TURBOSTAATTourdaten, Infos, Interviews, Reviews

Nächster Termin:

25.05.2016
100%
Bewertung:
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Genre

Indie/Alternative, Punkrock/Hardcore, Rock

Shows

557 Shows in 143 Städten / 5 Ländern

Zeitraum

27.11.2002 - 28.01.2017

Letzte Show

02.04.2016 - DE-Hamburg, Markthalle

Nächste Show

25.05.2016 - DE-Heilbronn, Junge Bühne

Booking

KKT

Tourdaten

Archiv
Mai.
25
2016
Mittwoch Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jun.
9
2016
Donnerstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jun.
10
2016
Freitag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jun.
17
2016
Freitag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jun.
24
2016
Freitag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jun.
25
2016
Samstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jun.
26
2016
Sonntag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jul.
9
2016
Samstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Aug.
6
2016
Samstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Aug.
10
2016
Mittwoch Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
 
Aug.
19
2016
Freitag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Aug.
20
2016
Samstag 14:00 Uhr Tickets Tickets Tickets
Festival - Rock
 
Aug.
20
2016
Samstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
 
Sep.
3
2016
Samstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jan.
21
2017
Samstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 
Jan.
28
2017
Samstag Tickets Tickets Tickets
Konzert - Punkrock/Hardcore
 

Tonträger bei finestvinyl

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TURBOSTAAT - ABALONIA | L+C

180g Vinyl inkl. CD! Irgendwo zwischen Pegida und Hansa-Studio, Odyssee und Husumer Watt, Konzeptkunst und one, two, three four erzählen Turbostaat hier ein modernes Märchen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und dem real existierenden grauen deutschen Herbst: explizit erwünscht. Natürlich haben Turbostaat auch bereits in der Vergangenheit das klassische Punkrock-Format gesprengt. Laufzeiten über fünf Minuten sind bei ihnen keine Seltenheit. Die Konsequenz aber, mit der auf "Abalonia" Erzählung und Musik zu einem stringenten Ganzen zusammenfinden, ist für diese Band eine Premiere. "Nachdem die Geschichte grob stand, wollten wir auch musikalisch die Popformel mit dem Standardaufbau aus Strophe, Bridge, Refrain aufbrechen, um den weiter gespannteren Texten eine musikalische Entsprechung zu verleihen", sagt Marten Ebsen, Gitarrist und Songschreiber der Band. Aufgenommen wurde "Abalonia" nach anderthalbjähriger Vorbereitung in nur fünf Tagen an historischer Stelle: Der Turbostaat-Stammproduzent Moses Schneider buchte das Berliner Hansa Studio, wo er einst sein Handwerk gelernt hatte. Pult-Legende Peter Schmidt mischte.
 
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TURBOSTAAT - DAS ISLAND MANÖVER | LP

 
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TURBOSTAAT - FLAMINGO | LP

 
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TURBOSTAAT - SCHWAN | LP

180g Vinyl! Rosige Zeiten Zwei Jahre ist es her, dass Turbostaat die deutsche Punkrockbühne mit ihrem Debüt-Album "Flamingo" betraten. Seitdem haben sie sich durch konstantes Touren in die Herzen der Fans deutschsprachiger Punkmusik gespielt. Das 2003er Album "Schwan" knüpft da an, wo "Flamingo" endete. Ein an Gruppen wie Dackelblut oder Muff Potter erinnernder Gesang mit großen, fast schon poetischen Texten, sägende Gitarren, die hin- und wieder an die Hot Snakes erinnern, und ein treibendes Schlagzeugspiel schaffen in der Kombination den unverwechselbaren Turbostaat-Sound. Die LP kommt in extra schwerem 180g-Vinyl, mit einem wunderschön gestalteten 16-seitigen farbigen Beiheft.
 
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TURBOSTAAT - STADT DER ANGST | 2 L+C

Endlich wieder auf Vinyl erhältlich! Flamingo. Schwan. Vormann Leiss. Das Island Manöver - die bisherigen Konstanten, die unverrückbaren Koordinaten im Wirken von Turbostaat. Turbostaat pflegen ihre Ausnahmestellung wider Willen, bespielen das ganze Land mit stetig wachsendem Erfolg und verweigern sich dennoch auf allen Wegen konsequent dem Konsens. Nach ihrem nicht nur in Fachkreisen euphorisch gefeierten 2010er Release "Das Island Manöver", diversen ausverkauften Tourneen und unerhört energetischen Auftritten auf dem Hurricane/South Side-Festival, dem Berlin Festival, dem Area 4 Festival und vielen anderen, folgt nun der nächste Schritt: "Stadt der Angst". Die Platte zur Krise. Zur wirtschaftlichen, zur gesellschaftlichen. Zur persönlichen sowieso. Und obwohl "Stadt der Angst" im direkten Vergleich zu allen Vorgängeralben komplett anders klingt, ist es doch eine ebenso logische wie fast nahtlose Fortsetzung von "Das Island Manöver". Typisch Turbostaat: Typisch Jan. Typisch Rotze. Typisch Marten. Typisch Tobert und typisch Peter! Mit "Stadt der Angst" fügen Turbostaat ihrem Wirken eine weitere Konstante hinzu und untermauern eindrucksvoll ihren Status als eigensinnigste, spannendste Formation im Bereich der deutschsprachigen Rockmusik.
 
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TURBOSTAAT - VORMANN LEISS | LP

180 Gramm Vinyl mit 24-seitigem vollfarbigem Booklet. So ist das wohl, so ist das!! Wir nicken NICHT! Ein großer Anfang für eine Platte: ,Mein Sohn macht Filme in der USA"! Die ganze grammatikalische Finesse bemerkt man vielleicht nur als Norddeutscher. Man kann aus diesem simplen Satz hören, wer das sagt, zu wem es gesagt wird und in welcher Situation es gesagt wird. Das hat nichts zu tun mit Kunst oder so. Es kommt ja von KÖNNEN und nicht von GELERNT haben, wie man uns immer noch weiß machen will. Es bedeutet: Steh zu dem, was du bist, steht zu dem, wie du sprichst. Sprich für die Leute, die es hören und sprich für die Leute, die es nie hören werden. ,Leb doch mehr wie deine Mutter, leb bloß nicht wie ich!" (aus ,Harm Rochel") Die Verdichtung der Existenz am gefühlten Ende des Lebens und das in elf Wörtern! Hut ab. So textet keiner (mehr) und genau das macht es so wertvoll. Zwischen Familienhäusern, Wohnblocks, frisch geprügelten Frauen und hoffnungslosen Zuhausetrinkern beobachten Turbostaat das Leben wie es für 80 Prozent aller Menschen ist. Die wunderbare Abwesenheit von Subkultur. Jugendliche, die sich mit Gewalt verteidigen. Das scheinbar einfache Leben als Thema, ist in den Texten allumfassend. Hier wird ganz genau beobachtet und zwar die Dinge, die alle kennen. Die Musik hingegen weiterhin: Punk, Gitarre und dieser großartige Gesang vom Ende der Seele. ,Sing doch mal!" ,Ich sing doch schon!", hört man Studiodialoge im Kopf. Gitarrenwände spielen sich gegenseitig um den Verstand und es fallen einem Bands ein, die eh kein Arsch mehr kennt! Hatten wir letztes Jahr ein Sommermärchen? Turbostaat schreiben die Moritate für den Sommer 2007. Mit ihrer dritten Platte ,Vormann Leiss" sind sie angekommen in der eigenen Welt. Sie definieren zusammen mit ein, zwei anderen Bands, was Punk in Deutschland ist und vor allem sein kann!
 

Interviews

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TURBOSTAAT

Keine einfache Aufgabe... Ich seh die Jungs schon schmunzeln... Zwei Stunden Gelaber während und nach dem Frühstück. Mit Kuh-Gemuhe und Vogelzwitschern auf ´nem scheiss billigen Diktiergerät... Und das geht dann in etwa so:TURBOSTAAT, so heisst die neue Speerspitze deutscher Punkmucke. Tja. TURBOSTAAT lässt sich aber auch irgendwie nicht ohne ein bisschen pathetische Heldenpreisung beschreiben, also verdreht nicht gleich die Augen, ihr Penner! Die Jungs so grossartig wie die Labels, die da Schiffen & Rookie Rec. heissen, wie das Cover der Platte, die da "Flamingo" heisst. Vielleicht kennt auch noch wer die Bands, die vorher mit den jetzigen TURBOSTAAT-Leutchen bevölkert waren: UNABOMBER, EXIL und ZACK AHOI. Supernette, eben echte Menschen, mit Überzeugungen und der dazugehörigen Offenheit. Stets bereit, sich eine Sache von zwei Seiten anzukucken und zu beleuchten. Mit schönen Bildern in den Texten, die vieles sagen, nichts verraten und somit neugierig und nachdenklich machen. Much more P.C. als ich das sein will und kann, kommen die fünf Küstenmenschen aus Husum und Umgebung jedoch ohne Zeigefinger und Parolen aus. Ehrlich und entspannt. Der gemeine Küstenbewohner aus dem Klischeebuch, bloss in Punkrockisch eben. Was so positiv gemeint ist, wie nur eben geht! Ein entspanntes Gespräch wie gesagt, bei dem morgens, nach dem Konzert im Homburger AJZ auch Labelcheffe Olaf anwesend war. Es wurde viel und angeregt geredet und so spar ich mir noch mehr einleitendes Bla-Bla...Test... Ich bin Punk und ich bin frei... (alle stimmen ein...), eins – zwo...Yes. Dann einmal kurz vorstellen: Name und Auftrag bitte.Marten: Ja hallo. Ich bin der Marten und ich spiel Gitarre und mein Auftrag ist, mich selbst glücklich zu machen.Tobi: Hallooo. Ich bin Tobi und ich spiel Bass.Roli: Ich bin der Roli, Gitarre.Peter: Da reinsprechen, ja? Ähm, Peter, Schlagwerk.Jan: Warte, mach ma Stop. Also so rum, ja? (alles lacht) Also ich bin der Jan und versuch immer mal so´n bisschen zu singen.Wie lange seit ihr denn jetzt schon so unterwegs? Ihr scheint mir ja noch ganz entspannt zu sein...Roli: Also gegründet haben wir uns im Januar ´99. Wir kamen alle eigentlich aus Husum, sind dann aber abgewandert nach Flensburg. Da gab´s halt auch immer ´ne Menge Leute, die so aus diesem Punkding kamen. Allerdings sind von denen die meisten auch weggegangen. Also dachten wir uns, eben die, die noch übrig waren: Da machen wir jetzt einfach das beste draus. Die hauen wir alle in eine Band und dann... tja, dann geht´s los!Ich meinte eigentlich bloss, wie lange ihr momentan schon auf Tour seid... Aber sehr aufschlussreich. Und diese Band, das war dann so ´ne Allstarcombo der Daheimgebliebenen? Denn ihr habt´s ja letztlich ganz gut getroffen. Die Leute sind alle begeistert, dass mal wieder was brauchbares Deutschsprachiges gemacht wurde, nach dem ganzen Rock´n´Roll-Hype, England- und Ami-Streetpunk ist und wird irgenwie schon auch grösser und dann kommt ihr, glücklicherweise, mit sowas an...Roli: Na ja, eigentlich können wir sowieso nix anderes machen als unser Ding. Weil wir es einfach nicht könnten. Wir könnten, denke ich, gar nicht hingehen und sagen: Wir spielen jetzt Rock´n´Roll, oder Emo oder wie das alles heisst... Das was wir spielen, ist das einzige was wir spielen können. Jeder andere Versuch würde einfach scheisse klingen. Jo. (Achselzucken) Die Frage hat sich nie jemand gestellt..Peter: Meint: Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt vorgenommen, so zu klingen, wie wir jetzt klingen. Haben kein Konzept. Fänd ich auch Scheisse, so läuft das einfach nicht.Roli: Ja also, man wird ja, oder besser wir sind ja schon irgendwie von diesen sogenannten "Hamburger-Bands" sozialisiert, gar keine Frage. Man lässt halt schon mit einfliessen, womit man mehr oder weniger aufgewachsen ist. Aber dann ist es auch so, dass der Jan singt wie er singt, der kann da ja nicht gross was für...Jan: ...Moment... (Schenkelklopf!)Roli: ...ja und dann klingt das halt eben so... Und bevor du fragst: wir singen deutsch, weil, keine Ahnung!Jan: Kann denn eigentlich jemand von uns englisch?Marten: Also irgendwie nicht wirklich...Ich hab mich gestern schon gewundert: Ihr habt euch ja scheinbar schon noch sehr lieb, obwohl ihr ja jetzt schon ´ne ganze Weile zusammen in dem Bus zusammengepfercht rumhängt...Roli: Stimmt. Es kippt nicht um, sag ich mal...Marten: Also ich bin auch sehr positiv überrascht.Roli: Man mag sich ja auch von Haus aus irgendwie schon gerne, man findet dann auch in der Situation, auf relativ engem Raum über ´ne gewisse Zeit zusammen zu sein ´ne Lösung.Also ihr hängt auch so recht oft und gerne miteinander rum...Roli: Jaaa... Also wir haben schon zu Hause noch getrennte Betten...Peter: Wir haben da zu Hause vor allem den Speicher in Husum, wo ich auch oft Konzerte gemacht habe und noch mache, und da kommt man denn schon zusammen und trifft sich.Wenn ihr seit 1999 existiert, verwundert es doch, dass ihr erst jetzt zu Potte gekommen seid und mal ´nen Tonträger machen wolltet bzw. gemacht habt...Roli: Ja wir haben schon relativ früh angefangen. Der Marten hat dann im Proberaum mit ´nem 8-Spur-Gerät Aufnahmen gemacht, auf Tapes, die der Peter im Speicher abgezwackt hat, also so Demos von Blues und Folk und Rockbands die wir damit überspielt haben, zum verschicken eben... Also in erster Linie haben wir die allerdings für uns selbst gemacht und die Restlichen haben wir dann immer für ´ne Mark bei Konzerten verkauft. Die fanden dann eigentlich auch reissenden Absatz. Hey! Fliege auf´m Mikro!Hau ab, du Penner...! (Scheuch...)Roli: Wir haben dann irgendwann mal ´n Cover dafür gebastelt und letztendlich gingen auch so an die 500 Stück davon weg. Dadurch haben wir dann die Produktion gestoppt, weil klar war, wir müssen jetzt doch irgendwann mal ´ne Platte machen. Später ging´s dann ab ins Studio und dann kam die Geschichte mit dem Olaf zustande, mit Schiffen.Da gab´s doch aber auch noch was mit den Leuten von FREE YOURSELF und deren Label Buena Ventura Notes, die wollten doch auch mal die Platte mit euch machen.Peter: Hey, du bist aber mal verdächtig gut informiert...Tja, die Welt ist klein... und der gemeine Saarländer wird arg unterschätzt. Aber wie kam´s denn letztendlich, das mit Schiffen?Peter: Olaf hat da eigentlich gar nicht den Anstoss gegeben. Eigentlich lief das über den Jürgen von Rookie Rec. Mit dem bzw. mit seiner Band KICK JONESES haben wir in Neumünster gespielt. Es hat ihm wohl gut gefallen und er kam auf uns zu. Der Olaf hatte uns auch mal angesprochen, nachdem wir mal im Hamburger Raum gespielt haben. Dann kam aber ´ne ganze Zeit lang nix mehr, sowohl von Olaf als auch vom Jürgen. Damals kam dann halt die FREE YOURSELF-Connection, also dass die was machen wollten. Wir haben dann auch überlegt, ob wir das machen sollen, dann kam allerdings das ganze wieder zu der ursprünglichen Kiste zurück, nachdem der Jürgen wohl den Olaf kontaktet hat und sagte, hey, komm, lass uns das mal machen. Passte uns auch irgendwie ganz gut, weil wir Olaf einfach auch gut kennen. Die Nähe dann auch, Hamburg – Husum... es passte halt.Roli: Milto und die Jungs sind auch klasse, keine Frage. Die hätten sich da auch echt reingehängt, bin ich mir sicher. Aber eben die Nähe und es passte alles... Ich kann mich da nur wiederholen. Tat uns auch echt leid letzen Endes, aber so geht´s halt manchmal. Ich meine, Schiffen iss ja auch irgendwie, ich sag mal einfach ein Qualitätslabel und dann durch den Vertrieb von Flight13 und durch Schiffen eben auch Indigo, ist das schon ´ne Traumkonstellation.Peter: Die Flight13-Connection kommt auch durch den Jürgen. Also Schiffen und Rookie Rec. haben´s produziert, Flight macht bloss, weil der Jürgen auch dort arbeitet, den Vertrieb.Im Moment geht ja doch ziemlich was, äh, an der Küste. Wir hatten z.B. vor kurzem erst die CREETINS als auch MR. BURNS hier. Zwar andere Musik, aber doch Punk und auch aus dem hohen Norden.Marten: Klar, was willste da oben auch sonst machen, als in ´ner Punkband zu spielen. Es ist einem eben langweilig, und dann..."(Gelächter)Klar. Es ist einem langweilig, ergo fängt man an, Punkmucke zu spielen und schon hat man als gelangweiltes Dorfkind ´nen Auftrag, oder wie?Peter: (lacht) Ja neee... So unromantisch nu auch wieder nicht. Aber bei uns da oben gab´s immer Bands die zu anderen Bands wurden, neue Leute kommen dazu. Egal wo, Flensburg, Husum, sogar Eggernförde. Da geht und ging schon immer was... Das iss nicht erst seit kurzem so, das meinst du nur.Wer schreibt denn, bzw. besser: schreibt bei euch einer die Songs? Habt ihr den grossen Banddiktator oder wird drauf los geschossen, nach dem Motto "Ich hab da ´n nettes Riff oder ´ne Idee für einen Text."?Roli: Also beim Stichwort Banddiktator, hehe, ich denke da sollte Marten genannt werden.Tobi: Also das entsteht schon alles im Proberaum, so nach und nach. Aber Marten ist der, der am Häufigsten mit Ideen ankommt. So mit Texten, oder irgendwelchen Fragmenten und darauf baut sich meistens alles auf.Peter: Ja, es gibt schon jeder seinen Senf dazu, wir sind sicher nicht nur Erfüllungsgehilfen. Doch doch. Wenn Marten ´nen guten Tach hat, dürfen wir schon noch was mit einbringen... (lacht)Wo haste die Texte her Marten?Marten: Ja, äh, aus der Zeitung... (Gelächter)Deshalb ist also eher depressiv und Mundwinkel runter gross?Marten: Also ich weiss nicht, das Leben ist ja auch nicht immer bloss ´n Schneckenschubsen oder so... Ich kuck aber auch zugegebenermaßen mehr auf die Seiten im Leben, die mich _rgern. Ich bin eigentlich schon mehr so´n Nörgelhannes. Deswegen. Aber es sind meiner Ansicht nach auch total viele positive Sachen da drauf. Aber ich höre das echt oft. "Ach wie ist die so depressiv". Man könne sich die Platte fast nicht anhören bzw. antun. Alles was davor war, war dabei noch viel depressiver und viel schlimmer. Mittlerweile sind wir eigentlich endlich mal eine total positive Band. Positiv und auch kämpferisch. Liegt halt immer gerade daran, was mir so im Leben über den Weg läuft.Zu dem Gefühl, das ihr nachgesagt bekommt, fällt mir dann auch der ewige Namedropping-Contest mit DACKELBLUT und MUFF POTTER ein. Nervt das, will man seine Eigenständigkeit nachgesagt bekommen oder findet man´s eher cool, da einem besagte Kapellen selber gut gefallen?Marten: Mir ist das scheissegal. (lacht) Ist o.k., wenn die Leute diese Vergleiche brauchen oder sie ihnen helfen, dann sollen sie sie eben bringen. Natürlich, wenn man mit DACKELBLUT verglichen wird ist das für mich schon schmeichelhafter als mit 4PROMILLE verglichen zu werden. Ich selber seh diese Vergleiche bedingt nur so... Mir isses aber echt egal.Dann klingelt irgendein Handy, verdammte schöne neue Welt, das Wiesent oder Hochlandrind oder Mufflon oder weiss der Geier was, 30 Meter weiter im Gehege röhrt wie Sau und mit dem Stichwort 4 PROMILLE beginnt eine angenehm offene Diskussion über P.C., Plattensammeln, Homosexualität, unpolitisch sein, E-Bay, Prinzipien haben, Toleranz, den Fettgehalt von Fleischwurst und den Sinn des Lebens. Wie von den Jungs erwartet, bin ich: a) nicht in der Lage, die folgende sehr lustige Stunde Bandmaterial textlich umzusetzen, und b) in der mich daraus rettenden Situation, von Cheffe ´ne Zeichenzahlbegrenzung zu haben.Einzige Möglichkeit wäre, wir machen demnächst mal ´nen "Urlaub auffm Bauernhof: Mit TURBOSTAAT ´nen Talk am Start"- Beileger für´s Ox. Ansonsten 2x Superdanke dafür, dass ihr so seid wie ihr seid, bleibt so schön und bis dann.
 
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TURBOSTAAT - Weder Köterkacke noch Jensen-Devotees

Wie klingt eigentlich „norddeutsch“? Auch wenn das kaum jemand wirklich zu beantworten vermag, so fallen doch immer schnell Bandnamen wie DACKELBLUT, ANGESCHISSEN oder gar ABSOLVENT EINER HAMBURGER SCHULE. Letzteres taucht zwar im TURBOSTAAT eher gar nicht auf, aber auch wenn die Band das anders sehen mag, klingen sie für mich einfach typisch norddeutsch, jedenfalls im Sinne der zuerst genannten Bands. Ein erster Beweis dafür war 2001 das erste großartige Album „Flamingo“, dem Ende letzten Jahres „Schwan“ folgte, eine weitere grandiose Platte, die wieder eindrucksvoll zeigt, dass „norddeutsch“ auch angepisst und nicht nur altersstarsinnig heißen kann. „Schwan“ war es wert, die fünf Jungs, die auch schon unter anderem in Bands wie ZACK AHOI, UNABOMBER und EXIL – deren Platte „Onkel Feinkosts‘ Super 8 Memories“ ich übrigens nur empfehlen kann – musizierten, ein zweites Mal fürs Ox zu interviewen. Das Konzert am Ostermontag in Solingen sollte Uschi, Joachim und mir den Rahmen dafür bieten. Wir trafen TURBOSTAAT inmitten ihres wohlverdienten Abendessens an und ließen die Jungs natürlich brav ihre Tellerchen leeren, bevor wir uns mit den beiden Gitarristen Roland und Marten, Sänger Jan, Bassist Tobert und dem Schlagzeuger Peter etwas zurückzogen, um über das Dasein als Fischkopp zu sprechen.War das Essen gut?Alle: „Es war großartig.“Wie sind denn eure Ansprüche in Sachen Tourernährung? Habt ihr die Phase, in der man mit Nudelpampe mit Ketchup glücklich war, schon hinter euch gelassen?Tobert: „Da war man nie mit glücklich.“Peter: „Wir kommen natürlich nicht mit einer Cateringliste an, aber Abendessen und Frühstück – vegetarisch oder vegan – sollten schon sein.“Roland: „Man merkt aber, dass die Leute sich mittlerweile schon mehr Mühe geben.“Die Getränke natürlich nicht zu vernachlässigen.Roland: „Das ist manchmal echt hart: Da kriegen wir vier Kästen Bier hingestellt und nichts anderes, und müssen höflich nachfragen, ob wir nicht einen der Kästen gegen einen mit Wasser tauschen können.“Ansonsten lief die Mini-Tour aber gut?Peter: „Wenn du die paar Tage eine Tour nennen willst ... Es war sehr unterschiedlich. Wir haben in Kassel mit den BEATSTEAKS gespielt, da waren elfhundert Leute da, einen Tag später in Köln mit TREND auch noch 450, in Luxemburg waren es so ca. 250 und in Siegen haben wir im Keller einer Pizzeria gespielt. Sehr skurril das Ganze, aber super Essen.“Im „Schwan“-Booklet sowie auch in etwas anderer Form schon bei „Flamingo“ steht: „TURBOSTAAT sind und werden auch immer bleiben: Jan Marten Roli Tobi Peter“. Zieht ihr das durch, TURBOSTAAT sterben zu lassen, sollte einer aussteigen? Also quasi das Dischord-Modell?Tobert: „Definitiv. Anders geht das nicht.“Jan: „TURBOSTAAT kann nur so bestehen, wie es jetzt ist und wie es in den letzten fünf Jahren gewachsen ist. Nur diese Konstellation funktioniert. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass da jemand anderes neben mir steht und Gitarre bei diesen Songs spielt. Ich sähe das auch nicht gerne, wenn jemand anderes singen würde.“Peter: „Das Bandgefühl ist nur mit diesen Leuten möglich, da ist nichts austauschbar.“Roland: „Man kann natürlich mit anderen Leuten, anderen Liedern und anderem Namen ein anderes Bandgefühl aufbauen. Wir fallen ja nicht tot um, falls mal einer aussteigen sollte. Aber dieses ‚Wir holen einen Neuen, proben zwei Wochen und gehen wieder auf Tour‘ funktioniert bei uns nicht.“Ihr seid also eine demokratische Band ohne Bandleader, der sich die nötigen Musiker zusammensucht.Roland: „Den größten Teil der Lieder macht zwar schon Marten, aber im Proberaum wird um jeden Ton gekämpft, bis alle zufrieden sind. Auch die Texte schreibt alle Marten, weil er das kann, und nur um der Demokratie Willen selbst was zu schreiben und einzubringen, was aber nicht so gut ist, macht keinen Sinn“Marten: „Dafür kümmert sich Peter fast alleine ums Booking und Tobi macht die visuellen Sachen wie das Layout. Aber auch da reden alle mit.“Es gibt viele Bandnamen, die gut klingen, aber völlig sinnlos sind. TURBOSTAAT in Assoziation mit Turbokapitalismus lässt einiges zu in Sachen Interpretation, sei es politisch oder philosophisch. Gab es solche Hintergedanken bei der Wahl des Bandnamens?Jan: „Da bist du schon auf dem richtigen Weg. Irgendwann hat Marten das Wort Turbokapitalismus mal als Erklärung des Bandnamens benutzt, aber als er damals im Proberaum den Namen TURBOSTAAT aufbrachte, da habe ich mir keine Gedanken über Interpretationen gemacht, da gefiel mir einfach die Konstellation aus Turbo und Staat, das fand ich passend für Punkmusik.“Roland: „Unseres Wissens nach ist TURBOSTAAT zwar eine Wortneuschöpfung, aber im Internet ließ sich vor einiger Zeit über eine Suchmaschine auch ein Eintrag irgendeiner seriösen Zeitung finden, in dem das Wort Turbostaat als Zustandsbeschreibung für Schröders Bundesrepublik benutzt wird. Und vor ein paar Wochen habe ich das Wort noch mal in einer bayerischen Zeitung gelesen.“Marten: „Als mir der Name damals eingefallen ist, fand ich nur die Vorstellung eines Staates, der auf Turbo schaltet interessant, aber ein politisch etwas versierterer Mensch hat mir erzählt, dass es das Wort wohl schon länger in linken Kreisen gibt.“Inwieweit würdet ihr euch als politische Band sehen, abgesehen davon, dass man als Punk per se ja irgendwie politisch ist?Roland: „Wir sind sicher keine aktionspolitische Band. Politisch sein passiert eher im privaten Leben, wo man sich gar nicht unpolitisch verhalten kann, wo jede Haltung, die du an den Tag legst – oder auch nicht – eine politische Aussage ist. Natürlich handeln unsere Texte nicht von Mädchen und Bier, sondern entstammen auch diesem politischen Kontext, aber wir treiben uns als Band nicht auf Demos rum.“Wie sind die Resonanzen auf „Schwan“? Könnt ihr sehen, ob mehr passiert als nach der Veröffentlichung von „Flamingo“, ist so eine Art Karrieresteigerung zu bemerken?Roland: „Es hat sich schon immer kontinuierlich entwickelt, aber als wir direkt nach der Veröffentlichung von ‚Schwan‘ auf Tour gegangen sind, war das schon erstaunlich, wie viel sich da tut. In Hamburg mussten sogar zweihundert Leute nach Hause geschickt werden, weil der Laden ausverkauft war.“Peter: „Wobei das aber eine Ausnahme ist. Im Schnitt kommen so zwischen 150 und 400 Leuten zu unseren Konzerten. Was die Platte selbst angeht: Wir waren bereits bei ‚Flamingo‘ überrascht, wie gut die eingeschlagen hat, dadurch kamen ja die meisten Leute auf uns und diejenigen, die die alte Platte mochten, haben natürlich auch die neue gekauft. Im Großen und Ganzen haben wir eher positive Reaktionen bekommen, mehr Magazine schreiben über uns, dadurch kommen auch wieder mehr Leute und im Zuge der neuen verkauft sich auch die alte Platte wieder. Ihr kennt das ja.“Wie weit darf das denn gehen? Kann die Band irgendwann zum Beruf werden?Peter: „TURBOSTAAT sind keine Hobbyband, die wir nur aus Spaß mal am Wochenende machen. Wir leben das , es ist unsere große Leidenschaft, und die Band hat oberste Priorität.“Tobert: „Bei mir ist es so, dass ich neben der Band so gut wie nichts anderes mache. Das aber Beruf zu nennen, sehe ich eher fragwürdig, ich würde das mehr daran messen, wieviel Zeitaufwand es für mich bedeutet. TURBOSTAAT ist halt das, was ich mache. Und ich würde die Zeit, die ich für die Band aufbringe, auch gar nicht reduzieren wollen, eher noch mehr Zeit investieren, sollte es dazu kommen.“Irgendwann ist man aber an dem Punkt, an dem man gar keine Zeit mehr für einen normalen Job hat, und das Ding, in das man 50 Stunden die Woche investiert, dann auch das Leben finanzieren muss.Peter: „An diesen Punkt möchte ich nicht gelangen, weil die Zugeständnisse und der Druck, diese auch einzugehen, zu groß werden. Dann muss man Konzerte danach auswählen, wo das meiste Geld drin steckt. Wir können nach wie vor vom Soli-Konzert über kleine bis hin zu großen Läden alles spielen, und das ist super. Wenn es in der Form größer wird, wie es bisher gewachsen ist, und wir den Finger weiterhin selbst draufhaben – wir haben ja keine Agentur oder ein Management, was so ein ‚größer werden‘ mit sich bringen würde – und dann auch finanziell mehr rüberkommt, wäre das völlig okay.“Marten: „Der wichtigste Punkt ist wirklich, wie du so was gestaltest. Diese Hauruck-Methoden um größer zu werden, das ist nicht unser Ding.“Roland: „Aber um nicht missverstanden zu werden: Wir sagen nicht, dass unser Weg der ist, den man gehen muss und die Bands, die es anders machen – egal, ob damit erfolgreich oder nicht – es falsch machen. Aber wir haben den Luxus, Nein sagen zu können, den Bands, die von ihrer Musik leben, manchmal nicht mehr haben.“Tobert: „Die gleichen Freiheiten und Qualitäten behält man wahrscheinlich nur, wenn man versucht, so viel wie möglich selbst zu machen. Ich denke, es geht gar nicht anders, in einem Indie- oder Punkrahmen größer zu werden und davon zu leben, als so. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es funktioniert, wenn man sich der großen Mechanismen bedient. Vielleicht geht‘s ja doch, aber für mich nicht.“Ihr habt ja zusammen mit den BEATSTEAKS in Berlin in einem Laden gespielt, in den man privat eventuell gar nicht gehen würde.Marten: „Ja, da haben manche Leute gemeckert. Aber wir spielen dann eben eine Woche später in einem Abbruchhaus nebenan. Diese Dualität ist wichtig.“Tobert: „Sicher ist das ein anderes Level und eine ganz andere Szenerie, aber in so einem Fall stelle ich diesen Anspruch von wegen ‚Scheißladen‘ nicht. Wir haben dort gespielt, weil wir mit den BEATSTEAKS spielen wollten und sie uns eigeladen haben.“Was kommen denn normalerweise für Menschen zu euren Konzerten?Marten: „Das ist ganz unterschiedlich. Vom derben Nietenkaiser bis hin zum Studenten ist da alles dabei.“ Peter: „Aber nicht das typische Deutschpunkpublikum, trotz deutscher Texte und Punkmusik.“Mit diesem Uffta-Uffta-Sound, der früher leider gleichbedeutend war mit deutschem Punkrock, habt ihr ja eh nichts gemein.Roland: „Für mich waren Bands wie SLIME oder CANALTERROR früher wichtig, und ich finde, dass Bands, die auch heute noch so einen Sound spielen, ihre Berechtigung haben. Ich würde mich selber zwar nicht so ausdrücken wollen, finde es aber sympathisch.“Jan: „Ich weiß gar nicht, wann wir das letzte Mal mit so einer richtigen Deutschpunk-Band gespielt haben. Ich kann mich noch an KÖTERKACKE aus Berlin erinnern, aber das ist auch schon wieder drei Jahre her.“Eure Einflüsse liegen eh nicht im klassischen Deutschpunk. Gerade Jans Gesang weckt doch immer wieder Assoziationen zu ANGESCHISSEN, DACKELBLUT und den anderen Bands, in denen Jens Rachut sang oder singt. Oder liegt das an der norddeutschen Herkunft?Marten: „Dabei vergessen viele Leute aber immer gerne, dass in Hamburg neben Jensen auch noch ein paar andere Leute wohnen, die schon vor DACKELBLUT so einen Sound gemacht haben, wie SHEEP ON A TREE, 3000 YEN oder TORPEDO MOSKAU.“Roland: „Deswegen haben wir auf unseren Platten ja auch Songs von denen gecovert, um diese Bands ein wenig aus ihrer unberechtigten Vergessenheit zu holen. Natürlich gibt‘s Ähnlichkeiten zu den genannten Bands, wobei ich doch finde, dass wir anders klingen. Ich würde ja MCLUSKY auch nicht vorwerfen, ein PIXIES-Abklatsch zu sein, nur weil sie ähnlich klingen. Mein Vater hat uns mal mit den TOTEN HOSEN und den ÄRZTEN verglichen, weil er eben sonst nichts kennt, was so ähnlich klingt. Wenn man nun nichts anderes kennt als DACKELBLUT, dann fällt einem auch nur dieser Vergleich ein.“Jan: „Es sind halt nicht nur drei Akkorde, es ist deutsch, es reimt sicht nicht immer und es ist ein bisschen aggressiver. Da wird die Auswahl an Bands, mit denen man vergleichen kann, recht eng.“Roland: „Ich finde aber doch, dass unsere Gitarren ganz anders klingen, dass Peters Schlagzeugspiel ganz anders ist und Jans Gesang ist zwar heiser, er keift und singt deutsch, aber er klingt nicht wie Jensen. Dessen Stimme ist außerdem einzigartig, den hörst du unter Tausenden hervor. Niemand klingt wie dieser Mann.“Tobert: „Ich finde das außerdem total an den Haaren herbei gezogen, einen bestimmten Sound mit einem Standort zu verbinden. Wenn sich jemand eine Hornbrille aufsetzt, einen Pony schneidet und mit der Gitarre schnullige Lieder singt, dann kann der auch in Indien sitzen und Britpop machen.“Wobei das aber auch mal eine englische Kolonie war ...
 
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TURBOSTAAT - Der Punk ist ein Meister aus Deutschland

Die Lieblinge jedes vernunftbegabten Punks in diesem Lande, die Flensburger Ausnahmeband TURBOSTAAT, meldet sich zurück - und hat mit ihrem dieser Tage erscheinenden dritten Album zum Sprung angesetzt, zum Sprung in eine andere Liga. Nicht zuletzt durch ihre Freundschaft mit den BEATSTEAKS, die ja bereits beim Major Warner unter Vertrag sind, versuchen sich nun auch die Nordlichter in der Königsdisziplin des Musikbusiness. Ein Drahtseilakt, mag manch einer sagen. Denn Szene-Skeptiker sehen, wie so oft, bereits schwarze, subkulturelle Gewitterwolken über einer der intensivsten deutschen Punkbands aufziehen ...Doch wer das neue Album gehört hat, wer die Texte bereits genießen durfte, der weiß: Der Untergang ist ferner denn je. Und getreu dem Motto "Augen auf und durch ... und dann weiter!", bleibt bei den sympathischen Jungs beruhigenderweise das komplette Schuhwerk mit Bodenhaftung gesegnet und letztendlich wurden dann doch lediglich die Vorteile eines finanziell hochpotenten und professionellen Partners genutzt. Die dennoch unvermeidlichen, immer gleichen, lästigen Fragen zu den Themen Ausverkauf, Veränderungen und Kompromissen beantworteten die mundfaulen Punker aus von ganz oben auf der Deutschlandkarte schon fast ungewohnt ausführlich und wie immer höchst liebenswert per E-Mail ..."Gleich gleich aber anders" - ein schönes Motto für TURBOSTAAT 2007, oder? Was ist gleich, was ist anders?Peter: Der Rahmen hat sich natürlich stark verändert, aber wir als Band uns eher nicht. Heißt: wir sind immer noch fünf Schlongos, die ihre Art von Punkmusik machen, durch die Gegend eiern und es lieben, Konzerte zu spielen. Wir kümmern uns nach wie vor um alle möglichen Dinge selber, haben kein Management und scheißen auf Koks und Nutten. Im Zuge der Veröffentlichung ist zum Beispiel der ganze Promokram extrem zeitintensiv und aufwendig. Vorher haben wir da nichts gemacht und auf einmal machst du jede Menge Interviews, ein Video, Promokonzerte, Internetsachen, Fotosessions ... Warner hat natürlich eine gut funktionierende Promoabteilung, die geben dementsprechend Vollgas und ballern uns ziemlich zu. Da die Leute dort sehr sympathisch sind, spielen wird dann auch größtenteils mit. Durch das größere Budget haben wir natürlich auch anders aufgenommen: Mit Produzent und einem längeren Berlinaufenthalt. Im Allgemeinen ist jetzt immer was los: man muss was entscheiden, auf den Weg bringen, hier her, da hin und an ach so wichtigen Events teilnehmen. Wird aber wieder ruhiger, wenn die Platte draußen ist ... hoffen wir zumindest.Erklärt doch mal eben, was es mit Same Same But Different, Warner und den BEATSTEAKS auf sich hat.Peter: Same Same But Different ist ein neues Label - Warner fungiert als Geldgeber. Die beiden Labelbetreiber heißen Torsten und Eric, beide sind auch Manager der BEATSTEAKS und Freunde von uns. Nebenbei machen der eine oder der andere auch noch das unclesally*s, das Label XNO, spielen bei SHE-MALE TROUBLE oder veranstalten Konzerte in Berlin.Und, gibt es schon Unkenrufe bezüglich des Quasi-Majordeals oder freut man sich mehr mit/für euch? Wie reagiert die doch immer eher skeptische "Szene"?Peter: Es ist noch verhältnismäßig ruhig. Man hat uns noch nicht an den Pranger gestellt. Vielleicht interessiert das einfach auch keinen mehr. Wir haben ja vor einiger Zeit angefangen, mal größere Konzerte zu spielen, mit den BEATSTEAKS hier oder Festivals da - da tauchten auch immer "Szeneleute" auf, also die, die du dann auch wieder oder sonst nur auf D.I.Y.-Konzerten triffst. Geht also alles. Auf der anderen Seite gab's dann auch mal "Ausverkauf"-Gästebucheinträge oder Kommerzgezeter. Wir sind ja keine Arschlöcher geworden, noch nicht, hähä, spielen nach wie vor, wo und mit wem uns das passt, gleiches gilt auch für das Plattenveröffentlichen - wo und mit wem uns das passt. In diesem Fall gute Freunde, was will man mehr?Was hat sich mit der neuen Platte an eurer Arbeitsweise geändert, wo musstet ihr angesichts der "Professionalisierung" umdenken, was läuft wie immer?Tobert: Ey, wir haben geübt bis zum Umfallen! Das ist eine Live-Platte und wir sind nicht besonders konstant. Ich denke, jetzt spielen wir aber wieder genauso beschisse wie immer, keine Sorge ...Ist das Ziel, die Musik als einzigen Lebensinhalt und Einkommensquelle zu etablieren, oder herrscht "einfach gucken, was geht" vor?Peter: Im Allgemeinen denkt man ja, jetzt hat die Band einen Majordeal, dann läuft dat schon. Das fette Leben beginnt, alles wird gezahlt und immer auf dicke Hose machen. Ist ja nicht so. Natürlich kommt zurzeit auch was dabei rum, aber um alle Jobs zu canceln, reicht es nicht. Du machst ja auch des Geldes wegen nicht jeden Scheiß mit. Um davon leben zu können, müssten noch wesentlich mehr Kompromisse und Zugeständnisse gemacht werden, und das stinkt ja bekanntlich irgendwann. Wenn wir wirklich extrem viel spielen und wesentlich mehr Leute ziehen, würde das eine Zeit lang sicher gehen. Aber dann - und jetzt kommen die "Lebensinhalte" - haste auch keine Zeit mehr für Familie, Kids - wir haben drei Väter in der Band -, Frunslüd, andere Bands und sonstige Aktivitäten.Eure Karriere weist ja durchaus Parallelen zu MUFF POTTER auf ... Erzählt mir nicht, dass man sich nicht kennt und im Blick hat, was die anderen so machen ...Peter: Doch, man kennt sich, aber im Blick haben? Da gibt es nichts contestmäßiges oder dicke Bandfreundschaft. Jeder macht sein Ding, ab und an läuft man sich übern Weg, gut ist.Aber sprechen wir über die Musik ... Viel INTERPOL gehört in letzter Zeit?Peter: Immer mal wieder, wenn die Zeit danach ist, und auch gerne SMITHS, DEPECHE MODE, Ted Leo, WIPERS, BELLRAYS, Chet Baker und und und ... Aber das jetzt als Einfluss herbei zu zitieren, ist ja eher doof.Ihr habt bei der neuen Platte mehr und andere Einflüsse zugelassen - warum, und welche?Marten: Uns sind keine Lieder mehr mit A-F und Viertel eingefallen. Also musste man sich zwangsläufig etwas anderes einfallen lassen. Letztendlich haben wir elf Lieder gemacht, die uns allen gefallen, und die dann aufgenommen.Tobert: Die Hörgewohnheiten jedes Einzelnen sind sehr verschieden. Wir sind pingelig mit allem, jedem möglichen Vergleich und Liedermachen bei TURBOSTAAT ist ein langwieriger und schwieriger Prozess. Ich denke aber, dass es dieses Mal zwar mit mehr Kompromissen pro Person, aber dadurch auch mit einer größeren Schnittmenge an Zufriedenheit pro Song, Plattenseite und Album gekommen ist.Die Musik ist, so empfinden wir das, etwas weniger ruppig, um nicht zu sagen glatter, aber die Stimme "dackelblutet" nach wie vor, man spricht eher, als dass man singt. War das nötig oder ist das einfach passiert?Marten: Ich empfinde das Ganze etwas anders. Die Platte ist doch wesentlich ruppiger als zum Beispiel die "Schwan". Wir haben uns jedenfalls bemüht, dass es mehr ballert. Jan singt so, wie er halt singt, und das ist doch ein wichtiger Teil von TURBOSTAAT.Was hat Moses Schneider mit euch gemacht? Ich denke mal, so ein renommierter Produzent nimmt eine Band ja irgendwie an die Hand.Tobert: So ein renommierter Produzent geht mit dir zum örtlichen Griechen Nachtisch essen oder headbangt permanent im Proberaum, trinkt Bier nach vier. Damit sich das nicht albern oder so anhört: für uns ist so was schon fast weltmännisch und verändert die Sichtweise auf vieles um Einiges. Will sagen, dass Moses' Herangehensweise, seine Gelassenheit und nicht zuletzt auch sein immenses Know-how - zum Beispiel Nachtisch beim Griechen - dazu beigetragen haben, dass wir jetzt so gut drauf sind. Es ist schwierig, mit uns ehrlich auf Du zu kommen. Moses nehm' ich Weihnachten mit zu meiner Oma.Marten: Moses hat uns gesagt, wir sollen mehr proben. Dann haben wir noch an ein zwei Teilen herumgedoktort. Außerdem hat er gesagt, dass wir live einspielen, in welchem Studio wir aufnehmen sollen und so weiter. Er hat uns in die Musik so gut wie gar nicht reingeredet, sondern eher einen Plan entworfen, wie man TURBOSTAAT live klingend auf Platte kriegt.Bitteschön, wer solche Sorgfalt auf seine "komischen" Songtitel verwendet, der muss auch mal was dazu sagen. Also, wer war/ist "Vormann Leiss"?Peter: Ist ein Seenotrettungskreuzer, der vor Nordstrand liegt. Das Lied selber hat indirekt damit zu tun.... und wer ist "Harm Rochel", was ein "Schalenka Hase"?Tobert: Harm Rochel ist ein Arbeitskollege meines Opas, Polizist a.D., er hat einen guten und sehr besonderen Namen. Schalenka darf ich nicht verraten, gehört zu den geheimen Zutaten unseres Nichtkönnens ..... "Ja roducheln"?Tobert: Roduchelsdorf, ist Jahre her, irgendwo in der Pampa, wir haben sehr gelacht und lange, länger als bei der Entscheidung für einen Titel für dieses Lied. Manchmal liegt das Glück auf deinen Füßen, Alta ..."Hau ab die Schildkröte" ...Tobert: Spiel mal "Mario Brothers" zu zweit, Digger.... ficken Hunde Vögel, oder wie kommt es zu "Haubentaucherwelpen"?Tobert: Nee. Sach ich nich.Wann etabliert ihr endlich die Turbostaatjugend? Und wie sieht die Uniform aus?Peter: Geschissen sieht die aus. Turbostaatjugend braucht kein Mensch.Tobert: Turbojugend auch nicht. Gibt doch schon Schützenvereine.Im Vorfeld des Albums gab es eine vegetarier- und straightedgerfeindliche Kutterfahrt auf der Ostsee. Sollte da die Presse verschaukelt und ihre Standfestigkeit getestet werden oder was?Peter: Es gab lecker Essen in Form von Hot Dogs und Getränke, ein paar Hände voll geladener Pressefuzzies, und man schlug sich tapfer auf der stürmischen Ostsee. So sieht das aus, wenn Promoleute aktiv werden, da ist für alles gesorgt. Wir haben uns sehr wohl gefühlt und einen schönen Tag gehabt - der eine oder andere sicherlich auch einen dicken Kopp.Und zum Schluss erklärt ihr bitte noch, was euch da oben, als norddeutsche Quasi-Dänen, vom Rheinländer und dem ganzen Pack von südlich des Mains unterscheidet ... Lustig reden tut ihr jedenfalls.Marten: Ähh ... gar nichts vielleicht? Bis auf die in Göttingen reden doch alle irgendwie lustig. Aber du hast Recht: Wir sind die Lustigsten.
 
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TURBOSTAAT - Die Chaoten übernehmen das Ruder

TURBOSTAAT-Platten sind der Soundtrack für geistige Strandspaziergänge. Graues Meer, klare Luft, einsame Nordseestrände, Wolkenmassen so hoch wie einst das WTC und kalter Wind, der dir ins Gesicht bläst. Etwas klischeehaft, könnte man sagen, dass auch die bisherigen vier Platten so was wie die treuen Freunde sind, die immer dann am besten wirken, wenn das Wetter um einen herum rauher wird. Das Bild vom Soundtrack für die bewegte See passt auch beim neuen Album „Das Island Manöver“ noch gut. Die Veränderungen beim zweiten Album der Flensburger auf einem Majorlabel sind nicht so gravierend, als dass man sich als langjähriger Fan beschämt wegdrehen oder sich auf die Suche nach einer neuen Lieblingsband machen müsste. Aber kleine sympathische Veränderungen gibt es trotzdem, ohne die wär’s ja auch langweilig. Was sich geändert hat, hat Marten, TURBOSTAATs Sänger und Hauptliederschreiber erzählt.Lass uns über die neue Platte reden. Das Erste, was mir aufgefallen ist, war der Titel: „Das Island Manöver“. Der hat mich recht stark an den alten 3000 YEN-Song „U-Boot-Manöver“ erinnert. Hat der was damit zu tun, ihr habt den Song ja auch mal gecovert?Ehrlich gesagt steckt da gar nichts hinter. Das eine Lied heißt ja auch „Island Manöver“ und unser Trommler sagte mal – die Songs haben bei uns ja noch keine Titel, wenn wir sie im Proberaum spielen – „Lass doch dieses Island Manöver spielen“, und dann wussten wir auch alle, um welches Lied es geht. Und von da an hieß es „Das Island Manöver“.Funktioniert das bei euch öfter so, dass ihr im Proberaum seid und beim Proben diese etwas seltsamen Songtitel entstehen?Ja, entweder so oder man kalauert sich einen zusammen, dann wird das Lied so genannt. Für mich steckt da keine Absicht hinter. Ich hab ja früher immer die Texte geschrieben und dazu keine Titel. Es war halt immer so ein Band-Ding, was alle zusammen machen, die Titel dazuzufeuern. Also hat das mehr so einen sozialen Charakter als einen künstlerischen.Wo wir gerade beim sozialen Charakter sind: Ihr habt euch ja diesmal ganz zielstrebig zurückgezogen und euch, im Gegensatz zu den früheren Platten, ganz gezielt über einen bestimmten Zeitraum fürs Songwriting zusammengesetzt. Was war der Unterschied in der Herangehensweise im Vergleich zu den vorherigen Platten?Na ja, vorher haben wir über die Jahre immer geprobt und zwischendurch immer wieder Lieder gemacht, sie auch live gespielt und dann irgendwann eine Platte aufgenommen, wenn wir zwölf Lieder zusammen hatten. Diesmal haben wir es umgekehrt gemacht, wir haben quasi den Produzent und alle anderen angerufen und gesagt: Im Sommer nehmen wir die Platte auf. Ohne ein einziges Lied zu haben. Und haben uns dann ein halbes Jahr rangesetzt und die Lieder dafür gemacht, und nach zwei Monaten hatten wir immer noch kein fertiges Lied – so ging es dann weiter.Meinst du, man hört den Unterschied der neuen Songwriting-Methode im Vergleich zu den Songs, die ihr sonst so kleckerweise zusammengebracht habt?Das würde sich für einen Journalisten natürlich unheimlich schön anhören, wenn ich das so beschreiben könnte. Aber ich weiß es nicht. Ich bin ganz schlecht darin, darüber ein Urteil zu fällen. Eine Bandentwicklung kann ich natürlich raushören, wenn ich alle vier Platten hintereinander höre und kann auch sagen, was da passiert ist ...Dann schieß mal los.Man spielt viel besser. Man geht anders an die Songs ran, wenn man sie schreibt. Man achtet auf viel mehr Sachen, wenn man die Lieder im Proberaum zusammenbastelt. Früher hat eigentlich jeder das gemacht, wozu er Lust hatte, das macht er zwar heute auch noch, aber heute achtet er mehr auf zum Beispiel Einsätze, oder ob das wirklich spielbar ist oder sonst was. Und es wird auch immer schwerer.Aber eigentlich doch nur, wenn man nicht immer das Gleiche spielen will. Es gibt ja auch Bands, die spielen immer dasselbe und da passiert halt nichts mehr.Okay, an dem Punkt waren wir jetzt eigentlich auch, weil wir diese Musik in konzentrierter Form auf der letzten Platte schon hatten. Das war quasi das, was uns alle verbunden hat. Da mussten wir diesmal etwas raustendieren, weil wir sonst die gleiche Platte noch mal geschrieben hätten.Wenn man jetzt mal von der Weiterentwicklung ausgeht – wäre denn vor fünf Jahren oder so ein Song wie „Fünfwürstchengriff“, in dem ja ein Drumcomputer, so ein TRIO-Beat, vorkommt, bei TURBOSTAAT überhaupt möglich gewesen?Gerade das Lied ist halt so eine Sache, das haben Jan und ich bei mir zu Hause in fünf Minuten zusammengeklöppelt. Und dann hat es seinen Weg auf die Platte gefunden. Das war ganz überraschend für mich. Wir haben tunlichst drauf geachtet, dass unser Trommler nicht arbeitslos wird, und wenn wir es live spielen, achten wir auch drauf, es in anderer Form zu spielen. Das ist so ein Lied, an dem sich die Geister in der Band scheiden, so ein Rührtitel. Mit „Rührtitel“ meine ich, dass jeder eine andere Vision von dem Song hatte. Jeder zerrte und riss an diesem Lied rum und am Ende ist es das geworden, was es ist. Die Entwicklung von dem Song ist aber eigentlich noch nicht zu Ende.Würdest du sagen, dass ihr beim „Island Manöver“ innerhalb der Band mehr diskutiert habt, in welche Richtung die Songs gehen sollen?Wir haben schon immer viel diskutiert. Diesmal war es eigentlich weniger. Wir haben uns mehr über die Sache an sich unterhalten, als viel zu debattieren. Wir haben eigentlich mehr über technische Sachen geredet, also wie man zum Beispiel in einen bestimmten Refrain reinkommt oder so was. Einfach weil die Zeit kurz war, das heißt, du musst zu Ergebnissen kommen, und das ist eigentlich ganz hilfreich, weil wir uns sonst auch gern mal tot diskutieren und alles wegschmeißen.Es gab ja schon frühere Termine für das Interview, aber dann sind immer Verzögerungen wegen des Abmischens aufgetaucht – was war denn da los?Das ist ganz lustig, weil das viele bei uns noch nie erlebt haben. Unser Mischer, Philipp Hoppen, der hat die Platte auf einer digitalen Konsole digital gemischt. Und dann wurden die Singles noch mal neu gemischt, das macht man ja meistens so. Die wurden aber analog gemischt. Jetzt war der Unterschied so gravierend, dass wir gesagt haben: Oh, das hört sogar ein Laie, den Unterschied zwischen digital und analog. Dann hat die Plattenfirma noch mal Geld locker gemacht und Philipp hat das Ganze noch mal in einem analogen Studio gemixt. Wir waren dann sehr glücklich, dass wir die Platte im analogen und digitalen Mix vorliegen haben und man so einen Vergleich hat. Das Digitale klingt total gut, Philipp hat einen sehr guten Mix gemacht, aber im Vergleich zum analogen kommt es dir ganz klein vor. Wenn du nach der analogen die digitale Version hörst, dann merkst du erst mal, wie reduziert das ist, das ist ganz abgefahren.Du hast gerade gesagt, die Plattenfirma hätte noch mal ein bisschen Geld für den zweiten Mix losgemacht. Das hört sich so an, als wäret ihr ganz zufrieden damit, auf einem Majorlabel zu sein. Es gibt ja recht viele Punkbands, die machen bei einem Major eine Platte und dann sind sie auch schon wieder weg vom Fenster. Das ist jetzt eure zweite – was macht ihr anders?Das weiß ich nicht. Ich könnte nicht sagen, dass ich denen was krumm nehmen könnte. Die lassen uns einfach machen. Die tragen natürlich auch jede Menge Sachen an uns heran, die für einen Punker absonderlich klingen, etwa ob man bei diversen Fernsehshows auftritt oder so was. Was die Leute jetzt sehen, ist ja nur das, was wir machen. Wenn sie die 90% sehen würden, die wir ablehnen oder gegen die wir uns ganz strikt verwehren, wäre die Meinung auch ganz anders. Aber das ist eben die Aufgabe vom Label, die ticken da halt auch anders und haben sich darauf eingelassen, solche Chaoten wie uns ans Ruder zu lassen, und dann müssen sie damit klar kommen.Aber müsst ihr denn jetzt auch vermehrt Interviews geben bei „genrefremden“ Magazinen?Na ja, die kommen ja nicht vorbei und betteln um ein Interview. Da gibt’s ja Freelancer die fragen an und dann kommt das vielleicht in die Coupé, Gala und Praline, haha. Wenn überhaupt. Meist ist ja auch „Copy & Paste“ der Autor.Hast du eigentlich einen Lieblingssong auf „Island Manöver“?Nee, wir haben jetzt ein bisschen drüber geredet, was wir denn auf der Tour von den Songs spielen, und wir wollen eigentlich keinen von den neuen Songs auslassen. Daran rühren wir gerade, weil man ja nicht alle spielen kann.Ich hab ja bei den Texten von TURBOSTAAT oft das Gefühl, dass die manchmal recht mehrdeutig sind und nicht so ganz leicht verständlich. Ist es denn Absicht, dass es manchmal etwas kryptisch bleibt?Nee, das ist es nicht. Ich setze mich nicht hin und denke, dass ich jetzt ein Lied gegen Atomkraft schreiben möchte und überlege, wie ich das jetzt besonders hübsch verpacken kann, damit auch keiner versteht, dass ich gegen Atomkraft bin. So ist es nicht. Ich versuche mich auszudrücken. So wie’s in den Textheften steht, lässt es wohl auch eher durchblicken, wie grauenhaft kompliziert ich denke. Es geht schon darum, dass man sich gewissen Themen nähert. Ich mag halt nicht dieses plakative Eindeutige, dieses Führertum. Es geht mir darum, Gedanken in Gang zu setzen. Dahinter steckt jetzt aber kein Konzept oder großer Masterplan.Wie schnell geht es denn bei dir beim Texteschreiben?Unterschiedlich, ganz unterschiedlich. Es gibt Texte, die sind innerhalb von fünf Minuten runtergeschrieben, und andere, da saß ich dann immer mal wieder über Monate dran. Zum Beispiel „Fünfwürstchengriff“, das ist innerhalb von fünf Minuten entstanden, inklusive Text und Musik. Während ich für den Song „Island Manöver“ ganz viele Versuche gebraucht und über Monate immer wieder was dazu geschrieben habe.Im Ox ja gibt’s ja auch immer eine Kochecke, bei der es zum Rezept auch immer einen Musiktip gibt. Wir machen das jetzt mal andersrum. Wenn man „Das Island Manöver“ hört, was sollte man dabei kochen?Oh, jetzt wird’s schlimm. Wahrscheinlich irgendwas Deftiges, Grünkohl und Pinkel oder so. Man kann das ja auch mit vegetarischem Kasseler und viel Räuchersalz machen, das habe ich früher auch gemacht.
 
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TURBOSTAAT - Geld, Angst, Stinkefinger!

Getreu Toberts Jahresmotto 2013 „Nur weil man nicht weiß, wer die Rechnung bezahlt, darf man nicht aufhören, geile Sachen zu machen!“ haben TURBOSTAAT sich im September 2012 in das Hamburger Clouds Hill Recordings-Studio begeben, um den Nachfolger von „Das Island Manøver“ einzuspielen, erneut mit Moses Schneider. Erneut ohne neues Label. Der von der Szenepolizei seinerzeit argwöhnisch beobachtete Wechsel zum Major Warner Music hat nach zwei Alben sein reguläres Befristungsende erreicht. Was bleibt, sind Eindrücke und Erfahrungswerte, die der Band sicherlich nicht geschadet haben, weswegen man sich „ohne Groll oder schlechte Gefühle“ von dem (neben Sony und Universal) weltweit größten Majorlabel getrennt hat.Da war sie also wieder, diese seltsame Situation, ohne Plattenvertrag dazustehen, genau wie 2004, als Schiffen Records die Segel strich, wenn auch aus anderen Gründen und irgendwie/eigentlich/definitiv gar nicht vergleichbar. Dennoch markiert die damalige Situation für die Musiker den endgültigen Übergang vom Indie zum Major und von semi- zu professionell, was sich vor allem darin äußert, dass die Musiker tatsächlich seitdem von der eigenen Musik leben können, wenn auch nicht zwingend durch die Plattenverkäufe, sondern eher durch die kontinuierlichen Konzerttourneen. Geld und Zeit spielen deswegen logischerweise immer eine große Rolle. Musikmachen und Produzieren sind ja per se recht teure und aufwendige Hobbys, doch zwischenzeitlich wollen auch fünf Familien mit mittlerweile acht Kindern wohlernährt werden – nix mehr mit blau an der Küste! Zumal TURBOSTAAT zwar ursprünglich aus Husum stammen, aber mittlerweile schon seit Jahren in Flensburg (Roland, Peter, Jan) beziehungsweise in Berlin (Marten) und Hamburg (Tobert) beheimatet sind. Da aber der Proberaum immer noch in Schleswig steht und der auch nach wie vor gerne und häufig frequentiert wird, ist Zeit eben auch ein wesentlicher Faktor in der aktuellen Entwicklungsphase.In unklaren existenziellen Situationen ist Angst ein steter Wegbegleiter, mitunter auch ein schlafraubender Paranoiaverstärker, immer aber ein verdammt schlechter Ratgeber. Es bedarf einer gehörigen Portion Mut und Überzeugung aller Besatzungsmitglieder, mit dem Flaggschiff wieder in See zu stechen und bei einem neuen, kleineren Label einfach weiter zu machen und: vielleicht tut das auch weh?! Nee, nicht wirklich! Es ist wohl eher so, dass der Schmerz in Freude umschlägt, wenn man weiß, dass der Kapitän wieder Moses Schneider ist. Auch die Sorgenwolken über dem eigenen Kopf verdampfen und lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn das Studio erst mal gebucht ist und man mit seiner Band eine zehntägige Materialschlacht ausleben darf. Um die Köpfe frei zu bekommen und die Angst rauszuschreien. Und um die eigenen routinierten Formate zu sprengen, um zu experimentieren, sich zu entwickeln und vor allem um das schöne alte Clouds-Hill-Equipment in diesem urgemütlichen Studiokomplex an der Elbe in Hamburg-Rothenburgsort auch gebührend seinem eigentlichen Daseinszweck zuzuführen, nämlich dem Musizieren. Am Ende der Aufnahmen kamen alle Beteiligten zu der Erkenntnis, dem ewigen Suchen, der ewigen Angst und den ewigen Arschgeigen den Stinkefinger zu zeigen und alles in eine Hand zu geben, und somit Clouds Hill den vollständigen Zuschlag über Vinyl und CD zu erteilen.Sich neu erfinden brauchen TURBOSTAAT nicht. All ihre Platten besitzen einen durchgängigen, wiederkehrenden Stil, der dem Hörer Verlässlichkeit bietet, ohne ihn mit Selbstplagiaten zu langweilen. Mittlerweile färbt ihr Einfluss auf zig andere deutschsprachige Punkbands ab. So wie sie selbst früher mit anderen Bands verglichen wurden, zieht man sie heute als stilbildende Referenz heran: das gelingt nicht vielen Bands! 2000 das erste Tape in 500er Auflage rausgehauen, darüber Kontakt zu Jürgen Schattner von Rookie Records bekommen, der sich nicht nur um einen geeigneten Vertrieb kümmerte, sondern auch Olaf Evers von Schiffen Records mit ins Boot holte. 2001 erscheint „Flamingo“ also bei dem Label, welches bereits DACKELBLUT und ANGESCHISSEN im Programm hatte: nicht nur ein gefühlter Ritterschlag für die Musiker, sondern auch ein großer Schritt vorwärts in die Öffentlichkeit beziehungsweise Szene, die es erfreut zur Kenntnis nahm: endlich eine neue deutschsprachige Punkband mit intelligenten Texten, ohne platte Parolen, leere Floskeln und blödem Gehabe. Zwar mit klar erkennbaren Einflüssen, aber eigenständig genug, um Identifikation zu schaffen. Außerdem viel getourt, wie sich das gehört ... Das zweite Album „Schwan“ erscheint 2003. Zwischenzeitlich hatte sich Schiffen Records aus dem aktiven Labelgeschäft zurückgezogen. Ohne Label nahm man die Songs „Haubentaucherwelpen“ und „Pingpongpunk“ auf und tourte weiter fleißig durch die Lande, bis sich eine Liaison mit den befreundeten BEATSTEAKS ergab, welche in dem fulminanten „Frieda und die Bomben“ gipfelte. Endlich, nach vier Jahren und mit Hilfe dieser Berlin-Connection fanden TURBOSTAAT in Same Same But Different (Warner Music) den richtigen Partner zur richtigen Zeit und veröffentlichten 2007 das herausragende „Vormann Leiss“, welches erstmals mit Moses Schneider aufgenommen wurde und der Band großes Airplay beschert hat. 2010 veröffentlicht man „Das Island Manøver“ und legt der CD noch eine Bonus-DVD des bis dato größten TURBOSTAAT-Konzertes im Berliner SO36 bei. Es folgen Auftritte bei größeren Festivals, parallel dazu bespielt die Band weiterhin die kleinen Clubs und Läden der Republik und manifestiert ihren äußerst guten Ruf bezüglich der Intensität ihrer Konzerte.Aktuell schreiben wir das Frühjahr 2013 und TURBOSTAAT veröffentlichen ihr fünftes Album. Wieder komplett live eingespielt und weitestgehend analog aufgenommen. Fünf Mann in einem Raum, bereit Neues zuzulassen, ohne das Alte zu verhindern. Natürlich hört man die Einflüsse – „Stadt der Angst“ ist voller Zitate, bewussten und unbewussten. Das fängt beim Coverartwork an und zieht sich durch alle 15 Songs, aber dazu mehr im Interview mit meinem gut gelaunten Interviewpartner Tobert.Tobert, bei „Das Island Manøver“ hattet ihr euch mit einer Deadline absichtlich terminlich unter Druck gesetzt. Im Nachhinein hast du die Produktion dieser Platte als „Klotz“ und „Koloss“ beschrieben. Ist „Stadt der Angst“ dementsprechend ein Befreiungsschlag für euch?Ja, insofern, als dass man begreift: man braucht keine Angst mehr vor Kolossen zu haben. Es ist wie bei David und Goliath: wenn du den Dicken einmal umgeknallt hast, schaffst du es auch immer wieder. Aber einfacher wird es wirklich nicht, überhaupt nicht. Gerade dieses ganze Selbermachen, in Form von D.I.Y. mit kleinem Label, bringt eine Menge Mehrarbeit mit sich.Ihr benutzt mit „Stadt der Angst“ eine starke Metapher.Ich weiß nicht, wie das bei den anderen ist, aber ich finde, dass Zustände wie Angst und Paranoia mitunter schwer zu begreifen sind und deswegen durch textliche Abstraktion etwas fassbarer werden. Eine Stadt der Angst sollte man jedenfalls meiden. Generell ist es aber natürlich auch einfach so, dass das Kind einen Namen braucht. Nach „Schwan“ hat man gemutmaßt, die nächste Platte würde „Reiher“ heißen, hahaha! Der Begriff „Stadt der Angst“ fiel einfach irgendwann bei den Proben und Moses meinte sofort: „Das ist ein krasser Titel!“ So einfach ist das.Ihr veröffentlicht „Stadt der Angst“ als Doppel-LP: unterscheiden sich die Seiten konzeptuell?Nein, inhaltlich dreht sich „Stadt der Angst“ um ein Thema. Außerdem ist die D-Seite als Bonus zu sehen. Regulär hat das Album nämlich zwölf Songs in der CD-Version beziehungsweise 15 Songs in der Amazon-Edition, aber 15 in der Vinylversion. Das heißt, du kaufst diese Doppel-LP, zweimal 180 g-Vinyl, mit einem 12“-Booklet und einem 7mm-Rücken und du hast für die mp3s keine Mehrkosten, weil die Platte als CD und die Bonustracks als Download-Code beiliegen. Das ist uns ein Anliegen, mit dem wir auch die tendenziellen CD-Käufer reizen wollen: kauft doch lieber Vinyl. Vinyl ist und bleibt das einzige relevante Format, um Musik zu veröffentlichen! Klar haben wir zum Beispiel bei der Erstellung der Tracklist auch die CD-Variante im Hinterkopf, aber diese Band besteht aus Vinylliebhabern: wir denken unsere Platten immer mit einer A- und einer B-Seite, wir denken immer in Schallplatten. Und dass es jetzt ein Doppelalbum geworden ist, hat einfach damit zu tun, dass wir mit zehn Liedern eigentlich schon am Limit des Pressbaren waren. Und sich dann ausgerechnet „Fresendelf“ oder einen anderen Song abzusparen, nur um Einzelvinyl veröffentlichen zu können, wollten wir uns vom Album nicht diktieren lassen. Dann machen wir lieber zwölf Stücke über drei Seiten und pressen auf die vierte Seite die Bonussongs, die sonst wahrscheinlich nie das Licht der Welt erblickt hätten.Das Coverartwork ist sehr reduziert, was im krassen Gegensatz zu den bisherigen Layouts und deinem doch recht hohen Kreativoutput steht. Du arbeitest ja nicht nur beim Artwork der Alben mit, sondern beteiligst dich auch bei den ganzen Designs für das Merchandise und so weiter.Eigentlich reduziert dieses Design alles, was ich gut finde, auf die wichtigsten Bestandteile, nämlich die Lieder: ich finde Schrift beziehungsweise Typografie ungeheuer wichtig. Das analoge Fotografieren und Setzen dieser Buchstaben auf dem Cover hat Philipps Frau Julia Hoppen gemacht, die Fotografin ist. Wir kamen während der Mixingphase dazu, uns intensiver mit der Covergestaltung auseinander zu setzen. Ich hielt es für eine gute Idee, ein Artwork zu machen, das nicht so plakativ ist wie „Das Island Manøver“, sondern Fragen offen lässt. Außerdem passiert in dem Textheft grafisch eine Menge.Ursprünglich wolltet ihr mit eurem Stammproduzenten Moses Schneider bei Clouds Hill nur aufnehmen, jetzt seid ihr dort unter Vertrag und veröffentlicht bei den Hamburgern Vinyl und CD.Johann als Eigentümer und Pascal als Labelmanager von Clouds Hill sind gute Freunde von mir, die Liebhaber-Musik veröffentlichen und ein hervorragendes Studio mit altem Vintage-Equipment besitzen. Der Studioaufenthalt war ein lang gehegter Wunsch von mir. Primär ging es mir darum, meine alte Band einmal in Ruhe dabei betrachten zu können, wie sie etwas macht, das ihr gefällt. Ich kenne die Örtlichkeiten sehr gut, ich bin in diesem Studio schon oft gewesen und es gefällt mir da sehr, sehr gut. Außerdem waren wir – wie immer– ordentlich vorbereitet, alle Songs waren vor dem Studioaufenthalt fertig. Und es ging hier nicht um wirtschaftliche Hintergedanken, sondern einzig und allein um Musik. Außerdem ist Warner Music ja auch kein Punk-Label. Und es war mir dann auch egal beziehungsweise es war vollkommen zweitrangig, wie die sonstige Künstlerpalette von Clouds Hill aussieht. Wir waren einfach in der Situation, dass wir autark und ohne Management dasaßen und uns immer wieder fragten: „Warum machen wir es nicht einfach alles zusammen?“ Während der Aufnahmen dort fiel uns nämlich immer wieder auf: wir haben hier gerade eine super Zeit. Generell konnte man bei Moses und seinem Engineer Max – so wie bei allen anderen Anwesenden – permanent so eine Glückseligkeit in den Augen sehen: wir haben da gelebt, es war die totale Entspannung und man konnte sehen, wie es allen gut ging. Da kommt man dann auch in so einen Zustand, wo man sagt: „Manchmal sollte man nicht glauben, dass das alles so gehört.“ Also dachten wir uns: „Hey, da nebenan, dreißig Meter weiter im Büro sitzt ein Label, das Platten rausbringt. Fuck it! Wir gehen dahin! Wir machen das jetzt hier!“ Im Endeffekt ist es doch so: man nimmt eine Platte auf und muss zusehen, dass man das bezahlt bekommt, dass diese Platte aufgenommen wurde. Und man muss sehen, dass diese Platte irgendwie an den Mann gebracht wird. Das macht man mit einem Label. Da ist der kurze Weg, der sich angeboten hat, doch nachvollziehbar. Wir haben zwei Jahre an dieser Platte gearbeitet und während dieser Zeit hat kein Label ernstzunehmendes Interesse angemeldet. Klar fragen Warner Music, was wir so machen, aber bei einer Band wie TURBOSTAAT ist es auch klar, dass wir niemals soviel verkaufen können und auch nie so groß werden wie BILLY TALENT oder die BEATSTEAKS.Die ganze Platte hat eine hohe atmosphärische Dichte und einen warmen Raumton. Gerade der fette Schlagzeugsound beim Opener „Eine Stadt gibt auf“ hinterlässt einen bleibenden Eindruck.Genau deswegen hat Moses gesagt: „,Eine Stadt gibt auf‘ muss die erste Nummer auf der Platte sein“. Es freut mich tierisch, dass jemand wie du, der sich die Musik leidenschaftlich anhört und Bock drauf hat, das auch so empfindet. Du hattest mir ja schon im September gesagt, dass dir beim „Island Manøver“ die poppigen Elemente nicht so gut gefallen haben. Aber ich verstehe mittlerweile, was du meinst. Es gibt einfach unterschiedliche Arten, wie man so was verursachen kann: Variante 1 ist die artfremde, bei der man sich selbst komisch vorkommt und denkt: „Oh Mann, was machen wir denn hier?“ Oder Variante 2, wo man dem Song folgt und sich treiben lässt, dann vielleicht sogar dreistimmig, wenn es denn dann trotzdem voll auf die Fresse ist ... Also, mein jetziger Eindruck vom Album ist schon, dass da poppige Elemente drauf sind.Ja, stimmt schon. Und ausgerechnet diese Melodien bleiben mir im Kopf. Auf einmal summe ich den Refrain von „Fresendelf“, wahrscheinlich weil die Nummer so eine enorme Tiefe entwickelt.Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass dir ausgerechnet „Fresendelf“ so im Kopf hängen bleibt. Weil das ja eigentlich ein todtrauriges Lied ist ...Und beileibe nicht so ein Punkrocker wie zum Beispiel „Psychoreal“, bei dem mir übrigens natürlich das „Youth of America“-Zitat von den WIPERS aufgefallen ist.Das hast du gemerkt!?Ihr habt noch mehr Zitate: THE CLASH, THE SMITHS ...Was klingt denn da nach SMITHS?Bei „Snervt“ die Gitarre, der Auftakt, das Schlagzeug!Echt? Das findest du „smithig“, das ist ja interessant ...„Psychoreal“ und „Sohnemann Zwei“ klingen experimenteller als alles, was ihr bisher gemacht habt.„Psychoreal“ ist das letzte Lied, das wir für die Platte geschrieben haben. Marten und ich saßen im Proberaum in Schleswig, nachts, kurz vor Vollendung von allem, wir haben da gepennt und rumgehangen und dieses Songschreiben wirklich sehr intensiv erlebt. Mir ist zum Beispiel dieser lange Instrumentalpart bei „Psychoreal“ sehr, sehr wichtig, weil man da TURBOSTAAT bei etwas beobachten kann, das sie normalerweise nie tun, nämlich total aus dem Format rudern. Dass da einfach mal rumgekrautrockt wird und dass Noise gemacht wird. Und wenn Marten dann spontan „Youth of America“ von den WIPERS zitiert, dann ist das eben so. Ich finde es traumhaft, solche Zitate zu benutzen und eventuell Leute dazu zu inspirieren, mal wieder eine WIPERS-Platte aufzulegen.Ihr habt ein paar Songs, bei denen ihr den Klang des Studioraums als Effekt benutzt habt.Das Witzige ist, wir wollten in diesem tollen analogen Studio eine ganz räumliche Platte machen, aber Moses Schneider hat gesagt: „Ist ja super Jungs, aber ihr seid so laut, dass wir immer ein Slapback, quasi ein kurzes Echo, im Raum haben. Wir nehmen jetzt einfach noch lauter auf, so laut, dass wir den Slapback nicht mehr hören.“ Deswegen geht dann in den leisen Passagen der Raum auf und man hat den Eindruck, man wäre ganz nah dran, so wie bei „Sohnemann Zwei“. Wir haben da außerdem noch einen anderen entscheidenden Trick benutzt, aber den verrate ich nicht ...Bei „Sohnemann Heinz“, das man ja schon von den letzten Konzerten und „ZDFneo-Paradise“ kannte, ist mir aufgefallen, dass ihr euch am Ende des Stückes um Peters Schlagzeug versammelt und die Schlussstrophe im Chor singt. Das kommt recht konspirativ und verschlossen rüber. Wollt ihr das genau so nach außen demonstrieren?Klar, wir sind so eine typische Gang; das wird ja auch von außen so wahrgenommen. Wir fahren immer mit dem gleichen Merchandiser, immer mit dem gleichen Lichtmann, immer mit dem gleichen Soundmann, wir wechseln keine Bandmitglieder aus, wir sind halt das, was wir sind, und das schon ganz schön lange ...Und ihr habt keine Roadies ...Wir haben keine Roadies, stimmt. Obwohl, da kann ich dir nicht versprechen, dass sich das nicht irgendwann ändert, falls sich mal jemand von uns den Rücken kaputt haut oder so ... Jedenfalls: das Singen am Ende von „Sohnemann Heinz“ hat mit dem Text zu tun. Am Ende des Liedes heißt es: „Wir ziehen weiter als der Sieg, das ist keine Ende für den Krieg, das ist kein Ende ...“. Und das eigentliche Ende des thematischen Fadens dieses Albums findet man dann in „Sohnemann Zwei“, nämlich: „Der Krieg ist nie vorbei!“ Jans Stimme setzt sich ultraklar durch und wird zusätzlich gelegentlich mit Filtereffekten verziert. Habt ihr wieder alles live eingespielt?Ja, wir haben alles live mit Gesang aufgenommen, nachträglich aber zum Beispiel noch Backing-Spuren eingesungen. Für den Gesangssound hat Jan ein altes RCA-Radiomikrofon aus den Fünfzigern benutzt und bei ein paar Gesangsstellen auf dem Album haben wir Entenmikrofone als Effekt benutzt.„Tut es doch weh“ ist ein klassischer Mutmachersong, der davon handelt, sich von Existenzängsten freizumachen, was übrigens eins zu eins auf meine aktuelle berufliche Situation passt. Klasse Nummer!Auf unsere berufliche Situation passt das auch eins zu eins – schon immer! Die Platte war aufgenommen und wir wussten immer noch nicht, wo die rauskommt. Das war alles nicht so easy diesmal und keiner konnte sich entspannt zurücklehnen. In dem Song geht es um ein Kernthema, nämlich um uns.Einige Songs handeln von Altern, Krankheit und Abschied. Ein Thema, das uns früher oder später alle betrifft. Ich meine „Alles bleibt konfus“ und „Fresendelf“.Wie ich dir hier so gemütlich zuhöre, wird mir bewusst, dass die Vermutung, die ich die ganze Zeit bezüglich des Albums habe – und du bist der Erste mit dem ich darüber rede –, wahr ist, dass es nämlich relativ klar in den Liedern unsere Intentionen transportiert, was mich gerade ziemlich beeindruckt, weil ich bisher das Gefühl hatte, dass die Texte sehr oft schon sehr verschlüsselt waren. Aber dieses Mal geht’s nicht um einfache Dinge, sondern um klare Sachen ...Haha, sehr witzig! Das mit der Verschlüsselung ist doch eure ureigene Kryptik, wer soll das denn wissen? Dass „Harm Rochel“ der Name von einem Arbeitskollegen deines Opas war, habe ich im Ox-Archiv gelesen, wie sollte man da auch sonst drauf kommen?Ich meine das Inhaltliche in den Texten. Man kann in Texten ja Gefühle sehr direkt transportieren, ob nun A.C.A.B. oder was anderes. Und ich hab einfach das Gefühl, dass Marten zu einer klareren Sprache gekommen ist. Auch wenn ich zum Beispiel bei „In Dunkelhaft“ den Eindruck habe, dass der Text und die Stilistik sich auch gut auf Alben wie „Flamingo“ oder „Schwan“ integrieren ließe. Ein Gegensatz quasi, sozusagen ein Marten-Oldschool-Text, der dann natürlich irgendwie auch wieder verschlüsselt ist.Wie werdet ihr das Ganze live umsetzen? Spielt ihr die ganze Platte beziehungsweise wird es reine „Stadt der Angst“-Auftritte geben?Oh, das ist schwierig ... Am liebsten würde ich alle neuen Lieder spielen, aber es wird wohl eine Mischung aus alten und neuen, weil die Platte ja gerade erst veröffentlicht wird und keiner im Publikum die Lieder kennt. Allerdings erwischt du mich zu einem Zeitpunkt, wo ich darüber noch nicht groß nachgedacht habe, mir sind beide Ansätze allerdings vertraut. Ich bin großer Fan davon, wenn beispielsweise DINOSAUR JR. auf Tour gehen und nur die „Bug“-Platte spielen. Ich finde so was großartig. Uns macht insgesamt unsere Unterschiedlichkeit aus und wir befinden uns in einer wahnsinnig verrückten Situation: vier Alben waren schon viel, fünf Alben sind jetzt mal richtig viel für uns. Und ganz ehrlich: die Aussicht, zum Beispiel „Fraukes Ende“ deswegen nicht live zu spielen, ist genauso wenig verlockend wie zweieinhalbstündige Konzerte.
 
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TURBOSTAAT - Eine kleine konstitutionelle Monarchie

„Deutscher Punk, der alles kann!!! Ich kack auf euch alle da draußen, die Promofloskeln wie ,Missing Link zwischen DACKELBLUT und MUFF POTTER‘ dazu benutzen, dieser Kapelle ihre Eigenständigkeit absprechen zu wollen. Texte, die Tränen treiben, mitten aus dem Leben, aus dem Herzen, in die Eier leider auch, aber Mann will das ja so ... Wut, Ohnmacht, Resignation, Revolution... “ So sprach ein gewisser Jörkk Mechenbier, damals (Ex-)Praktikant, heute LOVE A-Krakeeler, 2001 in Ox #44 zu „Flamingo“, dem TURBOSTAAT-Debüt. 15 Jahre später sind Jörkk wie TURBOSTAAT immer noch aktiv, und anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums der Nordlichter sprach ich (nicht Jörkk) mit Jan und Marten.Beim Hören des neuen Albums packte mich ein Song ganz besonders, weil er so seltsam und eigenwillig ist. Ich meine „Eisenmann“ – und will deshalb von euch gleich zu Beginn wissen, was es mit dem auf sich hat.Marten: Der „Eisenmann“ war für uns ein Experiment. Wir proben ja immer in Schleswig, es gibt bei uns den Flensburger Teil und jene, die von außerhalb kommen und irgendwo übernachten müssen. Wenn die „Einheimischen“ zu Hause sind, proben die Auswärtigen abends weiter, und da entstand dieser Song, der irgendwie gar nicht zu TURBOSTAAT passte. Wir spielten den dann aber doch mal alle zusammen, und erst war es komisch, dann machte es Spaß.Jan: Den Schlagzeug-Beat brachte Peter irgendwann an, und der war es, der mich überzeugte.Was ist so anders an „Eisenmann“ und was macht den „typischen“ TURBOSTAAT-Sound aus?Marten: Unsere Songs sind immer vollgepackt: zwei Gitarren spielen durcheinander, der Bass spielt noch irgendwas, das Schlagzeug scheppert so laut, wie es kann. Wir sind immer mit einer gewissen Lautstärke, so einem gewissen Drängen unterwegs. Und bei „Eisenmann“ gibt es plötzlich sehr viele Pausen, was für uns sehr schwer zu spielen ist. Zu warten, sich zurückzuhalten, bis man wieder einsetzen darf, das fällt uns schwer. Da wird man plötzlich unsicher und wackelig, schaut sich zu den anderen um.Jan: Für mich war der Song eine ganz neue Erfahrung, da musste ich mich erstmal herantasten. Wir nahmen den erstmal mit und irgendwann war es dann ein TURBOSTAAT-Lied. Es brauchte viel Üben, bis wir uns mit dem wohlfühlten.Wird einem bei der Gelegenheit also bewusst, wie krass und laut eine Band wie TURBOSTAAT letztlich ist? Für unsereins ist das alles ja normal, aber um im normalen Radio gespielt zu werden, ist das dann doch zu extrem.Marten: Spätestens wenn Jan anfängt, den ersten Satz zu brüllen, steigt der normale Radiohörer aus. Wir wissen also, dass unsere Musik nie im Formatradio laufen wird. Das ist aber nicht schlimm, das war ja schon immer so und wird auch diesmal nicht passieren.Ihr habt euch 1999 gegründet, 2001 erschien das erste Album „Flamingo“. Euer Sound war damals neu, doch im Vergleich mit vielen neuen, jungen Bands von heute merkt man, dass die auch schon wieder zwei, drei Schritte weiter sind – und gleichzeitig oft das entscheidende Stück glatter und radiotauglicher. Jetzt seid ihr die Alten.Jan: Gefühlt gibt es uns wirklich schon ewig lang, und ich habe eben damals viel ANGESCHISSEN und BLUMEN AM ARSCH DER HÖLLE gehört. Vielleicht wären später dann DACKELBLUT sogar im Radio gelaufen, wenn der Rachut nicht so viel geschimpft hätte. Diesen Sound gibt es schon ewig lang, und auch wir reproduzieren in gewisser Weise nur, wobei wir uns auch weiterentwickelt haben und mittlerweile selbst als Referenz genannt werden. Wobei ich das mal mehr, mal weniger nachvollziehen kann. Und wenn es andere Bands ins Radio schaffen und damit reich werden, dann freut mich das für die.Wo stehen TURBOSTAAT? Gefühlt schon ewig dabei, die Musik zum Beruf gemacht – oder doch eher mit der Haltung, dass es ein Leben neben und nach der Band geben wird und muss?Marten: Für mich persönlich ist es nie wirklich eine Frage gewesen, wo und wofür wir stehen. Wir haben immer schon eine Band gemacht und nebenher irgendwas anderes, um die Miete bezahlen zu können. Jetzt sind wir älter, die meisten von uns haben Kinder, und man muss sich eben irgendwie durchpuzzlen. Das hat erst mal weniger mit Gelderwerb, Perspektiven oder Zukunft zu tun, sondern es ist einfach das, was man immer schon macht. Solche Fragen werden zwar immer wieder an einen herangetragen, aber sie kommen nicht aus dem Innern. Jan und ich spielen zusammen in einer Punkband, seit wir 13 oder 14 sind, für uns hat sich nicht viel verändert. Man macht das halt so, da wurde nichts hinterfragt. Dass man irgendwann von der Musik leben konnte, das hat man nicht gesucht, das hat sich so ergeben und das ist ja auch gut, denn sonst würde man jetzt vielleicht in einem Kiosk jobben oder irgendwo im Büro sitzen. Stattdessen kann man das jetzt ... lassen, haha.Jan: Für mich war es nie ein bewusster Karriereschritt zu sagen, ich mache jetzt Musik. Man hat das eben gemacht, dann wurde es mehr, wir konnten mit TURBOSTAAT immer mehr live spielen, und ich hatte einen Vollzeitjob, wo ich es meinen Kollegen irgendwann nicht mehr antun konnte, ständig auf Tour zu sein – was zur Folge hatte, dass die für mich einspringen mussten. Irgendwann kam der Moment, wo ich sagen musste, dass das nicht mehr geht, und seitdem versucht man als sogenannter Musiker durchzukommen. Anfangs fühlte sich das merkwürdig an, dann relativ normal, und jetzt macht man das halt so und hofft, dass das noch eine Weile so weitergeht. Wir denken von Konzert zu Konzert, und das gefällt mir an dieser Band. Gelernt habe ich Erzieher und ich arbeitete dann auch zehn Jahre lang in der Heimerziehung, mit viel Schichtdienst und eine Woche durcharbeiten. Ich fand den Job okay, aber das ging irgendwann einfach nicht mehr. Ich fand es damals gut, mit Anfang dreißig noch mal was Neues machen zu können, wobei meine Eltern das anfangs nicht so toll fanden, aber mittlerweile haben die verstanden, dass es die richtige Entscheidung war. Marten hingegen macht schon sein ganzes Leben lang Musik.Marten: Nein, ich hab auch mal Zivildienst geleistet. Aber das war’s dann auch, ich habe nie gearbeitet. Ich war nie kompatibel mit der Arbeitswelt.Was du jetzt machst, ist also keine Arbeit?Marten: Natürlich ist das keine Arbeit. Okay, du musst auch was machen und dich bei gewissen Dingen anstrengen, und manchmal muss man Sachen tun, die einem nicht so gefallen, etwa ganz lange im Bus sitzen, bis man am anderen Ende der Republik ist, um da zu spielen. Oder Fotos machen, das bringt ja auch alles keinen Spaß. Aber zum meisten von dem, was ich mache, würde ich nicht sagen, dass das Arbeit ist. Man strengt sich manchmal an und ist abends auch mal kaputt, aber was ich mit Arbeit verknüpfe, dass man etwas fremdbestimmt tut und irgendwohin zitiert wird, das ist das, was ich mache, nicht. Wenn du das freilich Arbeit nennen willst, dann stört mich das nicht, und für das Finanzamt ist das auch Arbeit. Für mich ist das einfach, was ich tue – Arbeit ist etwas Schlechtes, wo man hin muss, aber nicht hin will.Denkt man anders, wenn man so lebt wie ihr? Wenn man viel rumkommt, viel sieht, ständig Neues und neue Menschen kennen lernt? Oder anders gefragt: Kommt die Dumpfstimmung, die sich gerade in Deutschland so ausbreitet, davon, dass Menschen nicht über ihren Tellerrand hinausblicken?Marten: Das könnte sein. Man hat in manchen Aspekten einen anderen Blick auf die Dinge, denke ich.Die Frage zielt auf „Der Wels“ ab, ein Stück, in dem offensichtlich um die PEGIDA-Demos in Dresden geht.Marten: Das Ganze ist so eine Art Spottgedicht auf diese ganze Geschichte. Man steht da, schaut sich das an und kriegt es nicht zu packen, was die eigentlich wollen. Die Leute sprechen zwar die gleiche Sprache, doch ich habe nicht die Chance, sie zu verstehen. Das ist für mich Fantasy-Kram, was die da reden, totaler Quatsch. Ich kann auch nicht verstehen, wie irgendein Politiker sich dazu hinreißen lassen kann, sich hinzustellen und zu sagen, man müsse diesen Leuten zuhören. Dazu bin ich nicht in der Lage.Jan: Zum Glück habe ich in meinem Bekanntenkreis auch Leute, die nicht Musik machen und nicht ein Leben haben, wo sie jeden Tag eine andere Stadt sehen, und auch die denken wie ich. Ob es den Leuten da in Dresden guttun würde, mal ein bisschen zu reisen? Ich sage pauschal mal ja. Andere Eindrücke zu bekommen kann helfen, aber ob das was an dieser Hass-Stimmung, in der die sich ja wohlfühlen, ändern würde, das weiß ich nicht. Jeder sucht sich seinen Weg aus, auch in Sachsen.Wie hat der Wels seinen Weg in das Lied gefunden? Der ist, das weiß ich seit einer arte-Doku neulich, eine invasive Fischart aus dem Donau-Delta. In Flüssen und Seen, wo es anderen Fischen nicht mehr gefällt, kommt der sehr gut klar und breitet sich weiter aus, wird immer größer.Marten: Der Wels ist da drin wegen dieses dummen Kalauers: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ wird da zu „Ist der Wels zu Gast bei Eulen“. Wie schon gesagt, das soll wie ein Spottgedicht sein. Das mit der invasiven Art, das wusste ich nicht, aber das finde ich super, das werde ich beim nächsten Interview direkt anbringen. Der Text bezieht sich eben auf dieses „Sommermärchen“, diese „neue deutsche Art“, diesen neuen Patriotismus, damit wollte ich so spöttisch wie möglich umgehen. Mich stört dieser seit Jahren laufende neurechte Trend, von wegen: „Ich bin kein Nazi, ich bin ein Patriot.“ Auf der letzten Platte hatten wir schon was zu dem Thema gesagt, aber da schüttelten alle den Kopf nach dem Motto: „Lass sie doch“, doch jetzt sieht man die Auswirkungen dieser Tendenzen, dieser Rechts-Links-Gleichmacherei, in Form dieses neuen Patriotismus.Ist es euch eine Herzensangelegenheit, zu so einem Thema Stellung zu beziehen, Flagge zu zeigen?Marten: Natürlich ist es uns eine Herzensangelegenheit, jeder weiß ja, woher wir kommen. Über diese Themen reden wir immer wieder. Aber ganz direkt Stellung zu beziehen finde ich immer so U2-mäßig, das können andere viel besser als wir. Aber wenn wir ein Soli-Konzert spielen können, um Geld für eine Sache, die uns gut gefällt, zu sammeln, dann machen wir das gerne. In den Texten kommen solche Themen vor, weil sie uns bewegen – nicht weil man unbedingt Stellung beziehen will.Jan: Vom Gefühl her wäre es cool, jeden Tag ein Soli-Konzert zu spielen, aber das funktioniert ja nicht. Aber wenn wir wie neulich in Flensburg zwei Tage für die Flüchtlingshilfe spielen, dann mache ich auch mal eine längere Ansage und erzähle, was mich bewegt. Aber vor jedem Lied eine Texterklärung mit Zeigefinger, das mag ich nicht. Glücklicherweise wissen die Leute bei unseren Konzerten ja sowieso meist, worum es geht, wofür wir stehen. Wenn ich so schaue, was für Leute bei uns vor der Bühne stehen – das hätte uns wahrlich schlimmer treffen können. Als Musiker sehe ich mich aber nicht in einer Vorbildrolle, verspüre nicht den Drang, die Leute mit irgendwelchen Posts belehren zu müssen.Weil alle Menschen, die TURBOSTAAT hören und mögen, gute Menschen sind?Jan: Nein, sicher kann man sich nie sein. Ich kann mich an eine Situation auf einem Festival erinnern, wo ein junger Mann richtig abgefeiert hat, doch dann hielt er bei „Sohnemann Heinz“ plötzlich seinen Bundeswehrausweis hoch und zeigte uns den Mittelfinger. Beim nächsten Song feierte er uns wieder total ab. Der kannte uns auf jeden Fall, und das war schon eine komische Situation. Ähnlich ist das bei Facebook, da bekommt man schon auch mal mit, dass Menschen, die man vom früher kennt, irgendwelche Artikel posten, bei denen man sich fragt, warum die das tun. Das passiert fast jeden Tag, gerade beim Thema Flüchtlinge.Ein finsteres Thema ... was mich zu eurem Coverartwork bringt: Ist es da, wo ihr herkommt, wirklich so düster?Marten: Ja, da sieht es immer so aus.Jan: Wir laufen auch immer als so neblige Gestalten herum. Den Norddeutschen kriegst du nie gegriffen. Warum dieses Cover? Weil uns so was gefällt, weil wir denken, dass es gut zur Platte passt. Und weil die entsprechende Idee da war mit dieser verzerrten Optik und wir Schwarzweiß sowieso mögen. Als ich einem Freund das Cover zeigte und ein paar Lieder vorspielte, sagte der, dass das insofern passt, als man nichts Klares bekommt, man die Lieder ein paar Mal hören und sich seine eigenen Gedanken machen muss. Wir würden Texte ja sowieso ungern erklären und dazu passe das verschwommene Cover gut. Das hat mein Freund gesagt, ich weiß es nicht. Für mich ist das Cover eine rein optische Sache, ich sehe da keine Verbindung zu den Texten oder einem Konzept.Marten: Das Artwork stammt von Stefan Weyer, einem Freund von uns, der auch in einer Band spielt – bei LOVE A nämlich. Der hat das gesamte visuelle Konzept ausgearbeitet. Das Foto hat ein anderer Freund von uns geschossen, Andreas Hornoff, und die beiden haben das dann umgesetzt. Wir haben immer nur genickt und gesagt, ja, das gefällt uns sehr gut.Jan: Er war ein Glücksgriff in der Situation, als es hieß: „Aber ihr braucht ja noch ein Cover!“ Ja, nur noch das Cover, verdammte Scheiße ... Unser Bassist Tobi ist in so was sehr gut, hatte aber nicht den Kopf, sich darum zu kümmern, und da kam das Gespräch auf Stefan, den wir schon lange als Freund kennen. Einige Backstage-Gespräche später kam er mit seiner ersten Idee an, und die schlug gleich ein – aus Verzweiflung oder weil es gut ist? Ich finde es einfach gut, was er da gemacht hat. Ein Glücksgriff.Ist es also wichtig, im Umfeld Menschen zu haben, von denen man sich, die Band betreffend, verstanden fühlt? Die sich reindenken können?Jan: Das ist total wichtig.Marten: Überhaupt ist es wichtig, im Umfeld einen Haufen Menschen zu haben, die einen unterstützen. Große Bands können alles kaufen und bezahlen, was sie brauchen, die kaufen sich Talent ein, und das können wir natürlich nicht. Wir sind darauf angewiesen, dass Freunde was für uns tun und wir denen im Gegenzug wieder bei irgendwas helfen.Einer, der euch versteht, ist wohl auch Moses Schneider, euer Produzent. Was muss der verstehen, was wollt ihr nicht erklären müssen, wenn ihr mit jemandem arbeitet?Marten: Dass er uns versteht, davon gehe ich aus. Das läuft vor allem auf der menschlichen Ebene. Neben seinen Fähigkeiten, was Visionen und Sound angeht, sieht er sich eher in einer Trainerfunktion. Er hält in der Aufnahmesituation den Laden zusammen. Ich nehme an, du hast eine Idee, wie Menschen, die zusammen Musik machen, manchmal ticken – da kommt es schon mal zu verschiedenen Meinungen. Da ist dann ein Typ, der von außen reinkommt, echt wichtig. Der versucht, mit uns zusammen alles, damit das läuft. Das ist seine Hauptkompetenz. Und dass er versteht, dass manche von uns sich im Studio per se nicht wohlfühlen. Er aber schafft es, dass die sich öffnen und nachher ganz locker sind. Das ist seine große Aufgabe.Und was muss er bei euch musikalisch verstanden haben?Jan: Er holt uns einfach da ab, wo wir sind. Der schraubt ja nicht groß an unseren Liedern rum, gibt nicht Anweisungen à la „Das muss alles umarrangiert werden und dann läuft das auch im Radio“ oder so. Moses ist erstmal Fan einer Band, der findet okay, was wir machen, und wenn er bestimmte Teile nicht versteht, etwa warum in einem Song eine Brücke ist, dann sagt er das, und dann fällt einem auch selbst erst auf, was man da gemacht hat. Er hat einfach eine gute Art zu kommunizieren, er schafft es, Dinge auf den Punkt zu bringen, die einem vorher selbst nicht klar waren.Marten: Der kommt zu uns in den Proberaum, nimmt sich ein Bier und bleibt zwei, drei Tage. Er hört zu und wir reden viel. Da bekommt er schnell mit, was für Stimmungen existieren, da ist er sehr sensibel. Und er hat eben eine Menge Erfahrung, er tut das seit Mitte der Achtziger. Er macht sich immer ein Bild der ganzen Situation, hört sich die Lieder an und was wir so quatschen, und sagt dann, was er davon hält, was für ein Flair die einzelnen Songs für ihn haben. Nachdem er im Proberaum war, sagte er dann, das Album müssten wir im Hansa-Studio aufnehmen und Peter Schmitt müsse das mischen. „In nur fünf Tagen an historischer Stelle aufgenommen“, heißt es im Presseinfo. Fünf Tage sind wenig für ein Album. Ging es einfach so schnell, oder musste es so schnell gehen?Marten: Wir sind immer gut vorbereitet. Wenn wir ins Studio gehen, sind die Lieder gut eingeübt und werden dann „nur noch“ zusammen eingespielt, wir alle in einem Raum. Meistens dauert das nicht länger als fünf Tage, und diesmal eben auch. Außerdem hatten alle ihre Termine, es musste also so oder so schnell gehen. Allerdings wurde der Gesang anderswo in Ruhe aufgenommen, und wenn man irgendwo ein Klavier brauchte, dann wurde das auch später erledigt. In diesen fünf Tagen im Studio entstand also nur die reine Live-Aufnahme der Band, das Herzstück der Platte.Sucht man nach „Abalonia“, findet man ein Hotel mit diesem Namen, aber sonst nicht viel – außer dass es der Name einer „konstitutionellen Monarchie“ sein sollte, die 1966 irgendwelche Typen auf dem Felsarchipel Cortez Bank weit vor der Küste von San Diego errichten wollten. Warum also „Abalonia“? Marten: Hahaha, seit es Google gibt, finden Leute immer irgendwelche Sachen raus. Erst das mit dem Wels als invasive Art, jetzt diese „konstitutionelle Monarchie“ – das hätte mir gefallen, wenn ich das vorher gewusst hätte. Unsere Wahl des Titels hat allerdings einen ganz unspektakulären Hintergrund: Die PIXIES haben Demos aus der „Doolittle“-Phase veröffentlicht, und da ist das erste Demo von „Debaser“ drauf. Da singt Frank Black die ganze Zeit dieses Wort, er nutzt so lautmalerische Füllwörter, „Abbalauuuuniaaaa“ singt er, und wir haben uns darüber total bepisst. Es ist ein schönes Wort, und als ich beim Googlen nur dieses Hotel fand, haben wir das Wort genommen. Die „Abalonia“-Songs ... in den Worten von Jan und MartenRuperts GrünJan: Unsere Oper, meine Oper.Marten: Es war klar, dass das der erste Song der Platte wird, weil er so programmatisch ist. Dieses klassische Stück, das dann in der Mitte umkippt in etwas anderes.Der ZeugeJan: Das erste Lied, das mich während der Entstehung des Albums so richtig mitgenommen hat.Der WelsJan: Ich liebe Marten für die Textzeile mit der Oper.Marten: Echt?Die ArschgesichterJan: Ich muss immer an Flensburg denken.Marten: Ich auch.WolterJan: Neues Terrain, fühlte sich nach sechs Wochen gut an.Marten: Für mich war das instant-super, ich war sofort hin und weg, als wir das machten.EisenmannJan: Ich bin gespannt.Marten: Mir gefällt das. Das ist krass, der Mischer meinte immer wieder: „Müsste da die Stimme nicht leiser sein?“ Ich finde das gut so, wie Jan da losbrüllt.TotmannknopfMarten: Das war das letzte Lied, das wir für die Platte gemacht haben, eine Woche bevor es ins Studio ging.GeistschweinMarten: Das Lied ist ein kaltes Biest geworden.Jan: Moses’ Worte dazu waren: „Das ist ein total geiles Lied, aber ich habe keinen Bock, das jetzt direkt noch mal zu hören.“Die TotenJan: Geile Snare!AbaloniaMarten: Das ist aus einem Problemkandidaten entstanden. Wir haben die ganze Zeit versucht, ein Lied zu spielen, das keinen begeistert hat, und dann stellten wir über Nacht alles um und plötzlich machte es „Bumm!“ und auf einmal war alles da, auch der Text. Das hatte lange Zeit verrottet in der Proberaumecke gelegen. DiskografieFlamingo (LP/CD, Schiffen, 2001) • Schwan (LP/CD, Schiffen, 2003) • Beatsteaks vs. Turbostaat (CD, Warner, 2005) • Haubentaucherwelpen/Pingpongpunk (7“, Schiffen, 2006) • Harm Rochel (7“, 18Null9, 2007 ) • Vormann Leiss (LP/CD, Same Same But Different, 2007) • Das Island Manøver (LP/CD, Same Same But Different, 2010) • Stadt der Angst (LP/CD, Clouds Hill, 2013) • Alles bleibt konfus (7“, Clouds Hill, 2013) • Abalonia (LP/CD, PIAS, 2016) Schiffen hieß das Label von Olaf und Kay, auf dem die frühen TURBOSTAAT-Platten erschienen sind (in Zusammenarbeit mit Rookie), wie auch die von DACKELBLUT, OMA HANS und ANGESCHISSEN. Seit Jahren erscheinen zwar keine neuen Platten mehr, die Platten werden aber weiterhin gepresst und sind erhältlich. (schiffen.de ) Timeline1999: Aus verschiedenen Einzelprojekten geht im Jahr 1999 die Band TURBOSTAAT hervor. Von nun an und für immerdar besteht die Husumer Gruppe aus Jan (Gesang), Marten, Rotze (beide an den Gitarren), Tobert (Bass) und Peter (Schlagzeug).2001: Nach einem ersten Promotape mit einer Auflage von 500 Stück im Jahr zuvor erscheint 2001 das erste Album „Flamingo“ beim Hamburger Label Schiffen, in Zusammenarbeit mit Rookie Records und Flight 13.2003: Auch der zweite Longplayer „Schwan“ wird via Schiffen/Rookie veröffentlicht.2004/2005: Die Begeisterung für TURBOSTAAT macht auch vor den BEATSTEAKS nicht Halt. Auf Initiative der Berliner kommt es zur Arbeit an einem Cover des FU MANCHU-Songs „Hell on wheels“, das mit einem deutschen Text und unter dem Titel „Frieda und die Bomben“ auf einer gemeinsamen Split-Single erscheint.2006: Mit der 7“ „Haubentaucherwelpen/Pingpongpunk“ verabschiedet sich das Label Schiffen und TURBOSTAAT stehen vor der Aufgabe, sich nach einem neuen Label umsehen zu müssen.2007: Dank der guten und freundschaftlichen Verbindungen mit den BEATSTEAKS landen TURBOSTAAT letztendlich beim Warner-Sublabel Same Same But Different. Der Wechsel zu einem Majorlabel sorgt für Diskussionen. Das dritte Album „Vormann Leiss“ erscheint und ist zugleich die erste Kollaboration mit dem BEATSTEAKS-Produzenten Moses Schneider. Es folgen Touren im Vorprogramm der BEATSTEAKS sowie von THE GASLIGHT ANTHEM.2010: Die Zusammenarbeit mit Warner scheint zu beiderseitiger Zufriedenheit zu verlaufen und so erscheint das vierte TURBOSTAAT-Album wieder auf Same Same But Different. Der Titel „Das Island Manøver“ lässt wie immer Raum für Interpretationen.2013: Zuverlässig drei Jahre später erscheint beim neuen Hamburger Label Clouds Hill „Stadt der Angst“. Der D.I.Y.-Philosophie noch immer treu verbunden, spielen TURBOSTAAT das Album in nur fünf Tagen live im labeleigenen Studio ein.2014: Um das 15-jährige Bandbestehen gebührend zu zelebrieren, geht die Band auf große Doppelkonzerttournee. Unter dem Motto „15 Jahre 2 Abende 63 Lieder“ sind TURBOSTAAT in der zweiten Hälfte des Jahres in Deutschland unterwegs und geben an jeweils zwei aufeinanderfolgenden Abenden (fast) alle bisher veröffentlichten Stücke zum Besten.2015/16: Erneut unter einem neuen Dach, diesmal dem des Hamburger PIAS-Labels, wiederholen TURBOSTAAT die offenbar erfolgreiche Methode und spielen innerhalb von nur fünf Tagen das neue Album „Abalonia“ im Berliner Hansa Studio ein. Ab März werden TURBOSTAAT dann auch endlich wieder live zu erleben sein.
 

Reviews

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #124 / Kalle Stille

Abalonia

Nur bei sehr wenigen Bands verfolge ich die Entwicklung über Jahre hinweg mit gleichbleibender Neugierde und Spannung. Einige verabschieden sich aus dem Fokus, weil sie einem irgendwann ein bis zwei Stinker als Platten untergejubelt haben, die seinerzeit als wegweisend angepriesen wurden, um später wieder kleinlaut zu den bewährten Mustern zurückzukehren.Nicht so TURBOSTAAT, die 2001 mit „Flamingo“ das erste Mal in der Stadt waren und seitdem, auch bei ihrem kurzzeitigen Major-Aufenthalt, keine Scheibe abgeliefert haben, die Stillstand vermittelte oder aber zukünftig irgendwann als misslungenes Experiment unter den Teppich gekehrt werden müsste.Weiterentwicklung war hier stets Bestandteil und wirkte nie entfremdend. „Abalonia“ setzt diese tadellose Reihe fort, ist unverkennbar TURBOSTAAT, die sich wieder einen Schritt weiter gewagt haben, textlich wie musikalisch.Über die komplette LP-Länge gesehen ist das Album ein klein wenig ruhiger, dafür vielschichtiger, breiter, tiefer, um in den richtigen Momenten daran zu erinnern, wo sie herkommen und tief im Herzen und vor allem im Kopf immer noch stehen.Der Grundtenor ist ein düsterer, morbider, bei dem der Tod in vielen Stücken eine zentrale Rolle einnimmt. Alles dreht sich um Verfall, Flucht, überfällige Umbrüche, die erst stattfinden, wenn es längst zu spät ist, und letzten Endes um die Ankunft im fiktiven „Abalonia“ (das ich mit dem Spiel interpretiere, bei dem ein Spieler den anderen vom Spielfeld drängt).Gäbe es für Musik eine Farbe, ist das Grau des Covers die perfekte Wahl, ebenso wie das verschwommene Motiv für die poetischen, komplexeren Texte steht, die nur dann ein klares Bild ergeben, wenn man es sich selber zusammensetzt.Bestes Beispiel ist für mich „Der Wels“, der die Fragen stellt, die man sich monatelang in der Aufarbeitung des Vorabends am Dienstag einfach stellen musste. TURBOSTAAT verarbeiten die Geschehnisse, die gesellschaftlichen Zustände der letzten zwei, drei Jahre als Ganzes, ganz ohne Parolen, auf einer für die Band textlich völlig neuen, sprachlichen Ebene, bei der ein Haudrauf-Sound völlig fehl am Platze wäre.Wäre es nicht gelungen, würde ich an dieser Stelle „ambitioniert“ schreiben, was unterschwellig immer ein Scheitern beinhaltet, aber es ist gelungen, darum keine verklausulierte Einschränkung.Aufgenommen wurde einmal mehr alles analog, mit der großen Liebe zu altem Gerät, mit bewährtem Team an einem Ort, für dessen Besuch manche bereit wären, eine Straftat zu begehen. Am Ende hinterlässt Album Nr.6 einen in einer dunklen Stimmung, aus der man seine eigenen Schlüsse ziehen kann (und muss). Wer unbedingt etwas zu nörgeln sucht, bitte sehr: Warum erscheint eine Herbstplatte im Januar? Vielleicht weil mittlerweile das ganze Jahr Herbst ist, 365 Tage lang.Großartig!

 

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #90 / Gary Flanell

Das Island Manöver

Eine neue TURBOSTAAT-Platte ist wie ein ... Na, wie was denn? Zumindest keine Anbiederung an bräsigen Indie-Quatsch, der dem Erfolgsdruck des Majorlabels folgen will. Sieht so aus, als könnten die Flensburger weiterhin gut mit dem großen Vertragspartner umgehen.„Das Island Manøver“ legt auf alle Fälle eindrucksvoll los. Der Opener „Kussmaul“ baut eine massive dunkle Unwetterwand aus Gitarren-Noise auf, die sich brachial im Laufe des Songs bricht.Was danach kommt, kennt man von TURBOSTAAT, und doch gibt es diese kleinen Veränderungen, die sich nach und nach herauskristallisieren. Der Elektro-Beat von „Fünfwürstchengriff“. Das ausgedehnte Intro vom Titelsong.„Urlaub auf Fuhrferden“ mit diesem wahnsinnig guten Refrain, mit dem man sich irgendwann guten Gewissens von dieser Welt verabschieden könnte Die erste Single, „Pennen bei Gluffke“, ist musikalisch und textlich nicht der gefälligste Song und gerade deshalb ein Prachtstück, auch wegen des großartigen Videos.Ich war nie der Die-hard-TURBOSTAAT-Fan, aber jetzt haben sie mich. Diese Platte läuft seit Wochen immer wieder durch mein Leben. Beabsichtigt war das nicht, aber auch nicht zu ändern. Abschließende Manöverkritik: Natürlich machen TURBOSTAAT immer noch diese Dinge, die sie schon immer so gut beherrschten, also die kleinen verzweifelten, melancholischen Gemütszustände in eine unkitschige derbe Schale verpacken.Rauh, stürmisch, manchmal wortkarg, aber nie peinlich. Dafür ausgereifter und durchdachter als früher. „Früher hätte es das nicht gegeben“ geht mir durch den Kopf. Aber zum Glück jetzt. Danke nach Flensburg.

 

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #44 / Jörkk Mechenbier

Flamingo LP/CD

Die Labelkombination lässt einen gleich ahnen, mit was man es zu tun bekommt... Bei den Herren hinter den Plattenrausbringerfirmen handelt es sich schliesslich nicht um gänzlich unbeleckte Musikvertreiber, sondern um alte Hasen, schlaue Füchse und glückliche Händchen. Heraus kommt dabei: die beste Scheibe seit... ewig! Deutscher Punk, der alles kann!!! Ich kack auf euch alle da draussen, die Promofloskeln wie "Missing Link zwischen DACKELBLUT und MUFF POTTER" dazu benutzen, dieser Kapelle ihre Eigenständigkeit absprechen zu wollen. Texte, die Tränen treiben, mitten aus dem Leben, aus dem Herzen, in die Eier leider auch, aber Mann will das ja so... Wut, Ohnmacht, Resignation, Revolution... Klar ist man mit oben genannten, gedropten Namen auf der richtigen Fährte, und Freunde der beiden genannten "Erwachsenen-Punkbands" kommen natürlich auch vollkommen auf ihre Kosten. Statt allerdings den "abgekuckt/geklaut" Terminus breitzutreten, bin ich eher dafür, den Flensburgern hoch anzurechnen, dass sie die beste deutsche Musik aller Zeiten spielen und die bis dato existierenden besten deutschen Musiken konsequent weiterentwickeln und verfeinert haben. So, die Herren Nagel und Jensen, jetzt heisst es dick nachlegen, vielleicht 'ne MUFF HANS/ OMA POTTER-Split??? Aber Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft und steigert die Qualität, also harren wir der Dinge, die da kommen und hören solange "18.09 Uhr, Mist, verlaufen..."!

 

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #75 / Kalle Stille

Harm Rochel 7"

Die Auskopplung aus der Platte, die auch als Video schon auf einem der heruntergekommenen Musikkanäle ganz früh am Morgen lief (wenn dort noch Musik gesendet wird und noch nicht in fremden Schubladen gewühlt wird oder Fuffy Fuffy die Rückentwicklung menschlicher Paarungsrituale visualisiert). Eingängiges Stück, das auch auf der letzten Platte hätte sein können. Die zwei Songs der B-Seite sind etwas, na ja, "unfertig", obwohl es sich offenbar um Fremdkompositionen handelt. (6)

 

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #67 / Kalle Stille

Haubentaucherwelpen 7"

Mit dieser EP verabschiedet sich ein Label, das nach der Einstellung des Oma Hans-Betriebes offenbar seinen Lebenswillen verloren hat. Schade eigentlich, denn solange es noch Bands wie TURBOSTAAT gibt, die die Tür des Schiffen-Labels mit ihrer "Haubentaucherwelpen"-7" zuschließen, lohnt es sich doch, ein Label zu machen. Nun gut, nicht meine Entscheidung. Drei Songs, wobei nur zwei vollwertiger Natur sind, auf gewohnt hohem Level. Der Titelsong ist ein großer, den man gehört haben sollte ... und dabei auch noch beeilen, denn soweit ich weiß, ist dieses kleine Stück Vinyl auch noch limitiert. (08/10)

 

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #54 / André Bohnensack

Schwan CD/LP

Ich fang mal ganz doof an: Das erste TURBOSTAAT-Album von 2001 hieß bekanntlich "Flamingo" und das Cover zierten eben einige Exemplare dieser Tierart. Das neue, ebenfalls wieder in Zusammenarbeit von Rookie Records und Schiffen veröffentlichte nennt sich "Schwan", aber auf dem Cover ist eine - überaus kitschige, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf - Rose zu sehen. Warum? Wo bleibt da die gnadenlose Kontinuität, die bei der Musik doch auch gewahrt wurde? Wäre ich ein böser Mensch, würde ich sagen: "'Schwan' klingt genauso wie 'Flamingo'". Da ich aber erstens ein netter Mensch bin, zweitens so eine Behauptung Blödsinn ist und ich mir anmaße, dass ich wenigstens ein bisschen was von Musik verstehe, kann ich versichern, dass die Songs auf "Schwan" denen auf "Flamingo" zwar nicht wirklich unähnlich, eher sogar ziemlich ähnlich, aber neu und eben typisch TURBOSTAAT sind. Und wenn es eine Band geschafft hat, sich einen ganz eigenen Stil zusammenzuklauen, äh, zu entwickeln natürlich, warum sollte sie diesen nicht auch pflegen und weiter gedeihen lassen? Mir sind ein Dutzend Songs, die sich sofort in mein Hirn fressen jedenfalls lieber als Experimente, die sich auch wie solche anhören. TURBOSTAAT klingen auf "Schwan" immer noch typisch norddeutsch - wenn auch wahrscheinlich niemand wirklich beschreiben kann, wie denn nun genau "norddeutsch" klingt - und sind musikalisch immer noch ein Bastard aus MUFF POTTER und DACKELBLUT oder ANGESCHISSEN oder den sonstigen Bands, in denen Jens Rachut gesungen hat. Wobei nicht vergessen werden sollte, dass MUFF POTTER ihre Einflüsse von Bands wie SAMIAM oder JAWBREAKER nie verheimlichen konnten und wollten und die Bands von Jens halt immer "norddeutsch" klangen und klingen. Klar worauf ich hinaus will? Also: TURBOSTAAT bedeutet - immer noch - flotter und treibender Punkrock mit einer permanenten, mal unterschwelligen, mal ganz offenen, aber nie weinerlichen Melancholie in den großartig eingängigen Melodien und ein Sänger, dessen Stimme halt eine verdammt starke Ähnlichkeit mit der von Jens Rachut hat. Und diese Mischung funktioniert einfach, ist so wunderbar schön und großartig und hat in Form von "Schwan" ein paar ganz, ganz große Momente und Songs hervorgebracht. Von mir aus können TURBOSTAAT ewig so weitermachen, in so einer Form lasse ich mir Wiederholungen gerne gefallen. Dass ich kein Wort über die Texte verloren habe, sei mir verziehen: Kompetenz in Sachen Lyrik oder meinetwegen auch Poesie besitze ich einfach nicht, deswegen halte ich wenigstens bei diesem Thema besser die Klappe. (35:02) (09/10)

 

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #107 / Marko Fellmann

Stadt der Angst

TURBOSTAAT sind auf ihrer fünften Platte wieder einen Schritt weiter gegangen, haben experimentiert, neue Dinge ausprobiert und mit Technik und Instrumenten gespielt. Mit dem Ausnahmeproduzenten Moses Schneider haben sie sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort getroffen, nämlich Ende September 2012 in den Clouds Hill Recording Studios in Hamburg, „einem renommierten Tonstudio mit viel altem Equipment“ (Tobert).Die 15 Songs, die dabei entstanden sind, erweitern das TURBOSTAAT-Repertoire um einige deutschprachige Punkperlen und sind ein richtiger (besser: wichtiger) Schritt nach vorn. Sei es das schreiend aggressive „Pestperle“, in dem so deutlich wie nie politisch Stellung bezogen wird, oder das Offbeat-Ska-Bekenntnis „Tut es doch weh“, mit seiner (mal wieder) famosen Gitarrenarbeit.Überhaupt muss man die künstlerische Entwicklung der Musiker betonen: zwar finden technisch-raffinierte Ausflüge ins Land der Frickler ihre immanente Begrenzung in der Fingerfertigkeit des norddeutschen Quintetts, aber wie hier Punkrock zelebriert wird und wie hier trotz der (nach wie vor) pessimistischen Texte Zuversicht und Spielfreude transportiert werden, ist und bleibt nun mal etwas Besonderes im deutschsprachigen Punk.Der Opener „Eine Stadt gibt auf“ hat (wie die restliche Platte) einen wahnsinnig guten Schlagzeug-Sound, der einen umhaut und einstimmt auf die Schläge in die Magengrube, die da noch kommen; seien es Toberts hypnotisierende Basslinien, Rolands und Martens kratzige Gitarren oder dann (endlich!) Jans pressende Stimme: „Siehst du die Fassaden dieser wunderschönen Stadt?“.Bereits in dieser ersten Zeile spiegelt sich der thematische Leitfaden der folgenden 42:42 Minuten (mit Bonus 50:32 min), der sein klaustrophobisches Ende erst in dem resignierten, mehrfach rausgebrüllten Fazit von „Sohnemann Zwei“ findet: „Der Krieg ist nie vorbei, solange er sich lohnt!“, Mutter Courage lässt grüßen.„Fresendelf“ ist so ein Stück, dass im Kern eine traurige, ruhige Ballade (!) ist, aber durch das meditative Schlagzeug, die Räumlichkeit und den druckvollen Sound eine Tiefe erreicht, wie kaum ein anderes Lied aus der Feder von Gitarrist und Texter Marten.Und die D-Seite mit „Fangarm Derbes“, „Aggewars“ und „Unendlich viel Geld“ ist mehr als irgendeine lose Bonustrack-Sammlung, reihen sich die Lieder doch nahtlos in die Gesamtaussage und Atmosphäre des Gesamtalbums ein: weil es wahnsinnig, wild, befremdlich und unkontrolliert ist, könnte „Unendlich viel Geld“ genauso gut auf Seite A sein.„Stadt der Angst“ hat eine enorme atmosphärische Dichte, die die Grundstimmung der Texte, der Kompositionen und der liebevollen Arrangements bis aufs Äußerste verstärkt. Und es ist die Räumlichkeit, die diese Platte so groß macht.Das fängt mit den noisigen Feedback-Gitarren beim knalligen Opener „Eine Stadt gibt auf“ an und zieht sich dann über das Intro/Solo/Outro-Rauschen bei „Psychoreal“, bevor es im brachialen „Sohnemann Zwei“ furios endet.Ja, richtig gelesen, es rauscht! Problem für euch Digitalsnobs? Stinkefinger! Hier ist alles analog! Hier ist Sound! Hier ist Punk! (Diese Band war auf der Ox-CD 107 zu hören)

 

TURBOSTAAT

© Ox Fanzine #73 / Jörkk Mechenbier

Vormann Leiss LP/CD

Einhundert Mal gehört: alles, was ich habe schreiben wollen. Einhundert Mal gehört: Die elf Lieder auf dieser CD. Und? Ja, Tatsache. Geschafft. Einhundert Mal auf den "Buzzer" gehauen und einhundert Mal die Antwort gewusst. Einhundert Mal Deutschpunk für die Hochzeitsnacht. Ehe im Hafen der Krieg ausbricht, nach dessen Ende die Guten mit den blutigen Gesichtern der Bösen ihre Liebesbriefe stempeln. Riesengroßes Ding! Moin. (10)