noch machen? Ich bin jetzt schon so lange in der Band, und NAPALM DEATH waren mit die Pioniere in Sachen Grindcore und extremer Musik, und was könnte ich persönlich danach tun, um so etwas noch einmal zu erreichen oder zu übertreffen?“ Worum geht‘s bei Feto Records? „Es steht für ‚From Enslavement To Obliteration‘, der Titel unseres zweiten Albums. Aber es ist momentan nicht wirklich ‚in Betrieb‘. Es gibt keine großartigen Releases, und bisher sind auch nur unsere letzten Platten dort erschienen. Wir planen zwar, dass auch andere Bands dort veröffentlicht werden, aber da spielen natürlich auch noch die Finanzen eine Rolle. Ich für meinen Teil möchte nur dann andere Bands veröffentlichen, wenn ich bzw. wir sie auch gerecht behandeln können, und solange das nicht gegeben ist, werden wir es auch nicht machen. Ich will keine Scheiße mit Bands abziehen. Ich bin schon so lange in einer Band, und wir haben auch viele schlechte Erfahrungen gemacht. Gewisse Labels haben uns abgezogen, und ich habe mir selbst geschworen, dass ich so etwas mit anderen Bands nicht machen werde. Sie verdienen, gut behandelt zu werden, und wenn man das nicht kann, sollte man es lassen.“ Wenn du an politische Aussagen im Kontext von Musik denkst, glaubst du, dass die Leute das heutzutage noch so aufnehmen und sich Gedanken darüber machen? „Ich denke schon, dass sie sich dafür interessieren. Ich kann das im Bezug auf NAPALM DEATH nur bestätigen, denn wenn wir darüber reden, bekommen wir immer Antworten und Reaktionen, und das beweist mir in gewisser Art, dass die Leute sich Gedanken darüber machen. Und ich denke, gerade in Deutschland sind die Leute besonders empfänglich für so etwas. Wir leben in einer Zeit, in der sich eine Regierung einfach über den Willen der Bevölkerung hinwegsetzt und tut und lässt, was sie für richtig hält. Daher müssen wir nachdenken, wie wir es den Leuten am besten vermitteln können, so nicht weiter mit unserem Leben umzuspringen, ob man es nun als einzelner oder in der Masse versucht, aber man muss etwas tun.“ Auf der Single „Nazi Punks Fuck Off“ gab es eine Liste von diversen Organisationen. Bist du politisch aktiv? „Ja, bin ich, aber ich kann hier jetzt keine nennen. Zum Beispiel Animal Rights und antifaschistische Sachen. Die Adressen von der Single gibt es aber zum Teil gar nicht mehr.“ Was machst du neben NAPALM DEATH? Wie sieht es da mit Jobs und Familie aus? „Momentan arbeite ich im sozialen Bereich, bin Sozialarbeiter für Gefangene. Ich versuche, den Leuten zu helfen, ihr Leben geregelt zu bekommen.“ Was macht ihr in naher Zukunft? „Wir werden in Japan, Indonesien und Malaysia touren. Dann wird noch ein weiteres Cover-Album von uns erscheinen, mit etwa 20 Songs von DISCHARGE, AGNOSTIC FRONT, DEFENDERS, HELLHAMMER, DIE KREUZEN und vielen mehr.“
 
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NAPALM DEATH - Endliches neues Leben

Im Grunde genommen haben NAPALM DEATH mit ihrem neuen Album „The Code Is Red ... Long Live The Code“, das Ende April bei Century Media erscheint, einen Schritt zurück zu den Basics gemacht. Doch wenn man genauer hinsieht, hat sich bei NAPALM DEATH in den letzten 24 Monaten einiges nach vorn bewegt: Es gab ein neues Label, eine neue Booking-Agentur, ein neues Management, einige neue Aufnahmen und sogar beim Line-up gab es Veränderungen. In den Augen von Gitarrist Mitch Harris waren all diese Schritte notwendig, um NAPALM DEATH am Leben zu erhalten und um der Band wieder mehr Dynamik und Energie zu geben. Bei dem einzigen deutschen Showcase im Bochumer „Matrix“ stand er mir Rede und Antwort.Ihr habt ja mittlerweile das Label gewechselt und seid nun bei Century Media unter Vertrag. Eure letzte CD mit Coversongs kam ja auch schon dort raus. Wie kam es zu der neuen Zusammenarbeit?„Century Media waren eigentlich schon seit vier Jahren an uns interessiert, doch leider hat unser Management nie wirklich Kontakt mit ihnen aufgenommen. Wir als Band haben natürlich schon öfters mit ihnen gesprochen. Und so kam es, dass wir mit ihnen einiges klarmachen konnten und einigten uns auf einen Deal. Sie haben uns bisher sehr gut unterstützt. Sie finanzierten unsere Studioaufnahmen, sie helfen uns, die Tickets in die USA zu bezahlen und dergleichen. Wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit. Century Media machen sehr viel Promo-Arbeit und unterstützen uns bei allem, was geht. Sie haben aber auch mehr Einfluss darauf, wann das Album erscheint. Bisher ist es immer so gelaufen: Wir haben das Album aufgenommen und die bisherigen Labels wollten das Album so schnell wie möglich in den Läden stehen haben. So kam es, dass die Interviews immer nachträglich zur Platte gemacht wurden und kaum Promo-Arbeit geleistet werden konnte. Diesmal ist es anders: das Album haben wir seit September fertig und wir warten nun sozusagen auf den Release. In der Zwischenzeit kann das Label aber gute Promo-Arbeit leisten und uns in der Presse unterkriegen. Die Leute werden auf das Album neugierig gemacht. Und wenn es dann rauskommt, weiß jeder Bescheid und ist heiß darauf. Diese Art von Labelarbeit finde ich wesentlich besser, auch wenn man als Musiker lange auf seinen eigenen Release warten muss. Unser letztes Coversong-Album hat fast ein Jahr gebraucht, bis es wirklich veröffentlicht wurde.“Was war damals der Grund, Earache Records zu verlassen? „Es gab keine große Unterstützung vom Label. Wir waren auf uns selbst gestellt. Wir bauten die Band viele Jahre mehr oder weniger selbst auf. Es gab keinen Tour-Support vom Label und das Geld, welches wir auf Tour machten, ging wieder zurück in andere Finanzlöcher. Wir haben also von der Plattenfirma nie viel Geld bekommen, mussten alles selbst erwirtschaften und haben nie Plus gemacht. Earache Records hat zwar einen guten Vertrieb und ist angesehen, aber sie haben sich nie so recht um die Band gekümmert, und wir hatten es echt schwer zu überleben. Es geht uns nun aber um die Zukunft und wir wollen nicht über die Vergangenheit weinen. Ich habe auch keine Angst bei den ganzen Plattenfirmen, denn ich weiß, dass wir als Band eh sehr viel selbst in die Hand nehmen, und so schlecht kann dann das Ergebnis auch nicht werden. Aber Earache Records ist nun ein Label, das kaum noch Bands hat und auch keine besondere Vision verfolgt.“Die neue Platte hat den Titel „The Code Is Red – Long Live The Code“, was hat das zu bedeuten? „Der Titel lehnt sich an die ganzen Terror-Ereignisse an. Es hat also auch etwas mit dem 11. September zu tun. Es gibt halt die Alarm-Farbgebung: man sagt ‚Code Red‘, wenn es sich um Terrorgefahr handelt oder ‚Code Orange‘, wenn die Flughäfen unter verschärfter Bewachung stehen. Als es wieder einmal ‚Code Red‘ hieß, erwarteten sie wieder einen Anschlag. Dieser Ausnahmezustand verhilft der Regierung, das Volk in einen Angstzustand zu versetzen. Gleichzeitig nimmt sich die Regierung durch die vermeintliche Gefahr heraus, die Bevölkerung noch mehr durchleuchten zu dürfen. Es gibt ID-Karten, den digitalen Fingerabdruck, Augen-Scans und so weiter, um der Bevölkerung die – eigentlich grundlose – Angst wieder zu nehmen und sie in Sicherheit zu wiegen. Aber im Grunde geben wir damit unsere Rechte auf Freiheit und Privatsphäre ab. Die Leute heißen all die neuen Technologien gut, nur weil es mal wieder ‚Code Red‘ heißt.“Kannst du etwas über in den Lyrics erzählen? Hat Barney wieder den größten Anteil der Texte verfasst? „Es geht einmal mehr um persönliche Angelegenheiten. Bei einem geht es um ein Statement über Barney, das von irgendeinem Nazi auf eine Website gesetzt wurde. Barney antwortete darauf und diese Art von Konflikt inspirierte ihn zu einem Song. Ein anderer Song handelt von Familienwerten und der christlich/katholischen Überzeugung, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Dann geht es im Allgemeinen um das persönliche und individuelle Vorantreiben: man soll politisch seine Augen und Ohren offen halten und achtsam sein.“Gab es im Vergleich zu den letzten Alben ein paar wesentliche Unterschiede? Habt ihr mit anderen Produzenten oder in anderen Studios aufgenommen? „Für jedes neue Album gehen wir auch in ein neues Studio, um immer wieder eine Soundentwicklung zu erfahren. Wir haben ein wirklich sehr gutes Production-Team: wir arbeiten seit den letzten beiden Alben mit Simon Efemey und Russ Russell zusammen. Wir kennen uns wirklich schon sehr gut. Sie haben mit uns die Alben ‚Order Of The Leech‘, ‚Enemy Of The Music Business‘, und die beiden ‚Leaders Not Followers‘-Cover-Alben und auch die MEATHOOK SEED-Sachen aufgenommen. Demnach gibt es da keinerlei Missverständnisse. Sie wissen, was wir wollen, um immer wieder einen Unterschied zum letzten Album zu erzielen. Wir haben also wieder mit den beiden gearbeitet und haben alles innerhalb von drei Wochen aufgenommen. Wir haben diesmal ein etwas günstigeres Studio ausgesucht, mit etwas weniger Extra-Effekten, denn wir wollten einen solideren Basis-Sound kreieren. Das Studio hatte noch nicht einmal eigene Mikros. Ich habe meine Mikrofone mitgebracht und wir haben das ganze Album mit meinen SM58 aufgenommen, welches ein Standard-Live-Mikro ist. Selbst für den Gesang haben wir dieses Mikro benutzt, um Barney mehr Bewegungsfreiheit um das Mikro herum zu ermöglichen. Er muss dann nicht so still vor dem Mikro stehen, wenn er die Vocals und Schreie macht. Das Gesamtbild der Aufnahmen kommt dadurch auch eindeutig mit mehr Live-Feeling rüber. Es war ein sehr organisiertes und kreatives Arbeiten. Wir haben auf diesem Wege, so hoffe ich, die spontane Energie am besten eingefangen. Selbst wenn an einigen Stellen ein paar kleine Fehler oder Unstimmigkeiten vorhanden sind, war es die Sache wert, den Song festzuhalten, wenn wir mit der Version sehr zufrieden waren. Wenn man bei den Aufnahmen Songs immer und immer wieder spielt und dann nach der perfekt eingespielten Version sucht, verliert der Song am Ende an Spannung und Energie. In der Vergangenheit gab es bei den Alben immer mal Songs, bei denen du gedacht hast: ‚Na ja, ganz okay, aber nicht mein Lieblingssong‘, und springst zum nächsten Song. Aber dieses Album ist spannend von Anfang bis Ende. Auch im Bezug auf die Vocals gibt es einige Überraschungen: wir haben Jello Biafra, Jamey von HATEBREED oder auch Jeff von CARCASS als Gastsänger dabei, und das gibt dem Ganzen viel mehr Dynamik und Abwechslung.“Neben dem Label-Wechsel gab es bei euch auch ein Wechsel der Booking-Agentur. Ihr arbeitet nun mit M.A.D. Berlin zusammen. Wie kam es dazu? „Ja, M.A.D. ist für Europa zuständig. Für die Staaten haben wir noch keine feste Booking-Agentur. Wir haben auch ein neues Management. Ich hoffe, M.A.D. lassen uns mit guten Bands spielen, die jetzt zwar aus anderen Musikbereichen kommen, doch auch eine recht große Popularität besitzen und ebenfalls ein extremes Publikum ansprechen. Es wäre schön, wenn wir mit Bands auf Tour gehen, mit ihnen den Bus teilen und somit die Kosten niedriger halten könnten, denn so macht das Touren ja auch erst Sinn. Es geht uns mehr um gute Tour-Packages. Wir waren so viele Jahre immer alleine unterwegs und haben mit sehr vielen Bands gespielt, die durch uns in eine gute Position gerutscht sind. Für uns wäre es nun gut, wenn wir mit Bands zusammenspielen, die sich schon etabliert haben. Nicht, dass ich es jemals bereue, mit all diesen Bands gespielt zu haben, aber es wird mittlerweile schwierig, neue Bands zu finden, mit denen wir noch nicht gespielt haben. Es ist manchmal echt hart. Du rufst eine Band an und fragst, ob sie mir dir auf Tour gehen wollen, und sie sagen ab, weil sie es sich nicht leisten können – das ist echt ein Alptraum. Daher musste das Booking jemand anderes übernehmen.“
 
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NAPALM DEATH - Enemies of music scenes

Als 1987 via Earache Records ihr Debütalbum "Scum" erschien, da galten NAPALM DEATH für nicht wenige Menschen als das Härteste, Brutalste und vor allem Schnellste, was man sich in Sachen Hardcore oder Metal vorstellen konnte. Knapp zwanzig Jahre später mag es zwar Bands geben, die noch schneller spielen, noch härter und brutaler sind (was sich meistens als laues Lüftchen entpuppt, wenn man mal hinter die mit viel Technik entstandene Soundwand hört), die Energie aber, die NAPALM DEATH sowohl auf ihren Platten als auch live freisetzen, die erreichen nur die wenigsten. Von ihrem Doppelschlag in Form der beiden Alben "The Code Is Red ... Long Live The Code" (2005) und "Smear Campaign" (2006) habe ich mich immer noch nicht erholt. Und ihr Konzert im September 2006 im Kölner Underground war, was spürbare musikalische Brutalität betrifft, eine Offenbarung (und erinnerte mich an die nicht minder großartigen Konzerte der Engländer Anfang der Neunziger, von denen eines mir beinahe einen gebrochenen Schädel einbrachte). Vor dem Auftritt unterhielten Joachim und ich uns mit dem etwas heiseren, aber dennoch sehr gesprächigen Sänger Mark "Barney" Greenway; weniger über das neue Album als über ein paar grundsätzliche Themen.Matt Fox von SHAI HULUD bezeichnete euch in dem Interview, das er dem Ox gab, als eine "Metalband, die mehr zu sagen hat als die meisten Hardcore-Bands". Ist das nicht eigenartig, heutzutage als Metalband zu gelten, während NAPALM DEATH in den frühen Achtzigern ganz eindeutig als Hardcore definiert wurden?Es ist eine Definitionssache und Definitionen gibt es Tausende. Was unsere Arbeitsweise und unsere Einstellung betrifft, bezeichnen uns viele auch heute noch als Punk- oder Hardcore-Band, was NAPALM DEATH damals mit CRASS als größten Einfluss auf die Band auch definitiv waren. Auch DISCHARGE und die SWANS, die bekanntlich keine Metalbands sind, waren für uns immens wichtig. Wenn du also die Geschichte dieser Band kennst, weißt du, dass NAPALM DEATH trotz aller offensichtlich vorhandenen Metal-Elemente, die von Bands wie CELTIC FROST oder DEATH kamen, vor allem eine Punkband waren. Insofern ist es sehr engstirnig, NAPALM DEATH als bloße Metalband zu bezeichnen. Aber eigentlich ist das nicht wichtig und mich interessiert das mittlerweile gar nicht mehr, auch wenn ich weiß, dass Fans und Presse diverse Kategorisierungen brauchen. Ich ziehe es vor, einfach nur ich selbst zu sein und mich keiner Einschränkung zu unterwerfen.Damals war die Trennung zwischen Metal und Hardcore ja deutlicher als heute. Steven Blush nannte in seinem Film und dem diesen zugrunde liegenden Buch "American Hardcore" das Jahr 1986 als den Zeitpunkt, an dem der Hardcore in seiner ursprünglichen Definition aufhörte zu existieren und er sich Einflüssen anderer Genres, wie eben auch dem Metal, öffnete.Eine Zeitlang existierte diese Trennung, ja, aber das hat sich schnell geändert. Ich habe den Film noch nicht gesehen und kann diesen Denkansatz nachvollziehen, aber ich tue mich schwer damit, Leute in bestimmte Schubladen zu stecken. Heutzutage ganz besonders, aber schon damals fand ich es dumm. Ich kenne viele Leute, die man wohl als "Metal" definiert hätte, die sich damals auch MINOR THREAT angesehen haben. Diese Einteilung in "Metal"-und "Hardcore"-Fan hat was furchtbar Elitäres an sich. Einer fühlt sich dem anderen gegenüber überlegen. Musik-Szenen sind eine schöne Sache, was die Netzwerke und den Support der Leute angeht, aber das bekommt, wie gesagt, schnell was Elitäres und sehr Ekelhaftes. Szeneregeln entstehen, die dir vorschreiben, wie du zu sein hast oder warum du nicht dazu gehörst. Außerdem treffen diese Stereotype eh nie zu. Ich hatte lange Haare, pinke Haare, einen Iro, eine Glatze und seht mich jetzt an. Vielleicht laufe ich auch mal wieder so rum wie früher, aber nur weil ich es will, und nicht weil irgendwer es vorschreibt. NAPALM DEATH wollten diese Szene-Einschränkungen schon immer überwinden.Den größten Teil der Neunziger sind NAPALM DEATH aber in einem Metal-Kontext wahrgenommen worden, während ihr seit ein paar Jahren so eine Art Comeback im Hardcore zu erleben scheint.Ich denke nicht, dass das so einfach ist. Wir sind nicht mittels eines Masterplans zum Hardcore "zurück", wir haben uns immer als einen Teil der Szene gesehen. Da ist nichts bewusst passiert, wir wollten zu jedem Zeitpunkt immer nur das bestmögliche Album überhaupt aufnehmen. Und unsere Perspektive, vor allem meine als hauptsächlichem Schreiber der Texte, ist nie von einer links gerichteten, freidenkerischen Sicht, wenn man es denn so nennen will, abgewichen.Ihr seid dann ja zu Century Media Records gewechselt.Wir haben sehr viele schlechte Erfahrungen mit unseren alten Labels gemacht und irgendwann sogar geplant, das Ganze in Zukunft selbst zu machen, was aber nie geklappt hätte. Dafür sind NAPALM DEATH einfach zu groß. Century Media haben uns zwar weniger Geld geboten als andere Label, dafür waren sie aber wirklich interessiert daran, mit NAPALM DEATH zu arbeiten. Das war in der Vergangenheit leider nicht so, da gab es Zeiten, wo das Label gar kein Interesse mehr an uns oder den Plattenverkäufen hatte und uns auch nicht mehr richtig unterstützen wollte. In den späten Neunzigern sind teilweise nur noch 45 Leute zu Konzerten aufgetaucht, selbst in Deutschland, einem der besten Orte für Hardcore und Metal überhaupt. Manche Booker wollten uns nicht mal mehr buchen, es war richtig beschissen. Wäre das so weiter gegangen, gäbe es NAPALM DEATH heute nicht mehr. Aber wir wollten die Band nicht sterben lassen, NAPALM DEATH sind uns zu wichtig, um aufzugeben. Es gibt einfach zu viel Scheiße, generell als auch in der Musikszene, die wir noch aufzeigen wollen, als dass wir einfach so abtreten könnten.Und jetzt tourt ihr meistens mit Metalcore-Bands, im Gegensatz zu den frühen Neunzigern, als ihr hauptsächlich mit Death Metal-Bands unterwegs wart. Wie erklärst du dir das?Das ist im Grunde ganz einfach: Es gibt momentan sehr viele angesagte Metalcore-Bands, wogegen es in den frühen Neunzigern sehr viele Death Metal-Bands gab. M.A.D., die unsere Touren buchen, sind natürlich daran interessiert, viele Bands unterwegs zu haben und sich durch attraktive Kombinationen von den vielen anderen Touren abzusetzen. Ich hätte kein Problem damit, wieder mehr mit Death Metal-Bands zu touren, aber davon gibt es momentan nicht so viele gute. BORN FROM PAIN, mit denen wir ja gerade unterwegs sind, sind unsere Freunde und das macht es angenehm, mit ihnen auf Tour zu sein. Das ist wichtiger als der Musikstil.Was es in den Achtzigern nicht in diesem Maße gab wie heute, ist so genannter christlicher "Hardcore" ...Oh ja, was für ein Paradoxon.Bei eurem Punk-Background verwundert es dann schon, dass ihr jetzt Labelmates von einer erklärten religiösen Band wie NORMA JEAN seid.Ja, das ist schon sehr eigenartig, denn viel atheistischer als NAPALM DEATH geht es kaum, auch und gerade mit Blick auf das neue Album. Ich habe zwar kein persönliches Problem mit den Typen in christlichen Bands, das sind teilweise durchaus nette Kerle, aber christlicher Hardcore ist schon ein kolossal eigenartiges Konzept. Hardcore bedeutete für mich schon immer das Überschreiten von Kontrollmethoden und die Art, wie Religion benutzt wird, ist ein Kontrollmechanismus. Im modernen Christentum gibt es Einstellungen und Botschaften, die ich komplett ablehne, wie die Haltung zur Abtreibung. Ich bin ein Verteidiger des "right to choose" und da gibt es für mich auch keinerlei Diskussion. Das ist ein Menschenrecht. Dasselbe gilt für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Auch da hat jeder Mensch das Recht, sich für das zu entscheiden, was er möchte. Ich will damit aber nicht sagen, dass jede christliche Hardcore-Band gegen diese Rechte ist, denn viele sind es nicht, aber mit einem konservativen Label wie Tooth And Nail stimme ich in diesen Punkten sicherlich ganz fundamental nicht überein. Es ist aber schwierig, da die richtige Balance zu finden, denn man sollte Bands nicht zensieren. Mit so etwas habe ich nämlich auch ein sehr großes Problem; Leuten im Gehirn die Verdrahtung neu zu gestalten. Mich erinnert diese Sache ein wenig an die Straight Edge-Bewegung. Da passierte viel Großartiges, aber leider war auch sehr viel eine völlige Missinterpretation von dem, was Ian MacKaye ursprünglich damit ausdrücken wollte: Think for yourself! Nach der geläufigen Definition war ich selbst jahrelang Straight Edge, aber ich habe mich immer von dieser Bezeichnung ferngehalten. Da ist so viel Negatives passiert und ein so starkes Extrem entstanden: Leute, die dich auf Konzerten im besten Fall nur böse angesehen haben, weil du getrunken oder geraucht hast, im schlimmsten Fall aber verprügelten. Es gab und gibt im Hardcore also viele Bewegungen, die eine negative Seite besitzen, nicht nur die christliche. Früher war ich, was meine Überzeugungen angeht, bestimmt auch etwas krasser, aber wenn Menschen wegen ihrer persönlichen Ansichten angegriffen werden, dann ist da eine Grenze überschritten.Jemand, der auch mal wegen seiner Überzeugungen körperlich angegriffen wurde, ist Jello Biafra, den ihr 2005 für den Song "The great and the good" als Gastsänger gewinnen konntet.Wir haben schon länger eine Verbindung zu Jello und zu Alternative Tentacles, auch wegen der NAPALM DEATH-Version von "Nazi punks fuck off", der ja mittlerweile schon beinahe zu "unserem" Song geworden ist und den wir seit Jahren bei jedem Auftritt spielen. Jello hat sich sehr gefreut, dass er uns bei dem Song helfen konnte und ich finde das Ergebnis auch richtig großartig. Und das, was Jello damals passierte, ist auch etwas, was mich an der Punkszene so richtig ankotzt. Dass tatsächlich "Punks" so bescheuert sind, jemanden wie Jello Biafra zu verprügeln, ohne den wir eventuell heutzutage keine Platten veröffentlichen würden, mit Covern, so wie NAPALM DEATH sie beispielsweise haben. Er hat so viel für die Punkszene getan, hat immer an vorderster Front und ohne Rücksicht auf eigene Verluste gekämpft. Das war schon immer eines der großen Probleme der Punkszene, dass sie sich ständig gegenseitig in den Rücken fallen und bekämpfen müssen. Wenn du so destruktiv sein willst, dann wende dich gegen die Regierung, gegen die Leute, die wirklich Probleme verursachen. Aber deswegen verschwand die Hardcore-Szene in England auch irgendwann in den Achtzigern und zersplitterte in diverse Unterbewegungen - weil die Leute viel zu sehr damit beschäftigt waren, sich gegenseitig fertig zu machen. Fuck them! Andererseits besteht man als starke Band auch ohne irgendwelche Szenen, da gehört nur Selbstbewusstsein dazu und die Fähigkeit, sein eigenes Ding durchzuziehen. Szenen sind leider häufig nur ein Haufen Scheiße.Barney, danke für die offenen Worte.
 
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NAPALM DEATH - Lebensberatung mit Dr. Greenway

NAPALM DEATH aus Birmingham sind Musik gewordene Wut. Wut auf die politischen und ökonomischen Verhältnisse, was man auch dem Artwork ihres neuen Albums „Utilitarian“ ansieht, das unschwer erkennbar auf die Proteste anspielt, die seit Beginn der weltweiten Finanzkrise mit schöner Regelmäßigkeit ausbrechen und sich beispielsweise in der Occupy-Bewegung manifestiert haben. NAPALM DEATH sind aber mit ihrer bis Anfang der Achtziger zurückgehenden Geschichte auch Botschafter aus einer anderen Welt. Seinerzeit war noch Margaret Thatcher Premierministerin von Großbritannien, wurde auch deshalb „Eiserne Lady“ genannt, weil sie mit größtmöglicher Brutalität gegen streikende Arbeiter, militante Tierschützer und zugunsten der Finanzmärkte agierte. Anderen Bands fielen dazu eingängige Protestsongs ein, NAPALM DEATH hingegen waren in der Wahl der Waffen genauso wenig zimperlich wie die Iron Lady und kannten für ihren Extrem-Grindcore von Anfang an nur eine Leistungsstufe: 100%. Natürlich hatten auch NAPALM DEATH, deren dienstältestes Mitglied (seit 1987 dabei) Bassist Shane Embury ist (Sänger Mark „Barney“ Greenway ist seit 1989 im Einsatz), in den Neunzigern eine etwas schwächere Phase, aber seit vielen Jahren schon sind sie kontinuierlich der Beweis, dass man als Band auf seine alten Tage keinesfalls schlaffer werden muss. Im Gegenteil: NAPALM DEATH sind und bleiben genreprägend, setzen den Standard in Sachen kompromisslos harte Musik im Spannungsfeld zwischen Hardcore und Metal. Ich sprach mit Barney über seine vegane Lebensweise, über harte Musik und das neue Album.Barney, wie geht es dir?Mir schwirrt etwas der Kopf, weil ich seit zwei Wochen Interviews gebe und immer wieder die gleichen Fragen beantworten muss. Aber ich will mich nicht beklagen, mein Job ist besser, als wenn ich auf dem Bau arbeiten müsste, hahaha.Ich werde mich bemühen, andere Frage zu stellen. Zum Beispiel zu deiner fleischfreien Lebensweise – als Vegetarier oder Veganer?Ich würde mich irgendwo dazwischen einordnen. Ich esse eigentlich fast immer vegan, zu Hause sowieso. Das Problem sind die Touren, da esse ich, wenn es sich nicht vermeiden lässt, auch mal „nur“ vegetarisch. In Europa ist veganes Bandcatering eigentlich kein Problem, aber wenn man im Rest der Welt unterwegs ist, kann es manchmal schwierig werden, jeden Tag ausgewogene vegane Mahlzeiten zu bekommen. Zu Hause also lebe ich vegan, da kommen keine Milchprodukte auf den Tisch, doch auf Tour muss man da auch mal Abstriche machen. Das Problem ist einfach, dass unsere Auftritte Hochleistungssport sind, ich brauche einfach was Ordentliches im Magen, sonst stehe ich den Auftritt nicht durch – ich würde wohl einfach zusammenklappen.Was muss auf den Teller kommen, damit du wie ein Berserker über die Bühne toben kannst?Am wichtigsten sind Proteine, noch wichtiger als Vitamine und Mineralien. Ich achte sehr auf eine ausgewogene Ernährung, auf die Einhaltung der „Fünfmal am Tag Obst und Gemüse“-Regel. Ich mag das wirklich, ich mache das nicht aus reiner Notwendigkeit. Auf Kuhmilch zu verzichten bereitet mir keine Mühe, ich trinke lieber Reis- oder Hafermilch, da sind auch viele Vitamine drin. Aber für die körperliche Leistungsfähigkeit sind Proteine nötig, und da kann es manchmal schwierig werden. Ich bevorzuge da Sojaprotein – bekomme ich da nicht meine Dosis, fühle ich mich schlapp. Da ich versuche, meinen Sojakonsum nicht zu sehr ausufern zu lassen, vermeide ich Sojamilch weitgehend, aber in Burgern und so weiter ist das Standard und für mich okay.Wieso hältst du es für wichtig, den Sojakonsum nicht zu übertreiben?Soja enthält gewisse Mengen an Hormonen, die in bestimmten Mengen problematisch sein sollen, und deshalb will ich es nicht übertreiben. Und sowieso schmecken mir Reis- und Hafermilch besser, dazu haben sie den Vorteil, dass sie im Kaffee nicht gerinnen. Das kann bei Sojamilch sehr unschön aussehen ... Ich habe sonst keine Laster, aber ich bin kaffeesüchtig, das gebe ich zu. Und wie gesagt, meine Dosis an Proteinen hole ich mir mit Sojahack-Burgern oder Sojasteaks. Wenn ich die esse, merke ich geradezu, wie mich das pusht.Solche Geschichten hört man auch von veganen Hochleistungssportlern. Machst du da auf der Bühne auch eine Art von Profisport?Haha, lustig, dass du das erwähnst. Ich mache seit einer ganzen Weile schon Sport mit besonderer Berücksichtigung der kardiovaskulären Wirkung. Ich will nicht behaupten, dass meine Bühnenaktivität sich mit einem Halbmarathon oder gar Marathon vergleichen lässt, immerhin lässt mir die Band ja hier und da auch ein paar Sekunden Verschnaufpause. Es sind nur kurze Pausen, doch es sind immerhin Pausen. Aber es hilft auf jeden Fall, Ausdauersport zu betreiben, denn wenn du das nicht tust und dann auf Tour gehst, ein, zwei oder noch mehr Wochen jeden Abend auf der Bühne stehst, hältst du das bei dem, was NAPALM DEATH so treiben, echt nicht durch und du würdest dich jeden Abend wie Scheiße fühlen. Wenn man sich also einen Gefallen tun will, bereitet man sich gut vor. So viel Zeit muss man dafür gar nicht aufwenden, und auch ich lasse das manchmal schleifen, wie jetzt, da ich so viele Interviews gebe und so viel zu tun habe. Dabei habe ich sogar ein Trainingsgerät in meiner Wohnung stehen ...Du bist mit Jahrgang 1969 jetzt Anfang 40. Bist du zufrieden mit deiner Fitness?Ich fühle mich genauso gut, wenn nicht sogar besser als mit Anfang 20. Mein Body-Mass-Index ist auch okay, nachdem ich ein paar Jahre lang Gewicht zugelegt hatte. Jeder von uns hat so seine Phasen, mal ist man etwas fauler, dann wieder aktiver, und vor allem Stress ist ungesund. Wenn dich der Stress in seinen Fängen hat, hält er dich davon ab, das zu tun, was dir eigentlich guttun würde. Mir ist es egal, was andere von mir denken, etwa in Bezug auf mein Gewicht, wichtig ist mir nur, wie ich mich fühle. Und ich fühle mich eben nicht gut, wenn ich zu viel auf den Rippen habe. Da bin ich faul und müde, das ist einfach kein gutes Gefühl, und so kümmere ich mich um mich selbst.So etwas lernt man erst mit den Jahren, oder? Du hast früher ordentlich Alkohol getrunken, wie man liest. Und erst das ganze dumme Geschwätz von „live fast, die young“ – Fakt ist, dass eine Menge Leute mit dummem Rock’n’Roll-Lifestyle früh ausgebrannt sind und oft jung sterben.Der ganze so genannte Rock’n’Roll-Lifestyle, der immer wieder so glorifiziert wird, ist nur ein verdammter Mythos. Das macht alles keinen Sinn, das ist Quatsch, und wer denkt, er muss es in der Hinsicht besonders toll treiben, der muss später dafür bezahlen und leiden. Versteh mich nicht falsch, ich bin nicht genussfeindlich, ich mag Bier, aber auch nicht die massenproduzierte Plörre, die schmeckt wie Pisse. Aber gegen ein schönes, handwerklich gebrautes Pilsener habe ich nichts einzuwenden. In Deutschland, aber auch in Tschechien und auch in Russland gibt es wirklich gute Biere kleiner Brauereien. Ich will damit sagen, dass ich früher zwar durchaus meinem Konsumverhalten nach straight edge war, aber die Militanz, mit der Straight Edge vielfach vertreten war, habe ich gehasst. Wie da auf Menschen herabgeschaut wurde, die Alkohol tranken, das war unerträglich. Jeder hat das Recht, seinen Lebensstil frei zu wählen. Und wenn jemand meint, er müsse den vermeintlichen Rock’n’Roll-Lifestyle durchziehen, schön, soll er es tun, aber nicht glauben, dass ihn das zu einem besseren Menschen oder so macht. Wenn du willst, zieh das durch, lebe den Mythos, aber verschließe nicht die Augen vor den Konsequenzen.Mit 43 hast du da leicht reden, wer 25 ist und soooo viel Spaß mit seiner Band hat, der will so eine Moralpredigt sicher nicht hören.Vielleicht nicht, doch viele Menschen sind ja auch durchaus vernünftig. Jeder muss seinen Weg finden, Verallgemeinerungen machen keinen Sinn. Ich will einfach nur sagen, dass jemand, der 15 Gläser Bier trinken kann, dadurch nicht zu einem coolen Typen wird. Vor allem dann nicht, wenn du am nächsten Tag dann noch ohne Kater aufstehen kannst. Das ist kein Grund zur Freude, sondern zur Sorge, denn Alkohol ist ein Gift, vor allem im Übermaß. Und Leber und Niere kommen nur mit einer begrenzten Menge davon klar. Leider erkennen nicht alle Menschen die Grenzen, die ihnen ihr Körper setzt.Genauso schwer wie mit solchen Menschen tue ich mich aber auch mit so manchem Extrem-Veganer, der sogar schon „Nur-Vegetarier“ als Mörder beschimpft.Mit solchen Leuten habe ich auch schon meine Erfahrungen gemacht. Vor Jahren etwa tauchte bei einem Konzert in Salt Lake City in Utah eine vegane Gang auf, die eine Prügelei anfing. Die fühlten sich durch ihre Lebensweise allen anderen so überlegen, dass sie daraus das Recht darauf ableiteten. Die fühlten sich wegen ihres Lebensstils als bessere Menschen, doch so eine Attitüde geht völlig am eigentlichen Anliegen vorbei. Das hat für mich sogar was von der Propaganda der angeblichen Überlegenheit der arischen Rasse. So ein Verhalten, so ein Denken finde ich umso schlimmer, als ich im Grunde mit der Einstellung dieser Menschen ja übereinstimme, also dass ich Veganismus für richtig halte und auch ich denke, dass man McDonald’s kritisieren muss. Aber die Menschen körperlich angreifen, die Kunden von McDonald’s sind? Das schießt vollkommen am Ziel vorbei, da erreicht man das Gegenteil. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, worum es unter einem Stichwort wie „Animal Welfare“ eigentlich geht: Um gleiche Rechte für alle Lebewesen. Und die erreicht man nicht durch Gewalt gegen Menschen, die etwa Kunden einer bestimmten Restaurantkette sind. Die werden nicht deine Argumente anerkennen, sondern die gegen sie ausgeübte Gewalt mit dem Gedanken von „Animal Welfare“ gleichsetzen: „Wenn der Kampf für Tierrechte so aussieht, will ich damit nichts zu tun haben!“. Das ist also komplett kontraproduktiv. Und das gilt für alle Arten von Widerstandshandlungen: Greif das System an, nicht die Menschen.Du bist in den Achtzigern musikalisch sozialisiert worden, wurdest als Teenager Vegetarier und Ende der Achtziger dann Sänger von NAPALM DEATH. Nun war speziell die englische Anarcho- und Peace-Punk-Szene der Achtziger der Ausgangspunkt für die Verbindung von Vegetarismus und Veganismus mit harter, lauter Musik von Punk über Hardcore bis hin zu extremem Metal, es war die Zeit, als viele Menschen aus diesem subkulturellen Kontext für Tierrechte aktiv wurden und sich beispielsweise bei der bisweilen aggressiv vorgehenden Animal Liberation Front/ALF engagierten. Welche Erinnerung hast du an diese Jahre?Ich wurde mit 14 Vegetarier, da ging ich noch brav zur Schule und hatte mit Punk und Hardcore nichts zu tun. Ich hatte damals in der Schule einen Film über einen Schlachthof gesehen, und das brachte mich zum Nachdenken. Damals waren die Schulen in England noch richtig gut, das selbständige Denken der Kinder und Jugendlichen sollte gefördert werden, und so wurden eben auch dieser Film gezeigt. Da konnte man nicht jedes Detail sehen, aber ich sah genug, um mich davon zu überzeugen, dass ich mit dem Fleischessen nichts mehr zu tun haben will. Später dann kam ich zur Hardcore-Szene, und mich sprach an der nicht nur das Eintreten für Tierrechte an, sondern auch das Einstehen für soziale Gerechtigkeit. Beide Aspekte gehen meiner Meinung nach Hand in Hand, die Forderung nach „Equality“, nach Gleichheit umfasst beides. Und was nun die ALF betrifft, so war ich auch hier und da involviert, und ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich die Direkte Aktion etwa in Form von Sabotage unterstütze, was für mich aber Angriffe auf Menschen explizit ausschließt. Es gibt da natürliche Konfliktsituationen, etwa bei Aktionen gegen die Fuchsjagd, was damals in England noch ein großes Thema war. Wenn man sich da zwischen Jäger und Fuchs wirft, ist das natürlich eine Art von Angriff, aber aus der Situation heraus. Das ist etwas ganz anderes, als einen direkten Angriff auf eine Person zu planen. Und wie ich schon sagte, bewusst Menschen anzugreifen, damit erreicht man nichts. Gewalt gegen Menschen, um Gewalt zu beenden, das ist für mich ein großer Widerspruch.Worin siehst du die Verbindung zwischen Punk, Hardcore und Artverwandtem und der vegetarischen beziehungsweise veganen Idee? Wir machen immer wieder die Feststellung, dass vegetarisch und vegan lebende Menschen außerhalb dieser Szene über diese – für uns so logisch und normal erscheinende – Verbindung sehr verblüfft sind. Und dazu kommt dann noch ein nicht gerade positiv klingender Bandname wie NAPALM DEATH ...Diese Kombination aus positiver Attitüde und dem Auftreten der Bands ist ein Paradoxon, und mir gefällt das. Ich kann nichts Negatives daran entdecken. Widersprüche machen den Menschen allerdings Angst, und nicht alle Widersprüche sind schön. Aber es gibt welche, die nette Charakterzüge sind, und die mag ich. Im Falle von NAPALM DEATH besteht das Paradoxon aus der brutalen Natur der Musik, die wirkt wie ein gewalttätiger Angriff, und unserer Botschaft, die Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit, Antimilitarismus, Gleichberechtigung und ähnliche Themen beinhaltet, sowie meinem Lebensstil. Mir ist klar, dass nicht jeder dieses Paradoxon durchschaut, vor allem Menschen, die sich nicht im Detail mit unserer Musik und unseren Texten beschäftigen. Das ist normal, denn es gibt ja auch Lebensbereiche, die dir und mir völlig fremd sind.Damit wären wir bei eurem neuen Album angelangt, und das ist wirklich extrem hart geworden. Was habt ihr angestellt – und wie habt ihr das angestellt?Es ist schön, wenn man mir das sagt, aber Musikmachen ist für mich wie Fahrradfahren, da denkt man nicht drüber nach, was man da tut, es ist ganz normal, das zu tun. Das klingt jetzt hoffentlich nicht eingebildet, denn wir machen nur das, was wir lieben, und dass unser Tun als so aggressiv wahrgenommen wird, das analysieren wir nicht.Dann will ich dich auch nicht dazu zwingen. Der beeindruckendste Song ist für mich „Everday pox“, denn durch das Saxophonspiel des Avantgarde-Jazzmusikers John Zorn, der schon seit den Achtzigern nicht nur auf den eigenen, sondern auch auf vielen Indie- und Punk-Platten zu hören ist, gewinnt es noch an Schärfe. Wie habt ihr zusammengefunden?Die Beziehung von NAPALM DEATH und John Zorn geht ja zurück bis in die Zeit des zweiten Albums „From Enslavement To Obliteration“ von 1988. Er mag die Band, er hat uns unterstützt, und er war ein früher Einfluss. Er schätzt auch Bands wie SEPTIC DEATH, NEGATIVE APPROACH oder AGNOSTIC FRONT, die wiederum NAPALM DEATH beeinflusst haben. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang aber auch Noise-Bands wie WHITEHOUSE und MELT-BANANA, John kennt solche Bands, arbeitet mit ihnen zusammen, und so ist auch die Verbindung von NAPALM DEATH und John Zorn eine ganz natürliche. Wir hatten den Song „Everyday pox“ geschrieben, und Shane, unser Bassist, meinte nur, er denke, da würde Johns Saxophon perfekt passen. Und so fragten wir ihn. Das hat also nichts mit dem Namedropping zu tun, das manche Bands betreiben, um dann in ihrem Presseinfo mit möglichst großen Namen beeindrucken zu können. Wir haben gerne Gäste dabei, aber wenn wir das Gefühl haben, dass ein Album keine Gäste braucht, dann gibt es keine. Doch wenn wir den Eindruck haben, ein Lied passe besser zu einem anderen Sänger, dann fragen wir den. Und nachdem Shane die Idee mit John ausgesprochen hatte, fragten wir den direkt, und zwei Tage später hatten wir die Audiodatei mit seinem Saxophonpart.Auf eure alten Tage scheint ihr mit NAPALM DEATH eher härter als softer zu werden. Wie kommt’s?Wir denken bei NAPALM DEATH nicht groß darüber nach, was wir da tun. Spontaneität ist ein ganz wichtiges Element unseres Tuns, ohne die wäre es eine andere Band. Ich will andere Bands jetzt nicht runtermachen, aber mich stört an vielen modernen Bands, die extrem sein wollen, wie poliert und clean ihr Sound ist. Da fehlen die Ecken und Kanten, daran kann ich nichts Konfrontatives, Extremes mehr erkennen, ja, mir fehlt die Vitalität. Solche Musik klingt wie mit dem Computer geschrieben, und oft genug trifft das ja auch zu. Ich kann daran nichts Positives erkennen. Musik muss Seele haben, und vielen Bands, die sich als extrem ansehen, fehlt, so ist zumindest mein Eindruck, diese Seele. Deshalb also versuchen wir, uns diese Spontaneität zu bewahren. Und außerdem muss man Spaß haben an dem, was man tut. Sollte es eines Tages dazu kommen, dass mein Verlangen nach Konzerten oder Aufnahmen mit NAPALM DEATH auf unter 50% sinkt, bin ich raus. Ich könnte nicht erkennen, was es mir bringt, an etwas festzuhalten, wenn ich nicht 100% geben kann, denn das zeichnet NAPALM DEATH aus. Ich und die anderen verspüren also bis heute den Drang, das zu tun, was wir da tun. Und letztlich kommt bei unserem Tun immer so was heraus, wie man es etwa auf dem neuen Album finden kann.Ich finde, das hört man. Das Problem ist allerdings, dass eure Platten und Konzerte immer so markant und extrem sind, dass einem die meisten anderen Bands danach ganz schlapp vorkommen. Da steht man auf dem Konzert und denkt sich „Na ja, ganz okay, aber NAPALM DEATH sind besser.“Ach, jetzt machst du mich aber verlegen. Was soll ich dazu sagen? Es gibt wirklich einige gute, intensive Bands da draußen. CONVERGE sind großartig, oder TRAP THEM, deren letztes Album, „Darker Handcraft“, hat mich echt erwischt. Auch RETOX sind richtig gut, die liebe ich. Es gibt echt ein paar richtig intensive Bands da draußen, die zwar das Rad nicht neu erfinden, aber darum geht es ja auch nicht: Sei spontan, und schreib gute Songs, denn das ist auch bei extremer Musik wichtig. Wenn du willst, dass jemand deine Platte auch ein zweites, drittes, viertes Mal anhört, musst du gute Songs schreiben!Euer Album trägt den Titel „Utilitarian“ und nimmt damit Bezug auf das philosophische Konzept des Utilitarismus. Bei Wikipedia wird das wie folgt beschrieben: „Der Utilitarismus (Latein utilitas, Nutzen, Vorteil) ist eine Form der teleologischen Ethik, welche in verschiedenen Varianten auftritt. Neben der Ethik ist er auch in der Sozialphilosophie und den Wirtschaftswissenschaften von Bedeutung. Grundlage für die ethische Bewertung einer Handlung ist das Nützlichkeitsprinzip. Den Kern des Utilitarismus kann man in der Forderung zusammenfassen: ,Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht!‘ (Prinzip des maximalen Glücks bzw. engl. maximum-happiness principle). Dabei ergibt sich das allgemeine Glück aus der Aggregation des Glücks der einzelnen Individuen.“Wie zu jeder philosophischen Theorie lassen sich auch hier hundert verschiedene Interpretationen finden. Der interessante Aspekt am Utilitarismus ist jedoch, dass er Anhänger in den verschiedensten Lagern hat, gerade auch unter Philanthropen, also unter Menschen, die Menschenrechte wirklich ernst nehmen. Auch Peter Singer, der das Buch „Animal Liberation“ geschrieben hat, ist Utilitarist. Auf der anderen Seite des Spektrums zählen aber auch Menschen zu den „Utilitarians“, die für Anhäufung von wirtschaftlicher wie politischer Macht um jeden Preis sind, wenn das dem Prinzip des Erlangens von Glück dient. Aber die Definition von Glück, der Weg zum Erreichen des Glücks, ist eben subjektiv ...Der Begriff des „Strebens nach Glück“ findet sich im Satz „Life, liberty and the pursuit of happiness“ an zentraler Stelle in der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ...Exakt, und das bedeutet eben auch, dass jemand so viel Geld, Besitz und Macht anhäufen darf, wie er will, auch auf Kosten anderer. Und spätestens an der Stelle merkt man, dass der Utilitarismus eine auch durchaus seltsame Philosophie ist. Ich würde mich nicht auf die Straße stellen und behaupten, ich sei Utilitarist. Vielmehr dient mir das philosophische Konzept als „Spielplatz“, auf dem ich mich mit dem Album thematisch austoben kann. Ich spiele mit Worten, mit Themen, mit Theorien. Und ich sehe durchaus Parallelen zwischen dem Utilitarismus und meinem Leben. Ich versuche zu ergründen, was für Auswirkungen mein Handeln auf das Leben anderer hat. Wenn ich denke, dass die Auswirkungen negativ sind, versuche ich mein Handeln zu unterlassen. Etwas, dass alle Menschen kennen, ganz gleich, welche Meinungen sie vertreten, sind Selbstzweifel. Die hat man immer dann, wenn man das Resultat seines Handelns nicht gleich überblicken kann. Wenn man nun versucht, ein ethisch befriedigendes Leben zu führen, muss man versuchen, eine Perspektive zu entwickeln, darf nicht gleich ungeduldig und zu zweifeln beginnen, wenn man die Resultate seines Handelns nicht sofort überblickt. Das ist insbesondere der Fall, wenn man versucht, ein unter ethischen Aspekten gutes Leben zu führen: Die Ergebnisse stellen sich oft nur sehr langsam ein. Man hat also Zweifel, fragt sich, warum man sich die Mühe macht, so zu leben, so viele Kleinigkeiten zu beachten, und nicht einfach durchs Leben geht, ohne rechts und links zu blicken, wie alle anderen auch. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man hartnäckig bleiben muss, denn bereits sich selbst treu zu bleiben, ist die niedrigste Stufe von Widerstand und Protest, die man ausüben kann. Tut man das nicht, bleibt ein Vakuum zurück, ein Loch, und das fühlt sich sehr schnell mit all dem, was man eigentlich kritisiert und zurückweist, ja, man gibt den Institutionen, die man eigentlich bekämpft, mehr Macht, das Leben aller noch schlechter zu machen. Deshalb: Durchhalten! Die Welt braucht einfach einen gewissen Prozentsatz von Menschen, die sich engagieren! Andernfalls wären die Folgen desaströs.Wie bildest du dich, wie hast du dich gebildet? Hast du mal studiert oder war das Leben dein Lehrmeister?Ich hätte die schulischen Voraussetzungen gehabt zu studieren, aber meine Eltern konnten sich das nicht leisten. Damals gab es keine staatliche Unterstützung, und in der Familie hatte auch niemand Geld. Und so beziehe ich mein Wissen aus der Beobachtung der Welt um mich herum. Dazu kommt, dass ich ein Informationsjunkie bin. Ich nehme alle Arten von Informationen auf, sogar vieles, das ich abstoßend finde. Ich finde es wichtig, auch über Themen Bescheid zu wissen, die man inhaltlich ablehnt. Da ist es natürlich wichtig, einen guten „Bullshit-Filter“ zu haben, haha. Ich lese ständig, ich liebe Bücher, hier liegen überall welche, über alle möglichen Themen, ich kann einfach nicht aufhören. Meiner Meinung nach ist das Selbststudium immer noch eine der effektivsten Formen der Bildung. Und so schwer ist das nicht, man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen.Barney, besten Dank für deine Zeit.
 
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NAPALM DEATH - Gammelfleisch

Mit „Apex Predator – Easy Meat“ haben die 1981 gegründeten NAPALM DEATH einen beeindruckenden, starken Nachfolger ihres „Utilitarian“-Albums von 2012 aufgenommen. Die Band, deren frühe Phase von vielen Besetzungswechseln geprägt war, spielt mittlerweile seit über zwanzig Jahren im gleichen Line-up, bestehend aus Shane Embury (Bass), Mark „Barney“ Greenway (Vocals), Mitch Harris (Gitarre) und Danny Herrera (Drums), und ist live eine der beeindruckendsten Bands, die ich je erlebt habe. Metal, Hardcore, Grind, sie haben von allem was und gefallen nur Menschen nicht, die Extreme nicht mögen. Barney beantwortete meine Fragen.Barney, das Thema Sweatshops und Ausbeutung ist das zentrale Thema eures neuen Albums. Wie kam es dazu?Den Anlass für das Thema gab die Katastrophe in Bangladesh, als dort der Rana Plaza-Gebäudekomplex einstürzte. Es dauert immer eine ganze Weile, bis ich eine Idee für ein Album entwickelt habe. Viele Themen kommen hoch, werden durchgespielt und wieder verworfen, bis eines steht. Die Rana Plaza-Katastrophe war dann ein Thema, bei dem ich wusste, dass es passt. Das Ganze war so eine Farce, denn angesichts der Größe der Katastrophe war die Berichterstattung darüber sehr mager. Wenn man sich mal andere Tragödien anschaut, bei denen weniger Menschen ums Leben kamen, dann war die Medienpräsenz des Ereignisses minimal. Ich wollte dem etwas entgegensetzen und einige der Aspekte des Themas in den Vordergrund rücken.Viele Bands, die etwas zu sagen haben wollen, gehen die inhaltliche Arbeit an ihrem Album schon beinahe journalistisch an. Um gute Texte zu schreiben, muss man eine Menge recherchieren.Ja, das stimmt, das ist eine Menge Arbeit. Man darf aber nie die Gefühle außer acht lassen, denn die sind maßgeblich. Man muss also Emotionen ins Spiel bringen, sich in die Menschen hineinversetzen, auch wenn man natürlich nicht in deren Situation sein will. Es geht also nicht einfach um das Aufzählen harter, kalter Fakten, denn man ist Teil einer Band, will und muss kreativ sein und muss Gefühle ins Spiel bringen. Gleichzeitig muss man darauf achten, nichts Falsches zu erzählen, sich an die Fakten halten.Wie siehst du nach deiner Beschäftigung mit dem Thema die Rolle der Unternehmen und die der Verbraucher?Mich beschäftigt das schon seit Jahren, und ich bin zum Schluss gekommen, dass sich zuerst die Konzerne ändern müssen, nicht die Verbraucher. Die Textilfabrikanten, aber auch die Hersteller anderer Verbrauchsgüter, sind es, die die Trends setzen und die Maßstäbe festlegen. Die müssen sich ändern, denn sie sind es, die uns konditionieren, die uns weismachen, dass wir immer mehr billige Kleidung und billiges Essen brauchen und so viel elektronischen Schnickschnack, dass wir nicht mehr wissen, wohin damit. Du bist also der Meinung, der Wandel muss von oben her kommen und liegt weniger in den Händen der Verbraucher und ihrer Nachfrage?Beides ist nötig, aber wenn sich die Frage stellt, was zuerst passieren muss, dann habe ich die beantwortet. Es ist bei diesem Thema eben wie bei vielen anderen auch: Jene, die Macht und Einfluss haben, haben auch die Macht, für Veränderung zu sorgen. Die müssen den ersten Schritt tun, denn sie kennen die Situation ja sehr genau. Die wissen, was läuft, dass die Arbeitsstandards lächerlich niedrig sind, dass sie mit ihrem Verhalten unberührte Natur in völlig zerstörte Ödnis verwandeln. Wenn man sich nur mal anschaut, wo die Seltenen Erden und Mineralien herkommen, die man für die Herstellung von Smartphones braucht, dann stellt man fest, dass dafür riesige Flächen in ein schlammiges, vergiftetes Niemandsland verwandelt werden. Dass ich sage, dass die Firmen sich ändern müssen, heißt freilich nicht, dass ich mir nicht darüber im Klaren wäre, wie ich mein eigenes Konsumverhalten ändern kann. Ich weiß schon, wo ich kaufe und wo nicht. Und was mein Telefon betrifft: ich habe mir, nachdem mein altes Telefon den Geist aufgegeben hatte, ein Fairphone gekauft. Ich will mir jetzt keinen Heiligenschein aufsetzen, aber jeder von uns kann sich jeden Tag neu entscheiden, es gibt Alternativen. Man kann Menschen und Firmen unterstützen, deren Handlungen nicht nur zu ihrem eigenen Nutzen sind.Du weißt das, ich weiß das – und mit den Medien, mit denen wir diese traurige Wahrheit verkünden, tragen wir selbst noch zur Zerstörung bei.Nichts ist perfekt – auch nicht mein Fairphone. Manche Bestandteile, und das gibt der Hersteller offen zu, lassen sich unter den aktuellen Marktbedingungen gar nicht in einer fairen Variante beschaffen. Aber was haben wir für Alternativen, als es dennoch zu versuchen? Wir sind ja beide nicht naiv genug zu glauben, wir lebten in einem alternativen Utopia. Wir sind Teil des Ganzen, aber wir können zumindest versuchen, von innen heraus etwas zu verändern. Und wer anderer Meinung ist, der muss sich fragen lassen, was er denn für Ideen hat. Wir haben begrenzte Mittel und begrenzten Einfluss, und den müssen wir nutzen. Und korrigiere mich, falls ich daneben liegen sollte, aber ich denke, jene, die an der Macht sind, die Einfluss haben und über die Ressourcen verfügen, müssen heutzutage mehr darauf achten, was sie tun. Sie wissen, dass ihr Handeln unter Beobachtung steht, mehr als vor zehn oder vor zwanzig Jahren. Gleichzeitig versuchen sie, sich unantastbar zu machen, weil sie wissen, dass sie sich zunehmend für ihr Handeln werden verantworten müssen.Ihr tourt in der ganzen Welt. Nimmst du Unterschiede wahr, was die Beurteilung der Notwendigkeit von Veränderungen betrifft?Auf jeden Fall, aber ich würde das nicht an verschiedenen Ländern festmachen, sondern ganz allgemein ist das Bewusstsein für die angesprochenen Themen gewachsen. Wir haben noch nie ein Geheimnis aus unseren Einstellungen gemacht, wir haben schon immer ausgesprochen, was unserer Meinung nach gesagt werden muss, und das werden wir auch weiterhin so handhaben – und die Leute wissen das. Unterschiede, was das Bewusstsein für solche Themen betrifft, habe ich nur in Ländern wahrgenommen, in denen die Menschen wirtschaftlich so unter Druck stehen, dass sie mehr mit dem Überleben beschäftigt sind als mit irgendwas anderem. Wer nicht weiß, was er essen soll, hat eben andere Sorgen.Als vegan lebender Mensch fällt es einem schwer, sich das Cover eures Album anzuschauen: gammliges Fleisch in einer „Frischhalteverpackung“ – da dreht sich mir der Magen um. Was hat es damit auf sich?Ich bin ja auch Veganer, und ich mag das Paradoxe, das Spiel mit Worten und Bildern. Und so greife ich aus künstlerischen Gründen oft zu Worten, Themen und Bildern, die im Grunde meiner Einstellung widersprechen, aber sich eben, im Falle von Worten, sehr gut in Wortspielen verwenden lassen.Und was hat es ganz konkret mit dem Foto auf sich? Was steckt in dieser Verpackung?Zunächst: an diesem Foto ist nichts manipuliert, es ist echt. Es stammt vom dänischen Künstler Frode Sylthe, der auch schon das Artwork für „Utilitarian“ gemacht hat. Er hat sich einfach eine verfallene Packung Fleisch besorgt und diese dann noch drei Wochen in den Keller gelegt. Dann hat er die Packung fotografiert, und wie er sagt, musste er dabei eine Gasmaske tragen. Der Gestank muss furchtbar gewesen sein. Was immer da genau drin war in der Packung – keine Ahnung. Eigentlich hatten wir ein ganz anderes Artwork im Sinn, eher in der Art von „Utilitarian“. Wir diskutierten viel darüber, und Shane meinte dann irgendwann, wir sollten was Einfacheres auf das Cover nehmen. Wir hätten jetzt so oft komplexe Motive gehabt, da wäre es mal an der Zeit für etwas Simpleres, auf das man sich leicht konzentrieren kann. Irgendwas, das DISCHARGE in ihren frühen Jahren vielleicht auch gemacht hätten, ein Cover in Schwarz und Rot mit einem Foto in der Mitte. Und so kamen wir auf diese Supermarktverpackung. Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als hungrig in einen Supermarkt zu gehen und dann all diese industriell gefertigten, eingeschweißten Lebensmittel zu sehen – egal ob Fleisch oder was anderes. Da kann man nur davor stehen und sich wundern, wie weit es mit uns gekommen ist. Ich verspüre aber keine Wut auf die Menschen, die so was kaufen. Die Leute wurden entsprechend konditioniert, die wissen es nicht besser, die kennen nur noch diese in Plastik verpackte Welt. Ich habe auch keine Hoffnung, dass sich an all dem so schnell etwas ändert, das wird noch eine ganze Weile so weitergehen, bis es zu einer radikalen Veränderung kommt.Worin besteht die Verbindung zwischen der Sweatshop-Thematik und dem Coverfoto?Das Fleisch-Foto, das sage ich ganz klar, hat nicht direkt irgendwas mit dem textlichen Inhalt des Albums zu tun oder mit Veganismus. Die Verbindung scheint auf der Hand zu liegen, besteht aber nicht. Ich lebe zwar vegan, aber ich versuche das niemandem aufzuzwingen. Das Fleisch in der Packung steht vielmehr für jene Menschen, die sich abplagen müssen, um zu überleben. Für jene, die ganz unten stehen, die für den Luxus und die Verschwendung anderer leiden und schuften müssen. Die den Preis zahlen für die Gier anderer nach billigem Essen, billiger Kleidung, billigem Schnickschnack. Die gefangen sind in der Verpackung, die sie selbst hergestellt haben, sozusagen.Aber genau diese Ausbeutung lässt sich auch an der Fleischproduktion festmachen: In Niedersachsen, im größten „Fleischanbaugebiet“ Deutschlands, funktioniert die „Fleischproduktion“ nur durch perverse Ausbeutung osteuropäischer Arbeit unter Verhältnissen, die Sklaverei ähneln.Solche Verhältnisse gibt es in England auch. Allgemein denkt man ja, mit der Abschaffung der Sklaverei in den USA und dem Ende der Rassentrennung dort in den Sechzigern sei das Thema abgehakt, aber wenn man dann etwas an der Oberfläche kratzt, stellt man fest, dass Sklaverei bis heute existiert und in fast jedem Produkt etwas steckt, das auf solche Arbeitsverhältnisse zurückgeht. Jeder, der ein Smartphone oder ein Laptop verwendet, hat daran einen Anteil. Oder das Obst in den Supermärkten: vieles davon würde ohne der Sklaverei ähnliche Arbeitsverhältnisse nicht dort liegen. Und in der idyllischen englischen Provinz, die so hübsch aussieht, stehen überall Häuser, die sich von den anderen dadurch entscheiden, dass sie dicke Gardinen haben, die immer zugezogen sind. In einem Haus, das für zwei Menschen gedacht ist, wohnen dann zwanzig, und es gehört jemandem, der ausnutzt, dass es Menschen gibt, die keine Papiere haben, die Angst vor Abschiebung haben, und die nur die Wahl haben, abgeschoben zu werden oder für lächerlich wenig Geld für ihren Boss zu arbeiten, der mit ihrer Arbeitskraft reich wird. Die Leute haben Angst, und aus Angst lassen sie alles mit sich machen. Sklaverei ist mitnichten ausgestorben, sondern sehr präsent. Aktuell fährt die britische Regierung eine Anti-Sklaverei-Kampagne mit Fernsehspots, und das ist eine Farce, denn gleichzeitig verteidigt diese Regierung sogenannte „Zero-hour contracts“. Das bedeutet, dass Menschen Stellen annehmen müssen, bei denen sie auf Abruf warten müssen, wann der Arbeitgeber sie einsetzt – ohne feste Arbeitszeiten, ohne ein verlässliches, planbares monatliches Einkommen. Auch das ist für mich Sklavenarbeit!Hast du angesichts all des Elends, das auch auf euren Platten und in eurer Musik präsent ist, noch nie die Lust verspürt, einfach mal ein Album mit netten, fröhlichen Songs zu machen?Möglicherweise tun wir das schon längst. Der Gedanke hinter allen Songs ist eigentlich der gleiche: Hier stehen wir, da wollen wir hin. Wir wollen an den Punkt kommen, an dem die Leute die Menschlichkeit wieder entdecken. Die Lösung für all die Probleme, die wir beschreiben, ist mehr Menschlichkeit. Schaffen wir alles ab, was entmenschlichende Auswirkungen hat. Wir müssen an den Punkt kommen, wo wir alle, so verschieden wir sind, respektvoll miteinander umgehen und nicht auf Gewalt setzen, um selbst das nächste „Level“ zu erreichen. Wir thematisieren aber eben nicht die ideale Situation nach der Lösung der Probleme, sondern reden über die Herausforderungen.Was ist aus deiner Sicht neu an eurem Album? Die grundsätzliche Klangfarbe ist unverändert, aber als Beteiligter gibt es sicher Aspekte, die dir besonders wichtig sind.Mir fällt es sehr schwer, mein eigenes Schaffen zu erklären, es gibt keine festen Punkte, an denen ich festmachen könnte, was anders ist. Das Album spiegelt wider, was uns zum Zeitpunkt seiner Entstehung umgetrieben hat. Musikalisch hat es ein paar mehr Ambient-Einflüsse als bisher, wobei „Ambient“ auf die falsche Spur führen könnte: nennen wir es „Extrem-Ambient“, denn mit so fließendem Wischiwaschi-Ambient hat das nichts zu tun. Unser Art von Ambient ist eher schmutzig und unangenehm. Ansonsten hat jeder seine Songs eingebracht, wir haben was daraus gemacht und mussten einfach hoffen, dass das neue Album so gut wird wie das davor. Shane und ich und die anderen treibt echt immer der Gedanke um, ob das, was wir gerade aufnehmen, wieder so gut wird wie das davor – und wir haben das Gefühl, darauf keinen Einfluss zu haben. So ein Album ergibt sich einfach, besser kann ich das nicht erklären. Es ist ein natürlicher Prozess, ein Produkt der Umstände – und aller Beteiligten.Wie schwer ist es, in einer Band kreativ zu sein, wenn es immer auch andere Meinungen gibt, die möglicherweise genau gegenteilig zur eigenen sind?Fucking hard! Sogar für jemanden wie mich, der immer gerne Toleranz predigt. Ich bin manchmal das genaue Gegenteil von tolerant und sollte mir genau vor Augen halten, was ich anderen immer erzähle. Aber ohne Kompromisse geht es eben nicht, sonst kommt man nicht weiter. Andererseits gibt es aber auch Aspekte, wo man seine Meinung durchsetzen muss, wo kein Kompromiss möglich ist. Ich bin von Natur aus ein ziemlicher Sturkopf. Wenn ich der Meinung bin, recht zu haben, dann kann ich nicht nachgeben. Im Rückblick kommt man dann aber doch immer wieder an einen Punkt, der für alle Beteiligten akzeptabel ist.Immerhin hast du 25 Jahre durchgehalten. Du hast dieses Jahr dein NAPALM DEATH-Silberjubiläum gefeiert.Moment mal ... 1989, 2014 ... stimmt! Ist mir gar nicht aufgefallen. Stimmt, im August 2014 war das. Und nein, wir haben nicht gefeiert, so sind wir nicht drauf. Auf so was können wir verzichten. Wir leben in der Gegenwart und wissen ganz genau, dass wir nur so gut sind wie unser nächster Auftritt, unser nächstes Album. Nur darauf kommt es an. Wir schauen lieber nach vorne als zurück. Aber okay, es macht mich schon etwas stolz, schon so lange in einer Band zu sein, die eine solche Pionierfunktion hatte.Ohne dass ich dahingehend Recherchen angestellt hätte: Was an alten Songs spielt ihr heute noch, was ist völlig aus dem Programm geflogen?Viele Sachen von „Utopia Banished“ spielen wir nicht mehr, die Hälfte der Songs von „Harmony Corruption“, kaum mal was von „Order Of The Leech“, ebenso von „The Code Is Red ...“ Warum? Wenn du mal 15 Alben gemacht hast, ist die Setlist schon voll, wenn du von jedem nur ein Stück spielen würdest. Mir fällt es leicht, Setlists zu schreiben, aber irgendwas bleibt immer außen vor, man nimmt sich das für die nächste Show vor, und dann kommt es doch wieder anders ... Ach es ist einfach ein ständiger Kampf, haha. Es gibt eben A- und B-Songs, und die B-Songs fallen einfach raus. Was nicht heißt, dass ich nicht zu jedem Song stehe, den wir je gemacht haben.Dieses Interview findet Ende des Jahres statt, da schaut man gerne zurück. Verrätst du uns deine Top-3-Alben 2014?Puh, schwierig ... Ich komme ja kaum zum Musikhören. Unser neues Album hat sich so in den Vordergrund gedrängt, dass ich mich mit kaum was anderem beschäftigt habe als unserer eigenen Musik. Außerdem höre ich tagsüber eigentlich nie Musik, bei mir läuft immer nur ein Radiosender mit Wortprogramm. Wenn ich Musik gehört habe, dann altes Zeug, um mich in Stimmung zu bringen für die Aufnahmen. „Feeding Of The 5000“ von CRASS zum Beispiel, die DEEP WOUND-EP, „The Ungovernable Force“ von CONFLICT, RUDIMENTARY PENI, MY BLOODY VALENTINE, JOY DIVISION – „Love will tear us apart“ – und so weiter. Neue Platten? Hm ... schlimm, aber mir fällt nichts ein, auch wenn das jetzt total arrogant klingt.
 
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NAPALM DEATH

NAPALM DEATH Vom Industriemechaniker zum Grunzer Vor etwa 15 Jahren gehörte mein Freund Michael zu den ersten, die einen CD-Player besaßen. Er kaufte sich wie ein Irrer eine CD nach der anderen – darunter auch „Scum“ von NAPALM DEATH, die ich seinerzeit unter der Kategorie „Staubsaugercore“ einstufte. Aber mit der Zeit gewöhnt sich der Mensch bekanntlich an alles, und ich mich an NAPALM DEATH, die mir immer besser gefielen. Der Grindcore der frühen Werke wurde allmählich immer metallischer, nicht zuletzt bedingt durch ständige Line-Up-Wechsel. Seit vielen Jahren spielt bei NAPALM DEATH kein einziges Originalmitglied mehr, aber dennoch ist die Band stets glaubwürdig geblieben und hat ihre Wurzeln nie vergessen. Leider habe ich den Auftritt im AK47 in Düsseldorf Mitte der 80er nicht gesehen, habe mir aber von Augenzeugen davon berichten lassen. Das pressemäßige Interesse an NAPALM DEATH scheint, vor allem in den letzten Jahren, hauptsächlich bei den Metalblättern gelegen zu haben, jedenfalls ist mir nicht bekannt, in einem der kleineren Zines was über sie gelesen zu haben. Jedenfalls hatte ich Lust die Jungs ein wenig auszuquetschen, und Jan Jaedicke vom Rock Hard-Fanzine war so nett, mir die Kontaktadresse von NAPALM DEATH-Frontmann Mark „Barney“ Greenway zu geben (Danke nochmal!). Barney hat auf meine Anfrage prompt und sehr aufgeschlossen reagiert. Lest selbst, was er zu sagen hatte. Barney, wie siehst du NAPALM DEATH musikalisch und einstellungsmäßig heute? Als Metal- oder als Punkband? „Ich denke, dass die Band seit 1985 musikalisch gesehen Metal-Einflüsse hat, davor ging es mehr in Richtung von CRASS oder ähnlichen Bands. Aber Punk und Hardcore sind nach wie vor eine große Leidenschaft und ein starker Einfluss für einige in der Band. Ich glaube, dass wir, musikalisch gesehen, eine Mischung aus beidem sind. Von der inneren Einstellung her gesehen würde ich sagen, dass wir viel näher an Punk und Hardcore sind. So sehr ich Death Metal liebe, gibt es doch einige Bands und Fans, die ihre Ablehnung in die falsche Richtung lenken. Ich habe z.B. in einem Fanzine eine „Hardcore freie Zone“ entdeckt, sowie Statements wie „Hardcore sucks!“ auf dem Titelblatt. Wie stumpf ist das? Aber eigentlich ist es egal, ob du dich als Punk oder Metaller fühlst, solange du kein Arschloch bist.“ Du bist um 1990 herum zu NAPALM DEATH gestoßen. Hast du noch Kontakt zu deiner alten Band BENEDICTION? „Ich treffe kaum noch welche von ihnen, was aber nicht daran liegt, dass wir keine Freunde mehr wären, seit ich zu NAPALM DEATH gegangen bin. Ab und an treffe ich BENEDICTION-Gitarrist Darren in irgendwelchen Nachtclubs in Birmingham. Ich glaube, dass sie als Band durch ziemlich miese Zeiten gegangen sind. Ich wünsche ihnen viel Glück!“ Wie war denn das Force Attack-Festival und gibt es eigentlich Unterschiede zwischen euren Fans in den jeweiligen Ländern, in denen ihr spielt? „Das Force Attack hat gerockt! Ich spiele gerne auf Festivals wie diesem, wo alles etwas lockerer und entspannter abläuft. Ich fand es schon sehr beeindruckend, als alle Punks an einem der Festivaltage das Gelände verließen, um in Rostock einen Naziaufmarsch zu verhindern. Die Kids sind meistens sehr okay, egal wo wir gerade sind. Daher sehe ich die einzelnen Länder nicht als besonders unterschiedlich an, vor allem in Europa nicht. Nach all den Jahren, die wir mit NAPALM DEATH nun schon dabei sind, kommen sie immer noch und unterstützen uns, was uns sehr freut. Einige Gesichter sehen wir seit den Anfangstagen immer wieder!“ Deutschland 1, England 5? „Das ist mir so was von egal! Ich liebe Fußball – Aston Villa, Celtic/St Pauli/Sporting Lisbon/Athletic Bilbao –, aber Länderspiele interessieren mich kaum, vor allem wegen all dieser englischen Nationalismus-Idioten. Die Nationalhymne singen? Für die königliche Familie? Fuck off!!! Nach dem letzten Deutschland-England-Spiel wurden hier im Radio die ganze Zeit Kriegslieder gespielt. Völlig bescheuert, wenn du mich fragst.“ Du bist ein großer Fan von „adult orientated rock“ und magst Bands wie JOURNEY etc. Welche AOR-Band magst du besonders, und welche Punk/HC-Band findest du gut? „JOURNEY ist auf jeden Fall meine liebste AOR-Band, dicht gefolgt von, äh, CHICAGO und SURVIVOR. Meine Lieblings-HC-Band? Vermutlich MOTÖRHEAD – wegen der Inspiration für die Szene – sowie DISCHARGE, HERESY, SIEGE, INFEST, ATTITUDE ADJUSTMENT... eigentlich habe ich eine Menge Lieblingsbands!“ Glaubst du, das Tony Blair für Großbritannien gute Arbeit leistet? Oder gibt´s eine bessere Alternative? „Ich hab´s geglaubt, als er das erste Mal gewählt wurde. Aber inzwischen ist es nicht besser als eine verwässerte Ausgabe der Konservativen. Scheiße, sie wollen viele Krankenhäuser privatisieren. Im Augenblick gibt es auf Seite der Linken keine Alternative, die stark genug wäre, dank mangelnder öffentlicher Unterstützung. Ich persönlich würde es begrüßen, wenn die grüne Partei eine Chance bekäme. Außerdem sollten die Gewerkschaften wieder stärker werden.“ Was war dein Job, bevor du zu NAPALM DEATH gestoßen bist? Müsst ihr heute neben NAPALM DEATH noch arbeiten gehen? „Ich war Industriemechaniker und habe in der Automobilindustrie gearbeitet. Damals war es heiß, verschwitzt, schmierig und ganz schön gefährlich. Und ja, ich muss immer noch arbeiten, wenn ich nicht nur von Luft leben möchte. Ich bin bei einem Unternehmen, das Videospiele vertreibt, was ziemlich cool ist, da ich total süchtig nach Videospielen bin. Daneben schreibe ich ein wenig für Magazine. NAPALM DEATH kann uns leider nicht in Form eines Gehaltes oder so unterstützen.“ Gibt es britische Bands, die bei uns bekannter sein sollten? „STAMPIN´ GROUND, MUSE – klar, eine große Band, aber ich mag sie –, VOORHEES, LOCKUP, DUMBSTRUCK, SCALPLOCK ...ach, warum fallen mir immer so wenige britische Bands ein?“ Denkst du, dass Prinz Charles seinem Bruder Edward in den Arsch treten sollte, weil er Familienangelegenheiten zu Geld machen will? „Prinz Charles geht auf Fuchsjagd, daher hat er kein Recht irgendwen wegen Dekadenz anzugreifen. Selbst seinen grausigen Bruder nicht. Ich kann keinen von ihnen ertragen!“ Würde er einen guten König abgeben oder würdest du lieber die Monarchie abgeschafft sehen? „Die Monarchie ist veraltet, irrelevant und besitzt bzw. verbraucht viel zuviel vom Vermögen des Landes. Ich sage: weg damit – je eher, desto besser. Finde ich jedenfalls.“ Danke für das Interview! Guntram Pintgen
 

Reviews

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #118 / Jens Kirsch

Apex Predator – Easy Meat

In Sachen NAPALM DEATH bin ich ein ziemlicher Spätzünder. Bis zum Erscheinen von „Diatribes“ im Jahre 1996 habe ich die Birmingham-Legende eigentlich mehr oder weniger ignoriert. Ich hatte zwar hier und da mal was gelesen über die Band, aber das war es dann auch schon.Erst die Veröffentlichung genannter Platte sollte schließlich mein Interesse wecken und das eigentlich auch nur, weil in den Reviews immer wieder das Wort „Groove“ fiel und ein gewisser Colin Richardson an deren Entstehung beteiligt war, jener Produzent, der bereits solche Dampfwalzen wie „Burn My Eyes“ von MACHINE HEAD und „Demanufacture“ von FEAR FACTORY in Sachen Klang veredelte.Aus meiner Sicht konnte das nur gut werden, also zog ich los und habe mir das Album blind gekauft. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich mein Exemplar der limitierten Edition aus dem Zellophan wickelte, die äußerst billige Papphülle kritisch beäugte und mich anschließend tierisch darüber aufregte, dass die aus meiner Sicht versprochene zusätzliche Bonus-EP nicht enthalten war.Wäre mein Englisch damals besser gewesen, dann hätte ich wohl gemerkt, dass nicht die EP, sondern lediglich ein CD-Halter zur Unterbringung selbiger gemeint war, sollte man in Erwägung ziehen, sich jene zu kaufen.Ja, auch so lässt sich natürlich Geld machen. Die Musik zündete zu allem Überfluss zunächst auch nicht richtig. Ich wollte bleischwere Grooves, so wie in den Reviews versprochen, doch sollte sich herausstellen, dass ich darunter offenbar etwas anderes verstand.Klar, den erwarteten wuchtigen Sound, den bekam ich, manche Songs rockten auch amtlich die Hütte, oftmals erging sich die Band jedoch in rabiatem Geballer, welches nicht so ganz den richtigen Nerv bei mir treffen wollte.Heute sieht das gänzlich anders aus: Ich habe, wenn auch spät, die Klasse dieser Band erkannt und zähle „Scum“ und „Enslavement To Obliteration“ zu meinen All-time-Faves. Ob „Apex Predator – Easy Meat“ sich dort irgendwann einreiht, wird die Zeit zeigen.Fest steht: die Platte lässt viele, vor allem jüngere Genrekollegen recht alt aussehen und zeigt eindrucksvoll, dass NAPALM DEATH auch nach annähernd dreißig Jahren längst nicht zum alten Eisen gehören.Hat man den als Intro agierenden noisig-schrägen Titelsong hinter sich gebracht, geht die Scheibe direkt in die Vollen. Die Band prescht sich durch 13 weitere Songs, von denen lediglich fünf die Drei-Minuten-Grenze überschreiten und zeigt dabei überdeutlich den eigentlichen Gedanken hinter Grindcore auf, nämlich die Kombination von Hardcore, Punk, Metal und Geschwindigkeit.Vieles, das heute unter dieser Bezeichnung läuft, ist doch im Grunde nur extrem schneller Death Metal. NAPALM DEATH als Urväter dieses Sounds zeigen, wie es richtig geht! „One eyed“ ab Minute 1:42 ist der vertonte Wahnsinn!

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #96 / André Bohnensack

Diatribes / Greed Killing / Bootlegged In Japan

„In den späten Neunzigern sind teilweise nur noch 45 Leute zu Konzerten aufgetaucht, selbst in Deutschland, einem der besten Orte für Hardcore und Metal überhaupt“, erzählte NAPALM DEATH-Sänger Barney Greenway 2007 in einem Interview dem Ox.Zwar bedeuteten die Neunziger in der Tat schwierige Jahre für viele Metal-Bands, dennoch müssen sich NAPALM DEATH die Frage gefallen lassen, ob sie an ihrer relativen Erfolglosigkeit nicht zumindest eine Mitschuld tragen.Die Engländer stolperten zwar längst nicht so orientierungslos wie viele andere durch das Jahrzehnt, dennoch gelten die vier zwischen 1992 und 1998 veröffentlichten Alben auch bei treuen Fans nicht als ihre besten; Einstimmigkeit, welches davon nun das Schlechteste ist, gibt es aber keine (die Hardliner stiegen ja eh schon 1990 nach Greenways Einstieg und der Abwendung von purem Grindcore mit „Harmony Corruption“ aus und kamen auch nach dem einhellig als „Comeback-Album“ angesehenen „Enemy Of The Music Business“ von 2000 nicht wieder).Nun kann man von den experimentelleren Songstrukturen, den groovigeren Rhythmen, der reduzierten Geschwindigkeit und dem höheren Death-Metal-Anteil in NAPALM DEATHs Musik in diesen Jahren halten, was man will, aber vor allem das sechste Album „Diatribes“ von 1996 ist unterm Strich eine gute, wenn auch nicht phänomenale Platte, die auch heute noch funktioniert.Und sei es nur wegen der beiden ... nun ja ... „Hits“ „My own worst enemy“ und „Greed killing“. Dieser Wiederveröffentlichung haben Earache noch die 7-Song-EP „Greed Killing“ von 1995 (fünf Non-Album-Tracks, darunter das coole „Antibody“) und das verzichtbare ’98er Live-Album „Bootlegged In Japan“ beigelegt, alle in der originalen Aufmachung zusammen in einer Pappbox ohne Extras wie Linernotes.Da haben Earache schon hochwertigere Reissues veröffentlicht.

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #40 / Dominik Winter

Enemy Of The Music Business CD

Endlich erreicht die Nachwelt das neue Album von Barney Greenway und den restlichen Mannen von NAPALM DEATH. Seit ihrem letzten Album "Words From The Exit Wound" vor gut zwei Jahren und der letztjährigen Cover-EP "Leaders Not Followers" kommt endlich wieder neues Material auf gierige Death- und Grindmäuler zu. Und das in einem Masse, in dem es selbst eingefleischte NAPALM DEATH Fans nicht zu träumen vermochten. So schnell und aggressiv waren die Briten seit ihrem "Utopia Banished"-Album 1992 nicht mehr. "Enemy Of The Music Business", das Album mit dem besten Titel seit Menschen Gedenken, tritt sowas von kräftig in den Allerwertesten und verfügt nebenbei über vierzehn der besten Tracks der Bandgeschichte. Wo der Vorgänger "Words From The Exit Wound" auf traditionellen NAPALM DEATH-Sound in teils mittlerem Tempo setzte wird hier das Gaspedal wieder bis zum Anschlag durchgetreten und nicht zuletzt durch den allzeit brillanten Frontmann Barney dominiert, der mit seinem unverwechselbaren Gesangsstil zwischen Grunzen und Kreischen, diesmal ohne cleane Gesangsparts, die Platte zu einer Überraschung für langjährige Kenner dieser Band sowie zu einem der Top-5-Highlights dieses Jahres werden lässt, unterstützt von einer der präzisesten Rhythm Sections überhaupt. Ich kann euch nur raten, diese Band unbedingt auf ihrer kommenden Tour live anzuchecken, eine derart voluminöse Power, versetzt mit professioneller Gelassenheit ist in diesem Genre nicht allzu oft zu finden. Grossartig und mit extremer Suchtgefahr!

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #102 / Joachim Hiller

From Enslavement To Obliteration

Der Begriff Band bezeichnet eigentlich eine feste Gruppe von Menschen, die zusammen Musik machen. Schaut man sich aber die permanenten Besetzungswechsel von NAPALM DEATH in der Zeit Mitte/Ende der Achtziger an, die nun von ihrem damaligen Label Earache neu aufgelegt wurden, fehlt jede Konstanz.Als „Scum“, dem diverse Demos vorausgegangen waren, im Sommer 1987 erschien, war nur Schlagzeuger Mick Harris (nicht zu verwechseln mit dem heutigen ND-Gitarristen Mitch Harris) von jenem Line-up übrig, das die A-Seite des Albums eingespielt hatte.Gründungsmitglied, Bassist und Sänger Nik Bullen hatte die Band nach den Aufnahmen im Dezember 1986 verlassen, die ursprünglich für eine Seite einer Split-LP mit ATAVISTIC gedacht waren, und Justin Broadrick (Gitarre) war schon zuvor ausgestiegen, um bei HEAD OF DAVID Schlagzeug zu spielen.So kam es, dass die zweite Seite von „Scum“ im Mai 1987 mit Bill Steer von CARCASS an der Gitarre, Jim Whiteley am Bass und Lee Dorrian (später CATHEDRAL) als neuem Sänger eingespielt wurde.Inwiefern sich diese Besetzungswechsel im Detail auf Songwriting und Musik ausgewirkt haben, wäre sicher Anlass zu musikwissenschaftlichen Forschungen, und es gibt auch Die-hard-Grindcore-Fans, für die jenseits der Demos schon der künstlerische Niedergang jener damals als sensationell extrem empfundenen Musikrichtung begann.NAPALM DEATHs Verbundenheit und Herkunft aus der britischen Anarchopunk-Szene der Achtziger kann man jedenfalls bereits am Artwork des Albums erkennen, das zeittypisch in schwarz-weißer Tuschezeichnungsoptik zwischen CRASS und RUDIMENTARY PENI passte und rein gar nichts mit irgendwelchen Metal-Klischees jener Tage zu tun hatte.Auch inhaltlich bleiben keine Fragen offen, sagen die zwei Zeilen des Openers „Multinational corporations“ eigentlich alles: „Multinational corporations / Genocide of the starving nations“ – das trifft es auch 25 Jahre später noch.28 ultrakurze, scharfe Song-Splittergranaten fanden sich auf dem Original-Album (darunter der Guiness Book-zertifizierte „kürzeste Song der Welt“: „You suffer“ dauert nur 1.316 Sekunden), auf der Neuauflage sind es 56, gibt es das Album doch noch ein zweites Mal als Bonus in Form der Rough Mixe.Ein absoluter Genreklassiker, dem Earache allerdings den Gefallen hätten tun können, ihn mit ordentlichen Linernotes zu versehen. Gleiches gilt für das zweite Album „From Enslavement To Obliteration“, dessen Titel den eines Demos von 1986 aufgreift.Natürlich war es im Vorfeld der Aufnahmen zu einem Besetzungswechsel gekommen: Whiteley ging zu RIPCORD, für ihn kam mit Shane Embury der einzige der damaligen Musiker an Bord, der auch heute noch bei NAPALM DEATH spielt – Sänger Barney kam erst 1989 dazu.Lee Dorrian beeindruckt hier durch seinen zweigeteilten Gesangsstil: einerseits dunkle Growls, andererseits helle Screams – andere Bands brauchen dafür zwei Sänger. Im Vergleich zum Debüt war man opulent lange im Studio gewesen, entsprechend ist der Trademark-Sound auf dem seinerzeit kommerziell bereits recht erfolgreichen Album druckvoller und beeindruckender, vermittelt einen besseren Eindruck von der live erbrachten Extremsport-Leistung der Band – und ist zugleich das letzte der frühen ND-Werke, das noch mehr dem klassischen Grindcore zurechenbar ist als die folgenden Alben, als man sich Richtung Death Metal orientierte.Zu den remasterten 26 Originalsongs gesellen sich noch fünf Bonustracks. Das Original-Textblatt gibt’s in Bookletform, es fehlen aber auch hier erläuternde Linernotes. Die beiden ersten ND-Alben zählen definitiv zum Pflichtkanon in Sachen extremen Hardcores – da erkennt man wieder, wie nackt all die modernen Metalcore-Kasper dastehen, die sich unglaublich hart gebärden, dabei aber nur wie aufgeblasene Frösche wirken.Dritter Rerelease in der Runde ist „Harmony Corruption“ von 1990, das auch das erste Album des bis heute bestehenden Kern-Line-ups (Shane, Barney, Mitch) ist: Im Juli 1989 hatten Steer und Dorrian die Band verlassen (Letzterer gründete CATHEDRAL, Ersterer hatte mit CARCASS genug zu tun), und wurden ersetzt durch Jesse Pintado (ex-TERRORIZER) an der Gitarre und Mark „Barney“ Greenway als neuem Sänger.Bald darauf stieß auch noch Mitch Harris als zweiter Gitarrist hinzu. Nach den Grindcore-Attacken der vergangenen Jahre war „Harmony Corruption“ mit seinem viel stärkeren Death Metal-Einfluss ein starkes Abweichen vom bisherigen stilistischen Kurs und so stieß die Platte gerade bei den alten Fans nicht nur auf Zustimmung.Im direkten Vergleich schwächelt das Album auch heute noch, und mir gefällt der heutige NAPALM DEATH-Sound erheblich besser als jener der frühen Neunziger. Neben den elf originalen Tracks gibt’s beim Rerelease 14 Live-Songs als Bonus.

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #102 / Joachim Hiller

Harmony Corruption

Der Begriff Band bezeichnet eigentlich eine feste Gruppe von Menschen, die zusammen Musik machen. Schaut man sich aber die permanenten Besetzungswechsel von NAPALM DEATH in der Zeit Mitte/Ende der Achtziger an, die nun von ihrem damaligen Label Earache neu aufgelegt wurden, fehlt jede Konstanz.Als „Scum“, dem diverse Demos vorausgegangen waren, im Sommer 1987 erschien, war nur Schlagzeuger Mick Harris (nicht zu verwechseln mit dem heutigen ND-Gitarristen Mitch Harris) von jenem Line-up übrig, das die A-Seite des Albums eingespielt hatte.Gründungsmitglied, Bassist und Sänger Nik Bullen hatte die Band nach den Aufnahmen im Dezember 1986 verlassen, die ursprünglich für eine Seite einer Split-LP mit ATAVISTIC gedacht waren, und Justin Broadrick (Gitarre) war schon zuvor ausgestiegen, um bei HEAD OF DAVID Schlagzeug zu spielen.So kam es, dass die zweite Seite von „Scum“ im Mai 1987 mit Bill Steer von CARCASS an der Gitarre, Jim Whiteley am Bass und Lee Dorrian (später CATHEDRAL) als neuem Sänger eingespielt wurde.Inwiefern sich diese Besetzungswechsel im Detail auf Songwriting und Musik ausgewirkt haben, wäre sicher Anlass zu musikwissenschaftlichen Forschungen, und es gibt auch Die-hard-Grindcore-Fans, für die jenseits der Demos schon der künstlerische Niedergang jener damals als sensationell extrem empfundenen Musikrichtung begann.NAPALM DEATHs Verbundenheit und Herkunft aus der britischen Anarchopunk-Szene der Achtziger kann man jedenfalls bereits am Artwork des Albums erkennen, das zeittypisch in schwarz-weißer Tuschezeichnungsoptik zwischen CRASS und RUDIMENTARY PENI passte und rein gar nichts mit irgendwelchen Metal-Klischees jener Tage zu tun hatte.Auch inhaltlich bleiben keine Fragen offen, sagen die zwei Zeilen des Openers „Multinational corporations“ eigentlich alles: „Multinational corporations / Genocide of the starving nations“ – das trifft es auch 25 Jahre später noch.28 ultrakurze, scharfe Song-Splittergranaten fanden sich auf dem Original-Album (darunter der Guiness Book-zertifizierte „kürzeste Song der Welt“: „You suffer“ dauert nur 1.316 Sekunden), auf der Neuauflage sind es 56, gibt es das Album doch noch ein zweites Mal als Bonus in Form der Rough Mixe.Ein absoluter Genreklassiker, dem Earache allerdings den Gefallen hätten tun können, ihn mit ordentlichen Linernotes zu versehen. Gleiches gilt für das zweite Album „From Enslavement To Obliteration“, dessen Titel den eines Demos von 1986 aufgreift.Natürlich war es im Vorfeld der Aufnahmen zu einem Besetzungswechsel gekommen: Whiteley ging zu RIPCORD, für ihn kam mit Shane Embury der einzige der damaligen Musiker an Bord, der auch heute noch bei NAPALM DEATH spielt – Sänger Barney kam erst 1989 dazu.Lee Dorrian beeindruckt hier durch seinen zweigeteilten Gesangsstil: einerseits dunkle Growls, andererseits helle Screams – andere Bands brauchen dafür zwei Sänger. Im Vergleich zum Debüt war man opulent lange im Studio gewesen, entsprechend ist der Trademark-Sound auf dem seinerzeit kommerziell bereits recht erfolgreichen Album druckvoller und beeindruckender, vermittelt einen besseren Eindruck von der live erbrachten Extremsport-Leistung der Band – und ist zugleich das letzte der frühen ND-Werke, das noch mehr dem klassischen Grindcore zurechenbar ist als die folgenden Alben, als man sich Richtung Death Metal orientierte.Zu den remasterten 26 Originalsongs gesellen sich noch fünf Bonustracks. Das Original-Textblatt gibt’s in Bookletform, es fehlen aber auch hier erläuternde Linernotes. Die beiden ersten ND-Alben zählen definitiv zum Pflichtkanon in Sachen extremen Hardcores – da erkennt man wieder, wie nackt all die modernen Metalcore-Kasper dastehen, die sich unglaublich hart gebärden, dabei aber nur wie aufgeblasene Frösche wirken.Dritter Rerelease in der Runde ist „Harmony Corruption“ von 1990, das auch das erste Album des bis heute bestehenden Kern-Line-ups (Shane, Barney, Mitch) ist: Im Juli 1989 hatten Steer und Dorrian die Band verlassen (Letzterer gründete CATHEDRAL, Ersterer hatte mit CARCASS genug zu tun), und wurden ersetzt durch Jesse Pintado (ex-TERRORIZER) an der Gitarre und Mark „Barney“ Greenway als neuem Sänger.Bald darauf stieß auch noch Mitch Harris als zweiter Gitarrist hinzu. Nach den Grindcore-Attacken der vergangenen Jahre war „Harmony Corruption“ mit seinem viel stärkeren Death Metal-Einfluss ein starkes Abweichen vom bisherigen stilistischen Kurs und so stieß die Platte gerade bei den alten Fans nicht nur auf Zustimmung.Im direkten Vergleich schwächelt das Album auch heute noch, und mir gefällt der heutige NAPALM DEATH-Sound erheblich besser als jener der frühen Neunziger. Neben den elf originalen Tracks gibt’s beim Rerelease 14 Live-Songs als Bonus.

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #37 / Joachim Hiller

Leaders Not Followers CS

Nun ja, von den "neuen" NAPALM DEATH halte ich ehrlich gesagt nicht besonders viel, aber wenn RAW POWER und DEAD KENNEDYS gecovert werden, muss ich schon mal reinhören, wobei es sich bei allen sechs Songs dieser EP um Fremdkompositionen handelt. "Politicians" von RAW POWER ist der Opener, naja, das Original kann mehr, gefolgt von SLAUGHTER, PENTAGRAM, REPULSION und DEATH sowie "Nazi punks fuck off", allerdings in einer neuen Version und nicht der vom "Virus 100"-Sampler. Äh, nee, das war alles nix. NAPALM DEATH? Bitte nur die alten Sachen aus den Achtzigern. Danke.

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #49 / Guntram Pintgen

Order Of The Leech CD

Hier also ein neues Album der Krachpioniere aus Birmingham. Die melodiöse Schlagseite von Mitneunziger Alben wie „The Greed Killings" hat man wieder zu den Akten gelegt und drischt munter nach vorne los. Dabei wechselt Barney immer schön zwischen bekanntem Gegrunze und hysterischem Gekreisch, was die Sache interessant macht. Leider liegt mir hier nur eine gebrannte CD-R vor, auf der außer dem Titel, den Songs und der Katalognummer keine weiteren Infos zufinden sind. Daher rate ich jetzt mal, dass die Scheibe bei Earache erscheint. Und offensichtlich hat der Typ, der die CD gebrannt hat, diese mit viel zu hoher Geschwindigkeit eingelesen oder gebrannt, was sich jetzt eben über Kopfhörer ziemlich bescheiden anhört. Wie soll man denn da einen richtigen Eindruck gewinnen, wenn die CD-R ständig hakt und einem mit digitalem Gebritzel die Ohren wegfetzt. Schade! Leute, schickt bitte entweder eine vernünftig gebrannte CD-R, oder besser gleich das Original, denn das was man hören kann, klingt endlos geil, wenn da nicht dieses Geflirre wäre. Keine Wertung, hört es euch besser mal im Laden im Original an. (44:39)

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #50 / Guntram Pintgen

Order of the leech CD

NAPALM DEATH sind eine von den Bands, bei denen kein Originalmitglied mehr dabei ist, die aber dennoch unter altem Namen firmieren, aber was soll's. Das Quintett aus Birmingham hat mit "Order of the leech" das melodiösere Fahrwasser von Platten wie "The greed killings" und "Diatribes" wieder verlassen und prügelt wieder voll nach vorne los. Sicher, wegweisend wie das Debüt "Scum" ist diese Scheibe natürlich nicht, aber die Jungs blasen mit der fetten Produktion alles weg und stellen viele Nachahmer nach wie vor in den Schatten. Barneys Texte sind wie immer kritisch und engagiert. Macht Laune. Insgesamt überzeugende Scheibe. Aber waren die sonst nicht immer auf Earache? (44:39) (8/10)

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #102 / Joachim Hiller

Scum

Der Begriff Band bezeichnet eigentlich eine feste Gruppe von Menschen, die zusammen Musik machen. Schaut man sich aber die permanenten Besetzungswechsel von NAPALM DEATH in der Zeit Mitte/Ende der Achtziger an, die nun von ihrem damaligen Label Earache neu aufgelegt wurden, fehlt jede Konstanz.Als „Scum“, dem diverse Demos vorausgegangen waren, im Sommer 1987 erschien, war nur Schlagzeuger Mick Harris (nicht zu verwechseln mit dem heutigen ND-Gitarristen Mitch Harris) von jenem Line-up übrig, das die A-Seite des Albums eingespielt hatte.Gründungsmitglied, Bassist und Sänger Nik Bullen hatte die Band nach den Aufnahmen im Dezember 1986 verlassen, die ursprünglich für eine Seite einer Split-LP mit ATAVISTIC gedacht waren, und Justin Broadrick (Gitarre) war schon zuvor ausgestiegen, um bei HEAD OF DAVID Schlagzeug zu spielen.So kam es, dass die zweite Seite von „Scum“ im Mai 1987 mit Bill Steer von CARCASS an der Gitarre, Jim Whiteley am Bass und Lee Dorrian (später CATHEDRAL) als neuem Sänger eingespielt wurde.Inwiefern sich diese Besetzungswechsel im Detail auf Songwriting und Musik ausgewirkt haben, wäre sicher Anlass zu musikwissenschaftlichen Forschungen, und es gibt auch Die-hard-Grindcore-Fans, für die jenseits der Demos schon der künstlerische Niedergang jener damals als sensationell extrem empfundenen Musikrichtung begann.NAPALM DEATHs Verbundenheit und Herkunft aus der britischen Anarchopunk-Szene der Achtziger kann man jedenfalls bereits am Artwork des Albums erkennen, das zeittypisch in schwarz-weißer Tuschezeichnungsoptik zwischen CRASS und RUDIMENTARY PENI passte und rein gar nichts mit irgendwelchen Metal-Klischees jener Tage zu tun hatte.Auch inhaltlich bleiben keine Fragen offen, sagen die zwei Zeilen des Openers „Multinational corporations“ eigentlich alles: „Multinational corporations / Genocide of the starving nations“ – das trifft es auch 25 Jahre später noch.28 ultrakurze, scharfe Song-Splittergranaten fanden sich auf dem Original-Album (darunter der Guiness Book-zertifizierte „kürzeste Song der Welt“: „You suffer“ dauert nur 1.316 Sekunden), auf der Neuauflage sind es 56, gibt es das Album doch noch ein zweites Mal als Bonus in Form der Rough Mixe.Ein absoluter Genreklassiker, dem Earache allerdings den Gefallen hätten tun können, ihn mit ordentlichen Linernotes zu versehen. Gleiches gilt für das zweite Album „From Enslavement To Obliteration“, dessen Titel den eines Demos von 1986 aufgreift.Natürlich war es im Vorfeld der Aufnahmen zu einem Besetzungswechsel gekommen: Whiteley ging zu RIPCORD, für ihn kam mit Shane Embury der einzige der damaligen Musiker an Bord, der auch heute noch bei NAPALM DEATH spielt – Sänger Barney kam erst 1989 dazu.Lee Dorrian beeindruckt hier durch seinen zweigeteilten Gesangsstil: einerseits dunkle Growls, andererseits helle Screams – andere Bands brauchen dafür zwei Sänger. Im Vergleich zum Debüt war man opulent lange im Studio gewesen, entsprechend ist der Trademark-Sound auf dem seinerzeit kommerziell bereits recht erfolgreichen Album druckvoller und beeindruckender, vermittelt einen besseren Eindruck von der live erbrachten Extremsport-Leistung der Band – und ist zugleich das letzte der frühen ND-Werke, das noch mehr dem klassischen Grindcore zurechenbar ist als die folgenden Alben, als man sich Richtung Death Metal orientierte.Zu den remasterten 26 Originalsongs gesellen sich noch fünf Bonustracks. Das Original-Textblatt gibt’s in Bookletform, es fehlen aber auch hier erläuternde Linernotes. Die beiden ersten ND-Alben zählen definitiv zum Pflichtkanon in Sachen extremen Hardcores – da erkennt man wieder, wie nackt all die modernen Metalcore-Kasper dastehen, die sich unglaublich hart gebärden, dabei aber nur wie aufgeblasene Frösche wirken.Dritter Rerelease in der Runde ist „Harmony Corruption“ von 1990, das auch das erste Album des bis heute bestehenden Kern-Line-ups (Shane, Barney, Mitch) ist: Im Juli 1989 hatten Steer und Dorrian die Band verlassen (Letzterer gründete CATHEDRAL, Ersterer hatte mit CARCASS genug zu tun), und wurden ersetzt durch Jesse Pintado (ex-TERRORIZER) an der Gitarre und Mark „Barney“ Greenway als neuem Sänger.Bald darauf stieß auch noch Mitch Harris als zweiter Gitarrist hinzu. Nach den Grindcore-Attacken der vergangenen Jahre war „Harmony Corruption“ mit seinem viel stärkeren Death Metal-Einfluss ein starkes Abweichen vom bisherigen stilistischen Kurs und so stieß die Platte gerade bei den alten Fans nicht nur auf Zustimmung.Im direkten Vergleich schwächelt das Album auch heute noch, und mir gefällt der heutige NAPALM DEATH-Sound erheblich besser als jener der frühen Neunziger. Neben den elf originalen Tracks gibt’s beim Rerelease 14 Live-Songs als Bonus.

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #68 / André Bohnensack

Smear Campaign CD

Das letzte Album "The Code Is Red ... Long Live The Code" ist gerade mal ein Jahr alt, da kommen NAPALM DEATH schon mit dem Nachfolger an. Und "Smear Campaign" hält das hohe Niveau des Vorgängers weitestgehend problemlos, scheint sogar so eine Art experimentelles Pendant zu "The Code ..." zu sein. Denn obwohl den Songs abermals die punkige Attitüde zu Grunde liegt, die NAPALM DEATH in den letzten Jahren wieder entdeckt haben, und die Engländer auch dieses Mal wieder größtenteils Vollgas geben, ist "Smear Campaign" etwas weniger offensiv, dafür verspielter und grooviger geworden als "The Code ...". Was durchaus an "Diatribes" von 1996 erinnert, als NAPALM DEATH auf einmal unverschämt mitreißend und beinahe tanzbar wurden. Als Gast haben NAPALM DEATH für "Smear Campaign" Anneke van Giersbergen von THE GATHERING ins Studio geladen um den Song "In deference" und das Quasi-Intro "Weltschmerz" gesanglich zu begleiten; so prägend wie Jello Biafras Gastauftritt bei "The Code ..." ist das aber leider nicht. Der mittlerweile übliche etwas aus dem Rahmen fallende Song - hier ist das der von Sänger Barney mit normaler Stimme vorgetragene Titelsong - funktioniert dagegen wieder wunderbar. Leider mangelt es "Smear Campaign" etwas an direkter Eingängigkeit, einen Hit wie den Titelsong des letzten Albums gibt es hier nicht, was "Smear Campaign" insgesamt einen Deut schwächer macht als "The Code ...". Dennoch wird erneut untermauert, dass NAPALM DEATH keine Kategorisierung in Grindcore, Death Metal oder sonstiges nötig haben, eben einfach nur NAPALM DEATH sind, und ganz einfach mit das Beste, was es momentan an extremer Musik gibt. (8)

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #59 / André Bohnensack

The Code Is Red ... Long Live The Code CD

Auf NAPALM DEATH ist einfach Verlass. In schöner Regelmäßigkeit veröffentlichen die Briten gute bis sehr gute Platten und verweisen die zahlreichen Königsmörder, die in der Zwischenzeit auf den Thron schielen, auf ihre Plätze. Und "The Code Is Red ... Long Live The Code" ist wieder ein Exemplar der sehr guten Sorte geworden, auf dem sie wieder mal beeindruckend beweisen, dass nach ihnen ganz lange erst mal gar nichts kommt. NAPALM DEATH haben keine albernen Schneller-Härter-Brutaler-Spielchen nötig, sind längst über eine Einteilung in die Schubladen Grindcore, Death Metal oder Noise hinaus und schlicht und einfach nur NAPALM DEATH. Unverwechselbar und unübertroffen. Schon nach den ersten Sekunden des Openers "Silence is deafining" ist man wieder von der unbändigen Power überwältigt, die NAPALM DEATH ausstrahlen. Das Wechselspiel von ultraschnellem, dennoch aber sehr versiertem Grindgekloppe und groovigen Midtempoparts - gerade die Gitarrenarbeit zeigt hier starke Hardcore-Einflüsse - funktioniert auf "The Code Is Red ... Long Live The Code" wieder mal ganz hervorragend. Ein paar eingängige Melodien haben sich auch wieder eingeschlichen - wie zum Beispiel beim grandiosen Titeltrack, nach dessen Anhören sich die ganzen Metalcore-Kasper voller Scham auflösen sollten - und Sänger Barney klingt so angepisst wie noch nie - die politische Weltlage der letzten drei Jahre scheint Spuren bei ihm hinterlassen zu haben. Das ist kein erbärmliches Gegrunze wie bei so vielen anderen, das ist die vertonte Wut eines intelligenten Mannes, der so langsam die Schnauze voll hat. Da passt es doch, dass sich NAPALM DEATH mit Jello Biafra einen Bruder im Geiste ins Studio geholt haben, damit er Barney bei dem Song "The great and the good" unterstützt, was übrigens ganz großartig klingt. Auch der HATEBREED-Sänger Jamey Jasta und der schon beinahe in Vergessenheit geratene Ex-CARCASS-Sänger Jeff Walker haben kurze Gastauftritte auf "The Code Is Red ... Long Live The Code. Nicht wirklich überraschend, da NAPALM DEATH schon immer ein Faible für experimentelle Songs hatten. Hier aber dennoch hervorstechend sind die beiden letzten Songs, die sich, da sehr langsam und noisig-monoton, teils mit cleanem Gesang und Samples, von den anderen stark abheben. "The Code Is Red ... Long Live The Code" ist also wieder eine typische NAPALM DEATH-Platte geworden: Irgendwie anders als die Vorgänger, aber immer unverkennbar NAPALM DEATH. (09/10)

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #82 / André Bohnensack

Time Waits For No Slave

Man mag mir vorwerfen, ich interpretierte hier nur meine eigene Vorgehensweise in die Schrift anderer, aber: liest man sich durch diverse Rezensions-Archive, fällt auf, dass Besprechungen von NAPALM DEATH-Alben seit Anfang der Neunziger keine ernsthaften Bezüge zu anderen Bands, kaum stilistische Beschreibungen und keinerlei Einordnung in aktuelle Musikgeschehnisse aufweisen.Stattdessen wird innerhalb des NAPALM DEATH-Werkes anhand bestimmter Kriterien analysiert: überwiegt das Midtempo oder die grindigen Momente, ist die Platte im Ganzen straight (sprich: punkig) oder experimentell (sprich: noisig), stechen einzelne Songs hervor oder funktionieren sie in ihrer Gesamtheit, also als Album? Und wie groß ist die Verwendung von Elementen der SWANS, dem großen Non-Metal- und -Hardcore-Einfluss NAPALM DEATHs? Abschließend natürlich die Beurteilung mit Blick auf des Gesamtwerk und die Einstufung in „besser" oder „schlechter" als die direkten Vorgänger.Eine so beständige Abarbeitung von Kriterien bescheinigt einer Band wohl absolute Eigenständigkeit. „Time Waits For No Slave", wird es nicht anders ergehen, deshalb hier meine Analyse: Midtempo (was bei NAPALM DEATH aber eben nur „nicht permanent rasend schnell" bedeutet), wegen zig Breaks und Wendungen eher experimentell, trotz recht eingängiger Songs wie „Work to rule", Fallacy dominion" oder „Passive tense" entwickelt „Time Waits For No Slave" seine Stärke als Album und die SWANS-Elemente sind vermehrt in die Stücke eingearbeitet, als in etwas außenstehende Songs ausgegliedert.Mit dem nach wie vor übermächtigen 2005er Album „The Code Is Red ... Long Live The Code" kann „Time Waits For No Slave", wie auch schon „Smear Campaign" von 2006, nicht ganz mithalten, ihr von Natur aus hohes Niveau unterschreiten die Dreiviertel-Engländer mit ihrem dreizehnten Album aber erneut nicht.

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #100 / Joachim Hiller

Utilitarian

NAPALM DEATH sind ultimativ hart. Mag sein, dass es aufgrund noch von Eich- und Prüftechnikern festzulegender Normen Bands gibt, die objektiv härter sind, gefühlt sind Barney & Co. die Härtesten. Nicht im Sinne von „Dicke Eier“-Härte, sondern in Sachen simplifizierter, ehrlicher, auf den Punkt gebrachter Härte.Man schaue (höre!) sich die Engländer live an, und man ist verbrannt. Versaut. Zum Snob geworden. Steht auf Konzerten irgendwelcher halb so alter Metal/Core-Kasper rum und ertappt sich permanent beim Gedanken „Das soll hart sein? Äh, ich geh mal vor die Tür.Laaangweilig ...“ Man will den ganzen Mist, den ganzen Schrott, der da permanent veröffentlicht und aufgeführt wird, nicht mehr sehen und hören. Warum soll ich mich mit weniger als NAPALM DEATH, als CONVERGE, als NEUROSIS zufrieden geben? Hinweg mit den 50%-Nachahmern, den Underperformern.Die sollen in ihren schimmligen Kellern üben, bis sie BESSER sind als die Originale und uns, mich bis dahin verschonen. 16 Songs und 45 Minuten lang ist hier Katharsis pur angesagt. Dein Leben kotzt dich an? Leg „Utilitarian“ auf, dreh die Regler auf zehn, und wenn sich jemand belästigt fühlt – nicht dein Problem.Kaum eine Band, die seit mehr als 25 Jahren aktiv ist („Scum“ kam 1987, die Gründung war 1981, wobei Basser Shane Embury mit 1987 das am weitesten zurückliegenden Einstiegsdatum vorweisen kann; Sänger Barney ist „erst“ seit 1989 an Bord), ist noch so relevant und so weit vorne mit dabei (KREATOR zum Beispiel).Über-Lied des neuen Albums ist „Everyday pox“ mit diesem tollwütigen Saxophon-Spiel, das nur von Avantgarde-Jazz-Legende John Zorn stammen kann – unfassbar aggro! Herausragend auch das etwas nach KILLING JOKE klingende „The wolf I feed“, die kitschfreien „Mönchsgesänge“ in „Fall on their swords“, der Goth-Touch von „Blank look about face“, bevor „Leper colony“ wieder unfassbar hart durchblastet.Ein Album, nach dem der Puls auf 180 ist, wie nach 45 Minuten Autobahn auf der linken Spur mit Tempo 200. Gesund ist das nicht, aber es macht Spaß.

 

NAPALM DEATH

© Ox Fanzine #103 / Joachim Hiller

Utopia Banished

NAPALM DEATH wären nicht NAPALM DEATH, hätte sich das Personalkarussell nicht nach dem „Harmony Corruption“-Album lustig weitergedreht. Dessen seinerzeit vielfach kritisierter neuer Death-Metal-Sound wurde schon mit der „Mass Appeal Madness“-12“ 1991 wieder etwas korrigiert, doch auf dem Weg zum nächsten Album, dem 1992 auf Earache veröffentlichten „Utopia Banished“, ging mit Drummer Mick Harris das letzte Bandmitglied verloren, das schon beim Debüt „Scum“ dabei war.Mit dem von Colin Richardson produzierten Album hieß es dennoch „back to the roots“, also wieder mehr Grindcore. NAPALM DEATH präsentieren sich in exzellenter Produktion in Höchstform, das Album ist ein fieses, monströses Geballer-Gewitter, das im Gegensatz zu anderen Bands des Genres auch inhaltlich überzeugt, den sowohl Barney wie auch Shane Embury sind wortgewandte Texter, denen man ihre Herkunft aus der sozialkritischen Hardcore-Szene der Achtziger anmerkt.Außergewöhnlich ist „Contemptuous“, der letzte Album-Song, ein düsterer, an KILLING JOKE erinnernder Schleicher. Die Jubiläumsversion der CD kommt mit vier Bonustracks mit Booklet und allen Texten.

 

Konzert

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Pascow

Jun.
10
2016