CHUCK RAGANTourdaten, Tickets, Interviews, Tonträger

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Genre

Punkrock/Hardcore, Singer/Songwriter

Shows

207 Shows in 83 Städten / 14 Ländern

Zeitraum

12.09.2007 - 26.08.2015

Letzte Show

26.08.2015 - DE-Dortmund, FZW

Nächste Show

nicht bekannt

Booking

Tourdaten (Archiv)

Archiv
Sep.
12
2007
Mittwoch Tickets Tickets Tickets
Konzert - Singer/Songwriter
 
Sep.
12
2007
Mittwoch Tickets Tickets Tickets
Konzert - Singer/Songwriter
 
Sep.
12
2007
Mittwoch Tickets Tickets Tickets
Konzert - Singer/Songwriter
 
Sep.
13
2007
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Konzert - Singer/Songwriter
 
Sep.
13
2007
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Sep.
13
2007
Donnerstag Tickets Tickets Tickets
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Sep.
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2007
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Sep.
14
2007
Freitag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Singer/Songwriter
 
123
...
2526
Sep.
14
2007

Interviews

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CHUCK RAGAN - HOT WATER MUSIC and beyond

Die Nachricht, dass Chuck Ragan HOT WATER MUSIC verlassen würde, war alles andere als leicht zu verdauen. Zu schöne Momente hatte diese Band ihren Hörern gegönnt. Zu viele trunken-melancholische Songs geschrieben, deren berührende Akkorde sich ins kollektive Szeneherz eintätowiert hatten und Fans und Freunde der Band bei Konzerten nahezu jeden Song mitsingen ließen. Das sollte es gewesen sein - einfach so? Diese Band, auf die sich eine große Schnittmenge aus Punks, Hardcore-Kids und Alternative-Hörern einigen konnte?Nein, nicht einfach so. Auf Seiten von Chuck Ragan gab es nachvollziehbare Gründe für seinen Schritt, die er der Welt in einem offenen Brief mitteilte. Und überhaupt: Mit THE DRAFT haben sich die verbliebenen drei HWM-Mitglieder zu einer feinen Band geformt, die das musikalische Erbe von HWM würdig verwaltet. Reden wir aber nun nicht allzu viel von ihnen, sondern lenken den Blick auf Chuck Ragan, der sich seit seinem HWM-Ausstieg erst einmal seiner Tätigkeit als Schreiner verschrieb, die Finger aber schon bald nicht mehr von der Gitarre lassen konnte und begann, berührende Akustiksongs zu schreiben. Sie haben das Lagerfeuerflair mancher Springsteen-Songs, aber auch Folk- und Blues-Einflüsse, so dass es schwer fällt, Chuck Ragans Musik einem spezifischen Genre zuzuordnen. Sein Live-Album "Los Feliz", das im Mai erschien, sowie sein erstes Studioalbum "Feast Or Famine" bieten zahlreiche Songs, die jedem Fan bodenständig-ehrlicher Akustikmusik gefallen sollten. Am Telefon sprach er über sein neues Album, HWM und noch einiges mehr.Chuck, wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Abfolge von Veröffentlichungen?Ich weiß, dass es auf den ersten Blick vielleicht komisch wirkt, wenn ein Musiker ein Live-Album macht, bevor er irgendetwas anderes veröffentlicht hat. Dies war auch nicht so geplant, sondern eine mehr oder weniger spontane Idee. Ich hatte ja meine eigene Live-CD "Live At The Troubadour" selbst aufgenommen und vertrieb sie auf Graswurzel-Level, also ohne verbindende Werbung. Als ich mich dann mit Side One Dummy zusammensetzte, gab ich ihnen diese CD. Sie waren sehr angetan von ihr und wollten sie nochmals herausbringen. Da sie aber schon draußen war und ich außerdem schon neue Songs geschrieben hatte, buchten wir eine Show in kalifornischen Los Feliz, die wir dann aufnahmen und ein Live-Album machten.Fühlt es sich nach all den Jahren bei HOT WATER MUSIC nicht sehr ungewöhnlich für dich an, wenn du jetzt alleine auf der Bühne stehst?Nein, das würde ich nicht sagen, ungewöhnlich ist das falsche Wort dafür. Vielmehr macht mir alleine zu spielen Angst und schüchtert mich ein. Und das mag ich sehr. Was mir an den Solo-Shows gefällt, ist die Herausforderung. Bevor ich auf die Bühne gehe, macht mir der Gedanke Angst, dass ich mich als Künstler wieder neu beweisen muss. Dass ich Leuten, die nicht wissen, wer ich bin, zeigen muss, was ich alleine und ohne Band draufhabe. Dann aber auf die Bühne zu gehen, eine Show zu spielen und diese Angst und Einschüchterung zu besiegen, ist ein tolles Gefühl, weil es sehr befreiend ist. Denkst du denn, dass die Leute bei deinen Shows nicht wissen, wer du bist? Sind es nicht gerade viele HOT WATER MUSIC-Fans, die dich live sehen wollen?Stimmt, einige der Leute bei den Shows kennen mich schon aufgrund meiner HWM-Vergangenheit. Dennoch ist es für mich jeden Abend eine Herausforderung, den Leuten nun ganz alleine zeigen zu müssen, was ich kann, und sie in den ersten Sekunden des Sets bereits mit meiner Musik zu begeistern. Bisher waren die Reaktionen auch wirklich toll. Einige sagten, dass meine Solostücke sie auf ähnliche Weise berühren wie viele HWM-Songs. Und das hat mich wiederum sehr berührt.Eine Feststellung, die ich nur unterstreichen kann.Danke. Allerdings - das muss man zugeben - die Drums sind nicht so gut wie auf HOT WATER MUSIC-Platten. George ist einfach nicht zu schlagen, haha.Mich erinnert "Feast Or Famine" sehr an manche Bruce Springsteen-Songs. Gleichzeitig denke ich, dass man das Album nur schwer in eine bestimmte Schublade stecken kann, weil sich diverse Einflüsse vermischen.Das ist ein toller Vergleich, weil ich selber ein großer Bruce Springsteen-Fan bin und daher denke, dass seine Songs eine große Inspiration für mich sind. Neben ihm mag ich aber auch viele der frühen Bob Dylan-Songs und viele traditionelle Bluegrass-, Blues- und Southern Gospel-Stücke. Für mich sind dies Musikstile, die schon immer unterschätzt wurden. Musik von Menschen, die unterdrückt wurden und die arm waren, die aber Musik als ihre Stimme fanden, durch die sie der Welt all ihren Schmerz mitteilen konnten. In Gainesville gab es diesen Kerl namens Rob McGregor. Er half vor Ort immer diversen Bands dabei, ihre Songs aufzunehmen. Was ich an ihm aber wirklich berührend fand, war, dass er diese wahnsinnig tief gehenden Songs auf Akustikgitarre und Mundharmonika spielen konnte. Mit diesen recht simplen Mitteln konnte er dich mit seiner Musik zum Heulen bringen. Und wenn er dich heulen gesehen hat, dann hat er dir die Zunge heraus gestreckt oder dich auf irgendeine andere Art zum Lachen gebracht. Das hat mich seit jeher fasziniert und ich denke, dass er einer der Gründe ist, warum ich überhaupt angefangen habe, selber akustische Songs zu schreiben.In meinen Augen sind vor allem die Geschichten berührend, die Menschen wie Bruce Springsteen und Bob Dylan in ihren Songs erzählen. Sie machen die Songs oftmals zeitlos.Das sehe ich ähnlich. Meiner Meinung nach ist ein Song dann gut, wenn er dem Hörer eine Geschichte erzählt, zu welcher er eine Beziehung aufbauen kann. Die also leicht verständlich ist und die in gleicher Weise auch in seinem Alltag hätte passieren können. Solche Texte zu schreiben, fällt mir aber alles andere als leicht. Manchmal kämpfe ich regelrecht mit einem Songtext, freue mich aber umso mehr, wenn er dann fertig ist und ich denke, dass er eine kleine Erzählung ist, die mich betrifft, aber auch im Leben eines anderen hätte passieren können. Die Musiker, über die wir gerade sprachen, haben auf diese Weise ja Teile ihres Lebens für die Folgegenerationen festgehalten. Menschen wie ich können in ihren Songs jetzt die Dokumentationen ihrer Leben nachlesen und Parallelen zu uns selbst herstellen. Denn viele dieser Songs haben gerade deswegen einen zeitlosen Charakter, weil in ihnen Gefühle zum Ausdruck kommen. Deswegen sind Stücke von Bob Dylan auch Jahre, nachdem sie geschrieben wurden, noch relevant. Und selbst wenn die Songs damals nicht mit der Absicht geschrieben wurden, einmal für spätere Generationen als Inspiration und Kraftquelle zur Verfügung zu stehen, so kommt es doch letztlich darauf an, dass Bob Dylan und andere diese Stücke überhaupt geschrieben haben. Viele dieser Songs gehen mir bis ins Mark, weil sie so reduziert und doch so emotional sind. Vielleicht schaffe ich es ja, ein wenig von dieser Stimmung auch in meine Songs einzubringen.Abgesehen von deinen Solo-Releases, in welche Richtung hat sich denn dein Leben ganz generell verändert, nachdem du HOT WATER MUSIC verlassen hast?Mein Leben hat sich drastisch und in eine sehr positive Richtung entwickelt. Bei HWM lief ja alles gut, jedoch ließ mir die Band keinerlei Raum für ein Privatleben. Wir waren ja fast ununterbrochen unterwegs, was auch bedeutete, dass man ständig Band und Crew koordinieren und allerlei Dinge planen und vorbereiten musste. Alles in allem hat das und das Touren extrem viel von meiner Zeit aufgesogen, so dass ich null Zeit für meine Familie hatte. Da ich diese Zeit aber unbedingt brauchte, habe ich mich von HWM getrennt. Und jetzt, da ich diese Zeit habe und mich intensiv meinem Privatleben widmen kann, muss ich sagen, dass es eine sehr gute Entscheidung war, HWM zu verlassen, da dieser Schritt dieses unglaubliche Tempo aus meinem Leben genommen hat. Weißt du, vor unserer letzten Tour mit FLOGGING MOLLY habe ich meine Frau in Costa Rica geheiratet und nun haben wir uns ein kleines Haus in den Bergen von San Francisco gebaut und ich genieße die Zeit mit ihr sehr. Es sind diese alltäglichen Dinge, die mich sehr freuen und die mir Energie geben. Für diese war mit HOT WATER MUSIC aber keinerlei Zeit. Glaub mir, ich lebe jetzt ein sehr einfaches Leben, wir sind alles andere als reich und berühmt. Aber ich habe eine gewisse Unabhängigkeit zurückerlangt, was mich sehr froh macht und meinen Alltag sehr viel leichter.Du sagtest ja eben, dass du bei HWM unbedingt raus musstest, weil du keinen Raum für dein Privatleben hattest. Setzt du dir vor diesem Hintergrund Grenzen, was dein Soloschaffen angeht?Gute Frage. Ich will niemals wieder an einen Punkt kommen, an dem dich die Bandmitgliedschaft und dein Musikerleben deiner Kräfte beraubt, und wo du denkst: "Oh Mann, wir müssen auf Tour gehen und ich bin schon vor der ersten Show aus der Puste." Denn man sollte denken: "Ich gehe auf Tour, yeah!" Ich denke ehrlich gesagt sogar, dass ich mit meiner Solomusik schon jetzt viel mehr erreicht habe, als ich mir jemals habe träumen lassen. Deswegen versuche ich den Moment zu genießen, so viele Songs zu schreiben, wie es geht, und mich keinen Erwartungen zu unterwerfen. Deswegen kann ich dir auch nicht sagen, wie sich meine Solokarriere entwickeln wird. Ich weiß nur, dass ich die Dinge unter Kontrolle haben will und nicht will, dass ich das Gefühl habe, mein Leben nicht im Griff zu haben wie zuletzt bei HWM.Wie ist denn deine Beziehung zu den anderen drei HWM-Mitgliedern, die jetzt in THE DRAFT spielen?Oh, gut. Das Problem ist nur, dass kaum jemand von uns Zeit hat, um miteinander zu sprechen. THE DRAFT sind ja sehr viel unterwegs und ich bin von Florida nach Kalifornien gezogen, so dass die Chancen, sich mal über den Weg zu laufen, fast null sind. Dennoch, wenn wir Kontakt miteinander haben, spüre ich sofort diese alte und intensive Freundschaft. Neulich habe ich mit Chris telefoniert und es hat sich so angefühlt, als hätten wir uns gerade gestern zuletzt gesehen.
 
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CHUCK RAGAN - Heimat: Gold Country!

Man muss Chuck Ragan eigentlich nicht mehr vorstellen: HOT WATER MUSIC legte das Fundament und seit einiger Zeit ist der Mann zusammen mit Jon Gaunt (Geige) und Digger Barnes (Kontrabass) auch solo unterwegs. Ragan, mittlerweile wohnhaft in Kalifornien, ist gern gesehener Gast auf deutschen Bühnen und erfreut sich mit seiner Interpretation der amerikanischen Roots-Musik stetig steigender Beliebtheit. Nachdem das Interview auf der letzten HWM-Tour leider kurzfristig ausfallen musste, gab es auf den im März abgehaltenen Shows den zweiten Versuch. Ich sprach mit einem vom Vorabend noch etwas gezeichneten Chuck vor seinem Auftritt im Bremer Lagerhaus über den aktuellen Stand der Dinge. Und mein Gesprächspartner erwies sich nicht nur als sehr angenehmer Zeitgenosse, sondern auch als durchaus auskunftsfreudig ...Chuck, du bist mittlerweile zwei- bis dreimal pro Jahr in Deutschland unterwegs. Es scheint gut zu laufen.Es läuft großartig, ja, das stimmt. Aber so wie es aussieht, werden das jetzt für einige Zeit erst mal die letzten Shows hier gewesen sein. Diese Termine in Deutschland waren auch nicht wirklich geplant, wir sollten eigentlich nur Frank Turner im UK begleiten, aber dann meinte die Booking-Agentur, dass wir eigentlich auch noch ein paar Shows in Deutschland machen können, wo wir schon mal hier sind. Außerdem kommt Digger Barnes, unser Mann am Kontrabass, aus Hamburg. Den müssen wir also sowieso immer in Hamburg aufpicken, um den Bass im Van zu transportieren.Warum willst du für längere Zeit hier nicht mehr touren?So gerne ich auch in Deutschland spiele, es gibt noch eine Menge anderer Orte auf der Welt, wo wir mal gerne auftreten möchten. Ich bin der Meinung, dass man auch zu viel in einem Land touren kann. Wir sind wirklich dankbar für die ganze Unterstützung, die wir hier bekommen, und so gerne ich auch jeden Monat hier spielen würde, es geht einfach nicht. Aber wenn es darum geht, lange Zeit von zu Hause weg zu sein, möchte ich eigentlich immer nach Deutschland, weil wir hier über die ganzen Jahre so viele Freunde gewonnen haben, dass es für mich hier wie in einer Familie ist. Wir haben die anderen Länder ja nie absichtlich nicht bereist, aber irgendwie hat es im Unterbewusstsein eine Rolle gespielt, dass wir uns hier so wohl fühlen. In Kanada und Südamerika zum Beispiel müssten wir dringend mal touren. Wir werden hier jetzt wahrscheinlich mindestens für ein Jahr, vielleicht länger, nicht mehr spielen. Meine Frau und ich veranstalten ja auch die Revival-Tour. Wir sind gerade bemüht, diese Veranstaltung nach Kanada zu bringen. Eigentlich wollten wir damit im Herbst nach Deutschland kommen, aber wir werden damit wohl noch ein bisschen warten. Der Hauptgrund ist, dass ich gerade zusammen mit Brian Fallon von GASLIGHT ANTHEM an einer neuen Platte schreibe, die wir im Mai aufnehmen werden und dann im Herbst veröffentlichen wollen. Ich habe eigentlich vor, ihn dann mit auf die Revival Tour hier nach Deutschland zu bringen.Wird das eine Splitveröffentlichung mit Brian Fallon oder ein gemeinsames Projekt?Wir schreiben alles zusammen. Die Hälfte der Songs stammt aus seiner Feder, die andere Hälfte kommt von mir und wir spielen die Stücke dann gemeinsam ein. Es wird wohl alles akustisch sein, so ähnlich wie auf der „Gold Country“-LP. Wir haben auch eine Menge Freunde, die wir für das Projekt gerne mit ins Studio nehmen würden. Du erwähntest eben, dass du gerne mal in Südamerika touren würdest. Hast du eine Ahnung, wie es da mit den Verkäufen aussieht, oder wie kommst du auf die Idee?Ich habe keine Ahnung. Ich habe ein paar Leute aus Südamerika kennen gelernt und der E-Mail-Kontakt war auch sehr anregend. Es ist mir egal, ob wir Geld verlieren oder nicht, ich möchte da einfach mal gerne spielen, die Musik in das Land bringen und es natürlich auch für mich selbst kennen lernen, ich war dort noch nie. Das wäre sicherlich eine tolle Erfahrung.Wo wir gerade von finanziellen Dingen sprechen: Musst du immer noch rechnen und hoffen, dass alles klappt, wenn du hier auf Tour gehst, oder ist das mittlerweile eine sichere Sache für dich?Um ehrlich zu sein, gibt es da so viele Faktoren, die eine Rolle spielen, dass es schwierig einzuschätzen ist. Wir verdienen Geld, von dem wir leben können, klar. Ich arbeite mit einer Do-it-yourself-Ethik und so sehr ich das auch schätze, ist es auch wirklich schwierig und stressig damit. Wenn ich für viele Aspekte selbst verantwortlich bin, bedeutet das eben auch viel Stress. Ich bringe Leute mit, die mit mir zusammen spielen, dann beschäftigen wir hier auf Tour noch Leute und so weiter. Wir arbeiten ja auch vollkommen ohne Management. Side One Dummy ist ein cooles Label, aber wir veröffentlichen eben auch viel auf unserem eigenen Label Ten Four Records. Du kannst dir auf Tour eigentlich nie richtig sicher sein, manchmal läuft es gut, manchmal nicht. Heute Abend wird es voraussichtlich gut, die Tickets haben sich im Vorverkauf gut verkauft, aber morgen kann es sein, dass wir vor einem Viertel der Leute spielen. Basically, you win some lose some. So ist das eben, wenn du ein unabhängig Arbeitender bist, in welchem Business auch immer. Als ich als Dachdecker gearbeitet habe, war das nichts anderes. Da musste ich mir auch die Arbeit suchen, den Kontakt zu den Kunden halten und mich bemühen, aktiv zu bleiben. Wir sprechen ja auch gerade von dem Business-Teil der Musik, nicht der Passion für die Musik, das sind ja zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Und wenn du Musik machen willst wie wir, dann musst du eben leider auch an das Geschäft denken, anders geht es nicht. Es ist stressig, verrückt und hart, weil du nie weißt, wo dein nächstes Gehalt herkommt. Es gibt eben nur eine ganz geringe Sicherheit, nicht wie als Angestellter bei einer Firma, wo du genau weißt, wenn du zur Arbeit gehst, dann gibt es auch ein Gehalt. Andererseits ist es für mich ein sehr lohnendes Gefühl, unabhängig zu arbeiten. Ich mache das jetzt so lange, dass ich es mir nicht mehr vorstellen kann, unter einem Chef zu arbeiten. Natürlich gibt es Verträge und so, aber am Ende treffe ich meine eigenen Entscheidungen, stelle meine eigenen Regeln auf und gehe meinen eigenen Weg. Das ist für mich sehr zufrieden stellend.Du hast die Revival-Tour erwähnt. Was hat es damit auf sich?Ja, das ist eine ganz wunderbare Kollaboration, wirklich die speziellste Art zu touren, die ich bis jetzt erlebt habe. Unser erstes Ziel war es, etwas Neues zu machen, das in der Szene, in der wir uns bewegen, nicht üblich ist. Wir wollten, bildlich gesprochen, Grenzen einreißen und sowohl den Zuschauern wie auch uns zeigen, dass es egal ist, wer Headliner und wer Support ist. Alle sind da, um Musik zu machen. Wir haben also einfach einen Bus gemietet und sind mit befreundeten Musikern losgefahren. Es läuft so, dass alle, die dabei sind, auf der Bühne stehen, wenn die Show beginnt. Wir spielen dann Songs von jedem der Beteiligten zusammen und es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Mal steht jemand alleine auf der Bühne, dann kommen wieder welche dazu, andere gehen dafür. Am Ende spielen wir dann noch mal alle zusammen. Jeder hat also seine festen Songs, die gespielt werden, aber alles drumherum ist jeden Abend anders. Das ist ja eigentlich das, was wirkliche Musiker machen wollen, nämlich miteinander spielen und verschiedene Varianten ausprobieren. Es ist ja nicht so, dass diese Art des Musikmachens neu ist, aber in unserer Szene ist sie das sehr wohl. Manchmal nervt dieses feste Schema von Vorband-Pause-Musik-über-die-PA-Headliner-Ende einfach. Für die Bands ist das nach einiger Zeit langweilig und für die Zuschauer auch. Bei der Revival-Tour gibt es keine Pause. Wenn die Show läuft, dann läuft die Show für drei bis vier Stunden. Meine Frau und ich wollten das eigentlich jährlich veranstalten und auch in andere Länder bringen. Vor allem kann man so auch neue Künstler einem breiteren Publikum vorstellen. Aber gleich im ersten Jahr anzukündigen, dass man die Tour jedes Jahr veranstaltet, war uns dann doch zu riskant. Wir wussten ja weder, ob es beim Publikum ankommt, noch ob es mit den Musikern funktioniert. Es hört sich sehr chaotisch an, besitzt aber eine Struktur. Das erste Jahr ist dann aber so gut gelaufen, dass wir das wirklich regelmäßig machen wollen. Wir sind gerade dabei, dass Ganze auch international aufzubauen. Australien werden wir machen, Kanada im Herbst und Deutschland dann irgendwann Anfang 2011.Mit Ten Four Records hast du ein eigenes Label. Was hat dich dazu bewegt?Es war ein weiterer Schritt dahin, selbst ein bisschen mehr Kontrolle zu haben. Es hat wirklich zufällig angefangen. Ich wollte schon immer gerne Platten veröffentlichen, habe mich aber nie in der Rolle des Bürotypen wiederfinden können. Ich sitze so schon genug vor dem Computer, um Touren zu koordinieren. Es fing an, als wir die „Bristle Ridge“-LP aufnahmen und Side One Dummy sie nicht veröffentlichen wollte. Wir hatten da dann zwar andere interessierte Labels, aber irgendwie wollte das niemand schnell genug machen, möglicherweise war ich auch ungeduldig. Ich wollte diese LP auf jeden Fall schnell veröffentlichen und eines Morgens saß ich mit meiner Frau bei einer Tasse Kaffee zusammen und dann haben wir entschieden, das einfach selbst zu machen. Das war der Beginn des Labels. Das sollte ja nur für meine eigenen Veröffentlichungen sein und hauptsächlich eben auf Vinyl. Das ist das Format, das ich liebe. Wir wollen es eigentlich dabei belassen, andererseits gibt es so viele gute Bands, die ich gehört habe und von denen ich denke, dass die Welt die kennen lernen muss. Aber so gerne ich das also machen würde, ich glaube nicht, dass wir den Bands das geben können, was sie verdienen. Wir haben dafür einfach nicht die Zeit. Wir werden vielleicht das Vinyl für die Platte mit Brian Fallon machen, die „Gold Country“-LP haben wir ja auch schon selbst gemacht. Sonst ist da aber nichts in Arbeit.So wie ich das verstehe, behandelt deine letzte LP „Gold Country“ das Thema Goldrausch in Kalifornien.Eigentlich geht es gar nicht um den Goldrausch in Kalifornien, sondern vielmehr darum, dass die Stadt, in der ich lebe, zu einer Region gehört, die man „Gold Country“ nennt. Es dreht sich also eher um das Thema Heimat. Die Miene, die bei uns in der Stadt liegt, hat vermutlich das meiste Gold in der Geschichte Kaliforniens gefördert und somit natürlich einen entscheidenden Beitrag in der Geschichte des Goldrauschs geliefert. Viele denken aber in der Tat, dass es sich bei dem Album um eine Goldrausch-Thematik handelt oder auch um Country-Musik, haha. Es geht dabei aber wirklich vornehmlich um den Heimatbegriff.Du erwähntest die Zusammenarbeit mit Brian Fallon. Um ehrlich zu sein gab es über dessen Band GASLIGHT ANTHEM ja schon so einiges an kontroverser Diskussion. Ich war großer Fan der ersten LP, dann kam die 10“ raus und auf der Thankslist standen Jesus und Gott. Wenn man mit den DEAD KENNEDYS oder BLACK FLAG aufgewachsen ist, ist so was schwer nachzuvollziehen. Für mich war es immer so, dass organisierte Religion in die eine Richtung zeigt, die Punk/HC-Ethik hingegen in die andere, sich beides also ausschließt.Das sind also Christen, wenn ich das richtig verstehe?! Das wusste ich nicht. Ich kann deinen Standpunkt total nachvollziehen. Ich wuchs in einem sehr religiösen Haushalt auf und musste wirklich oft in die Kirche gehen. Als ich Bands wie DEAD KENNEDYS oder G.B.H hörte, war ich wirklich erschreckt und dachte: Wow, was ist das? Ich fühlte mich genauso wie diese Bands und habe viele ihrer Standpunkte auch für mein Leben übernommen. Wie du schon gesagt hast, organisierte Religion weist in die eine Richtung, schön, ich nehme dann die andere Richtung. Ich habe mit Religion wirklich nichts am Hut, aber ich würde schon sagen, dass ich spirituell bin. Ich finde diese Spiritualität für mich im Wald oder auf dem Wasser. Die Sache ist, dass ich der Meinung bin, dass man niemanden aufgrund seines Glaubens verurteilen sollte, solange er niemanden willentlich verletzt. Wenn Brian seine Meinung in dieser Form vertritt, ist das in Ordnung für mich. Es mag nicht das sein, woran ich glaube, aber ich finde es immer gut, wenn jemand für seine Überzeugung eintritt, dafür verdient er Respekt. Diesen Mut hat nicht jeder. Das Problem ist, dass es einige Leute mit der Religion viel zu weit treiben. Jeder muss irgendwo seinen Sinn und Platz finden und einige finden ihren in der Religion.Reden wir noch über HOT WATER MUSIC. Was ist der Stand der Dinge?Wir schreiben an neuen Songs und kommen im Juni nach Europa und Deutschland. Wir sind alle sehr froh darüber, gerade auch, weil es immer schwieriger wird, einen geeigneten Zeitraum dafür zu finden. George spielt mittlerweile bei AGAINST ME!, die ja sehr beschäftigt sind und gerade eine neue Platte aufgenommen haben. Es wird sicher komisch für uns sein, aber wir haben für die Shows Dave von LAGWAGON als Schlagzeuger dabei. Wir hätten das auch nicht gemacht, wenn George nicht gesagt hätte, dass wir uns um einen Ersatz kümmern sollen, der einspringen kann, wenn er selbst eben nicht spielen kann. Wir hatten ein paar Optionen und haben uns dann im Endeffekt für Dave entschieden, der ja auch ein Freund von uns ist. Es war dabei von Anfang an klar, dass George, sobald er Zeit hat, wieder für uns Schlagzeug spielt. Da gibt es keine Diskussionen, das war Dave auch sofort klar und er war einverstanden. Ich denke, es wird gut klappen und jeder wird seinen Spaß haben.Habt ihr schon was aufgenommen?Nein, noch nicht. Wir haben Demos für ein paar Sachen aufgenommen, mehr nicht.Ich stelle mir das schwierig vor: Chris und George wohnen in Florida, du bist in Kalifornien. Wie läuft das, trefft ihr euch in der Mitte?The magical web, my friend! Zur Zeit schaffen wir es einfach nicht, uns zu viert zu treffen und etwas aufzunehmen. Es findet also nur ein Ideenaustausch statt. Sobald George wieder etwas mehr Zeit hat, müssen wir zusammenkommen und daran richtig arbeiten. Ich habe keine Ahnung, wann das sein wird, und ich weiß auch nicht, welches Label die Platte veröffentlichen wird, oder ob wir das sogar selbst herausbringen. Der Vertrag mit Epitaph ist erfüllt, wir sind also freie Menschen. Im Moment wollen wir einfach nur neue Songs schreiben. Die Demos sind cool, aber ich habe noch keine Ahnung, wie die Platte klingen wird.Hast du schon Texte geschrieben?Ich schreibe eigentlich immer, das sammelt sich so an mit der Zeit. Ich bin gerade auch dabei, ein Buch zusammenzustellen, das ein Freund von mir herausbringen wird. Er sprach mich an, ob ich nicht ein Tourtagebuch veröffentlichen möchte. Ich habe viele alte Tagebücher von unterwegs aufgehoben, leider wurde das in den letzten Jahren weniger, bedingt durch das Internet, Meine Idee war es dann, eher ein Buch zu machen, das Texte enthält. Über die Jahre hat sich viel Papier angesammelt, von dem ich mich nicht trennen konnte. Das wäre dann ein guter Grund, den ganzen Mist hinterher zu verbrennen. Ich brauche da einfach Zeit für. Und dann wäre noch die Frage, ob das überhaupt jemanden interessiert.
 
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CHUCK RAGAN - On the road again!

Ob nun solo oder mit HOT WATER MUSIC im Rücken, der Mann ist eine Offenbarung und erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit. Gute Gründe für ein Interview im Rahmen der HWM-Europatour im August 2011 gab es gleich zwei: Zum einen Ragans neue Solo-Scheibe „Covering Ground“ auf SideOneDummy, zum anderen eine HWM-7“ mit zwei brandneuen Songs. Ich sprach mit Chuck beim Auftakt der Tour in Hannover.Chuck, deine neue LP „Covering Ground“ steht kurz vor der Veröffentlichung und du machst zur Zeit dem Titel alle Ehre und bist wieder mal auf Tour. Bist du das ständige Reisen mittlerweile nicht auch ein bisschen leid?Auf jeden Fall! Ich will ehrlich sein, es ist eine schwierige Art, sein Leben zu führen, aber es ist wie mit allem anderen: Wenn du keine Abwechslung hast, werden selbst die Dinge, die du eigentlich liebst, langweilig. So ist das auch mit dem Touren. Und ich werde dich hier nicht anlügen, aber manchmal ist das Touren das absolut Letzte, was ich gerne tun möchte. Ich hasse es, nicht bei meiner Familie und dem Hund sein zu können, und ich habe noch nicht einmal Kinder. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn Kinder dazukommen würden, entweder gar keine Touren mehr oder wesentlich weniger. Aber wenn ich erst mal auf der Bühne stehe und die ganzen Leute treffe, die mir wichtig sind, legt sich ein Schalter um und es geht los. Was die Leute nie sehen, sind die 23 anderen Stunden des Tages, in denen man die Zeit totschlägt und vor irgendwelchen Sicherheitschecks oder beim Zoll steht. Aber wir haben es uns selbst ausgesucht.War dieses endlose Touren aber nicht genau der Grund, warum HOT WATER MUSIC für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden sind und eine Auszeit genommen haben?Der eigentliche Grund, warum ich wieder mit dem Touren anfing, war der, dass meine Frau mit dabei war. Die ersten Solo-Shows, die ich in Deutschland gespielt habe fanden im Rahmen einer MUFF POTTER-Tour statt und da war meine Frau dabei. Zu dem Zeitpunkt wollte ich dieses ständige Touren auch gar nicht. Ich habe zu Hause in Kalifornien wieder als Zimmermann gearbeitet und wollte eine eigene Firma für die Herstellung von Häusern gründen. Dann gab es aber den großen Einbruch in unserer Wirtschaft und es ging mit dem Häusermarkt steil bergab. Ich wusste, dass dieses Projekt nicht klappen würde, und wenn, dann nur auf wirklich lange Sicht. Zur gleichen Zeit gab es immer wieder Anfragen für kurze HWM-Touren, die ich dann wahrgenommen habe, einfach weil es zu Hause keine Arbeit gab. Dann kam mein Soloprojekt dazu, die Revival-Tour, HWM kamen wieder ins Rollen und eins kam zum anderen, und auf einmal war ich wieder mittendrin in dem ganzen Tour-Karussell. Während dieser Zeit habe ich über mich selbst gelernt, dass ich wirklich ein Vollblutmusiker bin, der seit 17 Jahren unterwegs ist. So gerne ich manchmal einen ganz normalen Job machen, morgens neben meiner Frau aufwachen, abends nach Hause kommen und an meinem Tisch essen würde, im Moment ist das nicht möglich.Denkst du manchmal nicht darüber nach, alles einfach hinzuschmeißen und zu Hause zu bleiben?Doch, das tue ich. Ich könnte aber nie im Leben aufhören, Musik zu machen, aber das Touren ist der springende Punkt. Ich werde Songs schreiben, bis ich alt und grau bin, und solange ich physisch und mental dazu in der Lage bin. Viele Leute hatten während der HWM-Pause auch einen falschen Eindruck und meinten, ich hätte der Musik den Rücken gekehrt, was so falsch war, wie etwas nur falsch sein kann. Ich habe die ganze Zeit über Songs geschrieben und aufgenommen, es ging vielmehr darum, meine Familie nicht zu vernachlässigen. Ich habe mittlerweile Nichten und Neffen und mein Vater hatte gerade eine schwere Herz-OP und ich bin nicht zu Hause. Ich bin ein Großteil der Zeit ein „verlorener Sohn“, auch für meine Freunde und meine Frau. Und das ist überhaupt nicht glamourös. Man muss wirklich viele Zugeständnisse machen und es ist immer eine feine Grenze zwischen „Seiner Leidenschaft folgen“ und „Nur an sich denken“. Weil es im Enddefekt immer nur um einen selbst geht. Meine Familie unterstützt mich, wo sie nur kann, aber das macht es für sie nicht einfacher. Und für mich auch nicht. Man verpasst einiges, Geburtstage und auch Beerdigungen. Aber ich kann mich nicht beschweren, das ist das Leben, das ich mir ausgesucht habe, und ich bin dankbar dafür, hier sein zu können. Ich weiß nicht genau, wir ihr es hier nennt, aber wir sind im Prinzip so etwas wie Leiharbeiter. Wenn es Arbeit gibt, sind wir da und verdienen Geld, wenn es keine Arbeit gibt, verdienen wir auch kein Geld. Es gibt also kaum Sicherheiten. Manchmal hast du gute Touren, bei denen Leute zu den Shows kommen und Platten und Shirts kaufen, und dann gehst du auf eine Support-Tour und verlierst eine Menge Geld. Der große Vorteil ist, dass man sein eigener Herr ist, und das würde ich für nichts auf der Welt eintauschen wollen.Zurück zu deiner neuen Scheibe. Für mich hat sich im positiven Sinne nichts geändert. Gleicher Sound, andere Songs. Experimentierfreudigkeit kann man dir jedenfalls nicht vorwerfen ...Ich gebe dir vollkommen Recht. Neu ist für mich allerdings unser Mann am Kontrabass, Joe Ginsberg, der jetzt anstelle von Digger Barnes in der Band ist und ganz neue Elemente mit in die Band einbringt. Digger ist ein großartiger Musiker, aber er hat einen ganz anderen Stil. Außerdem haben wir erstmals mit Christopher Thorn von BLIND MELON aufgenommen, der auch ein paar ganz besondere Ideen eingebracht hat. Was die Songs angeht, kann und will ich mich gar nicht verstellen, wir sind einfach keine Bluegrass-Band und ich schreibe solche Songs auch nicht. Wir bezeichnen uns am ehesten als Americana oder Folk, wobei das ungefähr so viel Aussagekraft wie die Schublade Rock’n’Roll hat. Wir befinden uns mit dem Sound der neuen Platte sicherlich irgendwo zwischen „Feast Or Famine“ und „Gold Country“, aber mein Ziel war es, eine sehr reduzierte Scheibe herauszubringen, die nur Instrumente beinhaltet, die es schon 100 Jahre gibt und die von guten Musikern gespielt werden. Ich schreibe nie Songs in Hinsicht auf ein bestimmtes Genre, wenn es sich gut anfühlt, investiere ich mehr Energie und nehme alles auf. Ehrlich gesagt geht es mich nichts an, was die Leute davon halten, das müssen die Hörer selbst beurteilen. Die Musik gefällt halt nicht jedem und damit kann ich leben.Spielt Digger Barnes noch die europäischen Shows mit dir?Nein. Auf einer der letzten Touren mit Frank Turner wurde es deutlich, dass er gerne mehr Zeit in seine eigene Musik investieren würde, wofür ich größten Respekt habe. Es ist schade, dass er nicht mehr dabei ist, aber so ist das eben und ich unterstütze das auch. Wir brauchten dann natürlich einen Vollzeitersatz und die Wahl fiel auf Joe Ginsberg.Am Ende der neuen Platte gibt es einen „hidden track“. Was hat es damit auf sich?Ich mag das einfach. Als ich jünger war, habe ich immer darauf geachtet. Manchmal lief eine Platte einfach weiter, was ich mitunter schon wieder vergessen hatte in der Zwischenzeit, und plötzlich kam da noch ein Song, das fand ich immer cool. Früher gab es das ja häufiger, in letzter Zeit weniger, darum habe ich mich dazu entschlossen. Der Song selbst ist mir sehr wichtig, er geht zurück auf einen wissenschaftlichen Artikel namens „The Tragedy of the Commons“ von Garrett Hardin, der erstmalig 1968 veröffentlicht wurde und einer der ersten war, der sich mit den Themen Erderwärmung und Verschwendung von Ressourcen beschäftigt hat. Es geht in dem Artikel darum, dass eine kleine Gruppe von Leuten unbewusst alle Ressourcen verbraucht und sich damit selbst in Bedrängnis bringt. Mir ging es also darum, zu zeigen, dass wir uns durch die Produktion von zuviel Müll und Verbrauch von zuviel Öl und Elektrizität konstant auf dem Weg nach unten befinden. Zur gleichen Zeit gibt es aber Leute, die genau das Gegenteil wollen und probieren, etwas zu ändern. Das hat für mich etwas mit Kameradschaft zu tun, darum heißt der Song auch „Camaraderie of the commons“, sozusagen ein positiver Anstrich dieses alten Artikels.Wechseln wir das Thema und kommen auf die gerade beendete US-Tour als Support von SOCIAL DISTORTION zu sprechen. Funktioniert deine Musik in diesen großen Hallen oder brauchst du den kleinen, verschwitzten Club?Ich war mir selbst nicht sicher, aber es hat geklappt. Ich höre SOCIAL DISTORTION seit 24 Jahren und es war immer eine meiner Lieblingsbands. Darum war das alleine schon vollkommen verrückt und kaum zu glauben. Aber es ging dann ja nicht nur darum, was ich denke, sondern was die Leute von uns denken, einer Band, die mit Kontrabass und Geige auf die Bühne geht als Support einer Band, die im Anschluss 30 Jahre alte Rock’n’Roll-Songs spielt. Der Großteil des Publikums hatte aber mein Alter, ich bin jetzt 36, konnte mit uns was anfangen und hat verstanden, was wir da machen. Wir wurden also gut aufgenommen, die Leute haben sich für uns interessiert und sind nach den hows zum Merch-Stand gekommen und haben Platten gekauft, ohne zu wissen, was denn nun die erste oder letzte LP ist. Das war schon cool.Im Oktober bist du ja schon wieder mit der Revival-Tour in Deutschland unterwegs. Was können wir da erwarten?Ihr könnt eine Show erwarten, die an jedem Tag anders sein wird. Wer zu den Shows kommt, sollte wirklich pünktlich erscheinen, denn der persönliche „Favorit“ wird gleich zum Anfang der Show auf der Bühne sein, so fangen wir immer an, mit allen beteiligten Musikern. Im Prinzip geht es darum, mit gleichgesinnten Musikern zusammen zu kommen und die feste Rangfolge von Support und Headliner einzureißen. Die gesamte Show wird ungefähr drei Stunden dauern, ohne Pause, und es wird ein ständiges Kommen und Gehen auf der Bühne geben.Und alle vier Beteiligten „Hauptakteure“, nämlich du, Brian Fallon von GASLIGHT ANTHEM, Dave Hause von den LOVED ONES und Dan Andriano von ALKALINE TRIO haben dann gerade ihre Soloalben veröffentlicht.Ja, genau und wir werden auch eine Revival-Tour-Compilation auf meinem Label Ten Four Records rausbringen, die sowohl veröffentlichte als auch unveröffentlichte Songs der beteiligten Musiker enthält. Die wird es auf der Tour zu kaufen geben.Kommen wir zum aktuellen Anlass deines Deutschlandbesuches: HOT WATER MUSIC haben seit dem „The New What Next“-Album von 2004 wieder eine neue Veröffentlichung in Form einer 2-Song-7“ am Start. Wenn man ein paar Online-Reviews durchliest, findet man immer wieder den Verweis, dass der Song aus deiner Feder wie ein elektrisch verstärktes Solostück klingt, der von Chris Wollard hingegen wie ein THE DRAFT-Song. Stimmst du damit überein?Oh ja, völlig, denn das spiegelt die aktuelle Situation in der Band wider. Wir müssen ehrlicherweise sagen, dass wir ja noch nicht mal die Zeit hatten, alle vier zusammen ins Studio zu gehen, weil jeder so sehr mit eigenen Dingen beschäftigt ist. Aber wir sind mit dem Ergebnis zufrieden und können es nicht abwarten, weiter an neuen Songs zu schreiben.Für 2012 ist eine neue HWM-LP auf Rise Records angekündigt. Wie kam es zu der Entscheidung, bei Rise zu unterschreiben?Craig, der Besitzer von Rise, ist ein guter Freund von mir, den ich sehr respektiere, aber der ausschlaggebende Punkt für Rise war, dass er mehr als alle anderen Interessenten neue HWM-Songs veröffentlichen wollte. Und das war uns wichtig. Wir haben Entscheidungen immer aus einem Bauchgefühl heraus getroffen und genauso war es auch hier. Es hatte rein gar nichts mit anderen Bands auf dem Label zu tun, sondern einzig und allein mit der Tatsache, dass er die Songs wirklich veröffentlichen wollte und voll dahinter steht.Wie steht es um dein eigenes Label Ten Four Records?Wie bereits erwähnt, veröffentlichen wir die Revival-Tour-Compilation, ansonsten sind wir bemüht, alles eher klein zu halten und für meinen eigenen Vinylkram zu benutzen. Wir sind viel zu beschäftigt, als dass wir noch andere Bands veröffentlichen könnten.Zum Schluss noch ein kleiner Blick in die Zukunft, was steht noch an?Als Nächstes kommt noch eine Vierfach-Split-LP mit Sam Russo, Jimmy Islip, Helen Chambers und mir auf Specialist Subject Records aus Großbritannien heraus. Dann steht, wie gesagt, die Revival-Tour an und wir freuen uns darauf, mit HWM wieder durchstarten zu können und neue Songs zu schreiben.
 
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Chuck Ragan - Von Krankheits- vermeidungsstrategien

„Till Midnight“ ist der Titel des soeben erschienenen Albums von Chuck Ragan und Band. Der Frontmann von HOT WATER MUSIC hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt: Aus kleinen Shows mit Akustikgitarre und etwas Begleitung wurden große Shows mit größerer Band, und das Ganze gipfelte im Wanderzirkus namens „Revival Tour“. Ich sprach mit Chuck über seine Abkehr vom Alkohol, über Angeln, Veganismus und vieles mehr. Als sehr angenehm empfand ich einmal mehr die offene, ehrliche Art von Chuck. Hier beantwortet einer sehr offen und geradeheraus die Fragen, die man ihm stellt, ohne zu taktieren, nie hatte ich das Gefühl, einem Musiker zuzuhören, der Interviews in erster Linie zur Imagepflege und aus Marketinggründen gibt. Vielleicht sind es diese Offenheit, diese Ehrlichkeit, die den Erfolg von Chuck Ragan ausmachen. Und ich hatte das Gefühl, ich hätte mich mit Chuck noch ewig über so ziemlich alles unterhalten können, der Typ ist so geerdet und interessiert, er ist einfach jemand, mit dem man gerne redet. Aber genug gesagt, lest selbst.Chuck, mir geht es gerade beschissen, ich bin erkältet. Die Vorstellung, in so einem Zustand auf einer mehrwöchigen Tour zu sein, finde ich schrecklich. Was machst du, wenn du „on the road“ eine aufziehende Erkältung spürst, wenn du krank wirst?Ich powere einfach durch. Ich muss, ich kann es mir nicht leisten, einen Tag deswegen auszufallen. So lange ich mich erinnern kann, habe ich nie eine Show wegen Krankheit abgesagt. Und ich weiß, dass ich viele, viele Shows gespielt habe, obwohl ich echt angeschlagen war. Zum Glück werde ich nicht oft krank – oder zumindest bilde ich mir das ein, hahaha. Wahrscheinlich bin ich es öfter, als ich glaube, bin aber einfach viel zu erschöpft, um den Unterschied zu merken. Wenn es mich dann aber mal erwischt, dann richtig, und ich fühle mich wie unter einer ganzen Ladung Ziegelsteine begraben.Wie sehen deine Krankheitsvermeidungsstrategien auf Tour aus?Ich achte auf meine Ernährung, unterwegs wie zu Hause. Und vor einem Jahr habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken, das hilft wirklich sehr. Wenn ich auf Tour merke, dass da was im Anmarsch ist, habe ich ein paar Tricks. Ich esse dann zum Beispiel Knoblauch, viel Knoblauch. Rohe Knoblauchzehen runterzubekommen ist zwar hart, aber es hilft. Und ich versuche, viele Vitamine zu bekommen – und ich halte mich von Milchprodukten fern, und auch von Fleisch. Heiße Getränke helfen, heißes Wasser mit Zitrone und Ingwer zum Beispiel. Und ein heißes Bad – ich liebe es, in so einer Situation, ein richtig heißes Bad mit Absinth-Salz zu nehmen. Das zieht dir das ganze Gift raus, das man so auf einer Tour aufnimmt, haha.Von anderen Musikern habe ich gehört, dass allein beim Gedanken an den bevorstehenden Auftritt so viel Adrenalin durch den Körper schießt, dass man für zwei Stunden vergessen kann, wie elend man sich eigentlich fühlt.Das stimmt! Für diese zwei Stunden sind wir da, und deshalb kann ich es mir ja auch nicht leisten auszufallen. Für mich ist es wichtig, die Leute nicht spüren zu lassen, dass ich krank bin. Es ist ja nicht deren Schuld, die haben Geld ausgegeben, um die Show zu sehen, haben sich auf den oft weiten Weg gemacht, und so bekommen sie die beste Show, die ich bieten kann, ob ich nun krank bin oder nicht. Und ich bin überzeugt, dass das Durchpowern in so einem Fall echt hilft: das Schwitzen, das Ackern, das schwemmt dir die Krankheit aus dem Körper. Und wenn nicht, dann vergisst du wenigstens zwei Stunden lang, wie schlecht es dir eigentlich geht. Ich hatte aber auch schon ein paar Shows, wo ich so krank war, dass ich mir dessen jede Sekunde bewusst war. Aber das gehört dazu.Und dann gibt es noch die Legende, dass in einer Rock’n’Roll-Band zu spielen bedeutet, dass man jeden Abend mit all seinen Freunde und Musikern eine riesige Party feiert und ordentlich einen draufmacht.Es gibt Leute, auf die trifft das zu. Das hängt von der Band, von den Personen ab. Diese Art zu leben bringt eine gewisse Schwäche für Partymachen und Alkoholkonsum mit sich, und es ist wohl der einzige Job, die einzige Beschäftigung, bei der das Trinken nicht nur hingenommen, sondern sogar gefördert wird. Ich finde das irgendwie seltsam, um ehrlich zu sein. Man würde ja auch nicht ein Haus bauen und acht Stunden lang während der Arbeit trinken.Nun, so abwegig ist das nicht. Noch bis in die Achtziger war bei Bauarbeitern hier in Deutschland der Bierkasten ein ständiger Begleiter.Stimmt, früher war das üblich. Ich kenne das auch noch, ich habe ja früher, in den Neunzigern, als Zimmermann gearbeitet. Also ja, es gibt andere Berufe, wo auch getrunken wird, aber diese Arbeitsumgebung, die du als Musiker hast, mit all ihren Verlockungen, die ist schon ziemlich einzigartig. Viele Leute da draußen verstehen allerdings nicht, dass so ein Rock’n’Roll-Lifestyle für die Mehrheit der Musiker nicht typisch ist. Für uns ist das Musikmachen die Existenzgrundlage, wir machen das mit Leidenschaft und Begeisterung, aber es ist auch unser Job, den wir sehr ernst nehmen. Wenn man unterwegs ist, hat man die Wahl: Entweder man löst sich von allem, schießt sich jeden Abend bis zur Besinnungslosigkeit ab und stellt später fest, dass man dafür verdammt leiden muss. Oder man besinnt sich eines Besseren und passt auf sich auf. Ich kenne beide Seiten, ich hatte Zeiten, wo ich echt richtig gesoffen habe – ich hatte Spaß, war von Leuten umgeben, die auch gerne tranken und Party machten, und so ließen wir es ordentlich krachen. Und ich hatte Phasen, da trank ich nur, um damit körperliche und seelische Schmerzen zu bekämpfen: zu viel Anstrengung auf der Bühne, zu wenig Schlaf, schlechte Ernährung – und da schien Alkohol immer eine gute Lösung zu sein, vor allem wenn der Auftrittszeitpunkt näherrückte, mir bewusst wurde, dass ich jetzt da raus muss, um alles zu geben. Dabei fühlte ich mich eher so, als würde ich gleich umkippen. Also ein paar Drinks gekippt und es lief. Das Problem ist: Am nächsten Tag geht es dir noch schlechter als am Tag zuvor. Und nach acht Wochen, nach einem Jahr mit 180, 230 Konzerten, wo das jeden Abend, an dem du einen Auftritt hattest, so lief, da frisst sich das tief in deinen Körper rein, in deine Seele.Wie geht man aber mit all den Freunden und Fans um, die einen vor dem Konzert backstage freudig begrüßen, mit einem Bier trinken und feiern wollen?Haha, das gibt bei uns immer wieder verwirrte Blicke, weil wir da eben ganz anders sind. Der eine sitzt in der Ecke und liest ein Buch, ein anderer arbeitet am Computer, wieder ein anderer macht sich was zu essen oder näht ein kaputtes T-Shirt, und nebenan sitzt jemand, der Yoga macht oder meditiert. Und da stehen die alten Freunde da und wundern sich, was aus dem Rock’n’Roll geworden ist, hahaha. Wir sind eben älter geworden, wir haben unzählige Partys mitgemacht, und irgendwann kommt man einfach an den Punkt, in das Alter, an dem man sein Leben ernster nimmt, sich der Verantwortung stellt, dass viele Menschen Zeit und Geld investieren, um deinen Auftritt zu sehen, und dass es deshalb einfach wichtig ist, deren Erwartungen zu erfüllen. Mir ist das alles ungefähr vor einem Jahr so richtig bewusst geworden, ich fühlte mich, als wäre ich voll an die Wand gelaufen, und so ließ ich das Trinken ab diesem Zeitpunkt sein. Respekt vor meinen Fans, meinen Freunden, meiner Familie und meinen Mitmusikern war letztlich der Grund dafür. Ich will mein Bestes geben, und ich will der jüngeren Generation ein gutes Beispiel sein – jenen, die an dem Punkt stehen, einen Weg einzuschlagen wie ich vor 20, 25 Jahren.Das klingt alles schrecklich erwachsen ...Ich bin erwachsen! Aber dass ich nicht mehr trinke und nicht mehr jeden Abend Party mache, heißt ja nicht, dass ich nicht trotzdem Spaß habe – im Gegenteil, ich habe mehr Spaß an dem, was ich mache, als je zuvor. Es ist wundervoll, wenn man sich am nächsten Morgen noch erinnern kann, was für ein toller Abend das am Tag zuvor war.Veränderung ist zum einen eine Frage der Einstellung, zum anderen aber auch des Aussehens. Wenn man sich Fotos von dir aus den letzten Jahren anschaut, finden sich kaum zwei, auf denen deine Kopf- und Gesichtsbehaarung gleich ist: Haare lang, Haare kurz, Bart lang, Bart kurz ... Wie viele Versionen von Chuck gibt es?Hahaha, viele. Was soll ich machen? Meine Haare wachsen einfach, ständig, überall. Ich trage Haare und Bart immer so, wie es im Moment angenehm für mich ist. Meist ist es meine Frau, die mir zu verstehen gibt, dass ich mich mal wieder rasieren sollte. Derzeit trage ich die Haare so lang, wie ich sie zuletzt mit 18 hatte. Keine Ahnung, wie lange das so sein wird – vielleicht schneide ich sie nach dem Winter ab, denn im Moment wärmen die den Kopf ganz gut, ich brauche keine Mütze.Chuck, du hast mit deinen Soloaktivitäten, mit der Nummer „Punkrock-Sänger mit Gitarre“, vor ein paar Jahren etwas losgetreten. Davor hat sich kaum mal ein Punkrocker getraut, mit Akustikgitarre Lagerfeuerlieder zu singen, heute scheint das jeder versuchen zu wollen.Also ich habe sicher nicht damit angefangen. Es gab einige Musiker, die schon viele Jahre vor mir so aufgetreten sind. Aber du hast insofern recht, als dass die öffentliche Wahrnehmung früher geringer war. Die „Revival Tour“ hat es geschafft, das Scheinwerferlicht stärker auf das zu richten, was die anderen Beteiligten und ich seit Jahren schon machen. Ich machte auf diese Weise schon Musik, bevor ich eine Band hatte, und ich hörte nie damit auf, nur bekam früher kaum jemand was davon mit. Zu singen und sich dabei auf der Akustikgitarre zu begleiten, ist die typische Arbeitsweise für die meisten Songwriter. Meine erste Solo-Show war vor 28 Jahren, damals trat ich das erste Mal mit meiner Gitarre vor anderen auf und sang dazu. Im Laufe der Jahre war ich dann in verschiedenen Bands, die Konstante aber war immer, dass ich sang und dazu Akustikgitarre spielte. Ich stand aber auch auf Punkrock und Skateboarden und ich wollte laute Musik machen. Als ich dann bei HOT WATER MUSIC einstieg, änderte sich an meiner Art des Songwritings nichts, denn was viele nicht wissen: die meisten HOT WATER MUSIC-Songs wurden auf der Akustikgitarre geschrieben. Wir lebten damals sehr beengt in einem Wohnblock, wir konnten wegen der Nachbarn gar keine laute Musik machen, also an E-Gitarren und Schlagzeug war meist nicht zu denken – für solche Proben mussten wir teure Proberaumzeit mieten. Also saßen wir auf der Veranda oder im Park und sangen und spielten akustisch. Und die ganze Zeit über spielte ich immer wieder Akustik-Shows, und ich hatte das RUMBLESEAT-Projekt. Was ich damit sagen will: Diese Akustiksache war für mich weder neu noch einzigartig.Auf welche Tradition wurde da zurückgegriffen?Also dieser Punkrock-Ethos, mit dem ich aufwuchs, und Soloauftritte passen einfach gut zusammen: so zu spielen ist sehr direkt, klar, geradeheraus, echt – und man wagt sich sehr weit raus damit. Und das kann man auch alles von Punkrock sagen, wo es ja auch immer schon darum ging, man selbst zu sein, sich nicht zu verbiegen, sich nicht in eine Form pressen zu lassen, zu tun, was man will. Nun kommt es eben von Zeit zu Zeit vor, dass irgendwer irgendetwas einen Namen verpasst, ein bestimmter Stil wird dann plötzlich bekannter, mehr Leute fangen an, sich dafür zu interessieren. Das ist nicht nur bei Musik der Fall, sondern bei allen Arten des künstlerischen Ausdrucks. Ich kann heute bei vielen Leuten, die mit der Akustikgitarre Musik machen und dazu ehrliche, offene, persönliche Texte singen, diesen Punkrock-Background erkennen, und ich denke, das ist kein Zufall, es gibt eine klare Verbindung.Wie verbunden fühlst du dich mit den Songwritern der Fünfziger und Sechziger, die diese Tradition begründeten? Mir kommen Namen wie Bob Dylan, Phil Ochs oder Arlo Guthrie in den Sinn.Ich wusste früher schon ein bisschen was von denen, aber erst, als ich etwas älter war, lernte ich Musiker wie diese zu schätzen. Um dir einen Eindruck zu verschaffen, wie ich Folk Music entdeckte und lieben lernte, muss ich etwas ausholen: Als Kind liebte ich Sport, ich baute Hütten im Wald, machte Lagerfeuer, ich war wie alle anderen Kinder auch. Später entdeckte ich das Skateboarden und BMX-Fahren, das war in den Achtzigern, und mit dem Skateboarding kam diese laute, aggressive Musik, die ich vorher nicht gekannt hatte. Das war ein ganz schöner Bruch mit dem Bekannten für mich, denn zu Hause bei uns gab es keine Rockmusik, so was durfte ich nicht hören. Ich durfte nicht mal Platten besitzen, „weltliche Musik“, wie meine Eltern das nannten, war nicht gestattet. Und dann stieß ich plötzlich auf diese laute Musik, die mir richtiggehend Angst machte – aber auf eine gute Weise. Ich war jung und leicht zu beeindrucken: all diese jungen Menschen, die es richtig wissen wollten, die keine Angst davor hatten, sich zu verletzen. Und wenn sie auf die Fresse geflogen waren, standen sie wieder auf, lachten und machten weiter. Und dazu liefen als Soundtrack BAD BRAINS, MINOR THREAT, METALLICA, PUBLIC ENEMY, BEASTIE BOYS, GERMS, G.B.H. und so weiter – all dieses verrückte Zeugs, das ich bislang überhaupt nicht gekannt hatte. Damals war ich elf, zwölf, jetzt bin ich beinahe vierzig, das ist also rund 28 Jahre her. Damals hatte ich allerdings schon mit dem Gitarrespielen angefangen, konnte einfache Akkorde spielen. Mein Vater hatte damals einen Freund, mit dem er zusammen Golf spielte, und der war Songwriter. Der besuchte uns zu Hause und spielte mir Songs von Pete Seeger, Arlo Guthrie und Bob Dylan vor, Songs also aus der Ära der Folk Music, die seinen musikalischen Background darstellte. Wir aßen alle zusammen zu Abend, dann packte er seine Gitarre aus und bewies große Geduld, wenn ich versuchte, mit ihm mitzuhalten. Ich lernte also von ihm meine ersten Lektion, aber der wesentliche Einfluss kam vom Vater eines Freundes, der uns beim Bau einer Skateramp bei denen zuhause in der Einfahrt half. Wir hatten da immer einen Kassettenrekorder rumstehen, da liefen die ganze Zeit Mixtapes mit Rock, Punk und Rap. Und der Vater meines Freundes legte zwischendurch auch immer mal Tapes mit seiner Musik ein, und das waren Sachen wie Dylan, Townes Van Zandt, CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL und so weiter, und das war alles Musik, die wieder ganz anders war als das, was wir damals so hörten – frühe METALLICA, frühe RED HOT CHILI PEPPERS und was weiß ich noch alles.Wie hast du darauf reagiert?Das kann ich eigentlich erst mit so vielen Jahren Distanz sagen: Diese Erfahrungen damals haben meinen Musikgeschmack geprägt. Damals skateten wir zu jeder Musik, das war das Interessante. Diese Folk-Songs mit ihrer ganz eigenen, anderen Energie, fügten sich nahtlos ein in unser anderes Musikrepertoire. Es wurde zu unserem eigenen Soundtrack, eine Mischung aus aggressivem Skaterock und Bluegrass, Folk und Cajun. Irgendwann unterschied ich nicht mehr zwischen all dieser verschiedenen Musik, sie wurde zu meiner Musik. Und das beeinflusst mich bis heute.Sprechen wir über dein neues Album. Ein Song fiel mir da wegen seines Titels auf, „Whistleblower song“. Ein Song über Edward Snowden?Es ist ein Aufruf, genau zuzuhören, etwas mehr Liebe für die anderen zu zeigen. Wir vergessen manchmal, dass wir nicht alleine auf dieser Welt sind. Wir sind umgeben von Menschen, die uns etwas bedeuten, von Freunden, von Menschen, die für eine bessere Welt kämpfen, nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft, für unsere Kinder. Der Titel ergab sich aus dem Text, da heißt es: „I can’t answer a distant call if I don’t hear the whistleblower’s song“. Wenn wir nicht genau aufpassen und nicht denen zuhören, die für eine bessere Welt kämpfen, werden wir nicht mitbekommen, was wir selbst für eine bessere Welt tun können.Im Kunstunterricht mussten wir früher Bildanalysen machen. Wir bekamen ein Bild, ein Gemälde gezeigt und mussten dann schreiben, was uns dazu einfällt. Auf dem Cover der neuen Platte bist du zu sehen, mit einem Blatt Papier in der Hand, davor ein Mikrofon, im Hintergrund Instrumente und Aufnahmegeräte aus dem Studio ...Auch wenn es so aussieht, ich liege nicht auf einem Bett, ich stehe. Man kann das Cover auf verschiedene Weise deuten. Ich verstehe es im Hinblick darauf, dass ich ein Album mit einer richtigen Band schaffen wollte, mit einem wirklich organischen Sound, der das Ergebnis des Zutuns aller fünf Beteiligten ist. Wir wollten zeigen, dass es keine Soloplatte ist, dass da nicht nur ein Typ mit seiner Gitarre in seinem Zimmer saß. Wir wollten zeigen, dass auf dieser Platte eine Menge passiert, dass wir viel mit dem Sound experimentiert haben, mit den Instrumenten, mit verschiedenen Klangfarben. Ich überlegte dann zusammen mit dem Cover-Designer, wie wir das zum Ausdruck bringen könnten. Wir hatten ein paar ganz verschiedene Ideen, und letztlich erschien uns die Idee am besten, eine klassische Collage zu machen, aus vielen Elementen, die dafür stehen, wie die Platte klingt. Das ergab für uns am meisten Sinn.Für ein Album, das keine Soloplatte sein soll, sieht das Cover mit dir als zentralem Element dann aber doch ziemlich nach Soloplatte aus.Um ehrlich zu sein, war ich dagegen, dass ich auf dem Cover zu sehen bin. Ohne mich hätte mir das Cover besser gefallen. Das Label wollte allerdings mich auf dem Cover sehen, und da die viel Zeit und Energie in mich investiert haben, fügte ich mich ihrem Willen. Ich habe großen Respekt vor deren Arbeit, und als sie mich fragten, ob es möglich wäre, dass ich zu sehen bin, erfüllte ich ihnen diesen Wunsch.Wie wichtig ist ein Plattencover heute überhaupt noch? Manchmal bekommt man ja den Eindruck vermittelt, 99% aller Menschen würden Musik sowieso nur noch per Stream hören und so das Cover höchstens in Briefmarkengröße auf einem Display zu sehen bekommen.Für mich waren Plattencover immer wichtig, und ich hoffe, sie bleiben immer wichtig. Das Cover ist ein untrennbarer Teil der Platte – es ist das Cover! Menschen wie du und ich kaufen immer noch Platten, wir unterstützen Plattenläden, leider sind wir nicht genug, aber das ist noch mal ein anderes Thema – da bin ich sehr leidenschaftlich und könnte jetzt endlos darüber reden. Wir vergessen in diesem digitalen Zeitalter leider oft, wie wichtig es ist, die Plattenläden vor Ort zu unterstützen, die noch Vinyl verkaufen – jenes Vinyl, in dessen Herstellung wir so viel Zeit und Mühe investieren. Wenn wir diese Läden nicht unterstützen, sind sie irgendwann nicht mehr da und keiner kann mehr unsere Platten kaufen. Das Überleben von Bands hängt aber davon ab, dass Platten gekauft werden. Das ist ein Teufelskreis. Klar, wir wollen alle Bequemlichkeit, und sehr vielen Menschen da draußen ist es wohl völlig egal, wie das Artwork einer Platte aussieht – denn sie werden die Platte nie zu Gesicht bekommen. Die kaufen Musik mit ihrem Mobiltelefon oder Computer, da sehen sie ein winziges Bildchen, das eine Idee des Covers vermitteln soll, aber ich finde, zu einem Album gehört dazu, das Cover in der Hand zu halten, die Gatefold-Hülle aufzuklappen, die Texte durchzulesen.Welch wichtige Erfahrung war es, als Teenager an langen, einsamen Abenden Zeile für Zeile eines Songtextes durchzulesen, die Worte auf sich wirken zu lassen. Dabei die Platte zu hören, wieder und wieder, das Cover zu studieren, jedes Detail wahrzunehmen, die Thankslist zu lesen und so weiter. Mir scheint allerdings, das ist eine Erfahrung, die nur noch für unsere Generation von Bedeutung ist.Ich weiß genau, was du meinst, und ich habe solche Erlebnisse bis heute. Musik so intensiv wahrzunehmen, war ein wichtiger Teil unserer Kindheit, unserer Jugend, es gehörte zu unserem Erleben von Musik dazu. Wir wollten ergründen, was dieser Typ da singt. Und irgendwann hatte ich ein Schlüsselerlebnis auf einem Konzert, nämlich dass scheinbar alle anderen die Texte kannten und mitsingen konnten, nur ich nicht – das musste ich ändern. Also hörte ich die Platte immer wieder an, las die Texte, und irgendwann hatte ich es drauf, konnte auch mitsingen – und das machte das Erleben eines Konzertes noch viel intensiver. Ich halte es auch heute noch für extrem wichtig, dass sich eine Band wirklich Gedanken um ihr Coverartwork macht, dass die Texte der Platte beiliegen, auch wenn die Mehrheit der Menschen es nicht mehr zu wertschätzen scheint. Da draußen ist garantiert immer noch irgendjemand, der diesen einen Song unbedingt hören und die Texte lesen muss, den das Cover inspiriert, dessen Leben dadurch beeinflusst wirkt. Darauf kommt es letztlich an, und das setzt sich in unseren Konzerten fort: Ob ich nun für ein paar Handvoll Menschen spiele oder bei einem Festival für tausende, es könnte immer jemand dabei sein, dem das unglaublich viel bedeutet, der dir mit ganzem Herzen zuhört, mit dem du auf diesem Wege eine Verbindung eingehst. Und dafür machen wir das alles.Heute ist das einfacher, denn keine Band kommt ohne YouTube-Lyric-Video aus. Wird es von dir auch eins geben zur neuen Platte?Hahaha, ich habe davon gehört. Haben das INXS nicht irgendwann mal gemacht? Also ich weiß nicht, ich habe mich mit so was noch nie beschäftigt. Und du meinst, die Kids stehen heute auf so etwas? Nein, wir arbeiten nicht an einem Lyric-Video. Aber danke für den Hinweis, hahaha.Mit dem Thema Angeln dürftest du dich besser auskennen. Es heißt, das gemeinsame Angeln habe eine wichtige Rolle gespielt bei der Entstehung des Albums.Ja, im Zuge der Preproduction-Session war das wichtig. Für jene Leser, die nicht wissen, was Preproduction ist: Die Band trifft sich, spielt sich ein, geht alle Songs durch, übt sie ein, um die Kanten und Ecken zu glätten – und das, bevor es zum Aufnehmen ins Studio geht. Dafür hatte ich meine Band zu mir nach Hause eingeladen, eine Woche wollten wir zusammen an den Songs arbeiten, es war Sommer, bestes Wetter – Angelwetter! Nun war es mir zwar wichtig, an den Songs zu arbeiten, aber genauso wichtig ist es mir in so einer Situation auch, mit meinen Mitmusikern auf der persönlichen Ebene gut klarzukommen, sich kennen zu lernen. Und so verbrachten wir die Hälfte der Zeit mit Angeln, gingen morgens früh los, kamen vier, fünf Stunden später zurück, kochten zusammen, saßen am Lagerfeuer und machten Musik. Das hat uns einander viel näher gebracht, es war perfekt. Ich lebe aber eben auch an einem wirklich schönen Ort, zwischen Bergen und Flüssen, es ist wirklich malerisch. Wenn ich zu Hause bin, bin ich viel draußen, das hat für mich schon beinahe was Spirituelles, draußen in der Natur zu sein. Wäre ich religiös, würde ich sagen, die Natur ist meine Kirche. Deshalb poste ich auch so viele Naturfotos auf meinem Instagram-Account.Das klingt alles grandios – als vegan lebender Mensch freilich habe ich so meine Probleme mit dem Angeln ...Also meine Frau findet das auch nicht so gut, die lebt ebenfalls vegan. Wer uns gut kennt, ist immer wieder überrascht, dass wir beide zusammen klarkommen, denn wir sind so gegensätzlich, und da sind unsere Essgewohnheiten nur ein Aspekt. Da meine Frau nun Veganerin ist, esse ich die meiste Zeit auch vegan, wir kochen zu Hause vegan, ich habe da eine Menge gelernt in letzter Zeit. Ich respektiere die Entscheidung von Menschen für eine vegane Lebensweise, ganz gleich, ob sie dafür gesundheitliche oder tierrechtliche Gründe haben. Mir ist allerdings eine nachhaltige Lebensweise wichtiger, das meiste Fleisch, das angeboten wird, würde ich niemals anrühren, einfach wegen der Aufzuchts- und Lebensbedingungen der Tiere, von denen es stammt. Früher hat mich das alles nicht gekümmert, aber man lernt mit den Jahren dazu, und ich musste irgendwann erkennen, dass die Lebensweise meiner Großeltern, die weitgehend Selbstversorger waren, die von dem lebten, was sie selbst anbauten oder auf ihrem Land jagten oder fischten, sehr einfach, aber auch sehr nachhaltig war – und verantwortlich. Die lebten nicht über ihre Verhältnisse, die hatten ein langes und gesundes Leben mit harter Arbeit – leider sind sie letztes Jahr gestorben. Um nun auf das Thema Veganismus zurückzukommen: viele Ideen und Prinzipien des Veganismus teile ich, aber ich bin eben ein Fleischesser. Ich lehne industrielle Landwirtschaft ab, den Anbau genveränderter Lebensmittel, den Einsatz von Pestiziden oder von Hormonen bei der Aufzucht von Tieren. Ich halte das alles für extrem schädlich für unsere Böden, für das Grundwasser, für die Pflanzenvielfalt und natürlich für die Menschen. Wenn sich jemand entschieden hat, Fleisch zu essen, sollte er deshalb verantwortliche Entscheidungen treffen und nur solches Fleisch essen, das unter akzeptablen Bedingungen produziert wurde. Und ja, ich weiß, dass eine pflanzenbasierte Lebensweise weitaus gesünder ist.Chuck, besten Dank für deine Zeit.Ich danke dir, und bitte verzeih, falls ich nächstes Mal mit einem lila Iro und Schnauzbart auf Tour gehe, hahaha. DISKOGRAFIEHOT WATER MUSIC„Finding The Rhythms“ CD/LP (1996, No Idea)„Fuel For The Hate Game“ CD/LP (1997, Toybox/No Idea)„Forever And Counting“ CD/LP (1997, Doghouse/No Idea)„Live At The Hardback“ CD/LP (1999, No Idea)„No Division“ CD/LP (1999, Some/No Idea)„Never Ender“ CD/LP (2001, No Idea)„A Flight And A Crash“ CD/LP (2001, Epitaph/No Idea)„Caution“ CD/LP (2002, Epitaph/No Idea)„The New What Next“ CD/LP (2004, Epitaph/No Idea)„Till The Wheels Fall Off“ CD/LP (2008, No Idea)„Exister“ CD/LP (2012, Rise/No Idea)„Live In Chicago“ CD/LP (2013, No Idea)Chuck Ragan„Live At The Troubadour“ CD (2006, Self-Release)„The Blueprint Sessions“ CD (2007, No Idea)„Los Feliz“ CD/LP (2007, SideOneDummy/No Idea)„Feast Or Famine“ CD/LP (2007, SideOneDummy/No Idea)„Bristle Ridge“ w/ Austin Lucas CD/LP (2008, TenFour)„Revival Road 2008“ CD/LP (2008, TenFour)„Anderson Family Bluegrass / Chuck Ragan“ LP (2009, Stowaway Sound/TenFour)„Live At Hafenkneipe Zürich“ LP (2009, Leech)„Gold Country“ CD/LP (2009, SideOneDummy/TenFour)„Chuck Ragan / Darren Gibson Split“ LP (2010, Poison City Records)„Live At Café Du Nord“ CD/LP (2010)„Covering Ground“ CD/LP (2011, SideOneDummy/TenFour)„Chuck Ragan / Sam Russo / Jimmy Islip / Helen Chambers’“ CD/LP (2011, Special Subject)„Till Midnight“ CD/LP (2014, SideOneDummy)RUMBLESEAT„Rumbleseat Is Dead“ CD/LP (2005, No Idea)
 

Reviews

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #98 / Joachim Hiller

Covering Ground

Es klingt ketzerisch, aber es könnte der Tag kommen, da man gar nicht mehr so traurig wäre, wenn HOT WATER MUSIC beschließen sollten, es bis auf weiteres dranzugeben. Nun steht von denen demnächst ein neues Album an, diese Sorge muss einen also nicht akut umtreiben, aber mal ehrlich, außer Pflichterfüllung auf hohem Niveau ist nicht mehr zu erwarten, Stagnation also.Neu und aufregend und mindestens genauso emotional packend ist auch beim dritten Album noch das, was HWM-Frontmann Chuck Ragan „with a little help from his friends“ macht. Mit der Wut eines ewigen Punks im Bauch macht er das, was einst schon Woodie Guthrie tat (remember, der Urvater des Folk-Protest-Songs, der auf seiner Gitarre den Sticker „This machine kills fascists“ kleben hatte), nämlich inbrünstig Lagerfeuerlieder anstimmen, die alles andere als lahmarschige Pfadfinder-Fahrtenlieder sind.Er hat eine Stimme, die mitreißt, er hat die Songs, seine Inhalte zu transportieren, und so ist auch „Covering Ground“ wieder eine kleine Offenbarung, auf der Ragan hier und da verdächtig nach Springsteen klingt.Menschen, die es gerne sortenrein haben, die entweder Bluegrass oder Country oder Folk haben wollen, werden freilich auch diesmal nicht warm werden mit Chuck & Co., mischt der doch freizügig die verschiedensten Sorten uramerikanischer Musik zusammen.Kunst darf das, muss das, nur so entsteht Neues, und ich bin gespannt, wie man musikhistorisch in einigen Jahren das abhandeln wird, was sich da ab der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts aus der US-Punk-Szene heraus entwickelt hat.In der Mainstream-Wahrnehmung sind Ragan und Co. nämlich noch längst nicht angekommen – und es ist fraglich, ob das überhaupt wünschenswert wäre. Bleibt nur noch die Feststellung, dass „Covering Ground“ ein wundervolles Album geworden ist.

 

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #74 / Lauri Wessel

Feast Or Famine CD

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis man Chuck Ragan nicht mehr sofort mit HOT WATER MUSIC oder mit THE DRAFT vergleicht. Faktisch löste er ja erstgenannte auf und beschwor so einen der am schwersten zu verdauenden Bandsplits der letzten Jahre herauf. Daher mag man die Vermutung haben, dass seine Sololaufbahn an das anknüpfen müsse, was er zunichte gemacht hat. Schließlich haben ja auch THE DRAFT mit Bravour gezeigt, wie man die Post-HWM-Ära mit berührenden Songs ausfüllen kann. Von der Einstellung, dass Chuck Ragans Songs aber mit HWM vergleichbar sind beziehungsweise überhaupt mit der Band verglichen werden müssen, muss man sich in meinen Augen aber lösen - auch wenn das nicht ganz leicht fällt. Denn die zwölf Songs des Studiodebüts von Ragan erinnern nur minimal an die Institution aus Gainesville. Vielmehr begeistert mich Ragan mit zwölf Folkstücken, die an Springsteen und Guthrie erinnern und Geschichten aus dem Leben, von der Familie und von der Liebe erzählen. So klingt er manchmal trauernd-schwer und schreibt sich mit Referenzen an das Spätwerk von Johnny Cash einige Lasten von der Seele. An anderer Stelle wirkt er aber positiver, vermittelt durch die Atmosphäre der Songs Hoffnung und gibt den Stücken eine ganz andere, leichtere Stimmung. Ganz gleich aber, ob Ragan nun trauert oder fröhlicher wirkt, der zentrale und begeisternde Aspekt an "Feast Or Famine" sind die Emotionen, die er vermittelt. Denn - und jetzt darf die Referenz doch kommen - wie einst bei HWM spürt man die Ehrlichkeit und die Bodenständigkeit, mit der Ragan über seine Gefühle spricht. Sie machen "Feast or Famine" zu einem durch und durch berührenden Album. (45:55) (8)

 

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #85 / Joachim Hiller

Gold Country

Ein schöner Albumtitel, den sich der Ex-und-wieder-Frontmann von HOT WATER MUSIC da ausgesucht hat: Einerseits eine durchaus passende Beschreibung des musikalisch Gebotenen, zum anderen einfach nur der Name des Heimat-Landkreises von Chuck, der ja vor Jahremn schon das heimische Florida gen Nordkalifornien verlassen hat.Ragan war vor Jahren einer der ersten Punkrocker, die ihr gewohntes Terrain gen Akustik-Klampferei verließen, um das mal etwas despektierlich zu formulieren. Nicht jeder, der das heute tut, sollte das auch tun, aber Chuck Ragan hat die Stimme und das Songwriting dafür, und hier und da von leisem Schlagzeugspiel, Akustik- oder Slideguitar, Bass und Fiedel begleitet, macht er heute uramerikanische Volksmusik jenseits kommerziellen Kitsches.Seine Stimme bleibt meist entspannt, was ihr gut tut, brüllen soll er besser bei seiner anderen Band, weshalb die Stücke bei aller textlichen Engagiertheit nie wütend wirken - man möchte ihm zuhören, man sollte ihm zuhören, weshalb mir auch immer noch die Galle hochkommt bei der Erinnerung an den ignoranten, die Fresse nicht halten könnenden Dummpöbel bei seinem letzten Konzert in Düsseldorf.Hatte sein HWM-Kollege Chris Wollard mit seinem kürzlich erschienenen Soloalbum gleichgezogen, hat jetzt Chuck wieder leicht die Nase vorn. Ein sehr angenehmes Werk - und bitte, keine Nachahmer, die nicht mindestens genauso gut sind.Übrigens: So lang, wie die Spielzeit das glauben macht, ist das Album nicht - oder irgendwie doch. Der letzte Track wartet noch mit 30 Minuten echten Kaminfeuers auf: Wer seine Ohren nicht durch zu viele zu laute Konzerte versaut hat, kann es leise knacken hören im Kamin von Herrn Ragan.(Diese Band war auf der Ox-CD #85 zu hören)

 

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #86 / Joachim Hiller

Live At Hafenkneipe Zürich

Chuck Ragans Lieblingshabitat ist die Bühne. Mit seinem neuen Album hat er zwar gezeigt, dass er auch im Studio zu Großem in der Lage ist, doch um es mit einer abgeschmackten Floskel zu sagen: Wie der Fisch das Wasser braucht der Chuck die Kneipenbühne.Nein, keine große Festival-Bühne, keinen anonymen Club, wo es entfernte Ecken gibt, in denen Ignoranten saufen und palavern, sondern eine kleine Bühne mit sich davor drängelnden 100, 150 Leuten, gut aufgeheizt durch ausreichend Bier und andere Alkoholika.So ging es wohl in der Züricher Hafenbar zu, als Chuck im Mai 2008 da stand und nach dem Konzert befand, er würde hier gerne ein Live-Album aufnehmen. Und so stand er Anfang 2009 wieder dort, begleitet von John Gaunt an der Geige und Digger Barnes am Kontrabass, röhrte mit legendär heiserer Stimme seine Songs.12 davon wurden in exzellenter Qualität mitgeschnitten und in einer limitierten Auflage in drei verschiedenen Vinylfarben in Serien zu je 500 gepresst – muss man haben.

 

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #112 / Julia Brummert

Live At Skaters Palace

Chuck Ragan hat einige Hits geschrieben. „The boat“ zum Beispiel. Wenn beim Konzert die Geige einsetzt, das ist schon ziemlich großartig. So auch hier. Da bekomme ich sogar auf dem Sofa Gänsehaut. Chuck Ragan ist außerdem ein Bär.Einer, dem man glaubt, dass er Spaß auf der Bühne hat und dass er nicht nur, um den Lebensunterhalt zu verdienen, fast ununterbrochen unterwegs ist. Die Revival-Tour-Begleiter bezeichnen ihn als Papa.Das alles macht ihn unglaublich sympathisch. Deshalb ist es ziemlich schade, dass ich sagen muss: Das Live-Album zum Konzert im Münsteraner Skaters Palace ist nur ganz okay. Vielleicht liegt es daran, dass man den Schweiß nicht sieht, wenn man die Platte zu Hause hört, oder Joe Ginsberg am Bass oder Chuck Ragan, der sich grinsend über die Leute im Raum freut.Vielleicht sind sich die Lieder auch einfach zu ähnlich. Klar, die Hits stechen heraus, „Meet you in the middle“, „The boat“ oder „For broken ears“, es fehlt aber sonst an Überraschungen.Das kann auch Tim Vantol aus den Niederlanden (wahrscheinlich singt er deshalb bei „Rotterdam“ mit), der als Gast hier ziemlich untergeht, nicht ändern. Chuck Ragan live zu sehen ist toll, zu Hause auf Platte springt der Funke aber doch nicht so recht über.

 

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #118 / Anke Kalau

Live At Skaters Palace

Zugegeben, die Damen und Herren von Uncle M (ob tatsächlich Damen dort arbeiten, wurde nicht überprüft, es handelt sich lediglich um eine leere Phrase, die gut klingen soll) haben wirklich Humor. Auf vielfachen Wunsch gibt es das ursprünglich streng limitierte Vinyl-only-Release (ohne Download-Code!) endlich auch in einem anderen Format: als ein auf 300 Stück limitiertes Doppeltape! Ja, da guckt der iPod-Honk ohne Kassettendeck natürlich immer noch blöd aus der Wäsche.Für alle anderen bleibt – bis auf die Ausnahme, dass man diese Dinger auch unterwegs im Walkman hören kann – alles wie gehabt: Chuck Ragan macht gemeinsam mit einer illustren Gästerunde Musik.Live.

 

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #72 / Joachim Hiller

Loz Feliz CD

Chuck who? Na, Chuck von HOT WATER MUSIC. Alles klar? Seit dem Ende von HWM ist der Ex-Frontmann mit der Reibeisenstimme solo unterwegs, ein Mann und seine Akustik-Gitarre (und auch mal Mundharmonika), und klampft mit großem Nachdruck zu Herzen gehende Lagerfeuer-Punksongs. Über 30 Lieder hat er geschrieben, und bevor im September sein erstes richtiges Solo-Album erscheint, gibt's schon mal einen Appetizer in Form eines Livemitschnitts, der im Februar 2007 in Kalifornien entstand und bei dem Chuck von Ted Hutt mit der Mandoline und John Gaunt mit der Geige begleitet wurde. Scheint die Art von Konzert gewesen zu sein, wo sich die Leute nach und nach auf den Boden setzen, um dann andächtig zu lauschen, und wenn mich der Eindruck nicht trügt, dann wird Ragans Solo-Album einen deutlichen Folk-Einschlag haben, denn "Dream of a miner's child" etwa klingt nach einer Akustikversion von FLOGGING MOLLY - jener Band, deren Gründungsmitglied Ted Hutt einst war ... Bleibt festzuhalten: Das Erbe von HWM verwalten THE DRAFT, Chuck dagegen hat sich zu neuen Ufern aufgemacht. (43:54) (7)

 

CHUCK RAGAN

© Ox Fanzine #113 / Christina Wenig

Till Midnight

Seit nunmehr sieben Jahren geht Chuck Ragan mit gutem Beispiel voran und zeigt seinen Punkrock-Kollegen, wie man erfolgreich als Singer/Songwriter Karriere macht. Mit „Till Midnight“ erscheint nun sein viertes Soloabum, für das er sich eine Backing-Band zusammengestellt hat, die ihresgleichen sucht: Am Schlagzeug sitzt David Hildalgo Jr.von SOCIAL DISTORTION, Todd Beene von LUCERO spielt (Lap Steel-)Gitarre und man kann sicher über Gastauftritte von Dave Hause, Jon Snodgrass und einigen anderen Kollegen Ragans freuen. Zwei altbekannte Gesichter dürfen natürlich nicht fehlen: Jon Gaunt spielt nach wie vor Geige und Joe Ginsberg, der inzwischen auch solo unterwegs ist, steht am Bass.Kurz vor dem Aufnahmebeginn verschanzte sich die gesamte Kameraderie gemeinsam in Ragans Haus in Kalifornien, viele der neuen Songs wurden bereits live getestet – nicht zuletzt deswegen wirkt alles so perfekt aufeinander eingespielt.Während der 2011er Vorgänger „Covering Ground“ noch eine melancholische Ode an die Rastlosigkeit des Tourlebens war, erweist sich „Till Midnight“ als rock-poppig angehauchte Gute-Laune-Platte mit gewohnt rauhem Charme.Großes Thema: die Liebe. Klingt nicht besonders originell, ist aber in Chuck Ragans authentischer, energischer und bemerkenswert unkitschiger Art einfach nur herzerwärmend. Das Geheimnis: der HOT WATER MUSIC-Sänger verklärt die Liebe nicht zu einem pathosbehafteten Ideal, sondern behandelt sie als etwas Reales, das ständige Pflege braucht, wie etwa beim Opener „Non typical“.„Bedroll lullaby“ kennt man in der akustischen Version schon vom 2011er Revival-Tour-Sampler, nun wird dem Song mit voller Bandbesetzung noch einmal ganz neues Leben eingehaucht. Überraschenderweise offenbart sich „Till Midnight“ als ausgereifte, energische Americana-Platte, die zugunsten mitreißender Bluegrass-Elemente größtenteils auf Balladen verzichtet.Das sanfte „For all we care“ baut sich immer weiter auf, zur Akustikgitarre gesellen sich Klavier und Geige, bis nach fast zwei Minuten die komplette Band einsetzt und dem Song ein hymnisch anmutendes Singalong-Finale verpasst.Zusammen mit „Wake with you“ bildet „For all we care“ den ruhigen Mittelteil des Albums. Die wahren Hits sind jedoch die tanzbaren Nummern wie „Gave my heart out“ und „Something my catch fire“, die einmal mehr zeigen, wie viel Energie in Chuck Ragan steckt und wie gekonnt er diese auch abseits des Punkrocks in packende Musik umwandeln kann.Mit „Till Midnight“ hat Ragan einen großen Schritt nach vorne gemacht. Wo früher noch an Gospelmusik-orientierte Balladen dominierten, geht die Tendenz nun wie nie zuvor zum Bluegrass. Der Sänger zeigt neue Einflüsse und Seiten von sich, die durch die Unterstützung seiner Band perfekt präsentiert werden.So sehr man seine schwermütigen Balladen in der Vergangenheit auch lieben gelernt hat, diese neue Seite von Chuck Ragan gefällt und macht eines immer deutlicher klar: In der Zukunft werden HOT WATER MUSIC wohl nur noch eine Nebenrolle spielen.